Nach vier Generationen

Wenn der Familienbetrieb schließen muss

Von Julia Dettmer
29.04.2021
, 20:38
Es gibt Geschäfte, die sind seit Generationen in Familienhand. Dann müssen sie schließen. Die Schuhhändlerin Petra Weigert aus München erzählt.

Als ich im Januar dieses Jahres zur Bank gegangen bin und Geld eingezahlt habe, um die Mietkosten für den Laden zu decken, hatte ich es schwarz auf weiß auf dem Kontoauszug: Du hast eigentlich nix drauf und zahlst nur. Irgendwann ist das Geld weg. Ich möchte nicht mehr weiter draufzahlen, sonst wird unser Alterspolster zu hart. Noch dazu brauchen mein Mann und ich das ein oder andere, was ein Gesunder nicht braucht. Ich bin Dialysepatientin, seit ich Krebs hatte, mein Mann hatte einen Schlaganfall. Unser Erspartes darf nicht weiter schrumpfen. Wir mussten also die Reißleine ziehen.

Der letzte Tag wird der 31. August sein. Wir müssen dann raus, damit der Vermieter den Laden renovieren und neu vermieten kann. Ich bin gerade dabei, die Inventur zu machen. Hier lagern einige hundert Paar Schuhe, zuletzt waren es 100.000 Euro Warenwert. Man muss ja die Saisonware schon vorher bestellen. Man kann sie nicht normal verkaufen, nicht lagern, man muss sie dann reduziert verschachern und macht kaum Gewinn damit. Meine Schuhe kosten im Einkauf im Schnitt 70 Euro aufwärts. Der Aufkäufer zahlt fast nichts mehr. Da muss ich froh sein, wenn ich pro Paar noch 20 Euro Marge bekomme. Ich schicke denen bald die Liste, und dann teilen die mir mit, was sie zahlen wollen.

Man kriegt nicht mehr viel für die Ware

Wenn ich mein Geschäft vor zwei, drei Jahren aufgegeben hätte, dann hätte ich noch mehr Geld bekommen. Aber jetzt, wo so viele aufgeben, wo so viel Masse auf dem Markt ist, kriegt man nicht mehr viel für die Ware. Ehrlich gesagt, habe ich aber keine andere Wahl. Was soll ich sonst mit den Schuhen machen? Über Ebay läuft’s nicht. Das sind kleine italienische Qualitätsmarken aus Manufakturen, die da keiner sucht. Meine Schuhe muss man sehen, die muss man fühlen.

Wenn ich überlege, was mein Großvater in der Kriegs- und Nachkriegszeit geschafft hat, ist es tragisch, dass ich jetzt nicht fähig bin, irgendeinen Weg zu finden, um unser Geschäft, das Schuhhaus Birgmaier, zu retten. Ich bin in der vierten Generation Schuhhändlerin. Es begann mit meinen Urgroßeltern, dann übernahmen meine Großeltern. Meine Tante Maria führte schließlich das Schuhhaus Selg an der Tegernseer Landstraße. Leider konnte ich dort nicht lernen, weil meine Tante keinen Ausbildungsschein hatte, daher ging ich woanders in die Lehre. Mit meinem Laden habe ich an die Traditionen meiner Großmutter und Tante angeknüpft und deren Qualitätsbewusstsein konsequent übernommen. Jetzt ist es einfach furchtbar. Onkels und Tanten aus meiner Familie hätten mir schon Geld geboten, um den Laden weiter zu halten, aber ich habe gesagt, Leute, ich sehe keine Basis. Das fühlt sich an, als ob ich auf Wasser etwas bauen will. Ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber habe ich aber nicht, denn auch die finanzielle Hilfe hätte ja nicht langfristig geholfen.

