<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
!-- Anfang HTML-Objekt -->


Art 19 – Zehn Kunstwerke für Amnesty International



„Jeder Mensch hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

[Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – Meinungs- und Informationsfreiheit]


Ohne die Meinungs- und Informationsfreiheit gibt es keine echte Demokratie, keine freie Kunst, kein offenes Geistesleben. Dieses Menschenrecht wird aber vielerorts bedroht, eingeschränkt, abgeschafft. Elf weltberühmte Künstler, darunter das Künstlerpaar Ilya & Emilia Kabakov sowie Gerhard Richter, Yoko Ono und William Kentridge, feiern deshalb für Amnesty International dieses Recht mit je einer neuen Arbeit. Die Initiative „Art 19“ verkauft die zehn Werke in einer Box mit limitierter Auflage: hundert Exemplare für je 50.000 Euro – mit dem Gewinn wird Amnesty unterstützt. Wir präsentieren die Werke exklusiv vorab.

Die Initiative „Art 19“ präsentiert die zehn Originalgrafiken ab 11. Dezember in Berlin der Öffentlichkeit. Danach folgen Ausstellungen in Prag, Genf und Paris, später auch in Amerika, Afrika und Asien. Mehr Informationen zu den Ausstellungen und der limitierten Edition der „Art 19 – Box One“ gibt es unter www.art-19.com.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

#1 Gerhard Richter

„CUT“, 2018, Courtesy: Gerhard Richter

GERHARD RICHTER geboren 1932 in Dresden, floh 1961 mit seiner ersten Frau Ema in die BRD, wo er sein Studium bei Karl Otto Götz in Düsseldorf fortsetzte. Mit skeptischen Malereien und Skulpturen wurde er ab den achtziger Jahren zu einem der meistverehrten lebenden Künstler. Er lebt in Köln.


#2 Yoko Ono

„A PIECE OF SKY“, 2019, Courtesy: Yoko Ono

„I have been an active supporter and proud member of Amnesty International for nearly two decades. There is no greater champion or stronger force for human rights in our world than Amnesty. Freedom of expression is naturally dear to my heart and a fundamental and essential right – especially for artists. I am delighted to be part of ,Art 19 Box One‘ joining my ten fellow international artists to support Amnesty and its partner, Art 19. Please support this important artistic endeavour.“
Yoko Ono

YOKO ONO, 1933 in Tokio geboren, wuchs als Tochter einer wohlhabenden Familie in New York und Tokio auf und wurde zur zentralen Figur in Fluxus-Kunst und experimenteller Musik. In einer ihrer Ausstellungen traf sie John Lennon, mit dem sie bis zu dessen Tod gemeinsam Aktionen durchführte und Musik aufnahm. Sie lebt in New York.


#3 Ayşe Erkmen

„BBB / BROKEN BLUE BRACELET“, 2019, Courtesy: Ayşe Erkmen

„Art can only stimulate a more precise distinction which can help understand the differences and create conciousness.“
Ayşe Erkmen

AYŞE ERKMEN versetzt Steine, lässt Wände wandern oder Menschen über Wasser gehen, wie mit ihrem verborgenen Steg bei den Skulptur-Projekten in Münster 2017. 1949 in Istanbul geboren, besuchte sie 1993 mit einem DAAD-Stipendium zum ersten Mal Berlin, wo sie heute lebt.


#4 Shirin Neshat

„FROM THE SERIES ,THE HOME OF MY EYES‘“, 2015–2019, Courtesy: Shirin Neshat

„It has always been my opinion that artists should be politically conscious and in my personal case being born as an Iranian, a country that has undermined basic human rights particularly since the Islamic Revolution, I have uncontrollably gravitated toward making art that is concerned with issue of tyranny, dictatorship, oppression and political injustice. Although I don’t consider myself an activist I believe my art regardless of its nature, is an expression of protest, and a cry for humanity.“
Shirin Neshat

SHIRIN NESHAT, 1957 geboren, wuchs in Teheran auf und ging während der Revolution 1979 in die Vereinigten Staaten. Sie wurde ab Mitte der neunziger Jahre mit ihrer Fotoserie „Women of Allah“ bekannt. Für ihre Filme wurde Neshat mit vielen Preisen ausgezeichnet. 2017 inszenierte sie die Oper „Aida“ bei den Salzburger Festspielen.

