Versteigerung von Vintage-Mode

„Ich gebe einen Teil meines Lebens“

Von Katharina Pfannkuch
13.06.2022
, 19:14
Runden das Bild ab: Monika Gottlieb versteigert am 7. Juli auch einige Schmuckstücke – und die Chanel-Jacke aus der ersten Lagerfeld-Kollektion, die sie trägt.
Die Düsseldorferin Monika Gottlieb sammelt seit Jahrzehnten Mode und Accessoires. Nun trennt sie sich von vielen wertvollen Stücken.
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Frau Gottlieb, wie wird man Modesammlerin?

Lange war mir gar nicht bewusst, dass ich eine bin. Von Accessoires war ich schon früh fasziniert, Mode kam erst in den späten Neunzigerjahren dazu. Seit 2000 fand dann Vintage-Mode immer mehr Beachtung, auch durch Auktionen von Kleidern von Elizabeth Taylor und Prinzessin Diana. 2013 stellte ich anlässlich der „Vogue Fashion’s Night Out“ im Düsseldorfer Auktionshaus Doro­theum Kleider und Accessoires von Balmain, Givenchy, Pucci und Dior aus. Die Menschen kamen zu Hunderten. Da sagte man mir zum ersten Mal: Sie haben ja eine richtige Sammlung!

Mittlerweile ist Ihre Sammlung inter­national bekannt – und nun trennen Sie sich von einem großen Teil. Eine wesent­liche Rolle spielt dabei die britische ­Auktionatorin Kerry Taylor, die schon Marilyn Monroes weißes Kleid und Mode von Prinzessin Diana versteigert hat.

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Für mich stand immer fest, dass ich nur mit Kerry Taylor an Bord versteigern würde. Wir lernten uns in den frühen Nullerjahren kennen, kurz bevor sie die Auktion eines Kleides von Prinzessin Diana leitete. Sie ist die Mode-Expertin. Ich habe viel von ihr gelernt und auch bei ihr ersteigert, deshalb kennt sie meine Sammlung gut. Im Juli vergangenen Jahres rief sie mich an und fragte, was ich von einer Auktion meiner Sammlung halte. Da war ich aber noch zögerlich.

Was brachte Sie dazu, Ihre Meinung zu ändern?

Das Hochwasser im vergangenen Juli. Nur eine Nacht nach Kerrys Anruf lief hier das Wasser ins Haus – und ich in Nachthemd, Regen­mantel und Gummistiefeln in die unteren Lagerräume. Ich habe nur noch funktioniert und auf Ständern insgesamt 16 Meter Kleidung in meine Wohnung gebracht. Um elf Uhr vormittags war alles in Sicherheit, und ich dachte: Ich bin 75, das ist zu viel für mich, die schweren Sachen müssen weg. Ein Abendkleid, das acht Kilogramm wiegt, kann ich kaum noch greifen. Vor allem nicht, wenn es in zwei Meter Höhe hängt.

Monika Gottlieb präsentiert ihre Schätze: Sie trennt sich vor allem von Kleidungsstücken, die ihr mit zunehmendem Alter zu schwer werden.
Monika Gottlieb präsentiert ihre Schätze: Sie trennt sich vor allem von Kleidungsstücken, die ihr mit zunehmendem Alter zu schwer werden. Bild: Stefan Finger

Dabei haben Sie Ihre Sammlung lange selbst mit dem Lastwagen quer durch Europa zu Ausstellungen gefahren.

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Auch diesmal habe ich die Stücke selbst nach Paris gebracht, aber ein Bekannter hat mich begleitet. Ich sitze nicht gern zu Hause, spiele Bridge und bin dann abends erschöpft. Arbeit schadet nicht.

Gilt das auch für die Zeit im Laden Ihrer Eltern, die auf der Düsseldorfer Königsallee ein Geschäft führten?

Das habe ich nie als Arbeit gesehen. Dort begegnete ich den tollsten Leuten, zum Beispiel Vera Krupp, die auch tatsächlich den Krupp-Diamanten trug. Ich wurde streng erzogen, bekam bis zum 30. Lebensjahr 30 Mark Taschengeld im Monat, aber so habe ich gelernt, mit Geld umzugehen. Bevor ich ins elterliche Geschäft kam, bestand mein Vater darauf, dass ich eine Kaufmannslehre mache und das Handwerk kennenlerne. Also arbeitete ich unter anderem in einer Gerberei, in einer Schildpatt-Firma, und ich schnupperte bei ­Hermès hinein.

Ihre Bekanntschaft mit Christian Dior haben Sie auch dem elterlichen Betrieb zu verdanken?

Ja, 1949, da war ich drei Jahre alt, nahm mich meine Mutter mit nach Paris. Einer unserer Kunden hatte von diesen neuen Flakons eines Herrn Dior geschwärmt, die wollte sie sich ansehen und sofort für das Geschäft ordern. Also ging sie mit mir in die Avenue Montaigne und lernte Monsieur Dior kennen. Und mir gab dieser ­feine Herr im weißen Kittel kleine Schokoladen-Täfelchen.

