„Wandlage“ neu interpretiert

Abloh für Braun, Braun für Abloh

Von Florian Siebeck
11.04.2021
, 08:32
Zum 100. Jubiläum von Braun hat Modedesigner Virgil Abloh der „Wandanlage“ neues Leben eingehaucht – und aus der einstigen technischen und ästhetischen Revolution ist ein „funktionales Kunstwerk“ gemacht.

Als Dieter Rams 1965 für Braun die „Wandanlage“ entwarf, war das eine kleine Revolution. Nicht nur technisch, auch ästhetisch: Das Hifi-Gerät, das aus einem Steuergerät (TS 45), einem Tonbandgerät (TG 60) und zwei beidseitig plazierten Flachlautsprechern besteht, verband neue Technologien mit einem unaufdringlichen und benutzerfreundlichen Design. Wer sich die „Wandanlage“ kaufte, hatte ein technisches Gerät zu Hause, das wie ein kleines Kunstwerk aussah. Mit der Zeit verlor sich leider die Idee des demokratisch-schnörkellosen Designs. Aus der Wand- wurde eine Wertanlage. Heute legen Sammler für das Original zuweilen mehr als 10.000 Euro hin.

Zum 100. Firmenjubiläum hat sich der Hersteller Braun nun mit dem Modedesigner Virgil Abloh zusammengetan, um dem ikonischen Entwurf neues Leben einzuhauchen. „Seit meiner Jugend gibt es eine Reihe von Designobjekten, die mir ins Auge gestochen sind, und diese Anlage zählt definitiv dazu“, sagte der Designer bei der Präsentation des Objekts. Abloh, der als Kreativchef die Männerkollektionen von Louis Vuitton verantwortet und auch mit seiner eigenen Marke Off-White erfolgreich ist, wird oft von Marken engagiert, die öffentlichkeitswirksame Streueffekte zu nutzen wissen. Für Braun hat er aus der „Wandanlage“ ein „funktionales Kunstwerk“ gemacht.

Auffälligste Änderung ist die Oberfläche aus poliertem Chrom: ein Material, das bei Innovationen im Industriedesign eine tragende Rolle gespielt hat und auch im Braun-Archiv zu finden ist, etwa beim Rasierer SM 3 oder dem Toaster T 1. Laut Abloh ist es auch ein Träger, der Kulturen und Zeiten verbindet. Als Beispiel nennt er die Instrumente der Bluesband um Mamie Smith aus den dreißiger Jahren und die auf Hochglanz polierten Wagen bekannter Hiphop-Größen der achtziger Jahre. „Unser Ziel war es, die ,Wandanlage' in ein neues Zeitalter zu bringen: Die verchromte Oberfläche lässt sie ebenso zu einem Spiegel wie zu einem Fenster in die Vergangenheit werden.“

Nun ist es so, dass die Preise für Produkte aus Virgil Ablohs Kooperationen auf dem Sekundärmarkt bekanntermaßen schwindelerregende Höhen erreichen. Ein Teppich etwa, den er im Jahr 2019 für Ikea entwarf (Kosten: 450 Euro) wird bei Ebay für 4750 Euro gehandelt. Bei Braun hat man deshalb vorgesorgt und bringt das Produkt erst gar nicht auf den Markt. Vielmehr solle das „funktionale Kunstwerk“ einen „Dialog über die Rolle des Designs“ eröffnen. Das Unikat hat Braun dem Designer geschenkt. Vielleicht nutzt er es als Spiegel in die Vergangenheit und klopft mal bei Dieter Rams an. Wäre doch interessant zu wissen, was der von dieser Sache hält.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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