Mode und Schrift

Das Textil ist das Medium

Von Anna-Elisa Jakob
21.01.2022
, 08:27
„Hajati“: Auf diesem Habibi-Hoodie steht „mein Leben“
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Welche Botschaft ein Kleid hat, das steht häufig plakativ darauf geschrieben. Dabei verstehen wir die Welt auch so ein bisschen besser.
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Eines Tages entdeckte Angelika Riley einen Parka, der zu ihr sprach, und das nicht nur metaphorisch. Sie fand ihn zwischen all den anderen Kleidungsstücken, die Menschen dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe überlassen. An ihr, der Kuratorin, liegt es dann, zu erkennen, ob es zwischen diesen Stücken Zusammenhänge gibt, die ein bisschen mehr über die Mode und die Gesellschaft um sie herum erzählen.

Und dieser Damenparka schien solch ein Potential zu haben, entworfen vom Designer Jean-Charles de Castelbajac im Jahr 1995: weiß mit rotem Kragen, roten Taschen und darauf in schwungvoller Schrift einige Zeilen aus dem literarischen Epos von Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Rückseite fordert selbst zur Suche auf: mit den Lebensdaten des Schriftstellers, dessen Publikationen und Bekanntschaften.

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Die Popkultur gab den Startschuss

Mehrere Monate nach diesem Fund sitzt Riley vor ihrem Laptop, zieht am Kragen ihrer Bluse, rückt noch etwas näher an die Kamera. Ob man ihre Brosche erkennen könne? Nur ein Wort steht darauf: Poesie. „Bei mir soll es etwas dezenter sein“, sagt sie entschuldigend. Muss ja nicht gleich jeder Proust tragen, selbst wenn, wie bei Riley, zum Interesse an Sprache und Ästhetik ein Hang zur Frankophonie hinzukommt.

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Riley suchte nach weiteren beschrifteten Stücken in der Sammlung, fand bedruckte Papierkleider aus den Siebzigern und Teile aus dem Schaffenskreis der Antwerpener Schule, von Flora Miranda und Walter Van Beirendonck. Riley fiel auf: Mode und Schrift beeinflussen sich seit Langem. „Den wirklichen Startschuss gab die Popkultur.“

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Was folgt jetzt?

Von den Sechzigern an wurde erstmals nicht nur über Mode, sondern vermehrt auch auf ihr geschrieben. Vorher war Kleidung selbst die Botschaft gewesen, doch nun wurden Schrift und das Spiel mit ihr zu einer neuen Ästhetik – auf Shirts, Kleidern, Overalls. Mal war sie politische Botschaft, mal reine Gestaltung. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind diese historischen Werke aktuell und noch bis Oktober unter dem Titel „Die Sprache der Mode“ zu sehen. Doch wie geht es weiter, dieses Spiel von Design und Schrift, von Ästhetik und Gesellschaftskritik?

Vielleicht so: Mehrere U-Bahn-Stationen vom Museum entfernt, in einer Seitenstraße des Hamburger Szeneviertels Sternschanze, durchbricht ein Pop-up-Store mit giftgrünem Absperrband die Reihe an Altbaufassaden. Im Innern des Ladens ist es steril. Nicht nur wegen der üblichen Maßnahmen – Maske, Impfpass, Desinfektion –, sondern weil es so hell ist, dass man das Gefühl hat, es müssten selbst kleinste Partikel zwischen Scheinwerfern und Spiegeln reflektieren. An Kleiderstangen hängen T-Shirts und Hoodies.

Proust auf der Brust: Daunenjacke von Jean-Charles de Castelbajac, 1983, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Proust auf der Brust: Daunenjacke von Jean-Charles de Castelbajac, 1983, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Bild: Jean Charles de Castelbajac, Foto: MK&G

Hier warten Jessica Rees und Imad El Rayess, die beide ziemlich müde sind vom vielen Stehen und all dem Small Talk der vergangenen Tage. Sonst sitzen sie vor ihren Laptops, designen, tüfteln, telefonieren, mailen, chatten. Seine Zeit steckt das junge Paar seit zwei Jahren in Habibi, ihre gemeinsame Marke.

