Im Reich der Knoten

Von PETER-PHILIPP SCHMITT
Foto: Lars Langemeier

12.11.2019 · In einem der ärmsten Länder der Welt werden besonders wertvolle Teppiche hergestellt. Das alte Handwerk ist in Nepal neu erblüht, vor allem wegen des deutschen Designers Jan Kath. Eine Reise zu den Knüpfern in Kathmandu.


Malen nach Zahlen

A shmita Karki ist Studentin. Die Zweiundzwanzigjährige studiert Management. Die Universität in Kathmandu besucht sie aber nur am frühen Morgen. Um zehn Uhr ist Schluss, dann geht sie ins Büro von Jan Kath und packt die Wasserfarben aus. Zusammen mit ihrer Kollegin beginnt sie zu malen. Es ist Malen nach Zahlen. Auf einem großen Bogen Papier, den der Drucker für sie ausgespuckt hat, warten Tausende kleine Quadrate. Die Pixel stehen für die Knoten, die geknüpft werden müssen. Das Design stammt von Jan Kath. Sichtbar macht es aber erst Ashmita Karki. Sie malt die vorgegebenen und nummerierten Flächen sorgfältig von Hand aus, so dass nach und nach das Muster erkennbar wird, das geknüpft werden soll. Für diesen 8,75 Quadratmeter großen Bogen verwenden die beiden 18 verschiedene Farben. Dafür benötigen sie zweieinhalb Tage.

Ashmita Karki zeichnet von Hand die Farben in die Papiervorlagen ein. Foto: Santosh Chhantyal


Herr der Farben

S urendra Yadav kommt – wie viele der Beschäftigten in den nepalesischen Teppichmanufakturen – aus Indien. Der Neununddreißigjährige ist ein Gastarbeiter, seine Frau und seine drei Kinder sind in der Heimat geblieben. Der Inder ist der Herr der Farben, die nicht aus Nepal, sondern aus der Schweiz stammen. Es sind reine Natur- oder ökologisch getestete Spezialfarben. Surendra Yadav mischt sie in seinem kleinen Labor in Kathmandu jeweils neu zusammen. Dafür hat er ein Rezeptbuch und vier Grundfarben: Gelb, Rot, Blau und Grün. Aus ihnen, sagt er, ergeben sich alle anderen Farbtöne. Und das sind sehr viele – mindestens 1200. Für jeden Ton hat er ein eigenes Rezept.

Surendra Yadav mischt die Farben Foto: Santosh Chhantyal


Drei Fäden sind's

B ishnu Maya Blone kommt aus Makwanpur, einem Distrikt südlich der Hauptstadt Kathmandu. Sie spinnt nicht etwa, sie führt verschiedene Fäden zu einem Faden zusammen. Die Teppiche werden aus Wolle, Seide und/oder Brennnessel geknüpft. Jeder Faden besteht aus drei feineren Fäden. Diese drei können entweder allesamt aus Wolle sein oder aus Wolle und Wolle und Seide oder aus Wolle und Seide und Brennnessel. Darum kümmert sich die 62 Jahre alte Nepalesin, die über ihren Sohn und ihre Schwiegertochter zur Teppichmanufaktur nach Kathmandu gekommen ist. Bishnu Maya Blone verdreht erst seit vier Jahren Fäden – und hat dabei oft ein Auge auf ihre zwei Enkelinnen, die nachmittags gerne bei ihrer Großmutter sind.

Bishnu Maya Blone führt die Fäden zusammen Foto: Santosh Chhantyal


In der Wolle gefärbt

L ila Satyal ist eine verheiratete Frau. Deswegen trägt sie einen Sindoor, den roten Fleck im Haaransatz. Er ist ihr „Ehering“. Der rote Punkt auf der Stirn zwischen den Augenbrauen, Tika genannt, markiert hingegen das sechste Chakra, das im hinduistischen Glauben Sitz des geheimen Wissens ist. Den Punkt trägt Lila Satyal nicht etwa, weil ihr Mann Priester ist, sondern weil er sie schmückt. Nepalesinnen stimmen das jeweilige Rot gerne farblich auf Lippenstift und Kleidung ab. Die Neununddreißigjährige trägt zudem eine Schürze, um sich nicht einzufärben. Im Bottich befindet sich in Wasser gelöste Farbe, durch die sie die Wolle, auf Rädern gewickelt, immer wieder dreht und zieht, bevor sie zum Trocknen aufgehängt wird.

