Mode in der Corona-Zeit

Auf Wiedersehen, du Jogginghose

Von Jennifer Wiebking
26.06.2020
, 09:02
Soll niemand sagen, das Stilbewusstsein bliebe bei Hitze auf der Strecke. In Corona-Zeiten wächst auch die Sehnsucht, etwas aus sich zu machen.

Das grüne Kleid mit großem Blumenmuster ist aus Seide. Festlich anmutende Volants umspielen die Schultern. Das Stück wäre etwas für Hochzeiten, auf denen man Gast ist. Für Tage im Büro, an denen wichtige Termine anstehen. Für Dienstreisen, die früh am Morgen beginnen, wenn sich ein warmer Tag schon andeutet. Für Gelegenheiten, von denen es auf absehbare Zeit nicht allzu viele geben wird. Deshalb bleibt das grüne Kleid aber nicht im Schrank hängen. Seine Besitzerin, Ivana heißt sie, trägt es am Pfingstmontag auf einem Spaziergang mit einem Freund durch den Hofgarten in Düsseldorf. Ivana, Wirtschaftsprüferin und 33 Jahre alt, arbeitet zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zehn Wochen im Homeoffice, so wie Millionen Deutsche. Ein Glück, dass das möglich sei, sagt auch Ivana. Natürlich. „Aber der Ausgleich fehlt trotzdem.“

Ausgleich bedeutet eben nicht nur: Trennung von Esstisch und Schreibtisch. Der Weg zur Arbeit, bei dem man auf andere Gedanken kommt. Der regelmäßige Umgang mit anderen Menschen, und sei es nur der eine Kollege am Schreibtisch gegenüber. Für Ivana gehört zum Ausgleich auch das morgendliche Zurechtmachen. „Stattdessen trage ich bei der Arbeit jetzt Jogginghose und bin ungeschminkt.“ Deshalb steht die Wirtschaftsprüferin nun im Park in diesem grünen Kleid aus Seide. „Wäre alles wie immer, hätte ich heute bestimmt eher eins aus Baumwolle ausgewählt.“ Die Wimpern hinter den Gläsern ihrer Sonnenbrille sind dunkel getuscht. Über der Schulter trägt Ivana eine weiße Ledertasche. Das Gegenteil von lockerem Feiertagslook. Eigentlich. Denn wenn man sich seit einigen Wochen umschaut, dann überwiegt der Eindruck, dass noch ein paar mehr Menschen das Ritual des morgendlichen Zurechtmachens im Alltag für die Welt da draußen vermissen.

Das Comeback des Sonntagsstaats

Stattdessen werden Sonn- und Feiertage jetzt zur neuen Möglichkeit, um sich ein bisschen aufzubrezeln. Um endlich mal aus der Homeoffice-Jogginghose zu kommen. Man sieht bei solchen Gelegenheiten Menschen im Museum, die anstelle von Jeans und Turnschuhen sorgfältig aufeinander abgestimmt aussehende Röcke zu Blusen tragen. Dazu im Ernst High Heels. Papas beim Kicken mit den Kindern in der verkehrsberuhigten Straße, die, okay, Shorts tragen, aber diese mit gebügelten Poloshirts kombinieren. Man sieht Frauen in teadresses, in knöchellangen Kleidern mit halben Ärmeln und lieblich fallenden V-Ausschnitten, als müssten sie zum Nachmittagstee auf gepolsterten Sesseln verabredet sein und nicht hier, auf der Wiese der Sommerbar mit ihren Liegestühlen.

Eine um den Hals gelegte Perlenkette hier, eine feine Bluse da und jemand im Sportsakko dort drüben. Dazwischen zwar immer noch genug Birkenstocks, Crocs und Flipflops, und auch die Wirtschaftsprüferin Ivana trägt an diesem Pfingstmontag zum schicken grünen Kleid weiße Sneakers. Das Bild an Orten in diesem Sommer, an denen Menschen Freizeit feiern, ist trotzdem deutlich wohlanständiger. Irgendwie höflicher der Umwelt gegenüber.

