Zum Tod von Thierry Mugler

Und er entwarf sich selbst

Von Alfons Kaiser
24.01.2022
, 14:34
Thierry Mugler nach seiner Modenschau im Oktober 1999 in Paris.
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Manfred Thierry Mugler revolutionierte die Mode in den Achtzigern mit seinen extremen Entwürfen. Am Sonntag ist der Designer im Alter von 73 Jahren gestorben.
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Modeausstellungen wirken meist verstaubt – denn Mode wirkt nur am lebenden Subjekt, nicht an der Puppe. In der Kunsthalle München allerdings wurde man 2020 gleich im ersten Raum in die Welt des Modeschöpfers Thierry Mugler gezogen, in diese eigenartige Mischung aus Futurismus und Fetischismus, diese Zwischenwelt, in der die Frauen und sogar die Puppen im Chrom-Bustier so martialisch wirken wie nirgends sonst und doch auch so weiblich wie selten. Das neumodische Spiel mit den Geschlechterrollen – es wurde nicht erst in unseren Tagen geboren, sondern schon vor einem halben Jahrhundert. Seit der Ausstellung „Couturissime“ weiß man sogar in München, dass man Weiblichkeit auch anders sehen kann.

Thierry Mugler, der am Sonntag im Alter von 73 Jahren gestorben ist, war schon biographisch gezwungen, Grenzen zu überschreiten. Am 21. Dezember 1948 wurde er in eine Familie geboren, die in den Nachkriegswirren aus Linz in Oberösterreich nach Straßburg gezogen war. Die Spießigkeit in der Familie und die Beschränktheit der Fünfzigerjahre wollte der Junge überwinden. „Ich habe nicht in diese Welt gepasst. Und ich habe nicht in diese Familie gepasst. Gar nicht. Ich habe sehr gelitten“, sagte er 2020 der F.A.Z. „Aber ich war auch ein sehr beschäftigtes Kind: Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, im Theater, an Kostümen, an Puppen, an Gedichten – ich habe immer irgendetwas kreiert, um dieser Enge zu entkommen.“ Schon im Alter von 14 Jahren begann er eine Ausbildung als Balletttänzer an der Opéra national du Rhin und lernte dann Kostümdesign an der École supérieure des arts décoratifs in Straßburg. So begann seine theatralische Sendung.

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Es war Zeit für etwas Neues

Wie so viele junge Schwule aus der Provinz zog er Ende der Sechziger nach Paris – auch das eine Art biographischer Zwang, wie ihn der Soziologe Didier Eribon später beschrieben hat. Aber anders als Yves Saint Laurent und seine Gefolgsleute gab er sich im Zuge der Studentenrebellion nicht den Hippie-Looks hin, den fließenden Looks der frühen Siebziger, die irgendwann in Retrokitsch mündeten. Vielmehr radikalisierte er die aus den zukunftsgläubigen Sechzigerjahren stammenden Konzepte des Space-Age-Pioniers André Courrèges und des Kettenhemden-Klempners Paco Rabanne, die den Futurismus in eine andere Umlaufbahn geschossen hatten.

„Couturissime“: Thierry Mugler im Oktober 2020 in der Münchner Kunsthalle
„Couturissime“: Thierry Mugler im Oktober 2020 in der Münchner Kunsthalle Bild: Stefan Heigel/Kunsthalle München

Was für ein treffender Zufall, dass er in Paris mit Claude Montana zusammenlebte, der seit seinen Jahren in London ebenfalls genug hatte von der Pariser Mode, die trotz der Revolution des Prêt-à-porter zu verknöchern drohte – Yves Saint Laurent war immerhin zwölf Jahre älter als sie. Coco Chanel, Cristóbal Balenciaga und Elsa Schiaparelli starben in schneller Folge zu Beginn der Siebziger. Es war Zeit für etwas Neues.

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Mugler und Montana experimentierten mit skulpturalen und zugleich körperbetonten Silhouetten, die für die Achtzigerjahre wie geschaffen waren. Sie stellten den Körper aus und schützten ihn trotzdem. Sie persiflierten den Look der „Powerfrauen“ mit den breiten Schultern und bedienten ihn ironisch doch. Statt aber die Frauen auf ihrem langen Weg durch die Emanzipation in Nadelstreifen-Hosenanzüge zu stecken und ins Büroleben einzufügen, enthob Mugler sie trotz aller martialischen Anflüge ins überirdisch Ungefähre und gab ihnen dadurch ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Im Body-Suit kamen sie wieder zurück, nicht auf den Boden der Tatsachen, aber immerhin auf den Boden der Tanzflächen.

