Wer heute älter wird, altert langsamer, als das die Großeltern taten.

Ewige Jugend

Wer heute älter wird, altert langsamer, als das die Großeltern taten.

6. August 2020
Text: SONJA KASTILAN
Fotos: JOSEPH KADOW

Früher träumten die Menschen nur vom Jungbrunnen. Heute arbeitet die Wissenschaft daran, das Altern zu erforschen. Und es womöglich sogar anzuhalten und abzuschaffen.

Älter werden und dabei jünger bleiben: Das ist der Wunsch all jener, die einfach nicht erwachsen werden wollen. Es ist aber auch eine Notwendigkeit in einer Gesellschaft, deren Durchschnittsalter steigt. Der Biologe Steve Horvath erforscht das Altern – und fragt, was dagegen hilft.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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War die Zeit nicht schön, als unser Schicksal in den Händen illustrer Götter zu liegen schien? Dem Menschen blieb es überlassen, ihnen Tempel zu errichten, sie zu preisen und mit Opfergaben für sich einzunehmen. Im Zweifel folgte alles einem höheren Plan, dem der Götter, nicht dem eigenen. Heute hingegen huldigen wir weder Hebe, der griechischen Göttin der Jugend, die großzügig Nektar und Ambrosia reichte, noch Iuventas, ihrer römischen Doppelgängerin. Auch die nordische Idun ist wohl nur noch Rollenspielern ein Begriff, dabei hielt sie in Form von goldenen Äpfeln bereit, was einst der Götterschar vorbehalten war, neuerdings aber nicht nur die Wohlhabenden unter den bald acht Milliarden anstreben: ewige Jugend, am liebsten Unsterblichkeit.

Vorbei ist es allerdings mit der Leichtigkeit des Seins, für das ein starker Glaube genügte. Wir leben aufgeklärt und selbstbestimmt, müssen ohne jegliche göttliche Hilfe gegen die irdische Vergänglichkeit ankämpfen. Mit aller Macht, sei es durch Lebensstil, Medikamente oder auf eine tiefer schürfende Art, greifen wir in unsere Matrix ein, wollen die Natur bezwingen. Denn abhängig von der Zeit, beeinflusst von den Genen und anderen Faktoren, werden unsere physiologischen Funktionen – mehr oder weniger schnell – nachlässig. Unaufhaltsam. Bislang. Diese Vorgänge fordern nun jedoch Wissenschaftler heraus, die sich, wie der Altersforscher Steve Horvath, der Seneszenz mit den Methoden der modernen Molekularbiologie entgegenstellen. Viele, doch eben nicht alle Senioren, sind schwerkrank, bevor sie sterben: Was heißt es also, zu altern?

Das Ideal: so jung bleiben und dabei vierzig, fünfzig, sechzig werden.
Das Ideal: so jung bleiben und dabei vierzig, fünfzig, sechzig werden.

„Manche denken, es gibt ein Programm, andere sprechen von Entropie, als ob einfach alles den Bach runterginge. Wieder andere vermuten, dass anfangs essentielle Prozesse später schädlich wirken“, so beschreibt Horvath das weite Feld der Altersforschung. Ein zielgerichtetes Programm ergibt seiner Meinung nach keinen Sinn, im Altern kann er auch nicht nur eine Schadensammlung erkennen – es sei viel komplexer: „Irgendwann werden wir es wissenschaftlich verstehen, und dann kümmern wir uns um die Frage: Warum?“

Er finde die philosophischen Debatten interessant, höre sich alles dazu an: „Ich selbst schaue jedoch lieber auf Daten“, sagt Horvath, den man als einen gewissenhaften Uhrmacher bezeichnen könnte. Neuen Ideen und Therapieansätzen gegenüber zwar aufgeschlossen, pocht er auf wissenschaftliche Studien und Gegenproben. Selbst wenn andere ein Wundermittel loben, es womöglich selbst schlucken oder injizieren, bleibt er skeptisch, solange ihn seine Analysen nicht überzeugen. Und ja, er habe schon so einiges geprüft und daraufhin auch meist schnell verworfen.