Schicksein, um Abstand vom Alltag zu bekommen

Sicher, es hilft, dass die Frisuren wieder sitzen, dass jetzt alle frischgeschnittene und frischgefärbte Haare haben. Also alle, bis auf die Friseure selbst. „Keine Zeit, sich gegenseitig zu helfen“, sagt die Friseurin mit Pferdeschwanz und lacht. Mit den meisten vereinbare sie schon Folgetermine, denn in plus minus drei Monaten wird es abermals voll, wenn alle zur selben Zeit wiederkommen müssen. Andererseits, was heißt schon müssen. Kaum ein Smalltalk oder das, was davon in der harten Phase, als auch die Friseure geschlossen hatten, übrig geblieben war, in dem es nicht auch mal kurz um die Corona-Mähne ging. Die Sehnsucht nach dem Salonsessel. Grown-out-bobs und shadow-roots, zwei Frisurentrends der jüngeren Vergangenheit, dürften jetzt jedenfalls erst mal für längere Zeit Geschichte sein. Zu schlimm sind die Erinnerungen an unordentlich ausgewachsene Bobs und Haaransätze, als dass so etwas noch zum modischen Weiterdreh taugt.

Könnte es also sein, dass es erst diese Zeit zu Hause brauchte, in der Jogginghose, um zu erkennen, was es bedeutet, dem Leben mit ein bisschen Stilbewusstsein zu begegnen? Dass die neue Realität, vom Bett Richtung Bad Richtung Schreibtisch, sofern es denn erst einmal dabei bleibt, dazu führt, dass sich der Dresscode langfristig verändert? Dass Schicksein die neue Art ist, Abstand vom Alltag zu bekommen?

Noch vor wenigen Monaten war die Stimmung im Hinblick auf Bekleidung eine ganz andere. Es konnte gar nicht bequem genug sein. Das Stichwort dazu hieß „Athleisure“, also eine Ausstattung aus Jersey und Hauptsache atmungsaktiven Stoffen, Teile, die man theoretisch auch zum Sport tragen konnte, die aber längst als besserer Look für die Freizeit verstanden wurden. Mit Freizeit war so gut wie jeder Lebensbereich gemeint, der nichts mit Büro zu tun hatte. Und selbst dort, etwa auf Vorstandsebene, wurden Hoodies und Sneaker als Insignien eines gesteigerten Gesundheits- und Fitnessbewusstseins gehandelt. Entspannt, als käme man gerade vom Yoga, ging es wie selbstverständlich in die Fußgängerzonen, auf Reisen, in die Bars am Abend.

Die Entstehung eines urbanen Stils

Ein Anruf bei Viola Hofmann, die sich an der TU Dortmund mit Kulturanthropologie im Hinblick auf Mode und Textilien beschäftigt und im vergangenen Herbst das Buch „Fashion and Materiality“ mitherausgegeben hat. Darin geht es um den Zusammenhang zwischen Mode und den Orten, an denen sie zum Einsatz kommt. „Kleidung ist ein Konstrukteur für den Raum“, sagt Hofmann. „Sie zeigt, welches mentale Konzept diesem Raum unterliegt, in dem wir uns gerade befinden.“ Nun seien Räume und Konzepte in der Vergangenheit immer durchlässiger geworden. Die gesteigerte Mobilität ist ein Faktor, der das begünstigt habe. Die erhöhte Geschwindigkeit, mit der das Leben für viele seit einiger Zeit abläuft, ein anderer. „Damit hat sich auch die Kleidung verändert. Sie musste für immer mehr Raumkonzepte und Situationen passend sein.“

Was daraus folgte, war die Entstehung eines urbanen Stils, auf den man sich global geeinigt zu haben schien. Leggings und Sweatshirts, Jeans und Turnschuhe. „So etwa: Dann fliege ich mal schnell nach London und laufe mit meinen Sneakers durchs Victoria & Albert Museum, was offensichtlich überhaupt kein Problem ist. Aus dem Anspruch, dass die Kleidung im Alltag bequem sein muss, ist schon fast ein Diktat geworden“, sagt Hofmann. Dann kam Corona.

Bequemlichkeit als Bürgerrecht

Zunächst schien sonnenklar, was die Pandemie für die unmittelbare Zukunft von Bekleidung bedeuten müsste: Bequemlichkeit als eine Art Bürgerrecht würde noch wichtiger werden und zugunsten des Stretch-Anteils des Kleiderschrankinhalts gehen. Die Leute brauchten mit Sicherheit keinen neuen Schwung Hemden, keine Anzüge, keine Cocktailkleider. Konsum-Umfragen, die es dazu gibt, von der Mode-Plattform Stylight, die in 16 Märkten aktiv ist zum Beispiel, zeigen: Wer im Frühjahr 2020 überhaupt noch etwas kaufte, online natürlich, gab sein Geld überdurchschnittlich häufig für Loungewear, Sportswear und Homewear aus. In den Suchanfragen verzeichnete Stylight einen Anstieg bei Jogginghosen um 27 Prozent, bei Sport-BHs um 40 Prozent, bei luxuriösen Pyjamas um 50 Prozent. Wo sollte man auch sonst sein in seinen neuen Sachen, außer zu Hause oder mal eben zum Joggen um die Ecke? „Mit der Krise haben wir Grenzen gezogen bekommen“, sagt Viola Hofmann von der TU Dortmund. „Damit hat auch die ehemals so große Durchlässigkeit der Räume gelitten.“ Viele dieser Räume waren schließlich erst einmal dicht.