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Haben Begegnungen wie diese Ihre spätere Sammlung beeinflusst?

Mich haben immer die Menschen hinter den großen Namen und die Geschichten hinter den einzelnen Stücken interessiert. Und mein Fokus lag meist auf den Fünfziger- und Sechzigerjahren, weil ich diese Zeit selbst erlebt habe.

Wie haben Sie all diese Stücke gefunden, haben Sie gezielt danach gesucht?

Nicht immer. Vor Kurzem war ich in einer Boutique in Hamburg-Eppendorf, da hing ganz versteckt eine Tasche, nur der Henkel war zu sehen, aber ich habe sofort erkannt, dass sie von Roberta di Camerino ist, die ich persönlich kannte. Diese Tasche hat mich gefunden. Andere Stücke habe ich entdeckt und dann meine Konkurrenz ab­gelenkt, zum Beispiel den „Vogue“-Redakteur Hamish Bowles, der sich mal auf einer Auktion einem Kleid von Lanvin näherte, an dem ich Interesse hatte. Wir sind dann im Foyer einen Kaffee trinken gegangen – Hauptsache, er war weit weg von dem Kleid! Am Ende habe ich es bekommen. Jetzt hat er ja eine neue Chance.

Denn am 7. Juli findet Ihre große Auktion in Paris statt. Was genau wird versteigert?

Alles, was schwer für mich zu handhaben ist. Schmuck und Accessoires kann ich noch mit 90 sortieren, aber keine Kleider, die zehn Kilo wiegen. Von der Mode gebe ich 95 Prozent her, von den Accessoires nur rund 15 Prozent, zum Beispiel ein sehr rares Hermès-Tuch, Modeschmuck von Schiaparelli und Chanel, Hüte von Dior. Eigentlich wollte ich mich nur von Mode trennen, aber Kerry Taylor beharrte auch auf Schmuck und Accessoires, weil sie das Bild abrunden.

Der Sitz des Auktionshauses von Kerry Taylor ist in London. Warum versteigert sie Ihre Sammlung in Paris und in Kooperation mit Maurice Auction?

Zeitlich passt es perfekt zur Couture­Woche, die dort stattfindet. Der Brexit und die Einfuhrzölle haben die Sache auch etwas komplizierter gemacht. Und da in Frankreich nur staatlich zugelassene Auktionatoren aktiv sein dürfen, entstand die Kooperation. „Kerry Taylor chez Maurice à Paris“ – das klingt doch auch très chic!

Links Dior, rechts Scherrer: Monika Gottlieb zeigt zwei ihrer Kleider.
Links Dior, rechts Scherrer: Monika Gottlieb zeigt zwei ihrer Kleider. Bild: Stefan Finger

Eine Auktion in Deutschland stand nicht zur Debatte?

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Wenn hier ein Hermès-Tuch versteigert wird, steht im Katalog „Schal, Seide“. Die Stücke werden nicht einmal richtig beschrieben! Viele wissen nicht, dass es ganze Dictionnaires nur für Hermès-Tücher gibt oder dass nicht nur Birkin Bags Rekordpreise bringen. Leider gibt es in Deutschland kein Auktionshaus mit Experten, das die Sparte Vintage Couture an­bietet. Und Käufer dafür gibt es sowieso fast nur international. Ich wurde hier auch schon als „die Frau mit den alten Kleidern“ vorgestellt. Das ist nicht böse gemeint – aber es ist ignorant.

Werden Sie selbst bei der Auktion dabei sein und beobachten, wer welches Teil ersteigert?

Ja, ich kenne viele Sammler persönlich und ahne, welches Stück wen interessieren könnte. Zum Beispiel ein schlichter Fächer von 1993: In dem Sommer war es bei der Couture-Schau von Givenchy in Paris unglaublich heiß, also ließ Givenchy 150 Fächer und Eddingstifte besorgen, signierte die Fächer und ließ sie für die Gäste verteilen. Ich kenne einen Givenchy-Fan, der diesen Fächer lieben wird; das beruhigt mich. Ich möchte nicht, dass so etwas irgendwann in einer Tüte mit zehn Fächern landet.

Wovon trennen Sie sich am schwersten?

Ein grünes Dior-Mantelkleid von 1958, einer meiner ersten Käufe. Auch die Chanel-Jacke aus Karl Lagerfelds erster Kollektion 1983, die Inès de la Fressange auf dem Laufsteg trug, wollte ich erst behalten. Ich hänge auch sehr an einem Kamelienhalsband von Gripoix für Chanel und an spektakulären Ohrringen von Yves Saint Laurent, extra für den Runway – da müssen Sie Pattex dran machen, damit die halten.

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Macht es Sie traurig, Stücke wie diese bald nicht mehr um sich zu haben?

Ich gebe einen Teil meines Lebens her. Aber traurig bin ich nicht, eher glücklich, dass ich das alles nicht mit über 80 machen muss. Und ich denke mir: Wie schön, dass ich es hatte!

Gilt das auch für den Hut, den Givenchy für Audrey Hepburn entwarf?

Nein, den behalte ich!

Quelle: F.A.Z.
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