An der University of California in Los Angeles konzentriert sich der gebürtige Frankfurter seit fast zehn Jahren auf Algorithmen, die sowohl das Alter als auch die Lebensspanne von Säugetieren erstaunlich genau bestimmen können. Im Jahr 2013 publizierte der Biostatistiker eine Methode, die 353 Positionen im Erbgut berücksichtigt und in Fachkreisen seither als „Horvath clock“ bekannt ist (und längst populärer als die Theorie von den mit dem Alter immer kürzeren Chromosomenkappen, den Telomeren, als Gradmesser).

Das Leben hinterlässt zahlreiche biochemische Spuren – auch im sogenannten Epigenom; zum Beispiel verändert sich das Muster, wo kleine Methylgruppen am DNA-Strang kleben und damit die Aktivität der Gene beeinflussen. Horvaths Uhr prüft den Zustand dieser DNA-Methylierung. Geeicht an Zigtausenden Gewebeproben, werden solche epigenetische Uhren zu überraschend präzisen Messinstrumenten in den Händen der Biostatistiker.

Die epigentische Uhr des Steve Horvath kann keinen Schlaganfall voraussagen – und die Annahme, wie lange jemand noch leben wird, ist eine rein statistische. Laien, sagt Horvath, interpretieren die Daten meist falsch.

Inzwischen hat Horvath mit seinem Team mehrere solcher Uhren mit unterschiedlicher Zielsetzung entwickelt, und was diese Verfahren im Zellkern erkennen, vergleicht Horvath manchmal mit Rost, den wir ansetzen – um im nächsten Satz zu erklären, warum diese Analogie nicht ganz stimmen kann, weil diese Uhren eben schon in einem ungeborenen Kind „zu ticken“ beginnen. Jedenfalls entsteht im Lauf der Zeit ein Muster der genetischen Veränderungen, ein sogenanntes Methylierungsmuster, das sich als ein biochemisches Zifferblatt verstehen lässt, das Monate und Jahre angibt. Obwohl noch nicht im Detail verstanden ist, wie alles zusammenhängt: Mit solchen epigenetischen Uhren gelingt es Horvath, unseren Zellen und dem Gewebe eine chronologische Ordnung zu geben, die gemeinhin als „biologisches Alter“ beschrieben wird. Dieses kann als Biomarker dienen, um zum Beispiel für Senioren typische Krankheiten zu erforschen. Oder um zu überprüfen, ob irgendein Präparat tatsächlich in der Lage ist, das Altern aufzuhalten beziehungsweise die Uhr sogar zurückzudrehen. Dieses Versprechen geben zumindest jene gern, die Verjüngungskuren teuer verkaufen, ohne sie umfassend getestet zu haben.

Die meisten seien keine Betrüger, meint Horvath und spricht vorsichtig von Amateuren, von denen manche so begeistert von einem Konzept seien, dass sie sich selbst täuschen und die Therapie viel zu schnell auf den Markt bringen. Extrem wichtig ist ihm deshalb, dass alles validiert und von unabhängigen Forschungslaboren wiederholt und getestet wird.

Was irgendwann einmal ins Reich der Mythen, Sagen, Märchen verbannt wurde und höchstens noch als phantastischer Stoff für die Science-Fiction zugelassen war, lässt inzwischen nicht mehr nur Künstler von wundersamen Mixturen oder einem Jungbrunnen träumen. Normalsterbliche versuchen eben nicht nur mit strengen Diäten, Sport, Kosmetik oder plastischer Chirurgie den Lauf der Zeit aufzuhalten; sie finanzieren mit ihrer Eitelkeit mitunter dubiose Wirtschaftszweige. Der Profit lockt Scharlatane – aber auch seriöse Wissenschaftler nehmen den Auftrag an: Sie wollen Menschen gesünder altern lassen, die Lebensspanne ausdehnen. „Geroscience“ nennt sich das Gebiet. Von einem gewissen Zeitpunkt an wird es vielleicht uns alle auf dem Weg in ein höheres Lebensalter begleiten.