Lila Satyal färbt die Wolle Foto: Santosh Chhantyal


Ein gutes Gespann

K rishna Tamang hat die verantwortungsvollste Aufgabe: Er bereitet den Knüpfstuhl vor. Das macht der 33 Jahre alte Nepalese schon seit zehn Jahren. Dabei darf er sich nicht verheddern und verzählen. Bis alle Fäden gespannt sind, kann es Tage dauern, je nach Größe des Stuhls und Zahl der Knoten, die geknüpft werden sollen. Zwischen 100 und 450 Knoten können auf 6,45 Quadratzentimeter kommen, was einem Quadrat-Inch und der Größe einer Briefmarke entspricht. Krishna Tamang ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er stammt aus Hetauda, 40 Kilometer südwestlich von Kathmandu. Tamang ist nicht sein Familienname, er gehört zur ethnischen Gruppe der Tamang, die einst wohl aus dem tibetischen Raum kamen und Buddhisten sind.

Krishna Tamang bereitet den Webstuhl vor. Foto: Santosh Chhantyal


Drei Klänge sind's

K nüpfen ist Teamarbeit. Darum stimmen sich die Knüpfer an den Stühlen ab. Schön gleichmäßig soll der Teppich am Ende aussehen, da darf keiner aus der Reihe knüpfen. Gearbeitet wird in einer von Tageslicht durchfluteten großen Halle und an vielen unterschiedlichen Stühlen. Auf dem Gelände befindet sich ein Kindergarten, den das Unternehmen Jan Kath eingerichtet hat. Auch Schulgeld wird zum Teil bezahlt. So können sich die Eltern ganz auf ihre Arbeit konzentrieren – die Muster mit bis zu 120 Farben können äußerst kompliziert sein. Das Knüpfen dauert seine Zeit: Für einen 2,5 mal drei Meter großen Teppich benötigen drei bis vier Arbeiter drei bis vier Monate. Frauen knüpfen nicht besser als Männer – aber sie sind, so heißt es in Kathmandu, oft auch mit dem Herzen bei der Sache.

Foto: Lars Langemeier


Mit Hammer und Klinge

Das traditionelle Werkzeuge Thowa Foto: Santosh Chhantyal

L axmi Theeng schaut immer wieder nach oben auf den großen Bogen Papier, der über ihr befestigt ist und ihr farblich den Weg weist. Laxmi Theeng ist 27, Sushmita Shyangdan (hinten) 20, Santi Theeng 28 Jahre alt. Das Trio knüpft einen Teppich aus der ihm noch unbekannten neuen Kollektion East von Jan Kath. Hinter ihnen liegen zwar nur zehn unterschiedlich gefärbte Wollknäuel, das ihnen vorgegebene Muster ist dennoch nicht ganz einfach. Zwischendurch werden die Knoten mit einem Hammer, Thowa genannt (Bild rechts), oder auch einer Art Kamm (Panja) fest geklopft. Es gibt eine Reihe weiterer traditioneller Werkzeuge in der tibetischen Knüpftechnik: Mit einer kleinen dreieckigen Klinge (Churi) werden Knoten aufgeschnitten, mit einer Schere (Kainchi) Fäden gekürzt. Und soll ein Teppich an einer Stelle dicker werden, setzt der Knüpfer einen Eisenstab ein, der Gyipshi heißt. Die drei jungen Frauen werden nach Zeit und Leistung bezahlt, genauer: nach Quadratmetern. Sie können bis zu 19.000 nepalesische Rupien (umgerechnet 150 Euro) im Monat verdienen. Dabei gilt: Je komplexer das Design, desto länger dauert das Knüpfen.

Sushmita Shyangdan (schwarzes Shirt), Laxmi Theeng (Mitte) und Santi Theeng knüpfen knüpfen einen Teppich Foto: Santosh Chhantyal


Der letzte Schnitt

N ama-Hiralal Yadav ist einer von vielen indischen Gastarbeitern, die an den fast fertigen Teppichen noch Hand anlegen. Die meisten von ihnen kommen aus dem „Teppichgürtel“ um die Städte Bhadohi und Varanasi in der nördlichen Provinz Uttar Pradesh, gut 600 Kilometer von Kathmandu entfernt. Dort leben ihre Frauen und Kinder, die sie nur viermal im Jahr besuchen können. Doch in Nepal verdienen sie viel mehr Geld, wenn sie den Teppichen den letzten Schnitt verpassen oder die Kanten umnähen. „Und wir haben einen sicheren Job“, sagt Nama-Hiralal Yadav. Der Fünfunddreißigjährige arbeitet schon seit 14 Jahren in Kathmandu. Wie man Teppiche trimmt, hat er noch in Indien von seinem Onkel gelernt. Bis zu 40.000 nepalesische Rupien (gut 300 Euro) könne er im Monat in Nepal verdienen, fast dreimal so viel wie zu Hause in Indien, erzählt er. Trotzdem sei es hart, seine Kinder nur so selten zu sehen. Doch seine Frau müsse in Bhadohi bleiben: Sie hat dort einen kleinen Bauernhof.