In anderen Ländern sind sie das noch immer oder öffnen nur langsam. In Großbritannien zum Beispiel sperren die Läden, die nicht zur kritischen Infrastruktur gehören, erst seit Anfang dieser Woche wieder ihre Türen auf. Am Dienstag postete Tara, 33 Jahre alt, die ursprünglich aus Wien kommt und in London als Bankerin arbeitet, ein Foto in ihren Instagram-Stories mit folgender Zeile: „Way too dressed up to go to the manicure.“ Viel zu schick für die Maniküre. Auf dem Foto ist sie zu sehen in einem bodenlangen Kleid in Orange, Ledertasche von Hermès in der Hand. „Das war das erste Mal seit Monaten, dass ich rausgegangen bin und als Ziel nicht den Supermarkt hatte. Endlich mal ein Grund, sich herzurichten“, sagt sie. Seit drei Monaten arbeitet sie von zu Hause aus.

Homeofice? Vielleicht bis August 2021!

Bis wann sie dort bleiben werde, mal sehen. Auch Tara erzählt von der anfänglichen Herausforderung, als plötzlich das vorgeschaltete Alltagsritual des Sich-Zurechtmachens morgens ausblieb und wohl auf absehbare Zeit fehlen wird. „Wenn wir wollen, können wir bis zum 31. August 2021 im Homeoffice bleiben.“ Ihr Look habe sich schon jetzt verändert: „Vor dem Lockdown trug ich meistens dunkle Farben und Beige. Jetzt greife ich intuitiv zu Farbe. Je mehr Farbe, desto besser. Wenn man schon rausgeht, muss man die Gelegenheit auskosten.“

Auch die Kulturanthropologin Hofmann von der TU Dortmund hat den Eindruck, dass mit der Erweiterung des Radius, mit den allmählich vollzogenen Lockerungen, die Freude zunehme, sich für Anlässe schick zu machen. Das bedeute ihren Beobachtungen nach aber nicht, dass man schon wieder zurückgekehrt sei zum großen Konsumieren. Konkreter formuliert: „Shopping-Trips, offline und online, sind um zwei Drittel zurückgegangen“, sagt Petra Dillemuth von der GfK.

Stattdessen passiert nun etwas anderes: „Die Leute gehen vielleicht erst einmal in ihren Schränken einkaufen und entdecken Dinge, die darin die ganze Zeit herumhingen“, sagt Hofmann. Stücke, in denen man in den vergangenen Wochen keine Minute auf der Couch oder am Küchen-Schreibtisch verbracht hat. Die eher schickeren Teile, die nun wieder raus sollen, da man es selbst darf.

Der Lockdown als Stresstest für den Kleiderschrank

„Ich sehe plötzlich Stücke in meinem Kleiderschrank, die ich noch nie anhatte. Teilweise hängen noch Preisschilder daran“, sagt Tara aus London. Beim Anblick ihrer Garderobe habe sie einen Entschluss gefasst: „Jetzt, da es mit den Lockerungen die ersten Möglichkeiten gibt, die Stücke auch anzuziehen, nehme ich mir für diesen Sommer vor, alles mindestens einmal zu tragen. Wenn ich das nicht schaffe, muss das jeweilige Teil weg. Dann brauche ich es auch nicht.“ Die Zeit nach dem Lockdown als ultimativer Stresstest für den Kleiderschrank.

„Ich könnte mir vorstellen, dass der Wunsch zur Rückkehr in einen geordneten Alltag dazu führt, Kleidung anlassgebunden einzusetzen“, sagt Hofmann. „Zoom-Call-Kleidung und Mode, die genau dazu Distanz schafft“, sagt Tara. Also Leggings und etwas halbwegs Repräsentatives darüber, für die Kamera. Und besondere Stücke für das Leben vor der Haustür, um Gelegenheiten bewusster zu erleben, als das im selben Paar Jeans und Turnschuhe jemals möglich wäre.

Und Ivana, die Frau im grünen Seidenkleid am Feiertag, erzählt, wie sie neulich mal wieder für einen einzigen Tag ins Büro musste. Oder durfte. „Ich trug zwar Jeans, aber hatte die Schuhe auf meinen Pullover abgestimmt, beides in Pink. Mein Highlight an dem Tag.“

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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