Es glitzert in Gmünd

Text von JOHANNA DÜRRHOLZ, Fotos von VERENA MÜLLER

26. November 2020 · Im Atelier L.C. Köhler kann man Goldgießern bei der Arbeit zusehen – und der Jubiläumskollektion von Wempe beim Funkeln.

Da liegen sie und glitzern einsam vor sich hin: die Kronjuwelen von Schwäbisch Gmünd. Also, fast. Das Licht geht an, und kleine Lichtblitze tanzen durch den Raum, so sehr funkeln die Steine. Die Ringe, die da auf einem Tisch liegen, sind über und über mit Brillanten besetzt, in deren Mitte ein mächtiger Edelstein sitzt. Einzeln kostet so ein Ring zwischen 40.000 und 100.000 Euro.

Ein bisschen merkwürdig ist es schon, dass in einem unscheinbaren Haus, im zweiten Stock, hinter einer ganz normalen Tür, in einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg – so klein, dass man vom Bahnhof aus alles zu Fuß erreichen kann -, diese Kostbarkeiten vor sich hinschlummern, im Dunkeln. Dabei hätten sie ein größeres Publikum verdient. In Schwäbisch Gmünd liegt das Atelier L.C. Köhler, dessen Anteile zu 50 Prozent bei der Hamburger Familie Wempe liegen, die Schmuck zu einem Massengeschäft gemacht hat. Masse zählt im Atelier in Baden-Württemberg allerdings nichts, hier werden Einzelstücke auf Wunsch von Kunden gefertigt – und die Linie „By Kim“, die in diesem Jahr 20 Jahre alt wird. Zu diesem Anlass hat Kreativ-Direktorin Catherine Plouchard besagte Kronjuwelen entworfen, die es im zweiten Stock zu bewundern gibt, 20 Ringe, die besonders wertvoll und besonders hübsch sind und in gedeckten Blau-Grün-Lila-Rosa-Tönen schimmern.

Edelsteine gerahmt von funkelnden Brillanten: Catherine Plouchards Ringe für die Jubiläumskollektion
Edelsteine gerahmt von funkelnden Brillanten: Catherine Plouchards Ringe für die Jubiläumskollektion
Edelsteine gerahmt von funkelnden Brillanten: Catherine Plouchards Ringe für die Jubiläumskollektion

Die Farben der Erde, des Himmels und des Meeres wollte Plouchard damit einfangen, sagt sie später im Skype-Gespräch. Sie konnte nicht nach Gmünd kommen – Bordeaux, die Stadt, in der sie lebt, wurde gerade erst wieder zum Risikogebiet erklärt. Und Plouchard selbst gehöre zu einer Risikogruppe, heißt es diskret. Sie wäre trotzdem gern gekommen. Ob sie nicht einen Camper nehmen und in Schwäbisch Gmünd auf dem Parkplatz übernachten könne, fragte sie sogar an. Petra Forinton vom Atelier L.C. Köhler lacht, als sie beim Kaffeetrinken von dem Vorschlag hört. So sind sie, die Künstler! Immer für eine verrückte Idee gut. Aber Sicherheit geht vor.

HANDWERK VERSTEHEN

Kreativdirektorin Catherine Plouchard
Kreativdirektorin Catherine Plouchard Foto. Elias Hassos
Seit vielen Jahren arbeitet Catherine Plouchard schon eng mit den Kollegen des Wempe-Ateliers L.C. Köhler zusammen, zweimal im Monat reist sie in normalen Zeiten von Bordeaux nach Schwäbisch Gmünd, um sich mit dem Designer und Werkstattleiter Anton Bichler abzusprechen und um Petra Forinton und ihren Vater Alfred Baumhauer zu treffen, die es mit der Zusammenarbeit ähnlich halten wie Kim Wempe und ihr Vater.

Catherine Plouchard, die in Marrakesch geboren wurde, studierte nach dem Abitur in Paris zunächst Jura. Doch da fehlte ihr die Kreativität. „Ich war sehr jung, als ich mein Abitur gemacht habe. Ich habe dann also Jura studiert und mich gelangweilt. Dann habe ich Germanistik in München studiert und mich auch gelangweilt.“ In München sah sie Goldschmiede, die in eigenen kleinen Werkstätten Schmuck entwarfen. Und auf einmal wusste sie, was sie machen wollte. „Das war gar nicht so leicht, ich war ja schon 23 und habe dann die Lehre gemacht.“ Sie lernte erst in München, dann in Bozen. Später hatte sie mit dem Vater ihrer Kinder – auch er ein Goldschmied – ein gemeinsames Geschäft.

