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Influencer in sozialen Medien

Warum Frauen sich auf Instagram so gern ins Haar fassen

Von Aziza Kasumov
26.12.2017
, 19:13
Die Kunst ahmt den Zufall nach: Lena Meyer-Landrut weiß genau, wie man zur Nicht-Frisur kommt. Bild: Instagram
Heute schon mit der Hand an den Kopf gefasst? Frauen machen das auf Instagram ja ständig. Aber warum ist gerade diese Pose eigentlich so beliebt? Die Antwort ist zum Haareraufen.

Wenn die Hand durch das Haupthaar gleitet, dann geschieht auf chemischer Ebene nichts anderes als eine Wanderung der Fettmoleküle. Sie springen vom Hautnetz der Fingerkuppen und gleiten auf die Haarsträhne, an der sie sich festhaften, ja festkrallen. Zum Glück leben wir im Zeitalter von Dry-Shampoo und täglichem Haarewaschen. Und, vielleicht das Wichtigste, in der Ära der digitalen Nachbereitung, falls alle Vorkehrungen ins Leere laufen. Und so kommt es, dass die Wanderung der Fettmoleküle von Finger auf Strähne den Instagram-Persönlichkeiten, also den Influencern, egal ist, und sich die Frauen der Stunde dort in kunstvoller Selbstinszenierung nach Lust und Laune ins Haupthaar greifen. Sie spielen mit den Strähnchen, zuppeln die Frisur scheinbar zurecht und greifen die Pose in tausendfacher Interpretation und Variation immer wieder auf.

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Da gibt es zum Beispiel das verspielte Hinters-Ohr-Streichen; die Geste, perfektioniert von der Hamburgerin Caro Daur, wird nur angedeutet, die Fingerspitzen sind von der Ohrmuschel verdeckt, als wäre die Frisurkorrektur schon vorgenommen worden. Dann wäre da noch das Auflockern der Mähne. Dabei dienen die Fingerspitzen als Kamm, der mit seinen fünf Zinken nicht bändigen soll, sondern die Strähnen auflockernd übereinander legen, so dass es aussieht, als wären sie gerade von einem Windstoß erwischt worden.

Im Bewegtbild ist diese Pose im Zwei-Minuten-Takt bei Schriftstellerin Kat Kaufmann zu beobachten, auf Instagram hat unter anderen Pamela Reif daran Gefallen gefunden, in Kombination mit dezent verführerischem Blick. Und dann gibt es da noch die schüchterne Variante, die das Auge des Betrachters unbemerkt auf die Haarpracht lenken soll, ohne dass man die verwunschene Mähne allzu aggressiv als Objekt der Begierde präsentiert – so gesehen bei Lena Meyer-Landrut.

Mehr Dynamik ins Bild

Es mag widersprüchlich klingen, aber bei allen Variationen der Pose steht nicht die Korrektur der Frisur im Vordergrund. Die Haarpracht soll weder gezähmt noch inszeniert wirken, sondern unbedacht, mit einem Hauch von Natürlichkeit - einem seltenen Gut in Zeiten der sozialen Medien und vielleicht dem plausibelsten Grund für die Beliebtheit der Pose.

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Instagram-Star und Model Caro Daur, mit der Geste in all ihren Varianten vertraut, ist sich des Mehrwerts bewusst. Die Aufnahme wirke dadurch „optisch besser", sagt sie. Man integriere mehr Dynamik. Der Griff ins Haar geschehe ganz unbewusst, das sei eine natürliche Bewegung. Das Unbewusste als Ursprung der Pose, ein natürlicher Reflex in Zeiten der hochprofessionellen Selbstinszenierung? Das würde voraussetzen, dass das Ganze eigentlich nichts Neues ist, sondern ein Kontinuum der Geschichte. Theoretisch ist das durchaus möglich, denn schließlich hatte der Mensch schon immer sowohl Haare als auch Hände.

