Ihr Weg zum Thron (3)

Im Mantelkleid für die Ewigkeit

Von Alfons Kaiser
05.12.2021
, 08:22
Mit ihrer Mutter: Die Prinzessinnen Margaret (links) und Elisabeth, hier im August 1951 in Balmoral, kleideten sich  modisch – Margaret immer ein bisschen mehr.
Prinzessin Elisabeth stand modisch oftmals hinter ihrer Schwester Margaret zurück. Und in älteren Jahren ihres Lebens hielt sie sich ohnehin bedeckt. Ein Rückblick auf das Modeleben der legendären Monarchin.
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Noch Jahrzehnte später er­innerte sich Sir Hardy Amies an diesen Augenblick im Jahr 1950. Die junge Prinzessin Elisabeth, gerade 24 Jahre alt, und ihre um vier Jahre jüngere Schwester, Prin­zessin Margaret, kündigten sich an – und kamen wirklich in seinen Modesalon an der Savile Row. „Als ich die spätere Königin zum ersten Mal sah“, so sagte Sir Hardy 1998 der F.A.Z., „empfand ich ein tiefes Gefühl der Ritterlichkeit, das seitdem nicht nachgelassen hat.“

Kein Wunder, dass der alte Herr, der 1909 geboren worden war und 2003 starb, diesen Augenblick nicht vergaß. Denn erst fünf Jahre zuvor hatte er sein Modehaus gegründet – der Krieg war gerade vorbei, und die Tür zur Mode stand im Wortsinn offen, denn sie war von deutschen Bomben zerstört worden. Nun begann ­seine Karriere als Schneider der Prinzessin und dann der Königin, die es ihm schließlich erlaubte, als „Dressmaker To Her Majesty“ das königliche Wappen auf sein Briefpapier zu drucken.

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Margaret kleidete sich immer sehr stilvoll

Sir Hardy erinnerte sich an zwei junge Frauen mit gutem Geschmack. Er entwarf den Prinzessinnen Kleider mit schmaler Taille und nicht allzu langem weiten Rock. Der „New Look“, 1947 von Christian Dior eingeführt, hatte Eindruck auf die jungen Frauen gemacht. Just im Frühjahr 1950 hatten die beiden Prinzessinnen mit ihrer Mutter in der französischen Botschaft in London eine Dior-Modenschau besucht. Von dem Modeschöpfer waren sie angetan: Er beherrschte englische Manieren, und seine Entwürfe machten die armselige Kriegs- und Nachkriegszeit vergessen.

Vor allem Prinzessin Margaret war verzaubert. Die „königliche Rebellin“ kleidete sich im Gegensatz zu ihrer konservativeren Schwester modisch: mit Blumendrucken und Sonnenbrillen, später mit Pelzstolen und Hüten mit Pfauenfedern. Dior entwarf 1950 zu ihrem 21. Geburtstag ein aus­ladendes cremefarbenes Kleid mit freier Schulter, das schon deshalb ikonisch wurde, weil Cecil Beaton sie im Buckingham-Palast vor rotem Samt und einem prächtigen Gobelin wirkungsvoll inszeniert hatte.

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Elisabeth galt modisch als konservative Schwester

Elisabeth musste einfach spröder sein. Ohnehin war sie zurückhaltender als ihre Schwester. Und sie war seit 1947 mit Prinz Philip verhei­ratet und hatte schon zwei Kinder, Charles, geboren 1948, und Anne, geboren 1950. Zudem musste sie immer öfter bei öffentlichen Anlässen für ihren Vater einspringen, dessen Gesundheits­zustand sich 1951 zusehends verschlechterte. Als Georg VI. starb, wurde sie am 6. Februar 1952 zur Königin proklamiert und am 2. Juni 1953 in Westminster Abbey gekrönt. Bei ihren Kleidern ging es also nicht um weib­liche Selbstverwirk­lichung, sondern um royale Repräsentation. Während Margaret sich aus dem höfischen Korsett befreite, blieb Elisabeth die nächsten sieben Jahrzehnte darin gefangen. Und während Margaret zu einer der besten Dior-Kundinnen und zu einer Stilikone wurde, musste die Königin sich in britische Mode kleiden – die der französischen weit hinterherhinkte.