#5 William Kentridge

„GOD’S OPINION IS UNKNOWN“, 2019, Courtesy: William Kentridge

„Outside the studio, the artist needs to behave as a good citizen and member of civil society. Inside the studio she/he needs to be faithful to where the work leads.“
William Kentridge

WILLIAM KENTRIDGE, 1955 in Johannesburg als Sohn politisch engagierter Rechtsanwälte geboren, entwickelte sein ausuferndes Werk aus Zeichnung, Film und kinetischen Installationen unter dem Eindruck der Apartheid. In Deutschland war er zuletzt prominent auf der Documenta 13 und im Frankfurter Liebighaus vertreten. 2017 inszenierte er den „Wozzeck“ bei den Salzburger Festspielen. 2019 erhielt er, wie vor ihm Gerhard Richter, den Praemium Imperiale, einen der höchstdotierten Kunstpreise der Welt.


#6 ROSEMARIE TROCKEL

„FILM MUET“, 2019, Courtesy: Rosemarie Trockel Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Amnesty ist Ehrensache und erste Bürgerpflicht!“
Rosemarie Trockel

ROSEMARIE TROCKEL, 1952 in Schwerte geboren, wurde mit Strickbildern bekannt, die abstrakte Kunst mit einem Klischee weiblicher Heimarbeit kreuzen. Auf keinen Stil festzulegen, sabotieren ihre Zeichnungen, Objekte, Videos und Installationen geltende Wertzuschreibungen. Sie lebt in Köln und Berlin.


#7 ILYA & EMILIA K ABAKOV

„WE ARE FREE!“, 2018, Courtesy: Ilya & Emilia Kabakov Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Art is a powerful tool which can influence a lot of people, bring positivity to the world and make others to pay attention to the main problems of our time. And specifically because of this artists have to be careful how they use their talent and influence.“
Ilya & Emilia Kabakov

ILYA & EMILIA KABAKOV arbeiten zusammen als Künstlerpaar. Er wurde 1933 im ukrainischen Dnipro geboren, konnte seine lakonisch die sowjetische Propaganda unterlaufenden Gemälde und Installationen jahrzehntelang nur Freunden im Moskauer Atelier zeigen. Ab den Achtzigern wurde seine Kunst im Westen berühmt. 1988 zog er mit seiner 1945 ebenfalls in Dnipro geborenen Frau Emilia, die 1973 erst nach Israel und dann in die Vereinigten Staaten emigriert war, nach New York. Seither agieren sie als Künstlerpaar und entwickeln alle Werke gemeinsam.


#8 Chiharu Shiota

„BEING HUMAN“, 2019, Courtesy: Chiharu Shiota Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Ich denke, Kunst ist der Ausdruck von Freiheit. Wir brauchen diese Kunst, um zu kommunizieren, um unseren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Wer Kunst kreiert, fordert andere dazu auf, seine Menschlichkeit und Existenz zu hinterfragen. Ein Raum der freien Entfaltung wird geschaffen. Kunst ist die Seele der Gesellschaft.“
Chiharu Shiota

CHIHARU SHIOTA, 1972 in Osaka geboren, lebt seit 1996 in Berlin. Sie schafft raumfüllende Installationen aus Altbaufenstern oder riesigen Netzen roter Fäden, in die sie Klaviere, Taufkleider oder Koffer einwebt. Oder Krankenhausbetten, in denen auch mal echte Menschen schlafen.


#9 Kiki Smith

„FLOWERS IN THE SKY“, 2019, Courtesy: Kiki Smith

„I’m very happy to have the opportunity to make something to support the work of Amnesty International.“
Kiki Smith

KIKI SMITH wurde 1954 in Nürnberg geboren und wuchs in New Jersey auf. Ihre Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke erkunden zärtlich und schonungslos die Kreatürlichkeit und Verletzlichkeit des menschlichen Körpers. Sie lebt in New York.


