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Design-Kollektiv Pentagon

Sie waren fünf

Von Peter-Philipp Schmitt
Aktualisiert am 13.01.2020
 - 22:18
Die Mitglieder der Gruppe Pentagon (von links) Ralph Sommer, Wolfgang Laubersheimer, Reinhard Müller, Gerd Arens und Meyer Voggenreiter.
Vor 35 Jahren gründete sich in Köln das Kollektiv Pentagon, das Design neu erfand. Mit einer Ausstellung im MAKK werden die Protagonisten nun geehrt.

Was sie gar nicht mögen: Wenn man sie als Popstars bezeichnet. Oder, noch schlimmer, als Boygroup. Und das auch nicht in der Rückschau, also versehen mit „alternde“ oder „ehemalige“. Aber was waren sie dann? „Wir waren vor allem jung“, sagt Wolfgang Laubersheimer nach einem kurzen Moment des Schweigens. Reinhard Müller, den die anderen mittlerweile Silberlocke nennen, fügt hinzu: „Eine Designgruppe waren wir jedenfalls nicht, auch wenn das alle sagen. Und Künstler waren wir auch nicht. Wir saßen einfach zwischen allen Stühlen.“

Laubersheimer, Jahrgang 1955, ist Professor für Produktionstechnologie an der Köln International School of Design, kurz Kisd. Müller, zwei Jahre jünger, lebt heute als „freischaffender Designer, Bildhauer, Künstler und Querdenker“ in der Schweiz und gibt Kurse in der Designfabrik in Uetendorf im Kanton Bern. Zum einstigen Kollektiv gehören noch Meyer Voggenreiter (Jahrgang 1954), Gerd Arens (1943) und Ralph Sommer (1955). Meyer Voggenreiter, der seinen eigentlichen Vornamen schon vor langer Zeit abgelegt hat, gestaltet Ausstellungen, Arens lebt auf Mallorca und hat sich auf Immobilen spezialisiert („Mallorca ruft“), Sommer ist ebenfalls Professor – für Konzeptdesign an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. So unterschiedlich ihre Lebenswege verlaufen sind, so unterschiedliche Charaktere waren die fünf schon Anfang der achtziger Jahre, als sie in Köln zusammenfanden und sich, weil sie eben zu fünft waren, Pentagon nannten.

Dass aus ihnen im September 1985 die bekannteste Gruppe des Neuen Deutschen Designs wurde, ergab sich aus einer Reihe von Zufällen. Drei von ihnen, Laubersheimer, Müller und Sommer, studierten zusammen Bildhauerei an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln. Nebenher fertigten sie als Studenten erste Objekte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie richteten Läden und Geschäfte ein, auch eine Tanzschule gehörte zu ihren Kunden und eine Bar, für die sie einen Neon-Schriftzug vorsahen. Darauf wiederum war Gerd Arens mit seiner Firma in Köln spezialisiert. Meyer Voggenreiter, der Erziehungswissenschaften in Marburg studiert hat, lernte eines Tages auf der Straße die Freundin von Ralph Sommer kennen. „Wir klebten damals gerade Möbel für einen der ersten Jeans-Paläste zusammen“, erzählt Sommer. Meyer Voggenreiter half ihnen dabei – und blieb, als Grafiker.

Materialwert ein paar Mark, Verkaufspreis 750 Mark

„Wir machten Unikate“, sagt Müller. Und so nannten sie sich zunächst auch: Unikate. Dass sie unter anderem mit Stahl arbeiteten, lag vor allem daran, dass drei von ihnen das im Studium der Metallbildhauerei gelernt hatten. Dass sie ihren Stahl nicht lackierten, hatte ebenfalls naheliegende Gründe: Es war ihnen zu teuer. „Wir hatten auch keine Spritzkabine“, sagt Sommer. So wirkten ihre Möbel ungewohnt roh und schroff, irgendwie unfertig. „Materialien, die sonst im Wohnbereich nicht vorkommen, werden plötzlich ,möbelwürdig'“, schrieb der Kunsthistoriker Wolfgang Schepers 1989 begeistert über die ungewöhnlichen Werkstoffe von Pentagon. Stahl, „oft sogar unbehandelt“, werde in diesem Maße wohl nur von ihnen, „den neuen deutschen Designern“ verwendet – gemeint war: im Gegensatz zum Rest der damaligen Designwelt.

Was revolutionär schien, war auch aus der Not geboren: Die fünf verwendeten, was gut und billig war. Draht und Vierkantrohre, Plexiglas und Blech, alte Schläuche von Traktor- und Autoreifen, Sandsteinplatten und Neonröhren. Mai 68 etwa heißt ein Regal, das Meyer Voggenreiter 1986 zusammenschraubte. Nach mehr als 30 Jahren weiß selbst er nicht mehr genau, wie sich die drei geschwungenen Kistenskulpturen auf ihren dünnen Metallbeinen ineinander fügen lassen, so dass sie stabil stehen können. Im dritten Anlauf klappt es schließlich.

„Ich hab' damals das billigste Material genommen, das ich finden konnte, in der Hoffnung, ein paar hundert Mark damit zu verdienen“, erzählt Meyer Voggenreiter. Sein Regal besteht aus drei alten Weinkisten, die er für jeweils 1,50 Mark gekauft hatte, und ein bisschen Altmetall. „Da hab' ich dann ein paar Bücher reingestellt, Werke von Marx und Engels und von einem Pornobuch-Verlag.“ Eine Galeristin aus Frankfurt habe das Regal schließlich gekauft – für 750 Mark. Und sich dann darüber gewundert, dass es ohne Bücher geliefert wurde. „Sie meinte, dafür sei es schon ganz schön teuer“, sagt Meyer Voggenreiter.

