Haute Couture in Paris

Die Braut ritt auf dem Pferd herein

Von Alfons Kaiser
27.01.2021
, 17:37
Die Haute Couture versucht, Lust auf das Frühjahr zu machen. Weil sich die Mode ins Netz übertragen muss, sind die Entwürfe der Pariser Maßschneiderei in dieser Saison besonders aufwendig.

Die Braut ritt doch wirklich auf einem Pferd herein. Virginie Viard, die Chefdesignerin von Chanel, hat mit ihrer Haute-Couture-Kollektion für Frühjahr und Sommer nicht nur gezeigt, dass sie die Techniken der Couture beherrscht, dass sie die Ateliers von der Paillettenstickerei Montex über die handbemalte Spitze von Solstiss bis zum Blumenschmuckmacher Lemarié gut einsetzt.

Sie belebt auch den Geist dieser Marke generell: Die Modeschöpferin hat einen Sinn für Inszenierung, nicht so groß wie die Grandeur ihres Vorgängers Karl Lagerfeld, aber ebenfalls mit Liebe zum Detail.

Es begann mit den nicht besetzten Goldstühlchen im Grand Palais, einem treffenden Symbol für das fehlende öffentliche Leben im Lockdown. Nur einige Prominente, die für das Modehaus immer wieder im Einsatz sind, saßen verloren da: Penélope Cruz, Vanessa Paradis, Caroline de Maigret, Marion Cotillard – und nach und nach gesellten sich die Models mit Abstand dazu. Bis schließlich die Braut hereinritt, nicht so wie Bianca Jagger ins Studio 54, sondern wie die Braut in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, also mehr ländliche Hochzeit als städtischer Club.

Optimismus als Kaufanreiz

Die schönste Schau der Haute-Couture-Tage, die bis zum Mittwoch im Netz stattfanden, führte so leichte wie moderne Entwürfe vor. So will Viard Lust auf die Zeit danach machen, die möglichst bald kommen sollte. Denn anders als das Prêt-à-Porter, das in wenigen Wochen auf den nächsten Winter einstimmen wird, sind die Kleider der Maßschneiderei für die unmittelbar bevorstehende Saison gedacht, weshalb die Kundinnen normalerweise nun, nach den Schauen, zum Anpassen und Abstecken in die Ateliers an der Rue Cambon und der Avenue Montaigne gingen.

Der Optimismus dient als Kaufanreiz – und ist nicht so ganz unberechtigt. Die Reichen werden schließlich auch in der Corona-Zeit reicher. Und bei LVMH, dem größten Luxuskonzern der Welt, erholten sich die Zahlen im letzten Quartal, vor allem dank Amerika und Asien – so dass die Konzernerlöse nur um drei Prozent unter dem Vorjahresquartal liegen. Ganz so positiv wird es im Nischengeschäft mit der Couture-Mode nicht aussehen, denn ein maßgeschneidertes Kleid für 30.000 Euro bestellt man sich nicht übers Internet.

Also versuchten die Couturiers, ihre Stärken internet- und instagramgerecht herauszustreichen: Stéphane Rolland nahm sich für seine skulpturalen Formen „Las Meninas“ von Velázquez zum Vorbild; Giorgio Armani griff für seine Couture-Linie Privé auf seine Klassiker zurück und drehte den dazugehörigen Film passend in seiner alten Mailänder Zentrale, dem Palazzo Orsini; und Maria Grazia Chiuri, die schon seit fast fünf Jahren das neue Bild von Dior prägt, hat eine unglaublich aufwendige Kollektion entwickelt – im Vergleich dazu sehen die Kostüme von „Game of Thrones“ noch fast minimalistisch aus. Ob Hohepriesterinnen noch in ihr feministisches Konzept passen? Egal!

Auch Daniel Roseberry denkt nicht lange darüber nach, ob sich Frauen frei bewegen können, so lange sie nur in sein surrealistisches Konzept passen. Lady Gaga hat es bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten vorgemacht, und die neuen Schiaparelli-Entwürfe beweisen es ebenfalls: In der Mode kommt es nicht nur auf Bequemlichkeit an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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