#10 Shilpa Gupta

„No Title“, 2012–2019, Courtesy: Shilpa Gupta

„Art comes from the unconscious, which is a free space. With majoritarianism taking over, the space to speak differently and critically is shrinking. Will be good if interested artists can join hands with activists to creatively think of visual strategies for public spaces – be it online or offline.“

SHILPA GUPTA, 1976 in Mumbai geboren, erforscht die Freiheitspotentiale zwischen politischer Geographie und persönlicher Erinnerung und Phantasie: Etwa wenn sie 100 Menschen bittet, die Grenzen ihres Landes aus dem Kopf zu zeichnen und die Ergebnisse übereinanderlegt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie diesen und weitere, spannende Artikel in der aktuellen Ausgabe der „F.A.Q. – Frankfurter Allgemeine Quarterly“.
Abonnieren Sie die Print-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ hier: fazquarterly.de
Lesen Sie die „Quarterly“ lieber digital? Hier finden Sie alle bisher erschienenen Ausgaben der F.A.Q. als PDF: e-kiosk.faz.net
Möchten Sie wissen, wie es hinter den Kulissen der „Quarterly“ aussieht? Für Neuigkeiten aus der Redaktion, „Behind the scenes“-Videos von unseren Shootings und Hintergrund-Informationen zur neuen Ausgabe folgen Sie uns einfach auf:

Nächstes Kapitel:

Interview mit Emilia Kabakov




„Es ist wie in den Dreißigern“



Die Künstlerin Emilia Kabakov über ihre Edition für „Art 19“, das Kunstmachen im Stalinismus und die neuen Gefahren für die Freiheit.

Ilya und Emilia Kabakov Foto: Vincent Tullo

21.11.2019
Interview: KOLJA REICHERT
Porträt: VINCENT TULLO

Dreißig Jahre lang konnte ihr Mann seine Kunst nur den engsten Freunden zeigen. In Ilya Kabakovs Moskauer Dachbodenatelier trafen sich ab den sechziger Jahren im Geheimen die Künstler, Musiker und Schriftsteller, die später als Moskauer Konzeptualisten berühmt wurden. Emilia und Ilya Kabakov wissen, wie es ist, in Unfreiheit zu leben. Und sie wissen, wie notwendig die Kunst ist, um die innere Freiheit zu bewahren. Seit über dreißig Jahren arbeiten Emilia und Ilya Kabakov als Künstlerpaar zusammen. Er, inzwischen 86, gibt seit längerem keine Interviews mehr, sie spricht für beide. Wir erreichen sie per Skype im Atelierhaus auf Long Island.

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Welche Rolle hat Freiheit in Ihrer beider Leben gespielt?
EMILIA KABAKOV: Freiheit war für uns immer das Wichtigste. In der Sowjetunion war uns die Freiheit geraubt. Ilya hatte dort nie eine Ausstellung. Ich hatte auch ein sehr schwieriges Leben, meine Eltern kamen ins Gefängnis, als sie 1957 versuchten, nach Polen auszuwandern, da war ich elf Jahre alt. Mein Vater war fast zehn Jahre eingesperrt, meine Mutter fast drei. Diese Erfahrung hat mein Leben geprägt. Mir wurde klar: Wenn man keine Angst hat, kann einen niemand zu irgendetwas zwingen. Mir wurde klar, dass ich ehrlich sagen und erzählen muss, was ich wirklich denke, auch wenn es Leuten nicht gefällt. Das macht einen frei.

FAQ: Kunst muss für Sie damals eine andere Rolle gespielt haben.
KABAKOV: Für uns war dasWichtigste, zu tun, was wir wollten, unsere Träume und Wünsche zu verfolgen. Ich war Musikerin. Ilya war gezwungen, seinen Lebensunterhalt mit Kinderbüchern zu finanzieren, was nicht gerade sein Traumberuf war. Für ihn war das Wichtigste, frei zu sein, um zu malen, was immer er wollte, und in der Lage zu sein, seine Werke auszustellen.

