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Thierry Mugler im Interview

„Konventionen habe ich nie verstanden“

Von Johanna Dürrholz
19.10.2020
, 12:10
Outfit von Mugler; das Foto ist Teil der Ausstellung „Couturissime“. Bild: David LaChapelle
Der legendäre Modedesigner Thierry Mugler spricht im Interview über seine Unlust, zur Schule zu gehen, seine Vergangenheit als armer Balletttänzer, seine Verehrung für Kim Kardashian und eine Münchner Ausstellung seines Gesamtwerks.
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Thierry Mugler, ich habe gerade die Ausstellung über Ihr Werk gesehen, leider nur auf dem Bildschirm.

Nicht in echt?

Leider nicht.

Oooh, schade. Aber passen Sie auf: Es ist Corona! Ich habe mich allein in den vergangenen zwei Wochen viermal testen lassen! Ich war in Paris, dann in Berlin, jetzt in München. Ich musste mich mit den Tests beeilen – aber nachher hat mich niemand danach gefragt!

Naja, mein Chef war wegen des Besuchs Ihrer Ausstellung ein bisschen...

Verklemmt!

Ich würde sagen: besorgt. Aber zurück zur Ausstellung. Sie haben so viel gemacht: Fotografie, Mode, Parfums, Bühnenkostüme...

Ich habe auch als Regisseur gearbeitet, nicht vergessen!

Natürlich, Sie haben etwa das Musikvideo für George Michaels Song „Too Funky“ gemacht. Wenn Sie zurückschauen auf Ihre lange Karriere – an welche Momente erinnern Sie sich besonders gern?

Das ist schwierig... Alles bedeutet mir etwas, jedes Stück hat eine Geschichte. Ich bin vielleicht besonders stolz auf „Angel“, mein Parfum. Weil es weltweit über eine lange Zeit so erfolgreich war, das ist es ja immer noch. Es war damals ein ganz neues Werkzeug für mich. Ich bin stolz darauf, dass ich für meine Wünsche und Vorstellungen etwas ganz Neues erfunden habe.

Der Meister und sein Werk: Modeschöpfer Thierry Mugler in der Ausstellung „Couturissime“ in der Kunsthalle München Bild: Stefan Heigl, © Kunsthalle München

Und in der Mode?

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Da war es wohl der Body-Suit. Den hab ich auch erfunden. Das war etwas ganz Neues!

In der Ausstellung bekommt man ein Gefühl dafür, wie sehr Sie Spektakuläres und Außergewöhnliches lieben. Sie zeigen den Menschen als Tier, als Teil der Natur...

Ich liebe einfach das Extravagante! Die Natur ist ja auch extravagant: Ich meine, wir leben in einer Welt, die wir eigentlich kaum kennen. Wir wissen kaum, was in der Tiefsee vor sich geht. Die Wissenschaft entwickelt sich weiter – und wir entdecken immer wieder Neues in der Natur. Das ist doch verrückt! Alles, was ich entwerfe, existiert auch! Ich sammle es nur – meine Arbeit ist eine Hommage an die Natur. Das ist meine Motivation: eine Hommage ans Leben, an die Welt.

Gleichzeitig haben Sie auch viel entworfen, das an Maschinen erinnert.

Ja, da war meine Intention, diese Maschinen zu beleben. Ich will Objekten, unbelebten Dingen dieses Leben einhauchen. Ich will zeigen, dass sich Energie, Weiblichkeit, die Freude am Leben überall finden. Auch im Unbelebten! Ich liebe es divers.

Ihre Mode setzt auf den großen Auftritt, auf die Bühne. Können Sie sich vorstellen, dass Frauen sie auch abseits des roten Teppichs tragen?

Natürlich! Ich finde für alles eine Lösung: Jede Körpergröße, jede Umgebung – ich finde den Mugler-Weg, um es möglich zu machen. Es geht nicht um den roten Teppich. Der rote Teppich kann überall existieren, schauen Sie nur auf die Straße.

Sie leben in Berlin, inspiriert Sie da viel auf den Straßen?

O ja. Ich erinnere mich an den vergangenen Winter, ich war draußen, es war sehr neblig. Zuerst sah ich einen Fuchs. Und dann kam aus dem Nebel ein wunderschönes Mädchen, auf einem Fahrrad. Es war ganz unwirklich: Sie war sehr blass und blond, einfach wunderschön, und fuhr ganz langsam mit dem Rad. Aus dem Nebel hinaus und wieder in den Nebel hinein. Berlin ist sehr inspirierend. Darum habe ich dort auch damals „The Wyld“ gemacht, die Revue im Friedrichstadtpalast. In Berlin gibt es diese großartige Balance zwischen echtem Leben, dem schönen und friedlichen Leben – und zugleich dem extremen Party- und Nachtleben. Aber München berührt mich auch unglaublich.

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Was gefällt Ihnen an München?

Wenn einem klar wird, dass die Menschen hier in kleinen bayerischen Orten ihr gesamtes Leben verbringen; viele Generationen leben hier. Und sie leben umgeben von diesem unglaublichen Kitsch, überall in München ist dieser extreme Barock, die goldenen Statuen, es ist fast schon drüber. Das berührt mich.

