Der Pariser

Von JENNIFER WIEBKING, Fotos von PHILIPP VON DITFURTH

21. September 2021 · Olivier Rousteing war erst 25 Jahre alt, als er Kreativ-Direktor von Balmain wurde. Zehn Jahre später steht er wie kein Zweiter für das, was sich in der Mode verändert hat – und redet auch über das, was unantastbar bleibt.

Fragen, die Olivier Rousteing noch vor einigen Jahren gestellt bekam: Kann Hip-Hop Luxus sein? Das war 2014, als er zum ersten Mal in großem Stil mit Rihanna zusammenarbeitete. Oder: Muss das Casting einer Modenschau wirklich so viele Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben berücksichtigen? Das war nach seiner dritten Schau, im Jahr 2012, als Rousteing neben den zu dieser Zeit allgegenwärtigen weißen Frauen auf den Laufstegen auch ein paar Models asiatischer und afroamerikanischer Herkunft ausgewählt hatte. „Aus heutiger Sicht absurd“, sagt Olivier Rousteing. „Es zeigt, was für ein heikles Thema Geschichte ist.“

Die Gegenwart in der Mode sieht nämlich ganz anders aus: Wer als Designer heute nicht mehr auf Vielfalt unter den Models seines Castings achtet, ist noch vor dem Finale erledigt. Rihanna gehört in den Olymp der Mode. Und was überhaupt Mode ist oder wird, entscheidet sich in vielen Fällen auf der Straße. „Wenn ich damals vor zehn Jahren die Prügel in Kauf genommen habe, dann war es das auf jeden Fall wert“, sagt Olivier Rousteing. „Jetzt gibt es darüber endlich eine Debatte. Lange hat mir niemand zugehört. Das war frustrierend.“


„Wenn ich damals vor zehn Jahren die Prügel in Kauf genommen habe, dann war es das auf jeden Fall wert“
OLIVIER ROUSTEING

Olivier Rousteing kann sich aus schönem Anlass gehört fühlen: Seit zehn Jahren ist er als Kreativ-Direktor verantwortlich für die Pariser Modemarke Balmain. Wie kein Zweiter steht er für das, was sich in der Branche in dieser Zeit verändert hat. Die Mode ist nicht mehr die verschlossene Auster, die sie einmal war. Die Livestreams von den Schauen, die Live-Talks mit Designern auf Instagram kann sich jeder anschauen. Nicht alle Designer sind für so etwas auch privat zu haben, viele sind von Natur aus scheue Wesen. Aber wenn einer mittendrin ist, dann ist es Olivier Rousteing.

Olivier Rousteing, geboren am 13. September 1985, ist schon seit 2011 Chef-Designer der Pariser Modemarke Balmain.
Olivier Rousteing, geboren am 13. September 1985, ist schon seit 2011 Chef-Designer der Pariser Modemarke Balmain.

Sein Leben ist omnichannel, kanalübergreifend. Auf TikTok (718.000 Follower) und Instagram (6,8 Millionen Follower) gibt er seinen Alltag zum Besten, inklusive Spiegel-Selfies und Boxtraining am Morgen. Mit Porsche, dessen Botschafter er ist, stellt er öffentlich seine Leidenschaft aus. Sein Modell: Taycan, schwarz. „Schön für Ausfahrten in die Normandie. Für die Stadt habe ich einen Fahrer.“ In einer Netflix-Dokumentation vor zwei Jahren macht sich der Designer, der einst aus einem Kinderheim adoptiert worden war, auf die Suche nach seiner Mutter. Und sein Gespür für Prominente kommt jenem gleich, mit dem Karl Lagerfeld Chanel über Jahrzehnte modern gehalten hat. Auch Rousteing kleidet die jeweils in ihrer Zeit angesagten Frauen ein: Gigi Hadid, Kaya Gerber, J.Lo, Kim Kardashian, Rihanna und Kendall Jenner zum Beispiel. Für Beyoncés große „On the Run Tour II“ im Jahr 2018 steuerte er mehrere Kostüme bei.