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Was ihr Vorhaben so interessant macht, ist, dass es von Irritation lebt, die Idee dahinter aber verblüffend einfach ist. Shirts und Hoodies werden mit arabischer Schrift bedruckt, dem Wort Habibi. Das bedeutet Schatz oder Liebes. Ein alltäglicher Ausdruck, der an freundliche Fremde genauso gerichtet wird wie als Kosename an diejenigen, die einem wichtig sind. Die Irritation entsteht erst auf der Straße, wenn jene zärtliche Bedeutung verstanden wird – oder verkannt.

Schrift mit ästhetischer Funktion

Seine erste Kollektion entwarf Gründer El Rayess für einen Freund, ursprünglich als einmaliges Geburtstagsgeschenk. Doch dann berichtete der Freund, dass er mit dem arabischen Wort auf der Brust unterschiedlichste Begegnungen erlebte. Manche grüßten ihn besonders freundlich; andere fragten ihn, ob er zum Islam konvertiert sei. El Rayess dachte erst mal: Hier entsteht Aus­einandersetzung. Und erlebte Ähnliches, als er seine Teile selbst trug: den herzlichen Dialog, aber auch antimuslimische Anfeindungen.

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Lale Behzadi, Professorin für Arabistik an der Universität Bamberg, kann sich solche Reaktionen in einem deutschen Umfeld durchaus vorstellen, sagt aber, dass eine stereotype Verbindung von arabischer Schrift und Religion vor allem von Unkenntnis zeugt. Die arabische Schrift erfüllt seit jeher nicht primär religiöse, sondern genauso auch ästhetische Funktionen in Literatur und Poesie.

Unter arabischen Gelehrten habe sich früh eine „lebendige Sprachwissenschaft“ etabliert, die mitunter sehr modern gewesen ist. Fragen, die man in Europa erst vom 19. Jahrhundert an stellte, wurden „in den intellektuellen Zentren der arabischen Welt schon im achten und neunten Jahrhundert behandelt“, sagt Behzadi. Zum Beispiel das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger: Wie kommt das, was ich sage, bei meinem Gegenüber an?

Je präsenter umso alltäglicher?

Dass in Hamburg heute viele nicht verstehen, was der Schriftzug auf ihren Shirts bedeutet, stelle ihr Unternehmen vor ein „perfektes Problem“, sagen sie bei Habibi: Je mehr Shirts sie verkaufen, desto alltäglicher soll der Anblick arabischer Schrift werden.

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Im Jahr 1967 analysierte der französische Philosoph und Semiologe Roland Barthes Modezeitschriften und entschlüsselte darin ein „Zeichensystem der Mode“. Darin beschrieb er auch ein Paradox: Mode bedeutet Ausgrenzung und Integration zugleich. Um ihre Botschaft zu erkennen, braucht es das Verständnis ihrer Symbole. Das hat sie mit der Sprache gemein.

Das Habibi-Team kommt eigentlich aus der Werbebranche, beide arbeiteten schon in Werbeagenturen. Ihr Ansatz: „Wir fangen immer mit der Message an statt mit dem Textil.“

Doch warum dann überhaupt Mode? „Wir sehen das Textil als Medium“, sagt El Rayess. Als ein besonders wirkungsvolles noch dazu, denn niemand werde wohl etwas auf der Brust tragen, wofür er nicht stehe. Seine Partnerin ergänzt: „Kleidung ist unser Weg, sich in die Popkultur zu integrieren.“

Falafel statt Pommes

Die amerikanische Prägung der Popkultur fordern sie mit ihrer neuen Kollektion jedenfalls heraus. Auf dunklen Langarmshirts ist ein Tablett mit Fast Food gedruckt. Auf den ersten Blick wirkt das erwartbar, auf dem zweiten erkennt man: Hier liegen statt Cheeseburger Falafelbällchen, statt Pommes gibt es dazu arabisches Brot.

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Popkultur definiert sich selbst als Rebellion von unten, Beobachter hingegen differenzieren. Professorin Behzadi sagt beispielsweise, dass gerade mit dem Beginn des Arabischen Frühlings die Popkultur eine große Rolle spielte, weil mit ihr gegen die Herrschenden rebelliert wurde. Doch nicht alles, was subversiv aussehe, sei auch Kritik am System. „Manchmal ist Popkultur auch einfach nur Konsum“, sagt sie.