Schick in Lila: Queen Elisabeth II. vor einem Gemälde in Southampton im Jahr 2008
Schick in Lila: Queen Elisabeth II. vor einem Gemälde in Southampton im Jahr 2008 Bild: AFP

Und erst die Krönung! Dafür beauftragte sie nicht Hardy Amies, sondern Norman Hartnell, einen Meister der großen Form, bekannt für üppige Kleider mit opulenten Stickereien. Er präsentierte ihr neun verschiedene Kleider, sie entschied sich für das achte, bat aber um farbige statt nur silberne Stickerei, und verlangte außer den vier nationalen Emblemen auch Symbole der Commonwealth-Staaten – ein Ahornblatt für Kanada, ein Silberfarn für Neuseeland. Die königlichen Insignien verlangten schließlich nach einem würdigen Rahmen. Um sich an die schwere Krone zu gewöhnen, setzte sie die Imperial State Crown auch schon im Palast immer wieder auf.

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Die Kleider mussten zu ihr passen

Die Hofschneider – neben Hartnell und Amies später auch Ian Thomas, John Anderson und dessen Nachfolger Karl-Ludwig Rehse – konnten sich also wahrlich nicht selbst verwirklichen. „Ich kleide nicht die Königin ein“, sagte Sir Hardy, „die Königin kleidet sich selbst ein. Ich versorge sie mit Kleidern. Das ist ein Unterschied.“ Es waren viele Kleider: Allein für die Halbjahresreise mit der Yacht Britannia von November 1953 an waren vorher 100 Outfits zusammengestellt worden. Laut Amies trug Elisabeth am liebsten das Blau, das ihre Augenfarbe vorgab. An Material wurde nicht gespart. Nur bei den Hüten, denn die durften nicht zu groß sein: „Königliche Hände sind nicht dazu da, den Hut im Wind festzuhalten. Mit den Händen muss sie winken oder Blumen halten.“

Im geblümten Kleid: Königin Elisabeth II. fotografiert auf den Südseeinseln von Tuvalu im Jahr 1982.
Im geblümten Kleid: Königin Elisabeth II. fotografiert auf den Südseeinseln von Tuvalu im Jahr 1982. Bild: dpa

Die Kleider mussten zu ihr und vor allem zum Anlass passen. Hardy Amies erzählte stolz von dem Kleid, das die Königin beim Empfang in Schloss Augustusburg in Brühl während des Staats­besuchs im Mai 1965 trug: der Farbe der Wittelsbacher entsprechend ein Kleid aus blauer Seide, dem Rokoko des Deckenstucks entsprechend mit prachtvollen ­Stickereien. Karl-Ludwig Rehse, der 1997 den Titel eines Hoflieferanten bekam, sagte der F.A.Z. 2004, dass die vielen Anlässe einer Königin viel abverlangen: „Denken Sie nur daran, wie groß das Commonwealth ist! Da muss man Rücksicht nehmen auf die Hitze in Australien oder Tabus in muslimischen Ländern.“ Für einen Besuch in einer Moschee in Pakistan entwarf er ihr einen bis zum Boden reichenden Mantel aus weißem Baumwollpiqué, den sie über das Tageskleid zog. Dank Schuhen mit festem Absatz stand sie auch quälend lange Tagesordnungspunkte durch. In Erinnerung sind aus den letzten Jahrzehnten außerdem die Mantelkleider in Sorbet­farben, mit denen sie bei jedem Event hervorstach. „I have to be seen to be believed“, sagte sie. Und der unmodische Auftritt bürgt für Stabilität.

Die Königin machte nicht jede Mode mit

Karl-Ludwig Rehse, der 1937 in Essen geboren worden war, sich in München zum Damenschneider ausbilden ließ, dann nach England ging, schließlich an seinem Haus die Plakette „By Appoint­ment to Her Majesty The Queen“ anbringen durfte und 2019 starb (so wie alle Schneider Ihrer Majestät vor ihr gegangen sind), räumte auch mit dem Vorurteil auf, dass die Königin ihre Kleidung nur einmal trägt: „Das stimmt natürlich nicht, das wäre ja pure Verschwendung.“ Sogar ihr Krönungskleid trug sie noch sechsmal. Für Verschwendungssucht ist diese Königin ohnehin nicht bekannt. Das hat sie auch vor vielen modischen Irrtümern bewahrt.

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Im Gegensatz zu ihrer Schwiegertochter Diana, die viele Moden mitmachte, deshalb von vielen geliebt wurde, aber oft auch im Sinn der Zeit danebengriff. Eines der Geheimnisse für die „Dimania“ der Achtzigerjahre: Weil die Königin jahrzehntelang einen so unaufgeregten Stil gepflegt hatte, konnte ihre Schwiegertochter schon mit wenigen Mitteln glänzen. Ihren Ruf hat sie also auch der Königin zu verdanken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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