Sie haben mit vielen Popstars zusammengearbeitet: David Bowie, George Michael, Lady Gaga, Beyoncé, Cardi B...

Nicht zu vergessen: Diana Ross, Kraftwerk.

Inwiefern gehören Popmusik und Mode für Sie zusammen?

Weil beides spektakulär ist! Es geht darum, Emotionen zu zeigen. Es gibt dir einen Kick, macht, dass du dich gut fühlst. Es geht um Rebellion.

Emma Sjöberg während des Videodrehs zu George Michaels Song „Too Funky“, Paris; das Video ist Teil der Ausstellung „Thierry Mugler. Couturissime“ in der Kunsthalle München. Bild: Patrice Stable

Viele der Frauen, mit denen Sie gearbeitet haben, stehen für Female Empowerment. Wie wichtig ist Ihnen diese politische Botschaft?

Die hatte ich immer in meiner Mode – aber das war für mich ein natürlicher Prozess. Ich hatte nie die Intention, politisch zu sein, aber es ist ein Fakt, dass meine Mode trotzdem sehr politisch ist. Das liegt daran, dass ich immer sehr frei gearbeitet habe. Ich bin immer um das menschliche Dasein gekreist. Mir sind all diese Kategorien und Konventionen einfach egal. Ich sehe diese Person, sie ist real, und sie ist wunderschön – damit arbeite ich.

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Sie haben Frauen schon früh als starke Amazonen inszeniert. Damals haben Kritiker das als sexistisch empfunden. Heute gelten Popstars wie Cardi B, die sich ähnlich inszenieren, aber als bestärkend. Eigentlich haben Sie das aber schon vor Jahren gemacht.

Ganz genau. Vielen Dank, dass Sie das sagen. Ich wurde damals stark kritisiert. Aber für mich war das immer ganz natürlich, Frauen so zu sehen. Ich verstehe diese ganzen Restriktionen nicht. Ich habe schon immer alle Formen von Schönheit und von Frauen geliebt: Älter, jünger, dünner, dicker – egal! Ich habe mit tollen asiatischen Models gearbeitet, bevor da auch nur irgendjemand dran gedacht hat. Und das ist doch die Schönheit der Welt, diese Unterschiede.

Sie waren einst Balletttänzer. Wie kamen Sie vom Tanzen zur Mode?

Da gibt es ganz viele Ähnlichkeiten. Für mich ging es immer um die Suche nach Idealen, das Streben nach Perfektion. Das erreicht man durch Technik. Als Tänzer musst du eine sehr schwierige und intensive Technik erlernen – um dich am Ende von dieser Technik lösen zu können. Bis an den Punkt, an dem du fliegst. Wenn du als Tänzer auf der Bühne bist, schwimmst du in der Luft, es ist ein außergewöhnliches Gefühl. Es ist nicht intellektuell, sondern spirituell: Körper und Geist sind in dem Moment eins. Und bei der Mode ist es dasselbe: Du musst eine Technik beherrschen, um darüber hinauszugehen. In der Mode musste ich die Technik teilweise erfinden, um meine Träume und Ziele zu erreichen. Beides ist ein harter Kampf. Man kämpft die ganze Zeit gegen sich selbst. Beim Tanzen mit den Füßen, den Schultern.

Kim Kardashian im von Mugler entworfenen „Wet Look“ auf der Met Gala 2019 Bild: dpa

Sie arbeiten viel mit Kim Kardashian zusammen, Sie haben unter anderem ihren berühmten „Wet Look“ entworfen, den sie zur Met Gala 2019 trug. Ihrem Ehemann Kanye West war das zu sexy.

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Na ja, das ist dann eine Macho-Reaktion (lacht). Aber das ist nicht richtig. Kim ist eine Muse für mich. Schon vor zwanzig Jahren war mir klar, dass ihr Figurtyp – wie eine antike Göttin – ein Comeback haben wird. Kim ist das perfekte Beispiel. Die Idee ihres Wet Looks war, diese besondere Weiblichkeit zu zeigen – und eben das Ikonische des Nassen. Dieses Bild zieht sich durch Filme und Bilder, das nasse T-Shirt, der nasse Look. Eines Tages sagte Kim zu mir: Ich bin nur ein Malibu-Mädchen! Und ich dachte an den Ozean, an den Pazifik. Die Met Gala ist sehr politisch, es geht darum, wer das meiste macht: Ich habe Kim dann vorgeschlagen, einen eher simplen und essentiellen Look zu machen. Das hat sehr gut funktioniert.

Kardashian steht auch für eine neue Generation von Beauty-Influencern.

Ja, Kim ist meine große Muse! Sie repräsentiert die Zukunft, die sehr weibliche Frau der Zukunft. Kim ist ja nicht nur eine totale Sexbombe – die sich traut, das auch zu zeigen –, sie ist gerade auch dabei, Anwältin zu werden. Sie ist eine sehr kluge Frau. Ich liebe das! Sie ist nicht politisch korrekt. Ich meine, Jura-Studenten sind normalerweise doch sehr besorgt um ihren Look. Aber Kim trennt diese beiden Dinge. Und wenn sie sich für den roten Teppich entscheidet – dann macht sie es richtig. Das ist sehr stark.