„Früher war die Altersforschung darauf angewiesen, sich mit kurzlebigen Fliegen und Würmern zu beschäftigen, im beschränkten Maße waren noch Versuche an Mäusen möglich“
STEVE HORVATH

Alternde Gesellschaften sind mit Alzheimer, Arthritis, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Problemen, Parkinson und etlichen Leiden mehr geplagt. Mindert man Risikofaktoren, wie das Rauchen oder Übergewicht, verschafft das im Einzelnen zwar Linderung, doch in den hochentwickelten Ländern stehen die Bevölkerungspyramiden regelrecht Kopf – und die Epidemie der Altersgebrechen ist kaum aufzuhalten. Es drohen Generationenkonflikte, und in gewisser Weise ersetzen jetzt Universitäten und Forschungsinstitute die Tempel von einst, Biotech-Start-ups lösen die Alchemisten ab, an die Stelle der Götter sind auf einmal wir selbst gerückt. Jugendlichkeit ist Pflicht. Nicht nur, um beim Blick in den Spiegel ein faltenfreies Lächeln zu sehen. Wir wollen wie Madonna noch mit fünfzig eine mehr als gute Figur machen und über sechzig wiederum viel natürlicher aussehen, als es die Sängerin noch vermag. Wir hoffen, Geist samt Körper bis zum Ende frisch zu halten. Das bedeutet aber auch, dass die Medizin auf der Ebene von Zellen und Organen ansetzen muss, nicht erst bei Krankheitssymptomen, wenn es eigentlich zu spät ist.

Gewebe hat die unangenehme Eigenschaft, zu altern.
Gewebe hat die unangenehme Eigenschaft, zu altern.

„Früher war die Altersforschung darauf angewiesen, sich mit kurzlebigen Fliegen und Würmern zu beschäftigen, im beschränkten Maße waren noch Versuche an Mäusen möglich“, sagt Steve Horvath. Mit Hilfe der epigenetischen Uhren lasse sich diese Forschung jetzt an menschlichen Zellen und Geweben vertiefen, man könne außerdem die Blutproben von großen Kohortenstudien epidemiologisch auswerten, erhalte mehr direkte Daten, die man nicht erst von einem Tiermodell auf den Menschen übertragen müsse.

Vielleicht können Greise in naher Zukunft noch nicht die Tanzflächen stürmen, jahrelanges Siechtum will man ihnen trotzdem ersparen. Und da die durchschnittliche Lebenserwartung uns bereits heute mit mehr als achtzig Jahren beglückt, müsste nicht zuletzt die Politik an solchen gesunden Alten interessiert sein. Statt der zahlreichen Frührentner mit Gesundheitsproblemen werden Fitte mit Erfahrung gebraucht, denn sie werden das Sozialsystem stützen. Im Gegensatz zu dem britischen Altersforscher Aubrey de Grey, der behauptet, der erste Tausendjährige sei schon geboren, verschwendet Horvath an solche Utopien keinen Gedanken, er möchte trotzdem die gesunde Lebensspanne drastisch verlängert sehen: Zusätzlich zwanzig gute Jahre, das sei sein Ziel. „Idealerweise würden Menschen vielleicht hundert Jahre alt werden, so lange recht gesund bleiben und dann einen schnellen, schmerzlosen Tod sterben. Heute brauchen wir zum Lebensende hin meist über Wochen und Monate intensive Behandlung, und die ist teuer.“ So erklärt Horvath, warum „healthy aging“ seiner Meinung nach ein äußerst dringendes gesellschaftliches Anliegen sein müsste.