Die Pentagonisten sind an diesem regnerischen Morgen ins Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) gekommen, um die erste monografische Ausstellung über sich und ihre Arbeit zu kuratieren und zu inszenieren. Es ist das erste Wiedersehen für sie mit einer ganzen Reihe von ihren damaligen Werken, die alle eigens aus Privatsammlungen entliehen werden mussten. Da steht Laubersheimers Schreibtisch Amazonas von 1988 neben Arens' noch in Luftpolsterfolie verpacktem Kronleuchter Pentagon aus dem Jahr 1987. Auch Müllers Regal Chambre à air (1987), französisch für Fahrradschlauch, zählt zu den Kultobjekten, die das MAKK von der nächsten Woche an anlässlich der Möbelmesse IMM in der Schau „Design Gruppe Pentagon“ zeigen wird.

„Wir waren einfach zu blöde"

„Unsere Sachen waren sensationell“, sagt Laubersheimer. „Aber sie waren leider auch nicht gut genug, um in Produktion zu gehen.“ Soll heißen: Es waren keine serientauglichen Industrieprodukte. Er habe Rolf Fehlbaum von Vitra regelrecht angefleht, eine seiner Arbeiten zu übernehmen. „Ich wollte ja schon auch Geld verdienen“, sagt Laubersheimer. Doch es blieb am Ende nur bei Unikaten und Kleinserien, die Pentagon aber dennoch in kurzer Zeit jede Menge Aufmerksamkeit bescherten.

Dazu trug schon früh besonders der Architekturhistoriker und Designkritker Christian Borngräber bei, der 1984 einen Film über das Neue Deutsche Design „Aufbruch zum Durchbruch“) drehte. „Der konnte gar nicht glauben, dass wir noch keinen Namen und keinen Showroom haben“, erzählt Laubersheimer. Also mieteten sich die fünf ein paar Quadratmeter am Kölner Hansaring – und nannten sich fortan Pentagon. Bald klopften Galerien wie „Möbel perdu“ in Hamburg und Museen bei ihnen an. Das Kunstmuseum Düsseldorf präsentierte Pentagon erstmals 1986 in der Ausstellung „Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen“, im selben Jahr stellten sie auch im Stuttgarter Design Center („Erkundungen“) aus.

Höhepunkt ihres kometenhaften Aufstiegs war 1987 die Teilnahme an der Documenta 8 in Kassel. Das hatten sie maßgeblich dem damaligen Documenta-Beiratsmitglied Michael Erlhoff zu verdanken, dem späteren Gründungsdekan des Fachbereichs Design der FH Köln (heute Köln International School of Design). Für die Documenta entwarf Pentagon ein Café, das 100 Tage lang in einer ehemaligen Diskothek aufgebaut wurde. „Der Gastronom dort erklärte uns, dass sich unsere Idee nicht rechnen würde“, erzählt Meyer Voggenreiter. „Also haben wir es selbst betrieben. Ich war die Küchenhilfe.“ Tatsächlich war ihr „Café Casino“ wirtschaftlich eine Pleite, sie seien mit einem fünfstelligen Minusbetrag rausgegangen. Für ihren „Künstlertreff“ entwarfen die fünf allerdings auch das einzige Gemeinschaftswerk – den Zick-Zack-Stuhl d8. Alles andere wurde „umfirmiert", aus handelsüblichem Geschirr etwa wurde mittels Pentagon-Stempel ein „Pentagon-Geschirr“. Es war eine bewusste Provokation. 1991 nahm Pentagon ein letztes Mal an der Möbelmesse teil, mit einem leeren Stand. Es war ihr Protest gegen den Zweiten Golfkrieg. Kurz danach gingen sie getrennte Wege.

„Wir waren einfach zu blöde“, sagt Laubersheimer. „Wir hatten keine Ahnung, wie man mit unseren Objekten Geld verdient.“ An Interessenten herrschte eigentlich kein Mangel, nach ihrem ersten Messeauftritt hatten sie Aufträge über 200.000 Mark geschrieben. „Aber wir haben's nicht realisiert bekommen.“ Müller erinnert sich noch gut daran, wie sie 1989 Jasper Morrison begegneten, der damals gerade an einer Türklinke tüftelte. „Er sagte zu uns, wenn Franz Schneider Brakel den Entwurf übernimmt und herstellt, bekomme ich Royalties dafür. Wir wussten nicht einmal, was das ist.“ Der junge britische Designer, der am Anfang seiner Karriere stand, bekam nicht nur seine Lizenzgebühren, Morrisons Klinke FSB 1144 wird bis heute hergestellt und im MAKK auch von nächster Woche an mit einer eigenen Ausstellung geehrt.

„Wir haben nicht einmal unsere Objekte alle fotografiert“, sagt Meyer Voggenreiter. Dennoch hat Pentagon Spuren in der deutschen Designgeschichte hinterlassen, die zuvor fast nur vom Erbe des Bauhaus und durch die Hochschule für Gestaltung in Ulm geprägt war. Erst in den achtziger Jahren gab es eine radikale postmoderne Erneuerung im Design, auch in Deutschland und angeregt durch Bewegungen wie Alchimia und Memphis in Italien, wo Designer wie Michele de Lucchi und Ettore Sottsass die Funktionalität der Produkte genauso in Frage stellten wie das selbstherrliche Gebaren der Möbelindustrie.

Im MAKK lebt die Gruppe Pentagon 35 Jahre nach ihrer Gründung nun noch einmal neu auf. Sogar das „Café Casino“ der Documenta 8 wird für die Ausstellung im Museum nachgebaut. „Da kann ich meinen Studenten jetzt endlich beweisen“, sagt Wolfgang Laubersheimer, „wie cool ihr alter Professor einmal war.“

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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