Er schwamm in popkulturellen Strömungen

Seine Schauen waren spannende Spektakel in der damals noch teils brutalen Langeweile des Prêt-à-porter. Thierry Mugler schwamm eben in popkulturellen Strömungen. Mit George Michael drehte er 1992 den Clip „Too Funky“, in dem Linda Evangelista, Tyra Banks und Nadja Auermann dem Supermodel-Zeitalter mit toupierten Haaren und lasziven Gesten endlich dramatische Ironie einhauchten. Kein Wunder, dass Helmut Newton, der Frauen ebenfalls technoid überhöhte, Thierry Mugler zum Fotografieren animierte. Wenn er Jerry Hall oder Iman ins Bild setzte, brachte ihn das durch neue Kontakte und andere Styling-Ideen auch in seinen Designs nach vorne. Er liebte es, für die Arbeit an seinen künstlichen Wesen auch Techniker und Handwerker einzuspannen. Die Wesen, die er gottgleich schuf, waren ein Gemeinschafts- und somit auch ein Gesamtkunstwerk.

© Youtube

Über Wasser hielt er sich mit Wässerchen, wie zum Beispiel auch Jean Paul Gaultier. Die Parfums „Angel“ und „Alien“ sind bis heute ungemein populär. Zum Aufstieg der Modemacher seit den Achtzigerjahren gehörte es eben auch, dass sie außer der begrenzten Klientel des Prêt-à-porter de luxe mit Lizenzgeschäften den Massenmarkt der Kaufhäuser und Drogerien eroberten. Die Flakons sind so marketinggerecht ausdrucksstark, wie es Elsa Schiaparelli für exaltierte Designer vorgemacht hatte. In der Formensprache der Flakons wird freilich auch der Unterschied zu Gaultier greifbar, der viel stärker vom Surrealismus geprägt wurde.

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Am Ende hatte er sich selbst neu entworfen

Nach dem Verkauf seiner Markenrechte Ende der Neunziger wurde es erst still und dann doch wieder laut um Thierry Mugler. Beyoncé, Céline Dion und Lady Gaga entdeckten ihn für sich. Zuletzt war Kim Kardashian seine Muse. Er schuf Kostüme für den Cirque du Soleil und für den Friedrichstadtpalast in Berlin. Die Bühne, das waren die Bretter, die für ihn die Welt bedeuteten. Das Metaverse, das die Betriebswirte in Kalifornien gerade aus Geschäftsgründen erfinden, schon um die absurden Börsenbewertungen ihrer Konzerne mit Phantasie anzufüllen – er hatte es in seiner Ideenwerkstatt schon montiert, angeregt unter anderem von dem Maschinenmensch Futura aus dem Film „Metropolis“. Diese Androiden sollten keine Perversion des romantischen Gedankens sein, „bíos“ und „technikós“ in Form von Automatenmenschen zu verschmelzen. Nein, er meinte es ernst: „Ich will Objekten, unbelebten Dingen dieses Leben einhauchen“, sagte er der F.A.Z. „Ich will zeigen, dass sich Energie, Weiblichkeit, die Freude am Leben überall finden. Auch im Unbelebten!“

Seine Lebensgeschichte nahm dann die ironische Wende, dass er gleich doppelt an der Verformung des Menschen arbeitete. Als Gastjuror bei „Germany's Next Topmodel“ war er – wie Wolfgang Joop vor ihm – das Feigenblatt in Heidi Klums Zurichtung junger Frauen. Und als Modellierer seiner selbst holte er sich seinen alten Vornamen „Manfred“ zurück, ließ Schönheitsoperationen vornehmen und musste nach einem Unfall im Fitnessstudio, also bei der körperlichen Optimierung, sein Gesicht neu formen lassen. Manfred Thierry Mugler, der zuletzt in Berlin lebte, hatte sich am Ende selbst neu entworfen. Das Leben hatte er schon zu Kunst gemacht, zum Schluss formte er sich selbst zu einem künstlichen Menschen. Und siehe da: Er war unverwechselbar geworden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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