„Heute brauchen wir zum Lebensende hin meist über Wochen und Monate intensive Behandlung, und die ist teuer.“
STEVE HORVATH

Welche Dramen das Alter bringt, erlebt der Biostatistiker zurzeit in der eigenen Familie. Von der Pandemie ausgebremst, musste Horvath alle Reisen absagen und in Los Angeles ausharren, während sein Vater in Deutschland mit dem Tod ringt. Ein Schlaganfall hatte den 86-Jährigen in die Notaufnahme gebracht, und im Krankenhaus steckte er sich prompt mit dem Coronavirus an. „Wir sind durch die Hölle gegangen. Aber er ist sehr robust, hat beides überlebt“, erzählt Horvath in unserem Gespräch via Skype. Covid-19 ist überstanden, seit einem weiteren Infarkt wagt aber niemand mehr, sich große Hoffnungen zu machen, von „Höhen und Tiefen“ ist die Rede.

Keine seiner epigenetischen Uhren hätte so etwas voraussehen können: „Sie sind nicht spezifisch genug, um einen Schlaganfall vorherzusagen, können nur eine statistische Annahme machen, wie lange jemand wahrscheinlich leben wird“, erklärt Horvath. Menschen und ihre Lebensumstände seien für derart genaue Einzelangaben viel zu kompliziert, wenn man aber mehrere hundert Personen statistisch auswerte, sei das sinnvoller und gebe der Medizin eine gute Orientierung. Außerdem würde Horvath nie jemandem mitteilen, wie viele Jahre er laut einer Blutanalyse noch etwa hätte. „Laien neigen dazu, solche Daten falsch zu verstehen oder sie zu überinterpretieren. Als Wissenschaftler kann ich es trotz Fehlerwerten richtig einschätzen, mich macht es zum Beispiel auch nicht nervös, wenn mich die Daten plötzlich älter erscheinen lassen, als ich es mit Jahrgang 67 tatsächlich bin.“ Warum aber sein Bruder Markus, immerhin eineiiger Zwilling, bei gleichem Lebensstil stets jünger wirke, sei ihm ein Rätsel. Vielleicht weil sie bei der Geburt nicht gleichermaßen kräftig entwickelt waren? Als Antwort befriedigt das den Forscher nach wie vor nicht; eine andere hat der Professor für Menschliche Genetik und Biostatistik aber noch nicht.

Der Maler Lukas Cranach dachte sich 1546 einen Jungbrunnen aus – man steigt alt hinein und kommt verjüngt heraus. Heute versprechen Hormoncocktails und Elixiere mit Blutplasma dieselben Effekte.

Dass sie sich als Teenager mit Freunden einem Gilgamesch-Projekt verschworen hatten und dabei Pläne für die berufliche Laufbahn schmiedeten, war Steve Horvath entfallen. Bis ihm Jahrzehnte später ein enger Freund den Vertrag vorlegte und ihn an das Vorhaben erinnerte: „Wir wollten demnach die Lebensspanne des Menschen erhöhen. Biochemie und Informatik waren gefragt, um Gen-Netzwerke sollte ich mich zum Beispiel kümmern. Und obwohl ich den Plan völlig vergessen hatte, habe ich mich tatsächlich jahrelang damit beschäftigt“, sagt Horvath, der sich auf „viele Zufälle“ beruft, wenn man ihn nach seinem Werdegang fragt. Das Vordiplom hat er noch an der Technischen Universität in Berlin abgelegt, danach zog es ihn bald in die Vereinigten Staaten, wo damals ein offeneres Forschungsklima herrschte. Während man in Deutschland viele Aspekte lange überdachte, haben dort schon Wissenschaftler damit gearbeitet, um Menschen zu helfen.