FAQ: In den Sechzigern unterschied Ilya in einem Text zwischen Malen „für mich“ und Malen „für die anderen“. Wie haben Sie beide in der Kunst Ihre Freiheit erobert?
KABAKOV: Ilya hat schon immer viel geschrieben. Er verwendete in seinen Gemälden und Zeichnungen immer die Fliege. Ihr schenkt niemand Beachtung, aber sie kann hinfliegen, wohin sie möchte. Wir wissen nicht: Ist sie ein fremder Spion oder nur ein freies Wesen? Jedenfalls hat sie eine Freiheit, die Menschen in der Sowjetunion nicht hatten.


„Ilya zog nie in Betracht, dass seine Gemälde zu groß waren, um sie durch die Tür zu tragen. Für seine erste Ausstellung mussten sie vom Dach abgeseilt werden.“

FAQ: Der Kunstkritiker Robert Storr schrieb über die Fliege in Ilyas Kunst, sie bekräftige, „dass der kleinste Freiheitsgrad kostbar ist und dass das meistverachtete Wesen, wenn es sich dessen bewusst ist und in diesem Bewusstsein handelt, den Lauf der Geschichte ändern kann“.
KABAKOV: Es gibt auch die Zeichnung „Mann in der Dusche“ aus den Sechzigern. Sie handelt auch von Freiheit, denn das Wasser, das den Mann umgibt, lässt seine Gedanken nicht sichtbar werden. Es schneidet ihn von der Welt ab und verhindert, dass er gesehen wird. Niemand kann ihn erreichen, weil er von dieser Mauer aus Wasser umgeben ist, die gewissermaßen die Mauer darstellt, mit der die Sowjetunion sich umgab.

FAQ: Während die Fliege sehr klein ist, waren Ilyas Leinwände oft fast vier Meter groß. Was ist die Rolle von Größe in Ihrer Kunst?
KABAKOV: Die Größe verkörpert die Vision, die Ideen, die Phantasie. Ilya war sich damals absolut sicher, dass seine Arbeiten nie das Atelier verlassen würden, um öffentlich gezeigt zu werden, deshalb zog er nicht mal in Betracht, dass die Tür für sie zu klein war. Das Atelier war auf dem Dachboden, und als seine erste Ausstellung vorbereitet wurde, 1985 in Bern, mussten die Gemälde außen abgeseilt werden.


„Populisten geben sich selbst die Freiheit, in die Rechte anderer einzugreifen und die Regeln der Gesellschaft zu missachten. Das ist sehr gefährlich.“
Emilia Kabakov

FAQ: Wann begannen Sie, gemeinsam zu arbeiten?
KABAKOV: Ilya ist ein Cousin meiner Mutter. Ich kenne ihn also mein ganzes Leben. Als ich sechs war, widmete er mir Zeichnungen, und als ich anfing Klavier zu spielen, kam er, um zuzuhören. Er kam immer in unsere Moskauer Wohnung zum Essen. Als ich älter wurde, entwickelte sich eine sehr starke Anziehung, die wir beide verbargen, weil wir Angst hatten. Er hatte wahrscheinlich Angst vor meinen Eltern, und als ich älter wurde, war er schon verheiratet. Als ich dann 1973 die Sowjetunion verließ, sagte er, dass er mich liebe. Aber ich war schon am Aufbrechen, was zu dieser Zeit einen Abschied für immer bedeutete.

So entstand die Arbeit der Kabakovs für Amnesty: „WE ARE FREE!“ Foto: Art 19 GmbH

FAQ: Wie fanden Sie sich in der Freiheit im Westen zurecht?
KABAKOV: Es war für uns beide sehr unterschiedlich. Wann immer ich versuchte, ein Visum für eine Geschäftsreise nach Moskau zu bekommen, sagten mir die Beamten auf der Botschaft, dass ich nie zurückkehren könne, solange das Land existiere. Erst nach der Perestrojka bekam ich ein Visum. Im Westen war ich zuerst geblendet von Freiheit. Ich konnte tun, was ich wollte, in jedes Land reisen, sogar mit wenig Geld. Nur wussten Menschen im Westen fast nichts über das wirkliche Leben in der Sowjetunion. Als ich nach Amerika kam und einen Kühlschrank kaufte, fragten mich die Handwerker, ob ich wüsste, wofür der sei und was da reingehöre. Ich starrte sie an: Was glaubt ihr, wo ich herkomme, von einem anderen Planeten?