650 Euro Überbrückungshilfe

Seit die Lockdown-Maßnahmen im Februar 2020 in Kraft traten, habe ich fast keine Einnahmen, aber jeden Monat 2500 Euro Nebenkosten für Miete, Strom und Steuerberatung für meinen Laden zu stemmen. Die staatlichen Zuschüsse, die ich bekommen sollte, kann man vergessen. Im ersten Lockdown durfte ich noch selbst den Antrag stellen und habe eine Einmalzahlung von 2000 Euro bekommen, also nicht mal eine Miete. Im zweiten Lockdown durfte der Antrag nur noch von meiner Steuerberaterin gestellt werden, da bekam ich einmalig 650 Euro. Die Steuerberaterin hat dafür 100 Euro berechnet.

Die Zuschüsse berechnen sich an den Einnahmen des Vorjahres. Ich hatte das Pech, dass mein Mann und meine Mutter damals krank waren. Ich musste den Laden immer wieder zusperren, um sie zu pflegen. Meine Mutter und mein Partner haben immer Vorrang, klar, aber wenn ich das denen vom Amt erkläre, interessiert das niemanden.

Verpassen Sie keinen Moment

Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Auch unsere Ladenmieten wurden nicht übernommen. Unser Vermieter kam uns nur mit einem Mietaufschub entgegen. Aber was hätte der genutzt? Das Geld wäre ja trotzdem nicht dagewesen. Und ich bin da nicht die Einzige. In der Innenstadt muss es katastrophal zugehen. Große Firmen wie Peter Kaiser sind insolvent. Die ganze Situation frustriert mich sehr. Der Online-Handel boomt, aber die Geschäfte müssen zusperren. Warum dürfen zum Beispiel Supermärkte und Drogerien offen haben und alles verkaufen? Das ist für mich nicht nachvollziehbar.

Was ist mit Treffen auf den Balkonen? Sind die nicht gefährlich?

Mein Hygienekonzept sitzt, bei mir ist stets nur ein Kunde im Laden, die Ladentür ist immer offen, damit der geforderte Luftaustausch stattfinden kann. Es gibt ja sogar die Veröffentlichung vom RKI, die bestätigt, dass die Ansteckung im Handel gering ist. Was sich hier aber auf den Balkonen oder auf der Straße abspielt, ist gefährlicher. Da gibt es kein Hygienekonzept, aber da passt keiner auf.

Die Politiker sollten mehr mit dem Volk reden. Wir haben die Handwerkskammer, und es gibt in jeder Branche die Verbände. Wenn die Politiker mit denen manche Entscheidungen durchsprechen würden, wäre vielen geholfen. Da wäre der Staat gefordert gewesen, indem die Vermieter zum Beispiel steuerlich für ihr Entgegenkommen entlastet werden. Wir hätten ein größeres Gesamtkonzept gebraucht. Ich würde ja weitermachen, wenn ich nicht schon seit über einem Jahr diese hohen Kosten hätte. Das Vertrauen, dass der Verkauf wieder normal laufen wird, ist verlorengegangen. Bei den Leuten sitzt das Geld eben auch nicht mehr so locker, viele können sich keine hochwertigen Schuhe mehr leisten. Es geht nicht anders, ich muss schließen.

Geschäftsgründung 1901

Dabei ist dieser Laden hier mein Lebenstraum, unser Lebenstraum mit einer langen Historie. Mein Urgroßvater hat 1901 im Westend das Schuhhaus Birgmaier gegründet und war davor auch schon als Schuhmacher tätig. Die Tradition der Schuhfertigung und des Schuhhandels reicht in unserer Familie sehr weit zurück. Wenn ich auf eine Messe gegangen bin, gab es viele Händler, die gefragt haben, ob ich von „dem“ Birgmaier abstamme. Da konnte ich mit Stolz „ja“ sagen, denn mein Urgroßvater war einer der Ersten, die nach dem Krieg wieder mit der Produktion angefangen haben. Lustigerweise mit diesen Gymnastikschühchen, die oben diesen Gummi haben. Das war das Erste, was er gemacht hat, und die wurden wie blöd gekauft, weil sie als billige Straßenschuhe durchgingen, als Sportschuhe, als Hausschuhe.

