Ein Tier im Haus

Von PETER-PHILIPP SCHMITT, Fotos von FRANK RÖTH

08.06.2019 · Das kann ins Auge gehen: Stachelschweine sind keine normalen Haustiere. Und sie können zustechen. Wir hatten Glück: Die Möbel-Neuheiten blieben unversehrt.

GANZ SCHÖN BLAU

Das ist Paul. Das Stachelschwein ist zu Besuch im Stilwerk in Hamburg. In dem alten Industriedenkmal am Fischmarkt erkundet es für unser Shooting Möbel wie den Sessel Merwyn Lounge von Sebastian Herkner und den Beistelltisch Grain Cut von Jaime Hayon für Wittmann.


GANZ SCHÖN GEPOLSTERT

Nächste Station für Paul ist die Marke Roche Bobois. Auf dem sehr weichen Sofa Mah Jong, das von Hans Hopfer entworfen und von Kenzo Takada im Stil japanischer Kimonos eingekleidet wurde, wollte er es sich aber nicht gemütlich machen.


GANZ SCHÖN LEDERN

Auch ein Stuhl, der sich dreht, war Paul nicht geheuer. So lief er lieber im Kreis um den Sessel Alvo aus dem Hause Cor herum, den Markus Jehs und Jürgen Laub und ihr Stuttgarter Studio Jehs + Laub entwickelt haben.


GANZ SCHÖN KLAR

Und wieso kommt da jetzt kein Wasser raus? Paul schien etwas irritiert, als er auf die Waschtischarmatur von Philippe Starck (Axor) traf. Da Stachelschweine sehr kleine Augen haben, können sie nicht gut sehen. Aber sie können gut riechen. Wasser gab’s dann auch noch, in einer Schüssel.


GANZ SCHÖN SPORTLICH

Paul ist eigentlich nachtaktiv. Dafür war er beim Shooting am hellichten Tag gut in Form. Das hölzerne Rudergerät mit Wasserwiderstand der Firma WaterRower, das John Duke vor 30 Jahren erfand, interessierte ihn dennoch nur am Rande, im Vorbeitrippeln sozusagen.


GANZ SCHÖN ALLEIN

Stachelschweine sind gesellige Tiere. Sie leben ausschließlich mit einem Partner zusammen. So wie Paul mit seiner Paula, die zum Shooting aber krank geworden ist. Darum ist er leider nur alleine zu sehen, auch hier neben dem Stuhl 451 und der Leuchte 525 von Morten Bo Jensen für Vipp.


GANZ SCHÖN TRANSPARENT

In einem geschützten Bau fühlen sich Stachelschweine am wohlsten, besonders in ihrer Schlafkammer unter der Erde. Vielleicht schlüpfte Paul deshalb gerne unter die Tische MR 515, 516/1 und 517/1 von Ludwig Mies van der Rohe, die das Studio Besau Marguerre für Thonet neu interpretiert hat.


GANZ SCHÖN MUTIG

Ein großer Kletterer ist Paul nicht. Er bleibt am liebsten am Boden. In diesem Fall waren es nicht etwa Tisch, Stuhl und Hocker Okito vom Berliner Designer-Duo Läufer + Keichel (Zeitraum), die ihn lockten, sondern Nüsse. Nicht weitersagen!


GANZ SCHÖN SPILLERIG

Wenn Paul sich unwohl fühlt oder angegriffen wird, stellt er als Warnsignal seine Stacheln auf. Sie haben sich bei den Nagern irgendwann aus Haaren entwickelt und sind aus Keratin. Die Beistelltische mit der Nummer 942 von Annette Lang (Rolf Benz) stellten offenbar keine Gefahr für ihn da.


GANZ SCHÖN FLAUSCHIG

Diese Spielwiese war Paul, der selbst knapp 80 Zentimeter misst, viel zu groß. Und zu hoch. Dazu die dicken Polster und Kissen des Sofas Drop City von Dagmar Marsetz (Bretz). Er war sichtlich froh, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.


GANZ SCHÖN HELL

Die tragbare Leuchte Follow Me von Inma Bermúdez (Marset) zog Paul magisch an. Dabei ging es gar nicht um sie: Ins rechte Licht sollte vielmehr das Sideboard Jorel von Philipp Mainzer (Interlübke) gesetzt werden, was unserem Model aber egal war.


GANZ SCHÖN HOCH

Ohne Hilfe wäre Paul nicht auf den Tisch Circle von Henrik Pedersen (Houe) gekommen. Und runter hätte er es wohl kaum ohne Blessuren geschafft. Obwohl Paul nur 22 Kilogramm wiegt, sollte man ihn nicht einmal mit Handschuhen anfassen, geschweige denn tragen. So wurde er in seinem Käfig hochgehoben, lief aus ihm auf den Tisch und danach wieder zurück in seinen Käfig.


GANZ SCHÖN PRAKTISCH

Stachelschweine haben kurze Beine. Und sie sind Sohlengänger, treten also mit dem gesamten Fuß auf. Beim Laufen wackeln sie darum, große Sprünge können sie auch nicht machen. Für den untersten Boden des Regals Clyde von Numéro 111 (Ligne Roset) reicht es.


GANZ SCHÖN SCHATTIG

Paul hat nicht nur Stacheln, mit denen er sich zur Wehr setzen kann. Auch die braun-weiße Färbung ist schon eine Warnung an mögliche Angreifer. Der Kontrast schreckt bei Licht, hier scheint die Leuchte Salt & Pepper von Tobias Grau, und auch im Dunkeln.


GANZ SCHÖN GEMUSTERT

Stachelschweine sind Vegetarier. Meistens zumindest. Insekten oder Frösche fressen sie auch hin und wieder, und sie nagen sogar an Knochen. Rosinen aber mag Paul besonders gerne. Sie machten ihm den Teppich Polonaise von Jan Kath erst richtig schmackhaft.


GANZ SCHÖN STABIL

Seit Plinius der Ältere behauptet hat, Stachelschweine könnten ihre Stacheln wie Pfeile auf ihre Angreifer schleudern, hält sich diese Mär. Wehrhaft sind sie schon, ihre Stacheln haben Widerhaken und bleiben im Gegner stecken. Paul aber hinterlässt nicht einmal Kratzer auf dem Stuhl Ocean von Nanna Ditzel (Mater) – er verlor nur einen Stachel, so wie Menschen Haare verlieren.

Fotograf: Frank Röth
Assistenz: Daniel Vogl
Tiertrainer: Anne, André und Gerd Weseloh, Agentur Weselohs Tierleben
Fotografiert am 23. und 24. Februar 2019 im Stilwerk in Hamburg
08.06.2019
Quelle: F.A.Z. Magazin