„Gerade in Mitteleuropa fokussiert man sich oft auf das Negative einer Forschungsrichtung, sieht vor allem den möglichen Missbrauch, zum Beispiel in der Gentechnik, statt sich zu fragen, was eigentlich passiert, wenn wir die Methoden nicht nutzen“, zieht Horvath den Vergleich. „Ich habe an der amerikanischen, angelsächsischen Kultur immer bewundert, dass man es praktischer angeht, das Positive sieht und sich nicht nur dystopische Zukunftsszenarien mit katastrophalen Folgen ausmalt. Wir Kontinentaleuropäer hingegen lieben philosophische Erwägungen, ich auch, keine Frage, mit der biomedizinischen Praxis haben sie aber meist wenig zu tun.“ Man sollte vielleicht darauf vertrauen, dass in den Forschungslaboren und Biotech-Unternehmen ja Menschen arbeiten, die in der Regel Gutes bewirken wollen. Und natürlich sei es wichtig, rigorose Ethikkommissionen zu haben, die alles absegnen müssen.

Seit etwa 2006 widmet sich Horvath intensiv dem Altern, was manchmal überraschende Ergebnisse mit sich bringt. So zeigte die „Horvath clock“, dass Menschen, die mit HIV infiziert sind, offenbar schneller altern. Man habe unterschiedliche Gewebetypen untersucht, nicht nur Blutproben, und auch wenn die antivirale Therapie bei den Patienten gute Wirkung zeigte: Zurückdrehen ließen sich ihre epigenetischen Uhren dadurch nicht.

Cranachs „Jungbrunnen“ hängt in der Berliner Gemäldegalerie.
Cranachs „Jungbrunnen“ hängt in der Berliner Gemäldegalerie.

Ob im Körper von Covid-19-Patienten ähnlich gravierende Prozesse ablaufen, ist eine der Fragen, die Infektiologen derzeit brennend interessieren. Ein paar Forschungsgruppen, darunter eine norwegische, hätten deshalb schon in Los Angeles angefragt, und er habe gleich zugestimmt, wie fast immer: „Ja, klar. Ich mache die Analysen, sie müssen allerdings die Proben sammeln und schicken“, erzählt Horvath, der mehrere Uhren ausprobieren will, damit Entzündungsprozesse nicht zu dominant erscheinen, sondern andere Prozesse der Biologie mehr berücksichtigt werden.

Während Wissenschaftler den Erreger in kleinste Details zerlegen, könnten Künstler in der Seuche durchaus eine Quelle der Inspiration finden. Wie es für Lukas Cranach den Älteren vielleicht die verheerenden Pestzüge waren, die man in Europas Städten noch fürchten musste, als seine Vision eines Jungbrunnens entstanden ist. Das Gemälde aus dem Jahr 1546 lässt Frauen hässlich, alt und gebrechlich ins Becken steigen, aus dem sie verjüngt und schön wieder herausklettern; Männer können sich das Bad sparen, sie profitieren anscheinend von den attraktiven Gespielinnen.

Ob Heilbäder je ihr großes Versprechen einlösen konnten, darf bezweifelt werden; sie bieten zumindest Entspannung, nehmen den gefährlichen Stress. Und an experimentellen Therapien mangelt es im Moment sowieso nicht. Da wäre zum Beispiel der Cocktail aus dem Wachstumshormon hGH, dem Steroidhormon DHEA und dem Diabetesmedikament Metformin, der im vergangenen Jahr weltweit für Schlagzeilen sorgte: Obwohl erst neun Männer davon gekostet haben, belegte eine Pilotstudie nicht nur die Verträglichkeit – die Kur ließ die Probanden anschließend im Schnitt zweieinhalb Jahre jünger erscheinen, zumindest in Horvaths Analyse ihrer Blutproben. Oder das rätselhafte Elixier einer indischen Firma, das im Tierversuch an Ratten offenbar Wirkung zeigte. Die Studie dazu ist bisher weder veröffentlicht noch begutachtet, und noch nicht einmal Steve Horvath, der um die Auswertung der Vergleichsproben gebeten wurde, kennt die genaue Rezeptur. Als „plasma fraction treatment“ wird diese Kur bezeichnet, die zwei Serien mit mehrfachen Injektionen umfasste, was bei den wenigen Versuchstieren offenbar die Organfunktionen verbesserte, das Gehirn stimulierte und die Zahl der seneszenten Zellen reduzierte. Ob Menschen dafür eine solche Spritz-Kur akzeptieren würden, ist eine andere Frage, wie auch: Was ist das für ein einzigartiges „Elixier“, das den Ratten injiziert wurde?

Die Seidenraupe, die Larve des Seidenspinners, ist nicht nur für die Seidengewinnung interessant: Genetisch veränderte Seidenraupen können auch das für Menschen wichtige Kollagen herstellen.
Die Seidenraupe, die Larve des Seidenspinners, ist nicht nur für die Seidengewinnung interessant: Genetisch veränderte Seidenraupen können auch das für Menschen wichtige Kollagen herstellen.

Bekannt ist nur, dass die Behandlung auf Blutplasma basiert. Und dieser besondere Saft ist schon sehr lange als Quelle der Erneuerung im Gespräch. Zumindest wenn es von Jüngeren stammt – jüngeren Mäusen; zur Wirkung beim Menschen laufen derzeit noch mehrere klinische Studien. Deren Ergebnisse liegen teilweise vor und lassen unter anderem hoffen, dass eine reinigende Plasmapherese sowie die Gabe ausgewählter Proteine helfen könnten, etwa die Alzheimer-Krankheit zu verlangsamen. Und nicht nur die Gedächtnisleistung der Patienten schien nach monatelanger Therapie verbessert, Hirnaufnahmen ließen ebenfalls Unterschiede erkennen.

Mehrere Firmen verfolgen diesen Forschungsansatz, dem der Schweizer Neurowissenschaftler Tony Wyss-Coray vor ein paar Jahren mit überzeugenden Tierversuchen neuen Auftrieb gegeben hatte. An der Stanford University in Kalifornien erforscht Wyss-Coray, was ein Fachjournal 2017 so treffend wie schlicht als „The power of plasma“ betitelte: Nachdem ältere Mäuse von den Blutfaktoren jüngerer Artgenossen klar profitieren konnten, während der umgekehrte Tausch zum offensichtlichen Nachteil führte, schien ein lohnenswerter Weg gefunden, der zu einer Alzheimer- Behandlung führen könnte. Und mit Hilfe von Plasmaproteinen würde Wyss-Coray gern die kognitiven Fähigkeiten im Alter erhalten. Bioinformatische Untersuchungen seines Teams lassen außerdem annehmen, dass sich der Gesundheitszustand eines Menschen am sogenannten Plasmaproteom ablesen lässt. Die Analyse Tausender Plasmaproteine aus mehr als viertausend Proben von 18- bis 95-Jährigen zeigte unter anderem, dass die entscheidenden Veränderungen im Laufe des Lebens nicht linear, sondern in drei großen Wellen verlaufen. Demnach wandelt sich das Plasmaproteom im durchschnittlichen Alter von 34, 60 und 78 Jahren deutlich. Der Mix korreliert mit typischen Stoffwechselveränderungen und Krankheiten, hängt aber offenbar auch stark mit der geistigen sowie körperlichen Leistungsfähigkeit zusammen.

Steve Horvath hat eine epigenetische Uhr erfunden. Jetzt muss er allerdings noch herausfinden, warum diese Uhr tatsächlich richtig geht.

Im Trend der Altersforschung liegen natürlich nicht nur Plasmaproteine. Neben Hormonen werden Hemmstoffe einflussreicher Enzyme wie etwa das Resveratrol propagiert, ebenso Senolytika, die seneszente Zellen ausschalten; oder Wirkstoffe, die dafür sorgen sollen, dass die schützenden Telomere wieder an Länge gewinnen. Doch manche Verjüngungskuren stehen fast zwangsläufig unter Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen, oder sollen auf andere Weise der Gesundheit schaden. Und wie es um die gewünschte Wirkung steht, ist bisher selten in klinischen Studien belegt worden. Trotzdem kennt der Altersforscher Steve Horvath genügend Kollegen, die das eine oder andere Mittel auf eigenes Risiko einnehmen, ungeachtet möglicher Nebenwirkungen. Sollte sich eine Therapie als sicher erweisen, wäre Horvath wohl bereit, sich damit behandeln zu lassen, bis dahin aber hält er sich zurück.

Der Wissenschaftler verzichtet stattdessen auf Zucker und schwört auf eine einfache Form des Fastens, die er vor einem halben Jahr für sich entdeckte: Zwischen einem frühen Abendessen und dem Frühstück lässt er mindestens zwölf Stunden verstreichen, oft sind es vierzehn. „Ich hielt das zunächst für eine Spinnerei, jetzt wünschte ich mir, ich hätte dieses nächtliche Fasten schon mit vierzig praktiziert“, sagt er, nachdem er sich so vom Vorstadium einer Diabetes befreien konnte. Ohne sich zu kasteien.

„Healthy aging“ ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
„Healthy aging“ ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Mit Kaffee, schwarz, beginnen die Tage frühmorgens, und solange das Coronavirus die Weltordnung bestimmt, unterscheiden sich die Abläufe kaum. Er wird Stunden am Computer arbeiten. Stets mit Kopfhörern und einer langen, immer gleichen Playlist ausgerüstet, die Bach mit Eminem oder Metallica mischt: Während ihn die „Brandenburgischen Konzerte“ aus dem Hier und Jetzt reißen, gelingt es Horvath, Daten mit kühlem Kopf zu analysieren. In ein paar Monaten hofft er, das Projekt abschließen zu können, für das sich sein Team rund 150 verschiedene Säugetiere vorgenommen hat, darunter Nacktmulle, Hirschmäuse, Delphine und etliche Fledermäuse. „Ich habe Arten kennengelernt, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass sie existieren“, sagt Steve Horvath, der an den beiden Enden des Spektrums interessiert ist: an uralten Grönlandwalen wie an kurzlebigen Mäusen. Von etwa 10.000 Gewebeproben liegen die Daten bereits vor, und anhand der Methylierungsmuster können die entwickelten Algorithmen sowohl das Alter wie auch die Lebensspanne eines Tieres einschätzen. „Mit einer Korrelation von 0,8 gelingt uns das schon ziemlich gut“, erklärt Horvath, dessen Analysen zum Beispiel helfen, neu entdeckte Affenarten einschätzen zu können. Oder zu verstehen, ob und wie viele Lebensjahre Beluga-Wale in Gefangenschaft verlieren, im Vergleich zu ihren wilden Artgenossen. Und damit werden die epigenetischen Uhren fast zum Politikum. Zugleich hoffen Forscher, besser verstehen zu können, warum manche Fledermausarten, kaum größer als eine Maus, über vierzig Jahre alt werden können, während andere vielleicht nur fünf Jahre leben. „Ich hoffe, dass ihre Methylierungsmuster es uns erlauben, dieses Geheimnis zu lüften“, sagt Horvath, der über seine Suche nach Rattengewebe auch zum Analysator eines neuen, nicht weniger geheimnisvollen Elixiers wurde.

Was damit passiert, kümmert den Biostatistiker allerdings weniger als das Ziel, seine epigenetischen Uhren in die Klinik zu bringen. Für diese Anwendung stehen Gespräche mit der zuständigen Behörde an, außerdem gilt es für den Uhrmacher jetzt, das noch viel größere Rätsel zu lösen: Warum funktionieren die gewählten epigenetischen Muster als Messwert? Welche biologischen Prozesse stecken dahinter? Warum geht die Horvath-Uhr richtig?

Steve Horvath
Der gebürtige Frankfurter (Jahrgang 1967) ist Altersforscher und Biostatistiker. Er lehrt an der University of California in Los Angeles.

Den Bilder-Essay hat der Berliner Fotograf Joseph Kadow fotografiert. Damit hat er das Thema „Ewige Jugend“ nach eigenen Vorstellungen frei interpretiert.

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30.08.2020
Quelle: F.A.Z. Quarterly