FAQ: Und Ilya?
KABAKOV: Er ging unter anderen Umständen. 1987 bekam er eine Einladung für ein Stipendium vom österreichischen Kultusminister. Dann entschied er sich, nie zurückzugehen. Er fühlt sich nicht als russischer Künstler, er fühlt sich keinem Land zugehörig. Wir sagen immer, wir sind international. Ich fühle mich als Amerikanerin, die in Russland geboren wurde.

FAQ: Wie haben Sie sich wiedergetroffen?
KABAKOV: Als Ilya 1987 kam, arbeitete ich gerade als Beraterin für eine Privatsammlung. Ich bot an, ihn zu unterstützen und mit ihm zu arbeiten. Wir begannen gemeinsam zu reisen und beschlossen endlich, dass dies unsere Chance sei und wir sie nicht verpassen dürfen.

FAQ: Und wann begannen Sie, Arbeiten gemeinsam zu signieren?
KABAKOV: 1997 arbeiteten wir an einer neuen Installation mit dem Titel „Palace of Projects“. Da sagte Ilya, er wolle ab jetzt mit „Ilya & Emilia Kabakov“ unterzeichnen. Wir beschlossen, nie zu enthüllen, wer was macht. Ich kann nur sagen, dass ich nicht male, das macht immer Ilya. Installationen machen wir gemeinsam.

FAQ: Gibt Ihnen das auch Freiheit, dass niemand weiß, wer genau was macht?
KABAKOV: Es gibt uns Freiheit, zu wissen, dass sich jeder hundert Prozent auf den anderen verlassen kann, in jedem Sinn des Wortes.

FAQ: In der Sowjetunion malte Ilya oft die Frage: „Wo sind sie?“ Das sind humorvolle Bilder, aber …
KABAKOV: Ich finde sie tragisch. Das war die Stalinzeit, in der viele Menschen eingesperrt wurden. Wo sind sie? Wir wissen es nicht. Wir dürfen nicht mal die Frage stellen, dabei wissen wir ja eigentlich genau, wo sie sind.

FAQ: Aber keiner kann das Bild verklagen, oder? Niemand kann beweisen, dass das Bild Kritik ausübt.
KABAKOV: Stimmt. Es ist für die gemacht, die es verstehen. Sonst ist es völlig unschuldig: Vielleicht sind sie einkaufen gegangen. Vielleicht schlafen sie nur. Ilya spielt immer diese Rolle, die zwischen zwei Welten hin- und herdriftet: auf der einen Seite Humor und Ironie, und zugleich sehr ernste, sogar tragische Themen.

FAQ: Und wo konnte er seine Bilder zeigen?
KABAKOV: Nirgends. InMoskau konnte er alle Arbeiten nur im Atelier zeigen, vor einem Kreis sehr enger Freunde.

FAQ: Wer waren die Freunde, und unter welchen Umständen trafen sie sich?
KABAKOV: Es war ein kleiner Kreis von Künstlern. Ich denke, er vertraute nie mehr als 30 Freunden. Sonst durfte niemand ins Atelier. Er tat immer, als wäre er nicht da, nahm das Telefon nicht ab oder antwortete mit einer Kinderstimme: „Er ist nicht da.“ Aber Ilyas Atelier war in den sechziger und siebziger Jahren ein sehr wichtiger Versammlungsort für junge Künstler und Musiker. Es gab Veranstaltungen, auf denen er seine Arbeiten zeigte und Geschichten erzählte. Es ging immer um Eskapismus: dem Leben entfliehen, dem Druck der Regierung, der Ideologie, der Sowjetunion. Er macht noch immer Zeichnungen, auf denen jemand mit roten Fahnen aus den Toren fliegt. Fliegen zu können, nicht nur physisch, sondern auch emotional, mental, ist immer ein Zeichen von Freiheit.