Olivier Rousteing macht Luxusmode, führt sie zugleich jedoch näher heran an die Popkultur. Noch so eine Frage, die er schon häufiger gehört hat: Kann Luxus Pop sein? „Luxus ist elitär, also exklusiv, nicht inklusiv“, sagt Rousteing. „Dass Luxusware ihren Preis hat, ist nicht zu ändern. Aber das bedeutet doch nicht, dass man nicht alle Leute in seine Welt einladen könnte. Dass man deshalb anderen diesen Traum nehmen müsste.“ Auch deshalb ist er bei TikTok, Instagram, Netflix. „Popkultur ist wichtig, denn Pop bedeutet popular, bedeutet population.“

Olivier Rousteings berühmteste Fans: Kim Kardashian (2017), Beyoncé (2016), Rihanna (2014), alle in Balmain Fotos: Getty (2), AP

Übermorgen wird Olivier Rousteing 36 Jahre alt. Das zeigt, wie jung er war, als er bei Balmain anfing: 25. Zuvor hatte er dort zwei Jahre lang im Team unter Christophe Decarnin gearbeitet. Davor war er bei Roberto Cavalli. Und davor hat er studiert. „Es braucht diese erste Schau, um vom Designer zum Kreativ-Direktor zu werden“, sagt er. Da standen dann die Models, die ihn zuvor von den Seiten der Magazine angeschaut hatten: Natasha Poly, Freja Beha Erichsen, Anja Rubik. „Auf einmal schauten sie mich an.“ Auch die Modekritiker schauten ihn nun an: Anna Wintour, Suzy Menkes, Tim Blanks. „Ich wusste vorher nicht, was auf mich zukommen würde.“ Der Beginn sei einerseits berauschend gewesen, andererseits tough. „Wenn man 25 ist und die schlechtesten Kritiken bekommt, denkt man, das Leben wäre vorbei.“

Dass die Meinungen über Rousteings Arbeit bei Balmain in den ersten Jahren geteilt waren, lag an der Stimmung in jener Zeit. Phoebe Philo hatte gerade bei Céline angefangen und mit dem von ihr kultivierten Frauenbild eine Version von Stil vorgelegt, die konsensfähiger war. Es war die Zeit, als hitziger als zuvor über Frauenquoten in Unternehmen diskutiert wurde, über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, und mit Céline gab es passende Mode zur Debatte. Unaufgeregte Kleidungsstücke für das Leben, mit denen sich Frauen eine zuverlässige Garderobe aufbauen konnten. Mode als Ausdruck eines offenbar selbstbestimmten Lebens. Viele Designer machten mit, auch die Fast Fashion war dabei.


„Wenn man 25 ist und die schlechtesten Kritiken bekommt, denkt man, das Leben wäre vorbei.“
OLIVIER ROUSTEING

Olivier Rousteing gehörte nicht dazu. Balmain ist ein maximalistisches Haus, bis zum damals angesagten Minimalismus wäre es ein weiter Weg gewesen. Es wäre auch kaum sein Stil gewesen. Der passte umso besser zu der von Pierre Balmain (1914 bis 1982) gegründeten Marke.

Über der Stadt: Für Pariser Verhältnisse arbeitet Olivier Rousteing ungewöhnlich weit oben. Das Büro hat er zum Einstand renovieren lassen.
Über der Stadt: Für Pariser Verhältnisse arbeitet Olivier Rousteing ungewöhnlich weit oben. Das Büro hat er zum Einstand renovieren lassen.

Einen Eindruck davon bekommt man an diesem Sommertag im Juli, an der Rue Pasquier in der Zentrale von Balmain in Paris, wo auch Karl Lagerfeld in den Fünfzigern als junger Assistent seine Karriere begann. Die Tür des Aufzugs öffnet sich auf der obersten Etage. Es geht über Atelier-Flure, rechts und links sitzen junge Leute an Schreibtischen. Überall blitzt und glänzt es. Sehr viel Gold, sehr viel Bling. „Die Arbeit an der Schau“, sagt Rousteing. Dann eine Treppe hinauf in sein Büro. Der Straßenlärm klingt von hier aus weit entfernt. Für Pariser Verhältnisse arbeitet Rousteing ungewöhnlich weit über der Stadt. Ein passender Ort, denn er sagt: „Als Designer muss man in der Zukunft leben.“ Zum Einstand bei Balmain hat er renovieren, einen Schreibtisch aus schwarzem Marmor heranschaffen lassen. Rousteing streicht über die große, glatte Fläche. „Meine Küche zu Hause sieht auch so aus. So mag ich es.“

Die Balmain-Jacke, zweireihig, bestickt, starke Schultern, war schon in den nuller Jahren ein Trend. Da setzte auch Rousteing an und kreierte einen Look, der die Coolness dieser Jacke mit jedem anderen Stück zitierte. Das war weit weniger gefällig als der Look der Zeit, verkaufte sich aber umso besser. So sei es noch heute. „Nicht das T-Shirt mit dem Logo ist unser Bestseller, es sind die aufwendigsten, teuersten Stücke.“ So sei es auch jetzt in der Pandemie. Und die für Balmain aktuell wichtigen Märkte lägen eher nicht in Europa, sondern in Asien. Auch die Vereinigten Staaten gehörten dazu.