Nama-Hiralal Yadav bringt die Teppiche mit der Schere in Form Foto: Santosh Chhantyal
Foto Lars Langemeier


Waschen will gelernt sein

D ie tibetische Hochlandwolle ist durch viele Hände gegangen, seit sie das erste Mal gewaschen wurde. Das war kurz nachdem sie auf dem Rücken von Yaks aus dem Hochgebirge hinunter ins Tal gebracht worden ist. Dort wurde sie in einem Fluss grob gereinigt, danach kardiert, also gekämmt, und gesponnen. Monate später ist der Teppich schließlich fertig, getränkt nicht nur vom Schweiß all jener, die an ihm gearbeitet haben. Nun greifen Sagar Yadav und seine Männer, allesamt Inder, zu Wasser und Seife und ihren hölzernen Schabern, mit denen sie die Oberfläche des Teppichs über zwei Stunden hinweg bearbeiten. Der Dreiundfünfzigjährige, der aus Bhadohi stammt, wo seine Frau und seine vier Kinder leben, ist der oberste Wäscher. Er kümmert sich auch um den Nachwuchs. „Das Waschen der Teppiche“, sagt Sagar Yadav, der zur Ethnie Yadav gehört, „ist eine Kunst, die wenige beherrschen.“ Darum sind auch alle seine Kollegen aus Indien, wo die Teppichherstellung eine jahrhundertealte Tradition hat. „Bei uns in Bhadohi“, sagt er, „kann man nur Wäscher oder Bauer werden.“

Sagar Yadav wäscht die Teppiche Foto: Dimo Feldmann


Die Sonne bringt es an den Tag

D er Sommer in Nepal ist verregnet. Von Mai bis Ende September, inzwischen oft bis in den Oktober hinein, ist Monsunzeit. Es regnet oft wolkenbruchartig. Zugleich steigen die Temperaturen teilweise auf mehr als 30 Grad, auch die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich hoch. Kein gutes Klima, um seine Wäsche im Freien zu trocknen. Das führt auch bei der Fertigstellung der Teppiche zu Verzögerungen, denn die frisch gewaschenen Teppiche müssen noch nass auf Rahmen gespannt und in der Sonne getrocknet werden. Das ist viel besser für die Teppiche, als sie in beheizten Hallen zum Trocknen auszulegen. Und es ist zudem ein schönes Bild, wenn Teppiche – wie dieser aus der Erased-Classic-Kollektion von Jan Kath – ganze Innenhöfe und Dächer schmücken. Grundlage für die Kollektion sind Motive aus italienischen Wandbespannungen, bei denen die Ornamente aufgelöst werden. Dadurch wirken die Muster wie wegradiert oder ausgewetzt – als wäre es kein neuer, sondern ein alter Teppich.

Foto: Lars Langemeier

„Nine Million Stars“ heißt ein kurzer Film, den Jan Kath vor zwei Jahren drehen ließ, mit einer Hauptdarstellerin, Reecha Sharma, die in Nepal ein Star ist. In vier Minuten wird mit Tanz und Musik im Bollywood-Stil die Geschichte einer kleinen Familie erzählt, die nach dem schweren Erdbeben im Jahr 2015 um ihre Zukunft bangt. Ihre Existenz ist zerstört, was sollte sie noch in ihrer Heimat halten.

Viele Nepalesen ließen sich nach dem Beben mit Tausenden Toten und schweren Zerstörungen anwerben, um in Qatar die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022 mit zu errichten – unter widrigsten Bedingungen. Viele von ihnen kamen in Särgen in die Heimat zurück. Auch davon berichtet der Film, der in Nepal zum Hit wurde. Warum also sollte der junge Familienvater sein Leben in der heißen Sonne am Golf riskieren, wie es im Film heißt, wenn er doch auch eine leuchtende Zukunft in Nepal haben kann, wie die neun Millionen Sterne am Himmel?