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In Hamburg hat Kuratorin Riley ein schwarzes Paillettenkleid von Tom Ford ausgestellt, das viel über das Verhältnis von Kultur und Konsum erzählt. Im Jahr 2013 rappte Jay-Z : „I don’t pop molly, I rock Tom Ford“, was etwa bedeuten sollte, dass der Rapper die Mode des Designers als ähnlich berauschend einstufte wie die Droge Ecstasy, im Slang „Molly“ genannt. Tom Ford revanchierte sich eine Saison später mit dem Paillettenkleid, auf dessen Rückseite das durchgestrichene Wort „Molly“ steht. Später trug auch noch Sängerin Beyoncé, Ehefrau von Jay-Z, das Kleid auf ihrer Welttournee.

Wie soll man hier noch trennen, ob Schrift nun Gestaltung oder Werbemittel ist? Kann man nicht, sagt Kuratorin Riley. Was aber nicht unbedingt schlimm sei, da Sprache nun mal dazu diene, Begehren und Verkäuflichkeit zu wecken. Vielleicht müsse man in der Mode heute aber eher von einem „Kreislauf der Bewerbung“ sprechen.

Was mit Instagram passiert

Ein Teil dieses Kreislaufs ist Instagram, dessen Potential auch das Habibi-Team nutzt. Das Fast Food, die Falafeln auf ihren Shirts, hat die Mutter von Gründer El Rayess selbst zubereitet. Auf Instagram wollen sie bald Videos teilen, in denen sie kocht. Dabei geht es um Werbung, aber auch um Dialog: Denn hier erfahren sie, was geschieht, wenn Menschen ihre Botschaft in die Welt tragen. Ihr Ziel ist es, die arabische Schrift zu entpolitisieren.

Blickt man auf den Rest der Welt, passiert gerade das auch durch soziale Medien. Arabische Gesellschaften sind meist sehr jung, viele Menschen noch unter 25. Deshalb spielen Instagram und Youtube dort eine besondere Rolle, die arabische Schrift ist online entsprechend verbreitet. Andernorts, vermutet Professorin Behzadi, könne das Arabische vielleicht noch immer einen „Effekt des Fremden“ haben. Global schließt die arabische Schrift heute aber an Erfahrungen von „Konsum und Popkultur an, die eine Generation weltweit teilt und die durch Social Media und Globalisierung noch weiter zusammenrückt“.

Habibi auf der Mütze

Die meisten Menschen, die das Hamburger Habibi auf der Brust tragen, haben selbst keine arabischen Wurzeln. Viele finden die Schrift einfach ästhetisch, andere wollen ihre Unterstützung ausdrücken. An diesem Nachmittag tingeln Daunenjackenträgerinnen und junge Männer mit Mützen, die kurz über den Ohren enden, in den Store.

Gründer El Rayess erzählt noch von einer anderen Begegnung, die er an diesem Morgen hatte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebt ein alter Mann, der vor rund zwanzig Jahren von Tunesien nach Deutschland gezogen ist. Als er nun aus dem Fenster sah, las er überall dieses Wort, das ihm so vertraut ist. Mit seinem Rollator schob er sich über die Straße und traf auf El Rayess, den er fragte, was das zu bedeuten habe. Als der ihm von seiner Idee erzählte, nahm der Alte sein Barret vom Kopf und fragte, ob er ihm darauf Habibi sticken könne. Noch sei seine Maschine dafür zu schwach, musste El Rayess erwidern, der Stoff der Mütze zu dick für die dünne Nadel, die den feinen Schriftzug weben sollte.

Wie die Dicke der Feder den Duktus der Schrift bestimmt, darüber tauschten sich arabische Schreiber schon im achten Jahrhundert aus. Bis heute beugt man sich in Kursen arabischer Epigraphik über Sätze und versucht sie gemeinsam zu enträtseln. Und manchmal dauert genau das ganz schön lange: den Werdegang der Gestaltung, die Ästhetik und Wirkung eines einzigen Wortes zu verstehen.

Quelle: F.A.S.
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