„Als Designer muss man in der Zukunft leben.“
OLIVIER ROUSTEING

Es muss ein umso schönerer Anblick für den Designer gewesen sein, als er sich nach dem Lockdown das erste Mal mit Freunden im Hotel Costes an der Rue SaintHonoré traf: „Ich saß in meinem Sessel und zählte die vielen Balmain-Jacken um uns herum.“ Auch so sieht Zustimmung aus. Die Ablehnung in der Modebranche habe ihn nur stärker gemacht, sagt er. „Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass ich lieber für das gehasst werden möchte, was mich ausmacht, als für etwas geliebt zu werden, was ich gar nicht bin.“

Rousteing kalkulierte richtig. Die Mode veränderte sich. Es regiert längst nicht mehr nur ein Stil. Der nie abreißende Strom an Bildern und Clips in den sozialen Medien sorgt dafür, dass Mode immer und überall zu sehen ist. Alle können mitmachen. Es geht also längst nicht mehr um die Ansage eines Designers, aus der sich ein universeller Trend ergibt, sondern um eine möglichst starke individuelle Aussage. „Es ist schön, jetzt jüngere Designer beobachten zu können, die einfach sie selbst sein dürfen“, sagt er. „Als ich hier ankam, zweifelten viele an meiner Arbeit. Es dauerte, bis sie verstanden, dass ich meine eigene Ästhetik habe.“

Präsentation von Balmain zur Pariser Fashion Week im Februar 2020.
Präsentation von Balmain zur Pariser Fashion Week im Februar 2020. Foto: EPA

Olivier Rousteing war nicht nur einer der Ersten, die ein diverseres Casting ernstnahmen, er war selbst der erste schwarze Designer eines Pariser Modehauses. „Aber das wurde damals gar nicht thematisiert. Es ging weder um meine Hautfarbe noch um die fehlende Vielfalt in der Mode. Deshalb habe ich mich häufig gefühlt wie der rosa Elefant im Raum. Erst in den vergangenen Jahren habe ich – über diese Gespräche – in gewisser Hinsicht meine Hautfarbe zurückbekommen.“

Jetzt reißen die Fragen nicht ab. Wenn es in der Mode gerade um ein möglichst individuelles Bild geht, sollen auch möglichst viele Stimmen gehört werden, Gesichter gesehen werden. „Ich habe aber auch den Eindruck, dass es für viele ein Trend ist“, sagt Rousteing. „Für mich geht es um mehr.“ Nicht um eine Ästhetik, sondern um den Ausdruck von Werten.

Es ist Olivier Rousteings Lebensthema. Die Dokumentation über ihn zeigt es. Seine leibliche Mutter brachte ihn im Jahr 1985 in einer vertraulichen Geburt in Bordeaux per Kaiserschnitt auf die Welt. Als sie aus der Narkose aufwachte, war das Neugeborene schon fortgebracht. Wenige Monate später nahmen ihn die Rousteings auf und adoptierten ihn. Olivier wuchs in behüteten Verhältnissen auf, „sehr konservativ, sehr französisch“. Die Eltern waren in den Naturwissenschaften tätig. „Sie waren etwas besorgt, als ich ihnen dann später eröffnete, dass ich Designer werden wollte.“ Zuvor hatte Rousteing Jura studiert und später auf Mode umgesattelt, an der Esmod in Paris.

„Weil ich aus dem Waisenhaus kam, weil sie weiß waren und ich schwarz, bedeuteten die Werte, die sie mir vermittelten, besonders viel: Sei du selbst. Ändere dich nicht für andere.“ Mit Konflikten im Umfeld hatte die Familie trotz allem in Oliviers Kindheit zu kämpfen: „Vor 30 Jahren gab es einfach so viele Menschen mit Vorurteilen, die dich nicht geachtet haben, weil du nicht in das angeblich typisch französische Schema gepasst hast.“

Ausgerechnet der Junge von damals zeigt seine Kollektionen heute an einem der repräsentativsten Orte des Landes, dem prunkvollen Hôtel de Ville in Paris. Lässt sich von seinem Chauffeur durch die Stadt fahren. Zückt an diesem Tag eine Packung Zigaretten aus einer überdimensional großen schwarzen 2.55-Tasche von Chanel und setzt sich ans Fenster. Nebenbei sieht er umwerfend aus. Es gibt keinen französischen Traum, analog zum amerikanischen, aber mit seiner Erscheinung zeigt Olivier Rousteing trotzdem: Seht her, was möglich ist!

