Sehnsüchte, Brüche, Neuanfänge

Was Dessous über ihre Besitzerinnen erzählen

Von Stefanie von Wietersheim
Aktualisiert am 14.11.2020
 - 16:17
Praktisch und schlicht: Wenn Frauen über Unterwäsche berichten, kommen Männer selten vor.zur Bildergalerie
Über Unterwäsche wird nicht viel gesprochen. Dabei lässt sich an Sport-BHs und Spitzenwäsche erstaunlich viel ablesen. Hier erzählen Frauen von ihren Dessous-Biographien.

Sehnsüchte, Brüche und Neuanfänge im Leben einer Frau. Wer oder was kann davon erzählen? Vielleicht die Kindheitsfreundin. Oder der Psychoanalytiker. Oder die Einträge in einem lange geführten Tagebuch. Biographie zeigt sich aber noch auf andere Weise, nämlich in Form von Unterhosen und BHs. Spitzenkorsagen erinnern an Sternstunden der Liebe und Modelle aus dem Sanitätshaus an durch Krebs verlorene Körperteile. Das erste Bustier mit Miniplatz für die Brust oder Still-BH mit Knöpfen, die über Jahrzehnte getragene Sammlung an Unterwäsche sind intim und erzählen vom Leben.

Die deutsche Frau besitzt gemäß Branchenkennern im Durchschnitt zwölf BHs. Sie kauft pro Jahr vier neue, dazu acht Unterteile. Obwohl Frauen pro Jahr 2,8 Milliarden Euro dafür ausgeben, sind das jene Kleider, über die am wenigsten gesprochen wird. Schuhe sind ebenso wie Taschen ein Statement, werden stolz hergezeigt: „Sieh mich an!“ Die Statement-Unterhose? Noch nie erlebt.

Von der Strapse zum Sport-BH

Drei Dinge, so sagt Ursula Henk-Riethmüller, hätten ihr Körperleben total verändert: „Hosen, Tampons und die Pille!“ Die 76 Jahre alte ehemalige Lehrerin, die heute ehrenamtlich im Vorharz ein Kulturhaus leitet, erlebte, wie manche Frauen ihrer Generation, in einem Dreivierteljahrhundert eine echte Dessous-Revolution. Als Tübinger Nachkriegs-Schulmädchen trug sie obligatorisch Strapse, Strumpfhalter und Nylonstrümpfe. Während des Studiums folgte eine mehrjährige BH-lose Zeit als Ausdruck feministischen Protests. Heute trägt sie weiche, sportliche BHs, der Bequemlichkeit halber.

Denkt sie an die Unterkleider ihrer Jugend zurück, dann erinnert sie sich an Einengung und Kälte: „Selbst wenn es eisig an den Beinen hochzog, mussten wir auch im Winter Nylonstrümpfe an Strumpfhaltern tragen, die drückten oder herausrutschten. Aber uns wurde beigebracht, dem Schönheitsideal zu entsprechen.“

Unterwäsche in Vor-Tampon-Zeiten

Zur Tanzstunde trug Henk-Riethmüller gestärkte, stundenlang gebügelte Petticoats, ein riesiger Stoffbausch, den die Jungs beim Tanzen dann mit den Knien nach hinten schoben. Unterwäsche war nicht nur unaussprechlich, sondern auch hinderlich. Besonders mühsam waren in Vor-Tampon-Zeiten die Stoffbinden, die die jungen Frauen mit um den Bauch geschlungenen Gürteln in den Unterhosen fixierten. „Das war eine totale Wurschtelei, und man hatte große Scham, wenn sich in der Schule etwas abdrückte.“ Turnunterricht war in den Perioden-Wochen tabu, „man hatte ja auch Angst, dass alles verrutscht“. Später dann war die BH-Verweigerung ein Element der gesellschaftlichen Revolte, ein Baustein neben den Themen freie Liebe, Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung.

Weibliche Unterwäsche-Biographien sind heute diverser denn je. Vom Drüber einfach auf das Drunter zu schließen kann in die Irre führen. So ist auch für Teenager der Jetztzeit der Dessous-Markt Lichtjahre entfernt vom braven Weiß, das ihre Großmütter und Mütter im vergleichbaren Alter trugen. In postmoderner Vielfalt ist er in allen Preisklassen explodiert, eine bunte Spieltruhe vom Ripp-Schlüpper bis zu verruchten Uniformen.