„Es war wichtig für mich, die Lehre zu machen, weil ich wusste, ich muss das Handwerk verstehen. Ich wusste, ich brauche keine Designschule – Kreativität war nie mein Problem. Aber um in einer Werkstatt glaubhaft zu sein, musst du das Handwerk beherrschen.“ Sie hatte das Gefühl, dass sie sich in einer Schmiede ohnehin doppelt beweisen musste: als junge Frau, auch noch blond – und als Französin. „Da muss man sich behaupten.“ Die beste Art dafür sei, sich auszukennen, findet sie. Später arbeitete sie als Designerin für italienische Unternehmen und entwarf Schmuck. Sie machte Kollektionen für Versace, bis Gianni Versace 1997 ums Leben kam. Dann stieg sie bei Wempe ein.

„Es war wichtig für mich, die Lehre zu machen, weil ich wusste, ich muss das Handwerk verstehen.“
CATHARINE PLOUCHARD

Die Ringmodelle werden aus Wachs gefertigt.
Die Ringmodelle werden aus Wachs gefertigt.
Die Wachsringe werden an einen Stamm geklebt, den Ringbaum.
Die Wachsringe werden an einen Stamm geklebt, den Ringbaum.
Matrizen heißen die Gummiformen für Ringmodelle.
Matrizen heißen die Gummiformen für Ringmodelle.

In Schwäbisch Gmünd gibt es nach dem Kaffee die Führung: Das Atelier Köhler stellt noch alles selbst her. Anton Bichler führt durch das Atelier, in dem Handarbeit an der Tagesordnung ist. Die Ringmodelle werden aus Wachs gefertigt, der 3D-Drucker spuckt sie aus. Die Wachsringe werden an einen Stamm geklebt, Ring neben Ring, das Gebilde nennt sich Ringbaum. So können später viele Ringe gleichzeitig gegossen werden. Nicht jeden Tag wird gegossen, aber dienstags immer. Weißgold schmilzt im 1000 Grad heißen Gussofen. „Schauen Sie mal“, sagt der Hüne, der für den Ofen verantwortlich ist und aussieht wie ein Goldgießer aus dem Bilderbuch: groß, tätowiert, geduldiges Lächeln. Also Nase platt gegen das feuerfeste Sichtfenster drücken, reinlinsen – und gerade noch einen Blick auf das schnell flüssig werdende Weißgold erhaschen, das in die Form gegossen wird und dann lange abkühlt.

Goldgießer am Werk: Bei 1000 Grad schmilzt das Weißgold im Gussofen.
Goldgießer am Werk: Bei 1000 Grad schmilzt das Weißgold im Gussofen.

Im Stockwerk darüber arbeiten die Goldschmiede. Sie feilen, hauen, besetzen mit Edelsteinen. In einem anderen Raum sitzen zwei Kontrolleure, sie nehmen die fertigen Stücke noch einmal genau unter die Lupe. Daneben liegt die Goldschmiedewerkstatt. Gute Gesellen für die Goldschmiede zu gewinnen sei immer schwieriger, erzählt Anton Bichler. Er hat sein Büro ebenfalls hier oben. Auf seinem Schreibtisch steht – ein Computer. Und tatsächlich: This is where the magic happens.

Bichler gestaltet mit verschiedenen Grafikprogrammen Ringe, Reifen, Gürtelschnallen, eben alles, was sich Catherine Plouchard so ausdenkt. Er kann auch mit der Hand, klar: In einem Ordner liegen Zeichnungen, mit wunderschönen Farben ausgemalt, in Magenta, in Türkis, mit gezeichnetem Funkeln in der Mitte. Aber der Rechner rechnet eben genau – und schickt es passgenau an den 3D-Drucker unten. Auch nicht schlecht.

Moderne Technik trifft traditionelles Handwerk: Anton Bichler gestaltet die Entwürfe am Computer.
Moderne Technik trifft traditionelles Handwerk: Anton Bichler gestaltet die Entwürfe am Computer.
Ein Löwenkopf als Ring: Was der Kunde wünscht, das setzt Anton Bichler um.
Ein Löwenkopf als Ring: Was der Kunde wünscht, das setzt Anton Bichler um.

Anton Bichler ist auch der Mann für die Sonderwünsche – und die Kunden haben so einige. Da war einer, der sich einen riesigen Löwenkopf als Ring wünschte. Am Rechner zeigt Bichler, wie er den exzentrischen Ring entworfen hat. Erst ist es nur eine Form, dann vielleicht ein Kopf und dann: eindeutig, ein Löwenkopf, der da inmitten von Linien entsteht. Er erinnert ein wenig an den Narnia-Löwen. Dann gab es noch den Kunden, der seiner Frau einen Engel aus massivem Gold geschenkt hat, besetzt mit 50 Diamanten. Und den Kunden aus Russland, der sich eine Gürtelschnalle wünschte  – mit einem riesigen Tigerkopf darauf, was auch immer der symbolisieren sollte. Bichler hat sogar schon einen Büstenhalter mit Diamanten besetzt.