Warum brauchte es dann diese Dokumentation, die öffentliche Suche nach der Mutter? „Ich wollte es hinter mir lassen können. Diese Frage hat mich so lange verfolgt, ich habe so lange nach Antworten gesucht, und die Kamera hat dafür gesorgt, dass ich nicht aufgebe.“ Rousteing ist sich auch seiner Vorbildrolle bewusst gewesen: „Zu zeigen, dass es hinter der Fassade, hinter diesem Glamour, noch um etwas anderes geht.“

In „Wonder Boy“, so der Titel der Dokumentation, kann man beobachten, wie Rousteing die Rollen wechselt. In einem Moment ist er der erfolgreiche Pariser Chefdesigner, der sich mit einem Starbucks-Kaffee vor dem Büro des Jugendamts in Bordeaux vorfahren lässt. Im nächsten ist er der Sohn, der seine Mutter sucht. Der seit Jahrzehnten nach einer Antwort auf diese Frage sucht und vielleicht gerade deshalb so laut lebt, auf allen Kanälen präsent ist. Der weint und sich windet, als er jetzt erfährt, dass sie, eine Somalierin, erst 14 war, als sie mutmaßlich von einem 25 Jahre alten Äthiopier vergewaltigt wurde. „Fühle ich mich jetzt besser, weil ich eine Antwort habe?“, fragt Rousteing heute, in seinem schicken Pariser Büro. „Ja. Habe ich meinen Frieden gefunden? Nein.“ Worauf er stolz ist: „Zu wissen, dass ich zur Hälfte somalische, zur Hälfte äthiopische Wurzeln habe.“ Und: „Dass ich in Bordeaux geboren und aufgewachsen bin.“ Und: „Dass ich ein neues Frankreich repräsentiere.“

Wobei: Er sagt auch, neu in Frankreich, das sei so eine Sache. „Frankreichs Stärke ist seine Geschichte, und Frankreichs Schwäche ist seine Geschichte.“ Die Grande Nation steht der Veränderung im Weg. „Es gibt diesen Eindruck, etwas so Geschichtsträchtiges dürfe man auf gar keinen Fall verändern.“ Das betreffe nicht zuletzt die Mode, sagt Rousteing. „Die komplizierteste in ganz Europa, aufgeladen mit Klischees. Wenn Sie mit einem Moodboard Frankreich beschreiben wollen, kleben Sie einfach Jane Birkin, Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot nebeneinander. Ziehen Sie ein Breton-Top an und eine Perfecto-Lederjacke über und waschen Sie Ihre Haare nicht. Dann sind Sie cool und mühelos.“ Rousteing rollt mit den Augen. „Das ist doch so blasiert, so langweilig.“

Es ist jedenfalls nicht sein Bild von Mode, das er mit seiner Arbeit zeichnet – breite Schultern, Hosen bis zur Taille, hier und da ein freier Bauchnabel, dicker Schmuck. Es ist auch nicht seine Interpretation von Frankreich, seiner Heimat. An keinem Ort der Welt wäre er gerade lieber. „Aber dann stehen diese Möchtegern-Mühelosen mitten in Paris, an der Concorde mit ihrem fetten Obelisk in der Mitte, in Versailles, in den Tuilerien. Selbst das Centre Pompidou ist ja nicht gerade minimalistisch.“

Olivier Rousteing könnte mit seiner Art, seinem Stil, seinem Verständnis für die Celebrity-Kultur auch in die Vereinigten Staaten passen. Kanye West kannte er schon länger, als dieser, damals noch bei Sinnen, ihm vor gut sieben Jahren von seiner Freundin erzählte. Bei der jährlichen Met Gala in New York lernte er Kim Kardashian kennen. „Sie war damals schüchtern, und ich war schüchtern. Das war unsere Basis.“ Es sei die Zeit gewesen, als er noch zu den jüngeren, skeptisch beäugten Designern gehörte, und als die Mode noch nicht offen für sie war, die Frau mit der Realityshow. „Wir Outsider kamen uns näher. Unglaublich, was sie heute erreicht hat. Ich glaube, niemand ist auf mehr Titelseiten erschienen als sie.“

Kim Kardashian hat für ein neues Körperbild unter jungen Frauen gesorgt, sie arbeitet mit Fendi zusammen, führt eine Beauty-Marke und ein Wäsche-Label, mit dessen Teilen sie in diesem Jahr die amerikanischen Olympia-Teilnehmer ausgestattet hat. „Das ist für mich der Zauber der Mode“, sagt Olivier Rousteing. „Du kannst bei null anfangen und Königin werden.“


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