Das Anlegen des BHs als rite de passage

Ein Test im Freundinnenkreis deckt Erstaunliches auf: Die Münchner Juristin Anna trägt im Alltag puderfarbene Hanro-Modelle, aber als Ritual vor jedem Rendezvous kauft sie ein Ensemble bei der Luxusmarke Agent Provocateur. Anhand der sorgfältig aufgehobenen Modelle kann sie sich noch Jahre später an verflossene Liebhaber erinnern. Da ist die Architektin Hannah, die nach den bunten Teenager-Kratzteilen von H&M heute die Online-Plattform Etsy nach unabhängigen Dessous-Designerinnen absucht, die Sets mit Erdbeerdruck oder aus transparentem Tüll nähen. Die knochige, blonde Gartenplanerin Tina bedeckte sich 20 Jahre lang in Schiesser-Weiß, kaufte sich dann auf einmal einen seidenen Pluder-Body. Als ihr misstrauischer Mann fragte, ob es dafür einen Initiationsmenschen gebe, war die Antwort: Ja! Die beste Freundin, die sie in eine Dessous-Boutique in Paris mitgenommen hatte.

Im Laufe eines Frauenlebens ist das Anlegen des ersten BHs das, was Soziologen einen rite de passage nennen, einen Übergangsritus. Der Eintritt in die Frauenwelt mit diesem Geschirr aus Stoff ist für manche eher schwierig. Veränderung, Kontrollverlust, die Blicke der anderen, sich unförmig fühlen. „Plötzlich war es der absolute Horror, als ich in der sechsten Klasse die ersten Brustansätze bekam, sich die Warzen beim Sport durch das Polohemd drückten und ich dann allein ein glattes Bustier ohne Schalen kaufte“, erinnert sich die 50 Jahre alte Livia, deren Teenager-Töchter gerade spielerisch BHs ausprobieren.

Mit zunehmender äußerer Unabhängigkeit und wachsendem Selbstbewusstsein gab Livia im BWL-Studium auf einmal hohe Summen für bunte Unterwäsche mit Spitze aus. Ein Set kostete schnell 100 Mark, „das fand ich alles aufregend“. Und natürlich hatte auch sie Anfang der Neunziger eine kurze Liebesaffäre mit dem damaligen Hype-Wonderbra, dem Vorläufer aller folgenden Push-ups. Praktisch jedoch fand die zunehmend beschäftigte Managerin und Mutter „French Lace“-Wäsche nie. Und deshalb hörte sie mit Mitte 30 auf, teure Spitzenwäsche zu kaufen. „Es hat mich genervt, vor allem, weil sie unter T-Shirts immer durchdrückten und man die hochwertigen Sachen nicht schnell bei 60 Grad in die Waschmaschine werfen konnte.“

Sterbenslangweilig, aber bequem

Heute trägt sie alltagstaugliche puristisch-sportliche Modelle, die wie eine zweite Haut anliegen. Sie besitzt 40 Standardunterhosen für 15 Euro in Weiß und Nude und zwei in Lila. Ein BH dazu kostet 35 Euro. „Das ist todlangweilig, aber ich fühle mich damit am wohlsten. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke, du hast es total verpeilt, andere Frauen legen so viel Wert darauf, und ich hab es ja sonst so mit Klamotten.“

Selbst Modeprofis haben ein häufig komplexes Verhältnis zu ihren Dessous. So besitzt die langjährige britische „Vogue“-Chefin Alexandra Shulman nach eigener Aussage 35 BHs und 31 Höschen – und schreibt in ihrer in diesem Jahr erschienenen Mode-Biographie „Clothes ... and other things that matter“: „Es gibt einen Moment im Leben der meisten Frauen, wenn der BH-Kauf zu einem dieser speziellen Plätze in der Hölle wird.“ Die heute 62-Jährige berichtet in ihrem Buch, dass sie ihre Brüste einstmals für ihr schönstes Körperteil hielt, über dessen Verpackung sie gerne nachdachte. Zwischen ihrem 17. und 37. Lebensjahr trug Shulman gar keine BHs – nicht etwa aus politischer Einstellung, sondern weil sie die einengenden Schulterriemen und Verschlüsse nicht mochte. Der Nachteil: Bei Konferenzen war sie panisch darauf bedacht, ihre Brustspitzen zu bedecken.

