Mode, die tröstet

Grau ist die Hoffnung

Von Elisabeth Wagner
28.04.2020
, 16:12
Zwischentöne sind wichtig, gerade jetzt. Während viele Designer in ihren jüngsten Frühjahrskollektionen auf Grau setzen, findet unsere Autorin in der Einsamkeit der Corona-Krise ausgerechnet in ihrem langlebigen grauen Pullover Trost.

Er ist weich und grau, und wenn man ihn vorsichtig wäscht und trocknet, dann erkennt man für ein, zwei Stunden, wie er einmal in besseren Tage ausgesehen haben mag. Ein Pullover, wie gemacht für die Isolation. Ich kenne ihn seit Jahren, beobachte seine Launen und unterhalte mich in diesen einsamen Zeiten gern mit ihm; sowieso bin ich persönlich davon überzeugt, dass kein Kleidungsstück ähnlich viel geheimes Seelenleben hat wie ein grauer Pullover. Ein Allerweltspullover, der gar nicht erst so tut, als wolle er hoch hinaus. Er hilft gegen die Angst nach vielen Stunden Corona-News, gegen das Gefühl, dass man es gleich nicht mehr aushält. Ich bin sicher, es hängt mit der Farbe zusammen. Mit dem Grau, das Goethe „still“ und die „Farbe der Schatten“ nannte. Wenn das Virus mich übersieht, dann in Grau.

Kein Zweifel, bis vor wenigen Wochen hätte er eine ganz andere Rolle gespielt, und man hätte ihm wahrscheinlich vorgeworfen, dass er nicht mehr so jung und fashionable ist wie all die anderen grauen Pullis da draußen. „So etwas schaffst du nie“, hätte man gesagt und auf ein graues Mohairjäckchen von Miu Miu gezeigt, das die Schultern frei lässt und mit einem Trägerkleid aus Wolle und silbergrauen Stiefeln spazieren geht. Es wäre hoffnungslos gewesen, genau wie der Vergleich mit quasi der gesamten Max-Mara-Frühlingskollektion.

Dort kann es gar nicht grau genug sein. Es gibt schnittige Blazer, Westen, Hosen und plissierte Röcke in Grau oder Glencheck, und dazu bindet man sich einen grauen Schlips um den Hals. Bei Prada hätte man ein zugeknöpftes und ziemlich transparentes Shirt bewundert, dessen Grau zwar streng ist, aber auch aufregend. Mein grauer Pulli wäre erledigt gewesen.

Es ist anders gekommen, und jetzt bitte ich ihn für meinen Hochmut um Entschuldigung. Alles hat sich verändert, und man wird empfindlich für falsche Töne. Humor, heißt es, ist eines der wenigen wirksamen Mittel in der Krise. Distanz zu sich selbst. Wahrscheinlich gilt das auch für die Mode. Menschen verlieren ihre Existenz. Wie will man da über ein Fashion-Item reden? Über einen Trend, den niemand auf der Straße vorführt, den niemand, im Café mit Freunden sitzend, beobachten kann.

Da kann sich das Internet anstrengen, wie es will. Es interessiert schlicht nicht, ob jetzt irgendjemand dem Imperativ des Must-Have gehorcht und auf der Dior-Internetseite den Bestell-Button für eine graue, geradlinige Jeansjacke klickt und gleich noch die passende graue Hose, das passende „J’Adior“-Armbandset und, wenn es unbedingt sein muss, eine geupdatete Grau-Version des Klassikers der Dior-Handtaschen, eine Lady-D-Lite bestellt.

Ich erinnere mich daran, wie ich den grauen Pulli gekauft habe und dass ich die Umkleidekabine nicht verlassen habe, um den Look vor dem Spiegel zu prüfen. Ich wollte gar nicht genau sehen, ob er mir steht oder nicht. Eher nicht. Aber so ist das mit Sympathie. Man kann sich nicht dagegen wehren, und sie vergeht auch nicht so schnell.

Vor gut einem Jahr hat die Schauspielerin und Fashion-Ikone Sarah Jessica Parker in der amerikanischen „The Today Show“ mit diesem Gedanken kokettiert. Sie würde, sagte die Fashion-Expertin, ihre Garderobe am allerliebsten auf einen grauen Pullover und ein Paar grauer Hosen reduzieren und sich von all den Kleidern trennen, die sie absurderweise aufhebt, weil sie irgendwann, rein theoretisch, wieder super darin aussehen könnte. Anders formuliert: In einem grauen Pullover fällt es leichter, sich nüchtern zu betrachten, sich nichts mehr vorzumachen und auf diese Weise das Leben vielleicht intensiver zu genießen als mit großen Illusionen im Gepäck.

Die Dinge sind eben nicht schwarz oder weiß, sondern, wie einer der berühmtesten Virologen dieses Landes in seinem Podcast zur Corona-Krise formulierte, „in Wahrheit immer noch viel komplizierter“. Nein, wir wissen nicht genau, wann es einen Impfstoff gegen Covid-19 geben wird. Nein, der Spuk ist nicht einfach wieder vorbei.

