Na Casa da Paula

Von UBIN EOH und RABEA SCHIF, Fotos LAILA SIEBER

10. Mai 2021 · Paula Macedo Weiß ist Juristin, Kunstvermittlerin, Farbexpertin, Autorin und Mutter von vier Kindern. Ihr Haus lebt auch von Kunst und Design.

Ein trüber Tag in Frankfurt, es regnet im Nordend, Sturmtief Klaus gibt keine Ruhe. Schwungvoll öffnet sich die Tür der dreistöckigen Altbauvilla. Paula Macedo Weiß lässt das Wintergrau in einem zitronengelben Blumenkleid mit Stufenvolants vergessen. Mit dem Anti-Grau geht es gleich weiter. Der Eingangsbereich ihres Hauses leuchtet grün, und an welche Wand man auch schaut: Kunstwerke. Geradewegs geht der Blick auf ein wandfüllendes Gemälde des Künstlers Michael Riedel. An der Treppe ins Untergeschoss, angestrahlt von Bocci-Leuchten, Schwarz-Weiß-Fotografien von Barbara Klemm. Eine weiße Holzwendeltreppe führt in die obere Etage. Und auch von der hohen Decke hängen leuchtende Glaskugeln von Bocci.

Bocci-Leuchten erfüllen die Eingangshalle. Cockerspaniel Mila macht es sich unter einem Bild von Justine Otto bequem. Das Schwarz-Weiß-Porträt der Hausherrin nahm Barbara Klemm auf.

Wer Paula Macedo Weiß besucht, wird leichte Stimmungsschwankungen an sich selbst beobachten. Das hängt mit einer ihrer vielen Leidenschaften zusammen, den Farben. Vom grünen Treppenhaus geht es in die strahlend rosafarbene Küche, deren Ton sich noch auf der Wand im Garten fortsetzt. Der Granitboden ist grün-schwarz gekachelt. Aus dem Ofen riecht es nach buttrigem Gebäck. Sie hat Pão de Queijo gebacken, einen brasilianischen Snack, den ihre Kinder lieben. Die Käsebällchen lässt die Gastgeberin goldbraun vom Blech in eine Kristallschüssel purzeln und stellt sie auf den massiven Tisch mit vielen Kerben. An dem Tisch, der aus Treibholz hergestellt wurde, stehen roséfarbene Stühle, die der Münchner Desiger Stefan Diez für die Frankfurter Designmarke e15 entworfen hat. Langsam ist zu erkennen, dass diese Frau den kalkulierten Stilbruch liebt: alt und neu, stark und dezent.

Video: FAZ.NET

„Wenn Gäste kommen, soll es hier eigentlich nicht nach Essen riechen, sondern nach Blumen“, sagt Paula Macedo Weiß und lacht. Frische Blumensträuße finden sich zwar überall im Haus, die floralen Noten entspringen allerdings dem Raumparfum Paula Maravilhosa, das der Duftexperte Robert Müller-Grünow für sie gemischt hat. Der Duft nach Käsebällchen erinnert immerhin an die Dinnerpartys, die sie regelmäßig zu Hause veranstaltet, also unter normalen Umständen, wenn keine Pandemie das Frankfurter Gesellschaftsleben lahmlegt. Das sind dann illustre Runden an der langen Tafel unter dem prachtvollen Murano-Leuchter oder auch mal größere Feste, wenn das gesamte Haus in einen brasilianischen Urwald verwandelt wird, wie zu ihrem 50. Geburtstag. Zu solchen Gelegenheiten trifft man: den Schriftsteller Martin Mosebach, den Verleger Joachim Unseld, die Kulturdezernentin Ina Hartwig, Künstler, Regisseure, Museumsdirektoren, Anwälte, Banker. Als sie zur Eröffnung der Jil-Sander-Ausstellung im Museum Angewandte Kunst vor dreieinhalb Jahren einen Empfang gab, ließ sich sogar die öffentlichkeitsscheue Modeschöpferin blicken.

Groß und klein: Die dominante Murano-Leuchte von Vistosi verlangt geradezu nach dem soliden Tisch in Braun von B&B Italia; die silbernen Schmuckschatullen sind Erbstücke ihrer Großmutter.


Vorabdruck des Buches „Es war einmal in Brasilien“
Vorabdruck des Buches „Es war einmal in Brasilien“
Im Sinn des kalkulierten Kontrasts kommen auch Gäste, mit denen sie sich im Lauf des Lebens angefreundet hat. Berührungspunkte gibt es viele. Aufgewachsen ist Paula Macedo Weiß in Brasilien unter der Militärdiktatur; in ihrem neuen Buch „Es war einmal in Brasilien“ erzählt sie davon aus der Perspektive einer Tochter aus der politisch engagierten Mittelschicht. Anfang der neunziger Jahre kam sie nach Deutschland, um Jura zu studieren. In Tübingen, wo sie promoviert wurde, lernte sie den Kommilitonen Daniel Weiß kennen, heiratete ihn – und blieb in Deutschland. Ihre Arbeit als Anwältin hat die Mutter von vier Kindern aufgegeben, um sich dem Familienleben und der Arbeit für Kunst und Kultur zu widmen, als Präsidentin der Stiftung Museum Angewandte Kunst, als Initiatorin vieler interkultureller Projekte zwischen Brasilien und Deutschland und neuerdings auch als engagierte Streiterin für eine sinnvolle Nutzung der Paulskirche.