Ich habe es schon als Kind geliebt, meiner Oma und meiner Tante zu helfen. Wir haben die Schuhe vor dem Verkauf genau geprüft, und ich habe sie für den Kunden in die Plastiktüte gepackt. Da habe ich quasi bereits meine ersten Schuhe verkauft. Das war für mich schon ein Highlight. Ich habe keine Geschwister, und von meinen Cousinen und Cousins ist keiner in die Schuhbranche gegangen. Zuerst habe ich quer durch München in Schuhläden gearbeitet, als Lehrling, dann im Verkauf. Als ich meinen Partner kennengelernt habe, wusste er, dass mein Traum ein eigenes Schuhgeschäft ist. Seinen Job in der Baubranche konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er sagte dann: Weißt du was, wir verwirklichen jetzt deinen Lebenstraum. Es wurde auch sein Traum.

Der Ehemann stieg mit ein

Der erste Kunde, der hier damals in den Laden kam, fragte nach einem Schuhputzservice. Das hatte ich eigentlich nicht im Angebot, aber ich hatte das Wissen und das Können, also habe ich das gemacht. Dann kamen die Reparaturen dazu, für die ich jetzt mit unserem tollen Schuster zusammenarbeite. Als Nächstes gab es Anfragen für Taschenreparaturen. Das hat meinen Mann dann herausgefordert. Er hat so eine Begeisterung entwickelt, dass er sich alles selbst beigebracht hat. Heute kann er fast alles reparieren und fertigt auch selbst Taschen an. So konnte er dann auch Taschen nach individuellen Kundenwünschen anfertigen.

Rückblickend bereue ich nichts. Natürlich könnte ich heute leichter verkaufen, wenn ich diese Marken hätte, die bekannt sind. Aber das ist nicht meine Philosophie, das bin nicht ich. Ich kann nur verkaufen, was ich selbst als gut empfinde. Wenn man heute auf Schuhmessen geht, bekommt man chemiebelastetes Leder, Sohlen, mit denen der Schuh Schimmel entwickeln kann, und das alles dann auch noch schlecht verarbeitet. Wenn ich so etwas in die Hand nehmen, wird mir ganz anders.

Viele teure Schuhe lassen sich heute nicht mehr reparieren

Ich liebe mein Handwerk. Einen gut gemachten Schuh oder alleine schon ein schönes Leder zu berühren ist für mich eine Erfüllung. Ich bin damit groß geworden. Früher wurden Dinge reparaturfreudig produziert – egal in welcher Branche –, um ihren Wert zu erhalten. So wurde ich auch erzogen. Ich arbeite ja mit einem Schuster zusammen, und er sagt, es gibt heutzutage sehr teure Schuhe, die man aber kaum reparieren kann. Bei allen Schuhen, die ich hier verkaufe, weiß ich, dass man sie bei richtiger Pflege ewig haben kann.

Neben all der Trauer und Verzweiflung hatte ich aber auch ein bisschen Glück. Wenn man sich schon nicht auf die Politiker verlassen kann, dann halten doch zumindest einige Stammkunden zu mir. Eine Kundin hat ihren ganzen Freundeskreis mobilisiert und einige Kunden geschickt. Damit hat sie mir den Februar gerettet. Das hat mich sehr berührt.

Suche nach einer Stelle im Verkauf

Fast alle meine Kunden kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich kann fast alle Flecken entfernen. Und wenn einer nicht rausgeht, weiß ich, wie man die Farbe des Schuhs verändern kann, damit man ihn weitertragen kann. Das wissen meine Kunden, und die erzählen es weiter.

Wenn das Geschäft geschlossen ist, werde ich weiter den Schuhputzservice und die Taschenpflege anbieten. Wir sind gerade noch auf der Suche nach einem kleinen, günstigen Werkstattplatz. Davon könnten wir aber nicht leben. Ich werde mich dann wieder nach einer Stelle im Verkauf umsehen. Hoffentlich finde ich einen Laden, der meine Qualitätsansprüche teilt. Schade, dass das mittlerweile bei der Jobsuche ein Handicap ist.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot