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Ein Mann, ein Haus, ein Raum

Von BIRGIT OCHS (Text) und STEFAN FINGER (Fotos)

1. November 2016 · Single-Häuser sind im Kommen. Im Münsterland hat sich ein Bauherr den Raum geschaffen, den er braucht - mit kleinem Budget.

Am Montag ist Ulrich Temme alles andere als wohl. Die Handwerker sind nicht gekommen, und die Dunstabzugshaube ist nicht geliefert worden. Da, wo sie hängen soll, lugt ein graues Plastikrohr über der Küchenzeile aus der Decke. Deswegen hat der Maler auch noch nicht all die Einbaumacken überpinseln können. Außerdem lebe er sehr spartanisch, schreibt Temme in seiner E-Mail. Für eine Person brauche man ja nicht so viele Möbel. Deshalb sei sein einfaches Haus vielleicht eine Enttäuschung. „Und Deko hab ich auch nicht“.

„Ich wollte ein Haus, das mich nicht anschreit.“ Bauherr Ulrich Temme

Am Dienstag dann trotzdem Ortstermin im Münsterland. Das Auto des Architekten kurvt durch ein Neubaugebiet vorbei an Einfamilienhäusern im Landhausstil, solchen mit merkwürdigen Pultdachvarianten, einer Art Schottencottage mit Klinkerfassade. Überhaupt: rote Riemchenverkleidungen, wohin das Auge blickt. Ein Schwedenhaus, auch in Rot, tanzt aus der Reihe, und dann hält der Wagen vor einem kleinen Haus ohne Schnörkel, ohne Gauben und ohne ein Dach, das tief über die Außenwände ragt, dafür aber an eine Zipfelmütze erinnert. Das sieht man erst richtig, wenn man den Bau von der rückwärtigen Seite betrachtet.

Als Erstes fällt das große, ungewöhnlich tief in der Fassade sitzende Fenster auf. Und das Holz. „Lärche, unbehandelt, sägerauh“, sagt der Architekt Marc Matzken von Heimspielarchitekten aus Münster, die das Haus geplant haben. Bewährtes Material also, von den Alpen bis in die Uckermark seit Ewigkeiten im Einsatz. Vor allem im Scheunenbau, weil es Wind und Regen trotzt, erst ergraut, bevor es schwarz wird. Der Bezug zur Scheune kommt nicht von ungefähr. „Da steht das Vorbild“, weist Matzken auf das Wirtschaftsgebäude des angrenzenden Gehöfts hin. Dachform, Holzbalken, Fenster- und Toröffnungen und die Luke unterm Giebel – das kleine Holzhaus passt tatsächlich nicht schlecht zu seinem großen Nachbarn.

  • Die etwas ungewöhnliche Satteldachvariante bricht mit den ansonsten strengen Linien.
  • Das Budget legte den Hausbau mit Holzfertigteilen nahe.
  • Die Holzverschalung für den Holzbau ist konsequent.

Dann geht die Tür auf, und der graue Tag bleibt draußen. Mitten in der lichten Geräumigkeit steht Ulrich Temme. Auf dem Estrich scheint ein Teelicht in einer Kristallvase gegen die Helligkeit an, und auf dem Esstisch sind Blumen, viele weiße und ein paar wenige in Rot. Ein hübscher Strauß. „Ach, ein Fehlkauf“, winkt der Hausherr ab. Nach seiner besorgten E-Mail am Vortag war kurz der Verdacht aufgekommen, dass er womöglich einer dieser Bauherren sein könnte, die sich in einem Haus wiederfinden, das eine Nummer zu ambitioniert, zu ausgefallen für sie ist. Denen das falsche Haus zu ihrem Leben gebaut wurde.

Doch Ulrich Temme hat das Haus, das zu ihm passt. Ohne überflüssige „Deko“. Die würde nur sein ästhetisches Empfinden stören, das nun mit den Blumen hadert, obwohl an dem Strauß wirklich nichts auszusetzen ist. Außer, dass sich ein anderes Arrangement noch besser gemacht hätte.

  • Auch im Innenraum herrschen klare Verhältnisse.
  • OSB-Platten für die Treppenstufen und den Boden auf der Galerie sind eine günstige Lösung.
  • Überflüssige Deko findet sich hier nicht.

Fast zwei Jahre haben die Heimspielarchitekten mit dem Sozialarbeiter geplant. Schon 2010 hatte dieser das Grundstück in dem Neubaugebiet eines Dorfes gekauft, das ihm irgendwie gefiel. Temme, jenseits der Fünfzig, hatte eine Scheidung hinter sich und das Haus verkauft, in dem die Familie gewohnt hatte. Er selbst fand sich in einer Mietwohnung im „Imbissbudenstil“ wieder. Eng und mit Holzverkleidung. Eigentlich braucht er nicht viel, von dem Wenigen aber das Richtige. So beschloss er zu bauen.

Er kannte Marc Matzken, und der sagte zu, wohl wissend, dass er sich auf ein nicht ganz typisches Bauherren-Architekten-Verhältnis einlassen würde. Temme wünschte sich eine Art Atelierhaus, geradlinig innen wie außen. Und ein „Sternenguckerfenster“. In seinem Beruf als Betreuer einer Gruppe in der Psychiatrie müsse er viel reden, erzählt er. „Ich brauche ein Zuhause, das mich nicht anschreit“. Von seinen alljährlichen, ausgedehnten Reisen nach Australien brachte er den Planern Ausschnitte aus Architekturzeitschriften mit, die Häuser zeigten, die ihm gefielen.

Da er nur ein ganz begrenztes Budget zur Verfügung hatte, kam nur ein Haus aus Holzfertigteilen in Frage. Die Architekten entwarfen ein Gebäude, das aus einem einzigen Raum besteht, den zwei Einschübe ergänzen, die Badezimmer, Gäste-WC, Abstell- und Haustechnikraum beherbergen. Die Wohnfläche erstreckt sich über das Erdgeschoss und die beiden Galerien. Auf der einen ist der Schlafplatz untergebracht. Von dem aus blickt der Hausherr durch das „Sternenguckerfenster“ in den Himmel. Es ist jener Teil des Dachs, das von außen an den Zipfel einer Mütze erinnert. Die zweite Galerie nutzt Temme vor allem als zusätzliche Abstellfläche, die dafür allerdings doch sehr aufgeräumt aussieht. Beide Teile sind über eine Brücke verbunden.

  • Zum Wohnraum gehören auch die beiden Galerien.
  • Dem Bauherrn reicht wenig, aber davon das Richtige.
  • Das Bad schließt an den zentralen Wohnraum an.

Aus Kostengründen wählte man für die Oberflächen auf den Galerien wie für die Treppenstufen Grobspanplatten (OSB). „Die werden ohnehin verlegt, wir haben sie einfach sichtbar gelassen“, erläutert Architekt Matzken. Die weißen Trockenbauwände im Erdgeschoss sowie die weißen Oberflächen des Treppengeländers und auch der Einbauküche bilden dazu einen schönen Kontrast.

Zu den einfachen wie wirkungsvollen Details gehört auch der Sonnenschutz. Da es keinen Dachüberstand gibt, sannen die Planer auf eine andere Lösung: den Rücksprung in der Fassade. Er misst etwa einen halben Meter, erst dann kommt das Fenster. Lässt man die Rollos herab, entsteht zwischen ihnen und der Fensteröffnung eine Art Loggia.

Durch den Rücksprung in der Fassade entsteht eine Art Loggia.

Dank des strengen Kalküls blieben die Kosten exakt im Rahmen. Und das Haus wurde auch beinahe pünktlich fertig. Aber eben nur beinahe – und das war ein Problem. Denn Temme war im Herbst 2012 wieder nach Australien gereist. Matzken erhielt eine Kontovollmacht, was dieser im Rückblick noch für den absoluten Wahnsinn hält. Aber die Rechnungen für die Handwerker mussten bezahlt werden. Dann kam Weihnachten und Ulrich Temme zurück. Das Haus war noch nicht fertig, die Wohnung gekündigt, das Hab und Gut bei einem Freund, der nicht da war, und der Koffer irgendwo zwischen down under und dem Münsterland unterwegs. Und so hat Temme die Feiertage damals auf der Couch in der Wohnung seines Architekten verbracht.

„Nicht ganz gewöhnlich eben“, sagt Matzken und grinst. „Na ja, ging schon“, sagt Temme und betrachtet jene Ecke des Raums, in der seine Stereoanlage steht und das Teelicht in der Kristallvase flackert. Da hätte er gerne einen Teppich. Vielleicht in Weiß? Oder besser in Grau. Oder Sitzkissen. Darüber denkt er noch nach, bis er sich wirklich sicher ist, was passt. So lange bleibt es spartanisch. „Das ist auf jeden Fall gut.“

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 2014
Bauweise Holzständerkonstruktion mit unbehandelter Lärchenholzverschalung
Energiekonzept Luft-Wärme-Pumpe
Grundfläche 109 Quadratmeter
Wohnfläche 115 Quadratmeter
Baukosten (ohne Grundstück) 162000 Euro (brutto)
Standort Münsterland
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Quelle: F.A.Z.