FAQ: Was uns zu der Arbeit bringt, die Sie für Amnesty entwickelt haben. Da regnet es aber auch konstruktivistische Rechtecke vom Himmel. Ist das ein Ausdruck von Skepsis?
KABAKOV: Ja. Die Lage ist jetzt auf der ganzenWelt sehr schwierig. Das macht einen nervös und ängstlich. Jedes Land kämpft für sich – es ist Chaos! Niemand auf der Welt weiß, was morgen passiert. Jede Bewegung ist gescheitert, Kapitalismus, Sozialismus, keine der Ideen, die die Menschheit ausprobiert hat, funktioniert jetzt. Wir haben einige Politiker, die völlige Idioten sind, und einige extrem kluge, aber wie kommt es, dass die immer auf der Seite der Populisten stehen? Mein Gefühl ist, dass wir uns an einem sehr gefährlichen Punkt in der Geschichte befinden, wie in den Dreißigern, als Faschisten an die Macht kamen. Es fing genauso an.

FAQ: Und was ist Ihre Überlebensstrategie? Wie bewahren Sie Ihre innere Freiheit, Ihre Phantasie, Ihren Humor?
KABAKOV: Wir haben ein Projekt namens „Ship of Tolerance“, für das wir mit Kindern auf der ganzen Welt arbeiten. Wir glauben, dass die Zukunft davon abhängt, dass Kinder verstehen, dass die Welt nur funktionieren kann, wenn alle sich zusammentun. Außerdem versuchen wir von allen unabhängig zu bleiben, auch von der Kunstwelt. Wir machen, was wir wollen, und leben nach unserer Phantasie, wie damals.

FAQ: Wie darf man sich einen Tag im Hause Kabakov vorstellen?
KABAKOV: Wir stehen um sechs Uhrmorgens auf, frühstücken, dann geht Ilya zum Malen ins Atelier, das neben meinem liegt, und ich mache alles andere, Konzepte, Mails beantworten, Anfragen und Verträge prüfen. Beim Mittagessen reden wir, und dann schaue ich mir an, was er an dem Tag gemacht hat. Wir diskutieren die Gemälde, entscheiden, was geändert werden muss und was nicht. Ilya kann nicht mehr reisen, er ist jetzt 86. Ich reise noch, deshalb mache ich hauptsächlich die Installationen und baue die Ausstellungen auf.

FAQ: Der Begriff Meinungsfreiheit wird heute meistens von Rechtspopulisten benutzt, die das Recht beanspruchen, alles zu sagen und jeden zu verletzen. Finden Sie, dass Meinungsfreiheit auch Grenzen kennt?
KABAKOV: Ja, das tue ich. Niemand lebt außerhalb der Gesellschaft. Und diese Gesellschaft basiert auf Regeln: Verletze andere nicht. Tue ihnen keinen Schaden an. Du kannst deine persönliche Freiheit haben, aber nicht in die Rechte anderer eingreifen. Populisten tun genau das: Sie geben sich selbst die Freiheit, die Regeln der Gesellschaft zu missachten, was sehr gefährlich ist.

FAQ: Was ermöglicht Kunst in Zeiten mangelnder Freiheit?
KABAKOV: Kunst verleiht einem die Freiheit zu träumen, sie erhebt einen zu den höheren Stufen des Lebens. Es geht um Phantasien, Träume und Lebensqualität. Irgendwann haben Museen die Rolle der Kirche übernommen. Es gibt Künstler, die Aktivisten sind, was in Ordnung ist, Künstler, die Provokateure sind, was in Ordnung ist, und es gibt Künstler wie Ilya und mich, die eine Verbindung von allem sind, aber zuallererst geht es bei uns um Phantasie und Kultur. Wir können als menschliche Spezies überleben, wenn wir genügend Essen und Kleider haben, aber wir werden keine Menschen sein, wenn wir keine Kultur haben.


