Claudia-Schiffer-Ausstellung

Licht und Schatten

Von Jennifer Wiebking
20.09.2021
, 13:04
1994, Palazzo Versace: Unter anderen mit Nadja Auermann, Claudia  Schiffer, Carla Bruni, Linda Evangelista, Christy Turlington
Claudia Schiffer, das Supermodel der Neunziger, hat eine Ausstellung kuratiert. Was erzählt sie uns damit über diese Ära?

Das Leben muss großartig gewesen sein, damals in den Neunzigern: Claudia Schiffer und Cindy Crawford halten sich im Arm, beide tragen bauchfreie T-Shirts und wilde Haare. Aufgenommen hat sie Bruce Weber 1992. Amber Valletta steht im knappen roten Bikini am Strand in Rio, tanzt, lacht, wird beklatscht von einer Gruppe junger Männer. Das Bild ist aus dem Jahr 1997 von Mario Testino. Und Elle Macpherson ist nackt. So hat Patrick Demarchelier sie 1992 fotografiert.

Vom Laufsteg zum Shooting zur Party

Das Leben sieht nicht nur großartig aus auf diesen Bildern, es klingt auch so: „Wir gingen direkt vom Laufsteg zum Shooting in Versaces Palazzo und von dort zusammen zur Party.“ So steht es neben einem Gruppenbild von 1994 in dieser Ausstellung geschrieben. Zehn Frauen, darunter fünf Supermodels, sind darauf in schimmernden Abendkleidern zu sehen. Es erinnert sich eine von ihnen: Claudia Schiffer.

In der Badewanne: Naomi Campbell, Christy Turlington und Linda Evangelista 1990
In der Badewanne: Naomi Campbell, Christy Turlington und Linda Evangelista 1990 Bild: Roxanne Lowit

Auf einigen Bildern ist sie allein abgebildet, wirft ihren Kopf nach vorne, zieht einen Schmollmund. Aber Claudia Schiffer ist in dieser Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast nicht nur eines von vielen Models. Sie ist auch die Kuratorin. Es ist ihr Debüt. Es soll ein persönlicher Blick sein, von einer Frau, die nur selten Privates teilt. Claudia Schiffer, 51 Jahre alt, war in den Siebzigern ein Kind, in den Achtzigern ein Teenager, in den Neunzigern wurde aus ihr ein Super­model. Diese Dekade hat sie sich vorgenommen. Es passt, dass sie das hier macht, in Düsseldorf. Keine 50 Kilometer entfernt wuchs sie auf, in Rheinberg, wurde in der Düsseldorfer Diskothek „Checker’s“ entdeckt. Jetzt zeigt sie in dieser Stadt, was darauf folgte, wie sie, mit einigen anderen Frauen, eine Ära mit einem Bild von Schönheit prägte, das sich bis heute hält.

Gar nicht so weit weg

Dreißig Jahre ist das jetzt her, dabei sind die Neunziger, zumindest einerseits, ganz nah: Die allermeisten Menschen kleiden sich heute nicht mehr wie in den Sechzigern, Siebzigern oder Achtzigern. Aber von dem Look der Neunziger, dem sogenannten Minimalismus, maßgeblich bestehend aus Jeans und weißem T-Shirt, dazu vielleicht einem Paar goldener Kreolen für Frauen, bis zum Alltagslook des 21. Jahrhunderts, bestehend aus Jeans und T-Shirt, dazu vielleicht Goldschmuck, ist es nicht weit. Im Radio läuft noch immer wie selbstverständlich Pop. Die Dramen um Britney Spears sind auch heute Thema.

Schiffer für Guess Jeans 1989: „Mit Ellen von Unwerth zu arbeiten kam mir vor, als würde ich mit einer Freundin Spaß haben“, sagt Schiffer heute.
Schiffer für Guess Jeans 1989: „Mit Ellen von Unwerth zu arbeiten kam mir vor, als würde ich mit einer Freundin Spaß haben“, sagt Schiffer heute. Bild: Ellen von Unwerth/Trunk Archive

Es ist bezeichnend, dass Schiffer in dieser Ausstellung sich und die anderen Akteurinnen dieser Zeit selbst gestaltet, anstelle etwa gestaltet zu werden, wie es für Models lange Zeit üblich war. Die Supermodels gingen ihre Karrieren schließlich auf einmal wie Unternehmerinnen an. „Historisch ist das eine bemerkenswerte Leistung, die wir aus unserer heutigen Perspektive vielleicht als zu selbstverständlich wahrnehmen“, sagt Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalasts, über die Zeit dieser Frauen. Deren Lebensleistung ist schon deshalb nicht zu unterschätzen, weil ihre Kernkompetenz eben nicht die Quantenphysik war, sondern ihr Aussehen. Schönheit ist einfach herabzuwürdigen, vor allem von Männern.