VON FRAU ZU FRAU

Meist sind die Wempe- und Köhler-Kunden tatsächlich Männer, die ihre Liebste mit Schmuck beglücken. Das hat Tradition, während sich deutsche Frauen, so glaubt Catherine Plouchard, noch nicht so häufig selbst Schmuck gönnten. „Es ist bei jeder Linie, die ich entwerfe, meine größte Hoffnung, dass Frauen sich den Schmuck selbst kaufen – und jedes Mal werde ich ein bisschen enttäuscht“, sagt die Französin. „Ich finde auch, dass Frauen nicht sehr mutig sind. Sie haben kein Problem damit, sich ein Auto für 15.000 Euro zu kaufen – aber den Ring für 3000 Euro muss der Mann schenken?“ Sie selbst habe noch keinen Ring geschenkt bekommen. Sie kauft selbst. „Aber gut, ich bin auch kein Beispiel für eine normale Frau!“ 


„Es ist bei jeder Linie, die ich entwerfe, meine größte Hoffnung, dass Frauen sich den Schmuck selbst kaufen.“
CATHARINE PLOUCHARD

Goldschmiede arbeiten in der Werkstatt über der Gießerei.

Mit mangelnder Inspiration hatte sie nie zu kämpfen: „Ich bin krankhaft kreativ.“ Einfälle kommen ihr eigentlich überall. „Es kann ein Kassenzettel sein, der mich inspiriert. Plötzlich ist alles da.“ Seit Jahren schon schläft sie mit einem Block neben dem Kissen – für die plötzlichen Einfälle in der Nacht. „Die sind dann oft wahnsinnig schlecht gekritzelt, aber wenigstens gibt es einen Anfang. Das ist wie bei einem Traum: Wenn ich etwas davon sehe, kommt der Rest wieder.“ Nicht alle Ideen seien gut. Immerhin ist sie Designerin, keine Künstlerin, das müsse man trennen. „Ich bin Künstlerin, aber ich arbeite im Dienste einer größeren Sache. Es geht nicht um mich.“ Am Ende steht da immer ein Produkt. Eine Linie. Und die wird für andere gestaltet, nicht für Catherine Plouchard selbst. „Ich will den Zeitgeist treffen, die Eleganz des Unternehmens.“

Hauen und Schleifen: ein Goldschmied bei der Arbeit
Hauen und Schleifen: ein Goldschmied bei der Arbeit
Wer die Ringe berühren möchte, muss Handschuhe anziehen.
Wer die Ringe berühren möchte, muss Handschuhe anziehen.

In Schwäbisch Gmünd ist nun der wichtigste aller Räume an der Reihe: das Zimmer mit der Jubiläumskollektion, die Plouchard entworfen hat. Wer die Ringe berühren möchte, muss Handschuhe anziehen. Ein bisschen unwirklich, dass so ein Ring so viel wert ist. Nicht nur Bichler hat mit Sonderwünschen von Kunden zu tun, auch der Hausherr, Geschäftsführer Alfred Baumhauer. Er kommt herein, zeigt eine ausgedruckte E-Mail. Ein Kunde wünscht sich einen Ring, einen Verlobungsring wohl, der so viel wert ist, dass einem schwindlig wird bei all den Nullen. Oder ist das ein Vertipper? Jedenfalls muss der Ring an einem bestimmten Tag bis zu einer bestimmten Uhrzeit in einer großen Stadt ankommen – andernfalls will der vermögende Kunde den Auftrag platzen lassen. Schafft man alles, ist Baumhauer überzeugt. Ein bisschen nervös wirkt er trotzdem.


„Der einzige Luxus, den es gibt, sind Zeit und Raum“
CATHARINE PLOUCHARD

Die Juwelen liegen weiter da wie gemalt, sie frönen weiter bloß der Oberfläche, spotten jedes Alltags-Silberrings, den man sonst vielleicht zu tragen wagt, und geben sich Mühe, das Glitzerndste in Schwäbisch Gmünd zu sein. Wahrscheinlich macht ihnen hier höchstens die Sonne auf dem Fluss Rems Konkurrenz. „Der einzige Luxus, den es gibt, sind Zeit und Raum“, sagt Catherine Plouchard zum Abschied. Doch auch sie funkeln nicht so hübsch wie ein Diamant.


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25.11.2020
Quelle: F.A.Z. Magazin