Das Grau ist in dieser Akzeptanz zu Hause. Irgendwo „dazwischen“ liegt es, jedenfalls seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert: Der französische Historiker und Experte für westliche Symbolik Michel Pastoureau erklärte mal in einem Vortrag, wie schwarze Buchstaben auf weißem Papier das Grau verorten und als Mischverhältnis konstituieren. Wie Grau erst im Mittelalter auf die Liste der Farben geriet und dort sehr angesehen war. Für den Dichter Charles d’Orléans beispielsweise, den über 25 Jahre in den Händen der Engländer gefangenen Neffen des französischen Königs Karl VI., war Grau die Farbe der Hoffnung. Als seine Gewänder grau und grün waren, so erinnert er sich in einem Gedicht, war das die Zeit seiner Jugend und der Liebe zu seiner Dame.

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Grau in Zusammenhang mit der Hoffnung zu bringen, das klingt für zeitgenössische Ohren wahrscheinlich sonderbar. Ist Grau nicht eher das Grau gepflegter Langeweile und trendbewusster Inneneinrichtungen, das Grau des Businessanzuges und der silbergrauen Karosserie, und was ist eigentlich mit der grauen Maus, diesem alten Klischee aus dem unerschöpflichen Vorrat sexistischer Frauenbilder? Sie huscht vorbei, lässt den Schönen, den Begehrten den Vortritt. Mögen sie das Rot und Schwarz, die Spitze tragen und dazu einen Hauch von Skandal. Die graue Maus bleibt bescheiden und raschelt höchstens ein bisschen am Bühnenrand.

Grau. Das sind Rollenfächer, Nuancen und Widersprüche, die nicht verschwinden, nur weil man die Ambivalenz nicht ertragen kann. Grau ist die Uniform, der Arbeitskittel. Grau ist Loriots 28-teilige belgische Graukollektion in bester Qualität, wie sie in seinem Film „Ödipussi“ ungefragt vom Inneneinrichter Winkelmann gezeigt wird. „Mausgrau, staubgrau, aschgrau, steingrau, bleigrau, zementgrau“, so zählt er es den potentiellen Kunden auf, die selbst so grau sind, dass sie vor ihrem schon sehr grauen Mobiliar kaum auffallen – und deswegen mutmaßlich unglücklich sind, glaubt zumindest die Therapeutin.

Steine und Mineralien sind grau. Die Haut des Elefanten. Delphine. Das Gewitter ist grau und das kleine hässliche Entlein im Märchen von Hans Christian Andersen, das auf dem kummervollen Weg ist, ein Schwan zu werden. Und nicht zu vergessen: Der Morgenmantel von Holly Golightly in „Breakfast at Tiffanys“ ist grau, und eben nicht weiß wie im Film. Holly hat ihn beim ersten längeren Gespräch mit dem Erzähler an, nachts, auf der Flucht vor einem bisswütigen Mann in ihrer Wohnung. Holly wird niemals die Geliebte des Erzählers werden. Es ist noch nicht einmal klar, was aus Holly und ihrer Schwäche für Grau- und Blautöne geworden ist. Ob sie, wie der Besitzer der Bar, in der sie regelmäßig auftauchte, rätselt, mittlerweile tot, in der Psychiatrie oder verheiratet ist.

Mit Grau funktioniert auch der Abstand gut

Das Grau lässt vieles in der Schwebe, und durch meine in der Isolation blühende Phantasie spaziert Holly Golightly in silbergrauem Kostüm. Leider sehe ich sie nur aus der Entfernung, so dass ich nicht sicher sagen kann, ob sie Audrey Hepburn ähnlich ist. Mit Grau funktioniert auch der Abstand gut. Was nicht ohne Charme ist. Schließlich beweist die Mode, diesmal unfreiwillig, ihren Sinn für Ironie. Dass sie ausgerechnet für diese Saison Grau ins Rennen schickte, nichtsahnend – und trotzdem so passend! Jedenfalls sollte es dieser Farbe nicht schwerfallen, einen Meter fünfzig, besser: zwei Meter Abstand zu halten. Geschweige denn, auf einen Handschlag zu verzichten.

Grau. Das war die erklärte Lieblingsfarbe des Handschlagvermeiders und Genies Glenn Gould, und wer in diesen Tagen eine halbe Stunde Bildschirmzeit übrig hat, kann auf Youtube („On the record“) nicht nur bewundern, wie Gould 1959 Bachs Italienisches Konzert einspielt, sondern auch einen Moment in die Weiß- und Grautöne der kanadischen Winterlandschaft versinken, von der Gould während einer Aufnahmepause im frühsommerlichen New York erzählt. Als kleiner Junge sei er an Sonntagnachmittagen mit den Eltern vom Land zurück nach Toronto in die Stadt gefahren, der Radioübertragung der New Yorker Philharmoniker lauschend.

Der Gedanke an Schneegestöber und graue Wolken. In diesem unheimlichen und beklemmenden Frühling kann es kaum eine schönere Einladung geben, sich aus der Enge heraus zu träumen. Schon komisch. Wie weit man sich in dieser Krise von vielem entfernt, was bis gerade eben noch wichtig war. Der graue Pulli, glaube ich, wusste das schon immer.

Quelle: F.A.S.
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