Von Punk zu Mainstream

That Sicherheitsnadel!

Von Jennifer Wiebking
11.11.2019
, 19:41
Schmuck mit Sicherheitsnadeln von Saskia Diez, Versace und Prada
Zerrissene Jeans, Nieten und eine Sicherheitsnadel im Ohr: Das punkige Accessoire ist im Mainstream angekommen – diese Stücke von Versace, Prada und Saskia Diez lassen sich auch ohne Lederjacke kombinieren.
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Lederjacken werden mit den Jahrzehnten immer besser, angeblich. Immerhin: Das Zeug, das sich in den Taschen der Jacken mal angesammelt hat, erscheint umso kurioser, je länger die Jacke eingemottet war. Wer Glück hat, findet noch ein abgegriffenes D-Mark-Stück, das gegen einen Euro aus heutiger Sicht erschreckend flach und matt wirkt. Oder Buttons. Oder noch simpler und trotzdem historisch bedeutsam: Sicherheitsnadeln.

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Der Mainstream hat sie seitdem längst einkassiert, so wie das Tattoo oder den Reifen im Ohr, mit dem sich das Loch im Ohrläppchen ad absurdum weiten lässt, ohne dass man noch irgendjemanden schockieren würde. Was ist dagegen schon eine Sicherheitsnadel? Ein geradezu filigranes Accessoire. Die Modelle von Saskia Diez in Gold mit Perlen und Steinen, die für den Geburtsmonat stehen, zeigen es. Dabei ging es eben mit der Sicherheitsnadel los.

Als Tätowierungen noch ein sozialer Marker waren und kein Zeichen von Trendbewusstsein, als man noch mit D-Mark zahlte und noch nicht mit Euro, traute sich die Luxusbranche zunächst ganz vorsichtig an die Sicherheitsnadel heran. Das ergab einen radikalen Look, und zwar nicht nur bei jemandem wie Alexander McQueen oder Vivienne Westwood. Im Jahr 1994 entwarf Gianni Versace ein Kleid, das fortan nur noch „That Dress“ genannt wurde. Elizabeth Hurley trug es bei der Premiere des Films „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“. Es schien nur notdürftig von Sicherheitsnadeln gehalten zu werden. Dem Haus Versace verhalf es in dieser Zeit zu ungeahnter Bekanntheit.

Man bezieht sich in Mailand noch heute auf diesen Moment, auch in dieser Saison – mit Modeschmuck in Gold. Mit Ketten, die Medusenköpfe zieren, zusammengehalten von Sicherheitsnadeln. Darum ging es ja immer: Die Sicherheitsnadel war ein Mittel der Identifikation, simpel genug, dass sie es über Jahrzehnte bleiben konnte, dass jeder, der mochte, sich bedienen und so doch einer ganz bestimmten Gruppe, also den Punks, zugehörig fühlen konnte. So war es in der Bundesrepublik der achtziger Jahre, so war es auch zur selben Zeit in der DDR. An diesem Samstag, an dem man zurückblickt und sich erinnert, kann man auch in ihr ein Symbol der Wiedervereinigung sehen.

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Was an der Sicherheitsnadel heute baumelt, ist hingegen beliebig. Auch zwei gehäkelte Herzen von Prada gehören dazu, als Brosche. Kaum möglich, so eine Handarbeit heute in derselben Lederjacke von damals zu finden wie eine Sicherheitsnadel. Eher stößt man da schon auf die Groschen von damals.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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