Warum das Bedecken weiblicher Brustwarzen bis heute überhaupt ein Muss ist, bleibt ein Rätsel. Die Geschichte des Brustgeschirrs hat nämlich wenig zu tun mit dem heutigen Status der weiblichen Brust. So waren BHs lange Zeit keine Brusthalter, sondern Brustquetscher, die sichtbares Schaukeln unterdrückten. Weibliche Wölbungen wurden unter Schmerzen versteckt oder die natürliche Figur in eine aufgeblasene Form gebracht, wie Männer sie angeblich mochten. Natürlichkeit sah in jeder Hinsicht anders aus.

In vielen Dessous-Biographien fehlt der Faktor Mann

Dabei geht es in vielen Dessous-Biographien weniger um Männer als um die Frau selbst. Die 82 Jahre alte Eybe Gräfin von Brockdorff, die lange Zeit als Stylistin und Modeberaterin arbeitete, sieht Dessous als fundamental für ihr Lebensgefühl. „Man kann 90 Jahre alt werden, aber man sollte bitte anständige Unterwäsche tragen“, sagt sie und klingt bestimmt. „Schön ist der Körper im Alter meist nicht mehr, aber was soll’s, so streichele ich ihn mit schöner Unterwäsche.“ Die vielfache Großmutter baut an manchen Tagen ihren Look sogar ausgehend von der Unterwäsche auf. „Ich frage mich nicht, welcher Pullover zu welchem Rock passt, sondern zu welcher Unterhose“, sagt sie. „Als ich ein junges Mädchen war, da war die Wäsche in Deutschland weiß und hässlich wie die Nacht. Nude gab es nicht, und schwarz war exotisch.“

Im Paris der fünfziger und sechziger Jahre machte sie neue Erfahrungen. Dort lebte die junge Comtesse als Au-pair und Sprachstudentin. Sie war mit den legendären Kessler-Zwillingen befreundet, die im berühmten Varieté Lido auftraten und über die sie mit der Ästhetik von schönen Dessous vertraut wurde. „In Frankreich war der Schnitt das Phänomen, ein bissl Rüschen hier, ein bissl Punkte da, hellblau und rosa, die Kesslers wussten, wo man die kriegt.“ Zu dieser Zeit entstand bei der jungen Eybe die Idee, die bis heute für sie Bedeutung hat: Schöne Unterwäsche ist die Identifikation deiner selbst. „Das habe ich mein Leben lang behalten!“, sagt sie sehr bestimmt. „Es ging nicht um Sex, sondern darum, dass ich es fesch fand!“

Auch die Welt der Unterwäsche unterliegt Trends

Nicht nur Damen von Welt, auch Männer können unerwartete Geschichten über Dessous erzählen. Florian Neu, Geschäftsführer der 1986 gegründeten Wäschemarke Skiny, verkauft pro Jahr im mittleren Preissegment mehr als vier Millionen Teile: „Wir Hersteller müssen die Trendstücke unserer Kollektionen regelmäßig ganz neu denken, weil sich die Gesellschaft ändert“, sagt er.

Die Lebensgeschichten jüngerer Kundinnen beschreibt er als gespalten: auf der einen Seite das große Interesse an der Nachhaltigkeitsbewegung mit Greta Thunberg an der Spitze, auf der anderen Seite traditioneller Konsum. „Wir stellen fest, dass mehr und mehr Kunden bereit sind, für authentisch nachhaltige Produkte mehr Geld auszugeben.“

Slips wie eine zweite Haut

Augenblickliche Renner sind One-Size-Slips, die nicht auftragen und wie eine zweite Haut wirken. Dazu Oberteile mit dramatischer Spitze oder Sport-Rippenstoffe mit Tapes als Unterbrustband. Und auch das hat Florian Neu beobachtet: Oft tragen Mütter und Töchter die gleichen Modelle – etwas, was vor wenigen Jahrzehnten ungewöhnlich gewesen wäre.

„An Unterwäsche lässt sich immer der aktuelle Zustand einer Gesellschaft ablesen“, sagt der Geschäftsführer, der in diesem Jahr Conchita Wurst für eine Kampagne verpflichtete. Dafür bekommt Florian Neu nun Mails mit homophobem Inhalt, von Menschen, die auf geschlechtliche Vielfalt aggressiv reagieren. Aber auch wenn Conchita Wurst in diesem Sommer die Fassade des Berliner Kaufhauses Galeries Lafayette in Damenunterwäsche zierte: Männer besitzen nach wie vor keine period underwear – praktische Slips, die man bei Blutflecken heiß waschen darf, oder Spezialmodelle, in die man direkt hineinbluten kann. Auch diese gibt es neuerdings. Und sie sind Teil von Frauenbiographien.

Quelle: F.A.S.
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