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Für Christian Janecke, Professor der Kunstgeschichte an der HfG Offenbach und nach zwei Büchern Kenner in Sachen Haarinszenierung (und damit in Zeiten von Frisurkrimis à la Donald Trump ein gefragter Mann), ist der Griff ins Haupthaar auch ein Mittel der Kommunikation, nicht selten sexueller Natur. Denn Haare habe man immer schon als „Extension des Körpers" gesehen, als „mittelbare Form weiblicher Erotik", als eine Instanz, die Sexualität suggeriert, ohne sie direkt auszusprechen. Auch bei den Instagrammerinnen ist diese dezente Erotik in der Geste des Durch-die-Haare-Streichens zu beobachten. Borderlinepornografische Selbstdarstellung verkauft sich auf Instagram nicht, stattdessen gilt es hier, als modische Freundin aufzutreten, als cooles Szenegirl - mit einem Hauch von Sexappeal.

Wenn sich Caro Daur also im Bademantel im Sonnenuntergang von Los Angeles windet, dann verführt sie nicht mit offensiven Gesten. Der Bademantel bleibt zu. Die Haare dagegen trägt sie offen. Sie berührt sie auf Höhe ihrer Wangen und lenkt dadurch den Blick des Betrachters auf ihr Gesicht, nicht auf den Körper. „Diese Erotik", sagt Janecke, „fällt nicht mit der Tür ins Haus. Und sie ist subtiler als der dämliche Biss auf die Lippe."

Und wer hat diese subtile Form der Erotik erfunden? Bestimmt nicht die Influencer, sagt Julia Saviello, Assistentin am kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität Frankfurt und ebenfalls Fachfrau für Haare. Sie verweist auf den antiken Schriftsteller Ovid, der die Damen seiner Zeit zur gekonnten Inszenierung ihrer Haarpracht anleitete, auf dass sie den Männern gefallen.

„Auch vernachlässigtes Haar steht vielen"

Das ist zwar nicht unbedingt Ziel der Instagrammerinnen. (Wir erinnern uns: Es geht um mehr Dynamik!). Aber Ovid beschreibt doch genau jene „Nicht-Frisur", wie Saviello es nennt, auf die diese Damen der Stunde mit ihrem Griff ins Haar unsere Aufmerksamkeit lenken. „Auch vernachlässigtes Haar steht vielen", heißt es in Ovids Schrift über die Liebeskunst. „Oft könnte man glauben, es sei die Frisur von gestern, dabei ist sie eben gerade nachgekämmt worden. Die Kunst ahmt den Zufall nach."

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Caro Daur, Lena Meyer-Landrut und all die anderen ahmen diese „Unfrisiertheit“ mit ihren handfrisierten Haaren nach. („Die Hände geben und nehmen dem Haar die Form", schreibt schon Ovid.) „Das strahlt Attraktivität bis hin zu Sexappeal aus", sagt Saviello, und verweist auf Tizian und dessen „Frau im Spiegel" aus dem 16. Jahrhundert. Sie, eine klassische Renaissance-Schönheit, streicht sich im Gemälde über das Haar, dahinter steht ihr potentieller Liebhaber, hält ihr den Spiegel hin und starrt gebannt auf – was sonst -–ihre Haare.

Natürlich kann man den Griff ins Haar auch jenseits des Geschlechterspiels interpretieren. Da wäre dann die Pose ein Ausdruck des blanken Wahnsinns, zu beobachten in Gustave Courbets Selbstporträt „Der Verzweifelte" (1843 bis 1845). Oder als reiner Verweis auf die Schönheit, ebenfalls reflektiert von Courbet in „Jo, die schöne Irin" (1865). Oder die Geste ist einfach eine Geste um ihrer selbst willen, sagt Janecke philosophierend. „Um sich selbst etwas Gutes zu tun."

Das hört sich fast ein bisschen nach Feminismus an – und wäre eine viel gefälligere Interpretation als der Rückschluss auf Ovids Verführungstechniken, die sich bis heute gehalten zu haben scheinen. Bleiben wir also doch lieber dabei: Die mächtigen Instagrammerinnen tun sich mit dem Griff ins Haar selbst etwas Gutes. Auch wenn sie sich damit schnell die Haare verfetten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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