Trendanalyst über Konsum

„Wir glauben, dass Konsum uns gesellschaftlich und beruflich voranbringt“

Von Anna Wender
Aktualisiert am 22.09.2020
 - 16:29
Wir haben die Kontrolle über unseren Konsum verloren. (Symbolbild)
Carl Tillessen gibt mit „Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ sein Buchdebüt. Im Interview spricht er über die Zukunft des Konsums – und erklärt, wie wir aus der Kauffalle herausfinden.

Herr Tillessen, Sie vertreten die These „Man muss die Zukunft antizipieren, um auf die Gegenwart vorbereitet zu sein.“ Also: Wo führt uns dieser Konsum noch hin?

Die globale soziale Ungerechtigkeit, die die Voraussetzung für unseren derzeitigen Konsum ist, wird sich nicht unbegrenzt aufrecht erhalten lassen. Wir können ja nur so schnell, so viel und so oft konsumieren, weil die Dinge für uns so günstig sind. Sie sind für uns aber nur deshalb so günstig, weil sie mithilfe von moderner Sklaverei hergestellt werden. In dem Moment, in dem diese moderne Sklaverei – auf dem einen oder anderen Weg – zu einem Ende kommt, wird auch der Konsum, so wie wir ihn jetzt kennen, nicht mehr möglich sein.

In Ihrem Buch heißt es: „Wir haben die Kontrolle über unseren Besitz verloren. Wir brauchen Hilfe. Professionelle Hilfe!“ Sind Sie die neue deutsche Marie Kondō, um Ordnung und Klarheit in unser Gehirn zu bringen?

Nein, so sehe ich mich überhaupt nicht. Ich fühle mich unwohl damit, anderen Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Der Ausgangspunkt des Buches war, mein Wissen zu teilen und dem Leser die Tragweite unseres Konsums bewusst zu machen. Auf der anderen Seite wäre es aber auch nicht richtig, den Leser aufzurütteln und ihn dann alleine lassen. Deswegen habe ich ein paar Richtungen vorgegeben, wie man mit den Informationen umgehen kann. Ich habe mich bemüht, dem Leser die nötigen individuellen Spielräume für die Umsetzung dieser Anregungen zuzugestehen und auch nur Dinge vorzuschlagen, bei denen die realistische Möglichkeit besteht, dass diese tatsächlich umgesetzt werden.

Warum müssen wir überhaupt aufhören zu konsumieren? Uns geht es doch eigentlich gut damit, oder?

Ja, und das ist genau das Problem. Die Schäden, die wir mit unserem Konsum anrichten, werden entweder nur zeitlich verzögert für uns spürbar oder sind geografisch zu weit von uns entfernt, sodass wir im Moment noch gar nicht genug Leidensdruck empfinden, um unser Verhalten zu ändern. Wir machen nur deshalb einfach immer so weiter wie bisher, weil es für uns so leicht ist, die Konsequenzen unseres Handelns zu verdrängen. Wenn man sich diese Konsequenzen bewusst machen würde, würde man nämlich zu dem Entschluss kommen, dass man das so nicht mehr will.

Kennt Konsum überhaupt Grenzen?

Im Moment nicht. Wir sind evolutionär darauf programmiert, uns alles anzueignen und zu sammeln, was wir kriegen können. Dieser Urtrieb kann nur durch eine rationale Anstrengung und durch Disziplinierung beherrscht werden.

Konsum bedeutet gleichzeitig auch Macht, und wir wollen mehr! Bringt uns dieser Konsum in eine gottgleiche Position?

Das Bedürfnis nach Teilhabe und Macht ist eng mit Konsum verbunden, insbesondere mit niederschwelligem Konsum. Je effizienter die Technologien werden und je einfacher es für uns wird, mit einem Fingerklick eine Bestellung auszulösen, die innerhalb immer kürzer werdender Zeit bei uns ankommt, werden wir uns immer mächtiger fühlen. Selbst wenn wir nicht alles kaufen oder bestellen, gibt uns das bloße Wissen um die unbegrenzten Konsummöglichkeiten ein enormes Gefühl der Ermächtigung.

Es gibt aber auch Menschen, die sich nur günstige Kleidung leisten können. Die werden in Ihrem Buch nicht erwähnt. Ist Konsum vielleicht nicht für jeden in unserer Gesellschaft gestaltbar? Und stecken arme Menschen demnach in der Konsumfalle?

Eine spannende Frage, inwieweit die Forderung nach bewusstem, ethischem oder nachhaltigem Konsum elitär ist. Um die Band Kraftklub zu zitieren: „Mit 390 Euro Hartz kommt man nicht weit im Biomarkt.“ Das stimmt natürlich einerseits, andererseits gibt es Studien, die zum Beispiel zeigen, dass sich selbst in der Bevölkerungsgruppe mit dem niedrigsten Einkommen jeder Zehnte mindestens einmal im Monat neue Klamotten kauft. Solche und ähnliche Zahlen zeigen, dass es selbst in der untersten Einkommensschicht einen Spielraum gibt, für weniger aber besseren Konsum. Selbstverständlich ist dieser Spielraum kleiner als in den oberen Einkommensschichten, er ist aber quer durch unsere Gesellschaft vorhanden.

Sie schreiben: „Besorgten Umweltschützern fällt bisher jedenfalls nichts Besseres ein, als mit erhobenem Zeigefinger zu einer Mäßigung des Konsums zu mahnen. Eine körperliche und seelische Abhängigkeit kuriert man aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einer Therapie.“ Müssen wir jetzt also alle in Therapie?