„Meine Leidenschaften wechseln im Laufe der Zeit. Alles muss in Bewegung sein, das ist meine Konstante“, sagt Paula Macedo Weiß. „Schon als Kind hatte ich den Drang, die Welt zu verändern, immer nach vorne statt rückwärtsgewandt. Patina ist schön, aber neu streichen ist besser.“ Als sie das Haus mit ihrem Mann gekauft hatte, führten ihre Neugier und ihr Stilgefühl dazu, dass sie es renovieren ließ. Just als sie über andere Wandfarben nachdachte, inspiriert von einem Gemälde des niederländischen Fauvisten Kees van Dongen, traf sie Ralf Murjahn, den Chef des Farbenherstellers DAW. Ein Wort gab das andere, und am Ende stand eine neue Farbpalette. Mit Murjahns Schwester Annika, die unter der Marke Caparol Icons besondere Wandfarben herausgibt, setzte sie sich in ihrer Küche zusammen, deren Apricot-Pink nun den Namen „Paula’s Kitchen“ trägt. Die Wandfarben im Wohnzimmer und in der Bibliothek wirken übrigens auch deshalb so stark, weil sie im Gegensatz zu den Möbeln stehen: Ein Sofa von Minotti und ein Tisch von Bottega Veneta sind dezent gehalten.

„Meine Leidenschaften wechseln im Laufe der Zeit. Alles muss in Bewegung sein, das ist meine Konstante.“
PAULA MACEDO WEISS

Doch statt solider Bürgerlichkeit herrscht südländische Mühelosigkeit. Die bonbonfarbenen Bocci-Leuchter über dem Esstisch, die kleinen gerahmten Familienfotos, die Schälchen mit Gummibärchen, die in Bronze gegossenen Kinderschuhe im Bücherregal – sie passen so gar nicht und dann eben doch zu den Illustrationen ihrer Schwester Camilla Macedo, der Fotografie von Isa Genzken, den Ölgemälden von Justine Otto oder dem Foto einer Tankstelle, das ihr der Filmemacher Wim Wenders einst schenkte. „Unser Zuhause ist weder Showroom noch Museum“, sagt sie. „Mir ist es wichtig, dass es uns als Familie widerspiegelt, dass man hier das Leben spürt.“

Sie bringt Farbe ins Spiel: Paula Macedo Weiß hat das Haus ihrer Familie in Frankfurt so gestaltet, dass jeder Raum seine eigene Atmosphäre hat. Die Wandfarben hat sie mit entwickelt. „Bunt soll es aber nicht aussehen, das wäre mir zu unruhig.“
Sie bringt Farbe ins Spiel: Paula Macedo Weiß hat das Haus ihrer Familie in Frankfurt so gestaltet, dass jeder Raum seine eigene Atmosphäre hat. Die Wandfarben hat sie mit entwickelt. „Bunt soll es aber nicht aussehen, das wäre mir zu unruhig.“
Reiz der Gegensätze: Zu den Bildern ihrer Söhne Leon und Bernardo sowie ihres Großvaters stellt sie das rätselhafte Wortkunstwerk von Peter Zizka.
Reiz der Gegensätze: Zu den Bildern ihrer Söhne Leon und Bernardo sowie ihres Großvaters stellt sie das rätselhafte Wortkunstwerk von Peter Zizka.

Brasilien ist ein ständiger Einfluss. Das erkennt man auch an Arbeiten von Künstlern mit politischen Statements wie Claudia Andujar und Hélio Oiticica, an Lederstühlen aus den fünfziger Jahren von Sérgio Rodrigues oder einem opulenten Obstkorb mit tropischen Früchten. Gleichzeitig hat sie ihr Herz an Frankfurt verloren, zum Beispiel an Arbeiten von Tobias Rehberger, Anne Imhof und Peter Zizka. Aseptisch ist hier nichts. Kelimteppiche in warmen Rottönen, Bücher- und Magazinstapel sowie Mitbringsel aus aller Welt zeigen, wo die sechsköpfige Familie schon überall war.

Den Weg aus dem Haus weist das Schild „Rescue“ des Frankfurter Künstlers Peter Zizka.
Den Weg aus dem Haus weist das Schild „Rescue“ des Frankfurter Künstlers Peter Zizka.

Und wohin geht die Reise jetzt? „Ich will noch so viel machen“, sagt sie. „Demnächst bringe ich eine Kleiderkollektion mit dem brasilianischen Designer Adri Rodrigues heraus, ich will einen Film machen, mindestens zehn Bücher schreiben, gesellschaftsrelevante Kulturprojekte vorantreiben.“ Und am besten natürlich alles sofort.

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