Seine leuchtende Zukunft ist die Teppichindustrie, so die Botschaft des Films, der Hoffnung in dem ehemaligen Königreich verbreiten sollte. Nepal, das seit 2008 eine Republik ist, gehört noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag 2018 bei rund 820 Euro. Zugleich wuchs die Wirtschaft stark, um 6,3 Prozent. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 14 Jahre alt. Der Tourismus boomt in dem Himalaja-Land mit den höchsten Bergen der Welt.

Besonders ein Mann hat die Teppichindustrie wieder groß gemacht in Nepal: Jan Kath. Der gebürtige Bochumer hat entscheidend dazu beigetragen, dass handgeknüpfte Teppiche wieder hip geworden sind. Mehr als 1200 Mitarbeiter hat Jan Kath allein in Nepal. Auch ihn traf das Erdbeben vor vier Jahren hart. Er verlor zum Glück keinen einzigen Mitarbeiter, auch die Werkstätten blieben weitgehend verschont. Doch da jede Familie Tote zu beklagen hatte, und das oft auch weit entfernt von Kathmandu, kam die Produktion dennoch zum Erliegen. Die Verzweiflung war groß, auch darum hat er den Film zusammen mit der unabhängigen Nichtregierungsorganisation Step drehen lassen.

Foto: Dimo Feldmann

Jan Kath hat selbst mehrere Jahre in Nepal gelebt und gearbeitet. Er kennt und schätzt Land und Leute. Gelernter Designer ist er nicht. Überhaupt ist der Siebenundvierzigjährige einen weiten Weg gegangen, obwohl dieser eigentlich vorgegeben schien. Schon sein Großvater Hermann Kath hatte im namhaften Berliner Teppichhaus Bursch als Geschäftsführer gearbeitet, nach dem Krieg gründete er das Einrichtungshaus Keil & Kath in Bochum, das sich auf Orientteppiche spezialisierte und später von Kaths Eltern weitergeführt wurde.

Jan Kath, der seinen Vater Martin schon als Kind in den Orient begleitete, hatte nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Textilwesen zunächst „die Schnauze voll“, wie er sagt. Er packte einen Rucksack und machte sich auf nach Indien und in den Himalaja. Irgendwann erreichte er Kathmandu. Zufällig traf er dort einen alten Geschäftsfreund seiner Familie, der der Teppichherstellung überdrüssig war und Jan Kath seinen Posten anbot. Fortan kümmerte sich der Junior um das Knüpfhandwerk in der nepalesischen Hauptstadt und baute mehrere Manufakturen auf.

Der „Tibet-Boom“ der Neunziger habe ihn dann verleitet, eine Fabrik in Kathmandu zu übernehmen. Es war eine Goldgrube. Parallel zu seinem frühen Erfolg wurde derweil der elterliche Betrieb in Bochum liquidiert. Der Orientteppich war längst zur billigen Massenware geworden, die in jedem Möbelhaus zu haben war. Auch Jan Kath produzierte anfangs Mainstream, wie er sagt. „Irgendwann musste ich mich entscheiden: Will ich Masse machen oder Qualität?“ So wandte er sich den althergebrachten Materialien und Techniken zu. Gemeinsam mit seinen Eltern machte er sich daran, den guten Ruf des handgeknüpften Teppichs wiederherzustellen.

Teppichdesigner Jan Kath in Kathmandu auf einem Teppich seiner Kollektion Jungle Foto: Santosh Chhantyal

Mit Dimo Feldmann, der früher Techno-DJ war, entwickelt Jan Kath Teppichmuster. Altes kombiniert er mit Neuem, mal begeistern ihn Stickarbeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, mal Tätowierungen und Graffiti, mal lässt er einen Dschungel knüpfen, mal das Universum. Nichts scheint bei ihm unmöglich. Dafür schätzen ihn seine Kunden, zu denen Rupert Murdoch genauso gehört wie Bruce Willis. Fürst Albert II. und Charlene gingen 2011 in Monaco über einen 103 Meter langen roten Teppich zum Traualtar, der aus dem Hause Jan Kath stammte.

Er selbst lebt inzwischen mit seiner Frau in Chiang Mai in Thailand, auch weil er dort seinen Knüpfern in Nepal näher ist.

Fotos: Santosh Chhantyal, Dimo Feldmann, Lars Langemeier
Fotoassistenz: Anish Koirala
Koordination: Hem Lama und Gaby Herzog
Fotografiert im September 2019 in Kathmandu