Ja! Die Wissenschaft ist sich inzwischen einig, dass es sich bei unserem Überkonsum um eine Verhaltenssucht handelt. Das heißt, die Diagnose ist schon da. Nur die dazugehörige Therapie ist noch nicht gefunden. Ein Raucher hört auch nicht mit dem Rauchen auf, nur weil man ihm sagt, dass es besser wäre, wenn er es täte. So ist es auch mit unserem Konsum. Man weiß, dass es eine Sucht ist, man geht aber trotzdem nicht dementsprechend damit um. Wenn wir unseren Überkonsum weiter als eine kleine harmlose Schwäche betrachten, werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen. Das gilt für unsere Gesellschaft als Ganze und für jeden Einzelnen als Individuum.

Was bedeutet Erfolg in einer Zeit, in der Influencer das perfekte erfolgreiche Leben führen, weil sie an der Spitze des Konsums stehen und ihn zu ihrem Beruf gemacht haben?

Unsere Wahrnehmung von Erfolg und von dem Weg dorthin wurde durch Influencer verändert, weil sie natürlich eine große Vorbildfunktion und – wie das Wort schon sagt – enormen Einfluss auf die Menschen haben. Ihr Lebensweg scheint beneidenswert. Die Follower können in ihrer Wahrnehmung aber nicht unterscheiden, ob ihre Vorbilder so viel konsumieren, weil sie so erfolgreich sind, oder ob sie so enorm erfolgreich sind, weil sie so viel konsumieren. Das führt dazu, dass wir alle mehr konsumieren, weil wir glauben, dass Konsum uns gesellschaftlich und beruflich voranbringt.

Leben wir also alle nur noch für Social Media und die perfekte Selbstinszenierung?

Man kann die enorme Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns verhalten sollen – und auch verhalten wollen – und dem, wie wir uns tatsächlich verhalten, nur verstehen, wenn man versteht, dass unser Verhalten weniger von unseren eigenen Überzeugungen beeinflusst wird, als davon, was wir glauben, was in unserem Umfeld gut ankommt. Ersteres wird enorm überschätzt und Letzteres total unterschätzt. Grundsätzlich war das natürlich schon immer so. Mit Social Media ist die Wahrnehmung Anderer für uns aber noch wichtiger geworden, weil wir sichtbarer geworden sind und uns noch stärker wahrgenommen fühlen.

Ist Social Media unser Konsumfluch und die Lösung zugleich?

Total! Social Media ist wie ein Medikament, welches gewünschte Wirkungen hat, aber auch unerwünschte Nebenwirkungen. Das Ziel muss es sein, diese Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen. Durch einen bewussteren Umgang mit den sozialen Medien ist auch das machbar.

Sie stellen uns als Lösung unter anderem die Konsumdiät vor. Was hat es damit auf sich?

Jeder, der sich damit befasst, wird zu dem Entschluss kommen, dass es uns guttun würde, weniger zu konsumieren. Und weniger Konsum muss nicht immer gleich weniger Spaß bedeuten. Wenn man sich rational klar gemacht hat, welche Dinge einem gut tun und welche nicht, fällt es einem auch emotional viel leichter, auf bestimmte Dinge zu verzichten.

Wünschen wir uns dieses minimalistische Leben wirklich so sehr oder versuchen wir mit den Hilfsangeboten der Profis nur unser Gewissen zu beruhigen?

Wir wünschen uns das schon. Es gibt Momente, in denen nach unserem Kaufrausch eine Art Katerstimmung einsetzt. Minimalismus-Gurus wie Marie Kondō oder die Skandinavier zeigen uns aber oft ein sehr einseitiges Bild von Reduktion. Reduktion muss nicht immer beige und grau sein. Die Umsetzungsmöglichkeiten sind unendlich und müssen sich nicht nach Kloster anfühlen. Das Sichbefreien kann Spaß machen.

Wir wissen alle von den Missständen in der Modeindustrie, trotzdem kümmert es viele nicht. Macht Konsum oder die Aussicht auf Konsum uns weniger empathisch?

Ja. Wenn wir uns das vorher überlegen, scheinen uns unsere ethischen Grundsätze so einfach und klar. In dem Moment, in dem wir konsumieren, befinden wir uns aber nicht in dieser modellhaften Situation, in der wir vor zwei identischen Produkten stehen – das eine nachhaltig und fair hergestellt und das andere nicht. Diese Vergleichbarkeit ist nicht gegeben. Hinter unseren Konsum-Entscheidungen steckt eine enorme Komplexität. Beim Kleidungskauf fragen wir uns zum Beispiel: Wie kann ich das kombinieren, kann ich es waschen oder muss ich es reinigen lassen, wie reagieren meine Freunde darauf und so weiter. Da bleibt offenbar kein Platz für Empathie. Studien zeigen, dass im Moment der Kaufentscheidung ethische Überlegungen auf dem letzten Platz rangieren. Wir können unser Verhalten sehr gut entkoppeln von dem, was unser Konsum mit sich bringt, was wir aber in dem Moment nicht sehen oder in Erwägung ziehen. Es ist erstaunlich, zu welchen Verdrängungsleistungen wir fähig sind.

Konsum. Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ von Trendanalyst Carl Tillessen erscheint am Dienstag bei Harper Collins.

Quelle: FAZ.NET
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