Sie haben außerdem für Cardi B bei den Grammys 2019 ein altes Stück recycelt.

Genau. Zu dieser Zeit galt Cardi als wildes Ghetto-Girl, sehr trashy. Und ich wollte sie komplett anders stylen: sehr elegant, sehr poetisch – und super Couture! Für viele war es ein Schock, Cardi so elegant und so fein zu sehen. Dabei ist sie genau das. Sie hat zwei Seiten. Sie ist ebenfalls sehr klug, und sie berührt mich – weil sie so authentisch und ehrlich ist.

Cardi B im Mugler-Retro-Look bei den Grammy Awards 2019 Bild: Reuters

Was ist Schönheit heute für Sie?

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Schönheit ist immer eine Frage des Blickwinkels. Wenn du nach Mode suchst, wirst du sie immer finden – denn Schönheit ist überall. Immer. Es kann ein Lichtstrahl sein oder eben ein Mädchen auf dem Fahrrad. Was auch Schönheit ist: In Berlin gibt es so viele junge, talentierte Leute, die hart dafür kämpfen, gesehen zu werden. Ich sehe sie, denn glauben Sie mir: Ich war auch mal genau dort.

Sie sind in Straßburg geboren, in einem strengen und religiösen Elternhaus.

Ich habe nicht in diese Welt gepasst. Und ich habe nicht in diese Familie gepasst. Gar nicht. Ich habe sehr gelitten. Aber ich war auch ein sehr beschäftigtes Kind: Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, im Theater, an Kostümen, an Puppen, an Gedichten – ich habe immer irgendetwas kreiert, um dieser Enge zu entkommen. Ich habe mit zwölf Jahren bei meinem ersten „Macbeth“ Regie geführt! Die Lady Macbeth war neun (lacht). Ja, ich wollte diesem Leben entkommen – und ich habe das Schicksal gefunden. Ich habe entdeckt, dass das Leben, wie ich es kannte, nur eine Fassade war und dass sich dahinter eine andere Realität verbarg. Ich habe all die Verpflichtungen, all die Restriktionen und Konventionen nie verstanden.

Wie haben Sie es mit der Schule gehalten?

O Gott, die Schule war so langweilig! Ich ging nie hin! Aber ich musste eigentlich. Ich bin also morgens aus dem Haus gegangen – ich war aber immer zu spät! Und wenn man zu spät war, dann war die Tür verschlossen, man hätte also zu einer anderen Tür gehen müssen. Da hätte man mich aber bemerkt. Also habe ich immer gesagt: Na ja, zu spät! Ich bin also immer ins Museum oder in die Kathedrale gegangen. Ich habe Jahre meiner Kindheit morgens in der Kathedrale verbracht und den Nonnen bei der Chorprobe zugehört. Das war so viel interessanter als die Schule. Die wenigen Male, die ich in der Schule verbracht habe, habe ich hinausgeschaut auf die Kathedrale. Die Architektur war so besonders, das hat mich so angeregt: die Engelsstatuen, der hohe Turm.

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Heute gibt es einen starken Hang zum Minimalismus: weniger besitzen, weniger konsumieren. Wie finden Sie das?

Ich denke, es ist gerade ein guter Zeitpunkt, sich auf das Wesentliche und das Ruhige zu konzentrieren. Mode, Kunst, Fotografie, Film – es gab zu viel davon! Wir brauchen nicht so viele Filme! Und auch nicht so viel Mode! Ich wünsche mir einen Fokus auf die Schönheit dieser Welt! Und zum Minimalismus: Ich habe meine Familie verlassen, als ich 14 Jahre alt war – und ich habe für die nächsten zehn Jahre von Butterbroten gelebt. Ich war ein dünner Tänzer, der hart arbeitete, war jeden Abend auf der Bühne, habe kaum gegessen, habe mir ein schreckliches Zimmer mit einem anderen Tänzer geteilt – das war sehr minimalistisch. Aber wen interessiert’s? Ich hatte den Spirit und inspirierende Leute um mich! Als ich mit der Mode anfing, war es das Gleiche: Ich habe meine Firma in meiner Wohnung gegründet, ich habe irgendwann auf den Stoffen geschlafen, weil ich nicht wusste, wohin mit den vielen Stoffen. Morgens bekam ich Frühstück in meine Wohnung – und die Nächte tanzte ich durch, machte Party. So ging es über Jahre. Es ist ein Gemütszustand. Ich denke: Es ist gut, ein bisschen aufzuräumen. Wir brauchen nicht so viel Mode! Wir brauchen ein wenig Mode – und die muss dann sehr, sehr gut sein!

Die Ausstellung „Thierry Mugler: Couturissime“ ist bis zum 28. Februar 2021 in der Kunsthalle München zu sehen.

Die Ausstellung „Thierry Mugler: Couturissime“ ist bis zum 28. Februar 2021 in der Kunsthalle München zu sehen.

Quelle: F.A.S.
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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