Frankfurter Start-up Veynou

Echter Luxus aus dem Labor

Von Anna Wender
05.07.2022
, 06:34
Im Showroom von Veynou: Diamantschmuck wird hier für eine breitere Masse zugänglich gemacht.
Das Frankfurter Start-up Veynou verkauft Schmuck mit laborgezüchteten Diamanten. Das Symbol für die Liebe bekommt dadurch eine weitere Bedeutung – und wird zum nachhaltigen Luxus für die Ewigkeit.
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„Schau mal, da wirst du fast blind“, sagt Paulina Kurka und bewegt das Collier langsam hin und her. Die einfallenden Sonnenstrahlen brechen auf den kleinen Steinchen – das bunte Glitzern zieht alle in seinen Bann. „Wie eine Discokugel“, ergänzt Cem Dogan. Auch ihm fällt es schwer, seinen Blick zu lösen. In Paulina Kurkas Händen funkelt einer der größten laborgezüchteten Diamanten der Welt: 8,5 Karat, eingefasst in 18 Karat recyceltem Weißgold.

Das „Gaia-Collier“ liegt normalerweise nicht einfach so im Showroom von Veynou in der Frankfurter Innenstadt. Es kostet 150.000 Euro. „Aber man muss den Schmuck erlebbar machen“, sagt Phillip Deml. Der Einunddreißigjährige weiß, wovon er spricht.

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Vor mehr als zwei Jahren ist er das erste Mal auf laborgezüchtete Diamanten gestoßen, da war er auf der Suche nach dem perfekten Verlobungsring für Kurka. Er selbst beschreibt es als „Heureka-Moment“, als er gemerkt hat, dass so etwas überhaupt möglich ist: „Man denkt, Diamanten können nur in der Erde entstehen, aber es geht eben auch anders.“

Die Verlobung war der Startschuss

So unauffällig wie möglich hat er seiner Freundin von dieser Entdeckung erzählt. Zu groß war die Angst, dass sie auf einen „richtigen“ Diamanten aus der Mine bestehen könnte. Kurka war sofort begeistert und Deml davon überzeugt, dass der romantische Gedanke hinter Diamanten nicht durch ihre Herkunft kommt. Obwohl Paulina Kurka mit einem Antrag gerechnet hat, war er Anfang 2021 doch eine Überraschung für die Neunundzwanzigjährige – und gleichzeitig der Startschuss für Veynou.

Das Gründer-Trio: Cem Dogan (links), Philip Deml (Mitte) und Paulina Kurka (rechts)
Das Gründer-Trio: Cem Dogan (links), Philip Deml (Mitte) und Paulina Kurka (rechts) Bild: VEYNOU GmbH

Der Ring machte sie zur Mitgründerin des neuen Start-ups ihres Verlobten. Deml kennt die Szene bereits. Gemeinsam mit Cem Dogan gründete er 2019 „Flapgrip“. 2020 waren sie mit der multifunktionalen Smartphone-Halterung zu Gast bei „Die Höhle der Löwen“ und gewannen Ralf Dümmel als Investor. „Flapgrip existiert noch, ist aber nicht mehr unser Fokus“, erklärt Deml. „Der liegt gerade auf dem, was wir lieben – und das ist Veynou.“ Deml und Dogan sind nicht nur Geschäftspartner, sie verbindet auch eine langjährige Freundschaft: „Da redet man offen über alles und teilt seine Ideen“, sagt Deml. Veynou war so eine Idee und ließ beide nicht mehr los – kein Wunder also, dass Deml seinen Freund Dogan auch bei diesem Projekt an seiner Seite haben wollte.

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„Match made in a lab“

Als Quereinsteiger holten sie sich schon für Kurkas Verlobungsring starke Partner an ihre Seite, die sich mit Schmuck auskennen. Das Familienunternehmen Rauschmayer aus Pforzheim stellt seit einem halben Jahrhundert Trau- und Verlobungsringe her – und ist mit Experten auf der ganzen Welt vernetzt. Rauschmayer produziert seitdem nicht nur für Veynou, sondern ist auch am Unternehmen beteiligt. „Match made in a lab“, wie Deml sagt.

Dort, im Labor in Pforzheim, entstehen die Diamanten. Ihre chemischen, physikalischen und optischen Eigenschaften entsprechen denen von Steinen aus der Mine. Deshalb wäre es falsch, von künstlichen Diamanten zu sprechen. „Der Prozess, der normalerweise in der Natur abläuft, wird im Labor nachgebildet. Es entsteht ein Stein, der zu einhundert Prozent ein Diamant ist, der genauso verarbeitet werden muss, wie einer aus der Mine“, erklärt Deml.

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Atomregen im Labor

Um so einen Rohdiamanten zu bekommen, werden zurzeit zwei Synthesetechniken angewandt. „Man sagt ja immer, Diamanten entstehen unter Druck“, dem komme das „HPHT“, kurz für „High Pressure, High Temperature“-Verfahren am nächsten, erklärt Dogan. In großen industriellen Pressen wird – durch Druck und hohe Temperaturen – aus reinem Kohlenstoff Diamanten.