Was die „Supers“ verändert haben

Claudia Schiffer ist zur Eröffnung nicht nach Düsseldorf gekommen. Von London aus, wo sie mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Regisseur Matthew Vaughn, lebt, formuliert sie es per Mail so: „In der Zeit davor wechselten die Gesichter ständig. Models waren namenlos und fielen entweder in die Kategorie Laufsteg oder Werbung oder Redaktion. Wir ,Supers‘ haben das verändert.“ Mit den Neunzigern wurden aus einigen Models Marken. Das Prinzip ist heute relevanter denn je. Die Karrieren von Kim Kar­dashian, Chiara Ferragni, Caro Daur zeigen es. Die ersten Influencerinnen waren die Supermodels. „Diese Entwicklung kann man heute für genuin digital halten“, sagt Linda Conze, Direktorin der Fotografie-Sammlung des Kunstpalasts. „Dabei ist sie damals angelegt worden.“

Am Kühlschrank: Kate Moss 1995 in Paris
Am Kühlschrank: Kate Moss 1995 in Paris Bild: Ellen von Unwerth/Trunk Archive

Es soll nicht heißen, dass die Neunziger der Inbegriff von Modernität waren. Diese Welt leuchtet nur oberflächlich so goldfarben wie etwa auf einer Aufnahme von Gisele Bündchen in der Ausstellung. Testino hat sie 1998 in Rio im Sonnenlicht fotografiert. Aber wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. „Ich habe viele schlimme Dinge gesehen“, sagte Gisele Bündchen der F.A.S. vor zwei Jahren über diese Zeit, als es Mode war, Mädchen und junge Frauen übertrieben sexualisiert darzustellen. In ihren Teenager-Jahren hatte sie mit dem Modeln angefangen, in ihren Zwanzigern erlitt sie Panikattacken. „Das kam, weil ich überarbeitet war, weil ich über eine lange Zeit 365 Tage im Jahr gearbeitet habe“, sagte sie 2019.

Was ist mit den Vorwürfen gegen drei Fotografen?

Das muss nicht Claudia Schiffers Erfahrung entsprechen. Möglich, dass sie diese Zeit ganz anders wahrgenommen hat. Aber die Vorwürfe des Machtmissbrauchs, die Models gegen die Fotografen Patrick Demarchelier, Bruce Weber und Mario Testino 2018 erhoben haben, konnten bis heute nicht widerlegt werden. Es sind die eingangs erwähnten Künstler, die einem auch immer wieder in der Ausstellung begegnen und die diese Gute-Laune-Welt zu fassen bekamen. Zu welchem Preis, bleibt unklar. Erst vergangene Woche haben 15 Frauen aus der Modebranche der Neunziger in Frankreich Anschuldigungen gegen Gérald Marie, einen einflussreichen Pariser Model-Agenten von damals, erhoben. Öffentlichkeitswirksam wird ihre Initiative auch, weil sie von Carla Bruni, einem der Supermodels der Zeit, lange bevor sie Nicolas Sarkozy kennenlernte, unterstützt werden. Marie bestreitet die Vorwürfe, ebenso wie Testino, Weber und Demarchelier.

„In den Neunzigern gab es relativ wenige Modefotografinnen“, sagt Claudia Schiffer per Mail auf die Frage, inwiefern diese Ära rückblickend nicht doch sehr männlich dominiert war. „Das war wirklich ein Jungs-Club. Das System war hierarchisch und ziemlich streng.“ Es war auch fixiert auf den schlanken Frauenkörper, vornehmlich auf den weißen. Vier Models, nämlich Naomi Campbell, Tyra Banks, Beverly Peele und Yasmeen Ghauri, waren, das wird in Schiffers Ausstellung deutlich, berühmte Ausnahmen von dieser Regel. Auch das, was man hier nicht sieht, gibt Aufschlüsse über die Stimmung einer Dekade, die rückblickend gar nicht mehr so großartig anmutet.

„Captivate! Modefotografie der 90er. Kuratiert von Claudia Schiffer“ ist bis zum 9. Januar 2022 im Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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