Nächstes Kapitel:

Interview mit William Kentridge



„Soziale Medien zähle ich zu den repressivsten Mächten der Welt!“



William Kentridge beim Signieren der 100 Exemplare seiner Arbeit für Amnesty. Der südafrikanische Künstler erhielt 2019 den Praemium Imperiale, der auch „Nobelpreis der Küste“ genannt wird Foto: Lucia Hunziker / Copyright: Art 19 GmbH

Interview: RAINER SCHMIDT

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Welche Bedeutung hat der Artikel 19 für Sie und Ihre Arbeit?
WILLIAM KENTRIDGE: ZumHöhepunkt der Apartheid im Südafrika der siebziger und achtziger Jahre wurde der Einfluss von bildenden Künstlern als so unbedeutend angesehen, dass es eher unwahrscheinlich war, dass Bilder eines Künstlers verboten wurden – anders erging es Schriftstellern, Journalisten oder Filmemachern, da gab es viel engmaschigere Kontrollen. Zensiert wurden politische oder sexuelle Inhalte, die als anstößig galten. Auch ich musste alle meine Filme dem Publication Control Board vorlegen.

FAQ: Wie erging es Ihrem Umfeld?
KENTRIDGE: Die Bücher von befreundeten Schriftstellern wurden verboten und durften nicht vertrieben werden. Ein anderer durfte seine Filme nur in Kinos zeigen, wo das Publikum überwiegend weiß war, jedoch nicht in den schwarzen Townships. Die Zensur herrschte auf vielen Ebenen in Südafrika.

FAQ: Wie war die Entwicklung später?
KENTRIDGE: Wir hatten eine sehr offene und freie Periode beim Übergang zur Demokratie. Heute ist die Atmosphäre wieder restriktiver. Wir haben zwar große Meinungsfreiheit für Journalisten und Zeitungen, aber in der akademischen Welt erleben wir weniger Freiheit und Offenheit. Diese wird nicht durch staatliche Stellen eingeschränkt, sondern durch Gruppen in den Universitäten, was noch übertroffen wird durch die Zensur durch soziale Medien, die ich zu den repressivsten Mächten der Welt zähle. Sie mögen nicht so gut organisiert sein wie die Stasi in der DDR, aber sie bringen Leute dazu, extrem darauf zu achten, was sie zu wem sagen. Das ist der Effekt von staatlichen Unterdrückungssystemen und sozialen Plattformen, das ist das Ende von vernunftbestimmten Diskussionen.

FAQ: Warum haben Sie für dieses Amnesty- Projekt den Titel „God’s Opinion Is Unknown“ ausgewählt?
KENTRIDGE: Ich habe den Titel „God’s Opinion Is Unknown“ gewählt, um Raum für Zweifel und Unsicherheiten zu lassen angesichts der Gewissheiten, die sich viele Leute bei den Debatten darüber leisten, was gesagt werden darf und was nicht.

FAQ: Das Internet und die sozialen Medien sind eine Hauptquelle für Beleidigungen und Hass. Sollte die Meinungsfreiheit irgendwo enden?
KENTRIDGE: Darauf habe ich keine Antwort. Man muss aber den faschistischen Charakter von Algorithmen und Social Media verstehen als eine Quelle für die Wellen des Hasses und der Beleidigungen.

FAQ: Wer ist der größte Feind der Meinungsfreiheit?
KENTRIDGE: In vielen Ländern ist es der autoritäre Staat. Aber es gibt auch andere Formen. In liberalen Demokratien ist es oft eine Art repressiver Toleranz, in der bestimmte Dinge akzeptiert werden, andere nicht.

FAQ: Wer ist Ihr persönlicher Held der Meinungsfreiheit?
KENTRIDGE: Erzbischof und Nobelpreisträger Desmond Tutu. Er steht für eine besondere Offenheit zur Welt.

FAQ: Global scheint es eine Tendenz zu repressivem und autoritärem Verhalten zu geben. Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten?
KENTRIDGE: Die Begrenzung der Gedanken auf die Länge eines Tweets und die Dominanz der Tweets über das vernünftige Argument zeigt, dass die Welt in eine absurde, rechte Ecke rutscht. Deshalb bin ich eher pessimistisch, was die Zukunft angeht.

Quelle: F.A.Z. Quarterly

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.