Veynou setzt vor allem auf das innovative Plasmaverfahren „CVD“ (Chemical Vapor Deposition), also die chemische Gasphasenabscheidung. Feststoffe, die aus einem heißen Gasgemisch entstehen, regnen Atom für Atom auf einen winzigen Diamantenkern. So entsteht ein Diamantenwürfel, der erst geschliffen und poliert werden muss, bevor er zu einem Schmuckstück verarbeitet werden kann.

Ein Karat in drei Wochen

Wenn für chemische und technische Details keine Zeit ist, vergleicht das junge Gründer-Trio den Prozess im Labor gerne mit der Herstellung von Eis: Im Gefrierfach entsteht aus Wasser genauso Eis wie im Winter, wenn ein See zufriert – nur, dass es im Kühlschrank unter kontrollierten Bedingungen geschieht. „Jeder Mensch kann bestätigen, dass es sich bei beiden Endprodukten um Eis handelt – und so ähnlich ist es bei den Diamanten“, sagt Dogan.

Im Labor in Pforzheim: Hier entstehen Diamanten. Ihre chemischen, physikalischen und optischen Eigenschaften entsprechen denen von Steinen aus der Mine.
Im Labor in Pforzheim: Hier entstehen Diamanten. Ihre chemischen, physikalischen und optischen Eigenschaften entsprechen denen von Steinen aus der Mine. Bild: VEYNOU GmbH

Trotzdem dauert es bei den meisten, bis sie verstehen, dass sie einen echten Diamanten in den Händen halten. Und nicht selten sind die Kunden, die die jungen Gründer seit Mitte April im Veynou Showroom im Herzen Frankfurts empfangen, überfordert. Nicht nur, dass es überall funkelt und glitzert. Viele hören hier beispielsweise zum ersten Mal von den „Vier C’s“: Gewicht (carat), Farbe (color), Schliff (cut) und die Reinheit (clarity) entscheiden über den Wert eines Edelsteins. Und auch, dass ein Karat 0,2 Gramm entspricht, wissen die wenigsten. Es dauert circa drei Wochen, bis ein Stein im Labor auf dieses Gewicht gewachsen ist.

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Worauf junge Menschen wert legen

Obwohl es schon seit den Fünfziger Jahren möglich ist, Edelsteine jeglicher Art im Labor herzustellen, ist Veynou das einzige Unternehmen deutschlandweit, das ausschließlich synthetisch geschaffene Steine anbietet. Eingefasst sind sie in recyceltem Gold. Diesbezüglich vertrauen die drei Gründer voll und ganz den Partnern, mit denen das Familienunternehmen Rauschmayer schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet.

Neben dem Schmuck geht es Deml, Dogan und Kurka auch darum, aufzuklären. Durch modernste Technologie „hat man weder die Probleme im ethischen Bereich noch die, die sich durch den Abbau für die Natur ergeben“, erklärt Deml. Vor allem junge Menschen lägen Wert darauf, zu wissen, wie und unter welchen Bedingungen Produkte, die sie tragen oder nutzen, entstanden sind.

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„Luxus, den man sich durchaus leisten kann“

Im Vergleich zu Diamanten aus der Mine spart jedes im Labor entstandene Karat 3887 Liter Wasser und 102 kg CO2. Mit diesem Wissen kommen für viele ausschließlich laborgezüchtete Diamanten infrage. Aber nicht nur das Thema Nachhaltigkeit ist am Ende ausschlaggebend für die Entscheidung, Schmuck mit laborgezüchteten Edelsteinen zu kaufen – auch der Preis überzeugt: Er ist im Vergleich 30 bis 70 Prozent geringer.

Trotzdem haben die Schmuckstücke immer noch einen stolzen Preis. Ziel sei es jedoch auch, Diamantschmuck für eine breitere Masse zugänglich zu machen – nicht nur für die Elite, die sich ohnehin einen Ring für 30.000 Euro leisten kann. Das günstigste Produkt dezeit – ein paar Ohrringe – kostet 190 Euro: „Nachhaltiger Luxus für die Ewigkeit, den man sich durchaus leisten kann“, findet Kurka. Sie trägt nicht nur ihren Verlobungsring, den es genauso zu kaufen gibt, sondern auch Stücke aus der Kollektion, die die Brücke zum Modeschmuck schlagen sollen.

Es funkelt und glitzert: Vor allem junge Menschen, legen Wert auf nachhaltigen Schmuck.
Es funkelt und glitzert: Vor allem junge Menschen, legen Wert auf nachhaltigen Schmuck. Bild: VEYNOU GmbH

Obwohl die meisten Kunden von Veynou Frauen sind, zeigen Deml und Dogan, dass auch Männer den Schmuck tragen können. Sie kombinieren das Tennis Armband gerne zu Anzügen oder tragen es im Alltag.

Für alle spielt, wie vor über zwei Jahren, als sie auf das Thema gestoßen sind, die Emotion eine entscheidende Rolle. Der Diamant bleibt ein Symbol für die Liebe, gewinnt aber noch eine weitere Bedeutung hinzu. Er erinnert daran, „dass wir unser Leben in allen Bereichen nachhaltiger gestalten müssen“, sagt Deml. Veynou will dazu beitragen und gleichzeitig einen Neuanfang wagen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wender, Anna
Anna Wender
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“
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