Nachruf auf Designer Cerruti

„Il signor Nino“

Von Alfons Kaiser
16.01.2022
, 11:18
Boutique in Nizza: Nino Cerruti beim Fotoshooting 1985
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Im Alter von 91 Jahren ist Nino Cerruti gestorben. Mit Leichtigkeit entwarf der Designer eine Idee von moderner Mode.
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Diese Karriere war schon in seinem Geburtsort vorgezeichnet. Nino Cerruti, der am Samstag im Alter von 91 Jahren in einem Krankenhaus in Vercelli gestorben ist, laut „Corriere della Sera“ an Komplikationen einer Hüftoperation, war ganz in der Nähe geboren worden: in Biella, der italienischen Hauptstadt der Wolle. Hier im Piemont hatten sein Großvater und dessen beide Brüder 1881 eine Textilfabrik gegründet, die Lanificio Fratelli Cerruti. Kein Wunder, dass Nino Cerruti, der am 25. September 1930 geboren worden war, zu einem Protagonisten des sagenhaften Aufstiegs der italienischen Nachkriegs-Mode wurde.

Schon mit 20 Jahren erbte der junge Mann nach dem Tod seines Vaters Silvio den Betrieb. Sogleich beendete er sein Philosophiestudium und begann mit der Arbeit. Er kannte sich aus in der Stoffherstellung, mit Webstühlen, Spinnmaschinen, Färbereien. Aber früher als die Firmen Loro Piana oder Ermenegildo Zegna erkannte er, dass er sich auch in der Produktion von Bekleidung einen Namen machen musste. Und dieser Name war, im Stil der Zeit: Hitman. 1957 stellte er seine erste Hitman-Herrenkollektion vor.

Nino Cerruti (rechts) mit seinem Designer Peter Speliopoulos während der Pret-a-Porter-Schau in Paris 1999.
Nino Cerruti (rechts) mit seinem Designer Peter Speliopoulos während der Pret-a-Porter-Schau in Paris 1999. Bild: Helmut Fricke

Es war nicht Giorgio Armani, der als erster Designer dekonstruierte Jacken für Männer erdachte. Nein, Nino Cerruti schuf gemeinsam mit dem um vier Jahre jüngeren Armani, der seit 1965 jahrelang für ihn als Designer arbeitete, die Grundlage dafür, dass der von dicken Polstern befreite italienische Anzug zum Sinnbild der modischen Moderne wurde. Der schwere britische Tweed hingegen wurde mit der Einführung der Zentralheizung überflüssig und muss heute allenfalls noch auf schottischen Landsitzen vor der Kälte schützen.

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1967 eröffnete er seine erste Boutique in Paris

Als sich Mailand, Rom und Florenz noch um die Vorherrschaft in der italienischen Mode stritten, verlegte Nino Cerruti seinen Firmensitz nach Paris. Seine erste Boutique eröffnete er 1967 an der Place de la Madeleine. Cerruti (in Paris), Lanificio Cerruti (in Biella) und Hitman (in Mailand) bildeten die Gruppe Fratelli Cerruti. Wie Giorgio Armani, Gianni Versace und Gianfranco Ferré, die in den siebziger Jahren mit ihren eigenen Marken begannen, setzte auch Cerruti mit seinem „casual chic“ auf modische und geschäftliche Expansion. Außer Herren- brachte er bald auch Damenmode heraus, außer Konfektion schuf er auch Sport-, Jeans- und Sportmode. Er machte gute Geschäfte mit Düften und stattete Sportler aus, zum Beispiel den amerikanischen Tennisspieler Jimmy Connors, den schwedischen Skifahrer Ingemar Stenmark und das Ferrari-Formel-1-Team.

Nicht nur die männliche Stars verehrten ihn: Nino Cerruti mit Catherine Deneuve 1999 in Paris
Nicht nur die männliche Stars verehrten ihn: Nino Cerruti mit Catherine Deneuve 1999 in Paris Bild: AFP

Auch als Ausstatter von Schauspielern war er schneller als die meisten Designer – weil sein Kunde Jean-Paul Belmondo ihn darum bat. Seine Film-Mode-Karriere begann 1965 mit dem Film „Die tollen Abenteuer des Monsieur L.“, in dem er Belmondo unnachahmlich lässig aussehen ließ. Don Johnson machte in „Miami Vice” (seit 1984) auch deshalb bella figura, weil er ganz locker T-Shirts unter dem Cerruti-Blazer und Lederschuhe ohne Socken trug. Louis de Funès, Tom Cruise, Gérard Depardieu, Robert Redford, Harrison Ford – so viele verschiedene Schauspieler sah Nino Cerruti als Herausforderung für die Variabilität seines Stils und natürlich als gutes Marketinginstrument.

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Als er ins Rentenalter gekommen war, erneuerte Nino Cerruti seine Mode mit fremder Hilfe. Von 1996 bis 1997 entwarf Narciso Rodriguez für ihn die Damenmode, von 1997 bis 2002 Peter Speliopoulos – zwei amerikanische Designer, die mit ihrem Gespür für gute Stoffe und minimalistische Schnitte dem Stil des Hauses entsprachen. Cerruti, dem im Jahr 2000 vom italienischen Präsidenten der Ehrentitel Cavaliere del Lavoro verliehen worden war, ließ ihnen die Freiheit, seinen Namen neu zu interpretieren. Bis er die Modesparte seines Unternehmens verkaufte und 2002 endgültig ausschied. Danach nahm die Bedeutung seiner Marke ab. Nach dem Weiterverkauf an ein chinesisches Unternehmen ist die Marke Cerruti 1881 heute fast nur noch in China zu haben. Er selbst blieb mit Lanificio Fratelli Cerruti im Geschäft.

Auch im Alter verkörperte Nino Cerruti den Stil, den er verbreitet hatte: klassisch gekleidet, aber locker und ohne Krawatte, ein ruhiger Mann, der blendend aussah, ein großer Gentleman, der anderen gerne den Vortritt ließ, weil er sich nicht mehr in den Vordergrund drängen musste. Letztlich, so sagte er einmal selbstironisch, habe er immer nur sich selbst eingekleidet.

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Am Samstag äußerten sich viele seiner Bekannten, Freunde und Fans betroffen. „Mit großer Traurigkeit habe ich vom Tod von Nino Cerruti erfahren“, schrieb Giorgio Armani auf Instagram über „il signor Nino“. „Obwohl wir im Laufe der Jahre den Kontakt verloren haben, habe ich ihn immer als einen der Menschen angesehen, die einen echten und positiven Einfluss auf mein Leben hatten. Er war derjenige, der meine Vorliebe für weiche Schnitte geweckt hat, und er lehrte mich auch die Bedeutung einer allumfassenden Vision, als Designer und als Unternehmer.“

Carlo Capasa, der Präsident der Camera Nazionale della Moda Italiana, nannte ihn „den schicksten Mann Italiens“, „einen großen Innovator, einen visionären Kreativen und einen Vordenker vieler Entwicklungen von heute“. Und der Bürgermeister von Biella, Claudio Corradino, schrieb, Nino Cerruti habe die Stadt im Piemont in der ganzen Welt bekannt gemacht, „mit Klasse und Eleganz, aber auch mit der Art, in der er sich ausdrückte – ein außergewöhnlicher Gentleman“.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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