Bioplastik

Verpackt in alle Ewigkeit!

Von Florian Siebeck
Aktualisiert am 23.04.2019
 - 17:32
Kosmetik in Bioplastik: Chanel hat schon angeklopftzur Bildergalerie
Plastik ist sehr haltbar, das ist das Problem. Die Lösung ist Bioplastik, garantiert kompostierbar.

Für die Industriestaaten war Plastikmüll lange ein untergeordnetes Problem. Es fand sich immer jemand, der ihn annahm. Doch seit China kaum mehr Plastikmüll importiert und Staaten wie Malaysia und Rumänien in illegalen Müllhalden ersticken, rückt das Problem ins Sichtfeld auch der Politik. Auf der ganzen Welt werden jedes Jahr etwa dreihundert Millionen Tonnen Plastik produziert, das meiste landet im Müll. Wenn der Trend anhält, gibt es 2050 mehr Plastik in den Weltmeeren als Fische. Denn Kunststoffe wie Polyethylen, Polystyrol oder PET waren immer so begehrt, weil sie besonders haltbar sind – leider auch dann, wenn man sie nicht mehr braucht. Nach Berechnungen der University of Georgia und der University of California Santa Barbara wurden von den bis heute weltweit produzierten 8,3 Milliarden Tonnen Plastik mehr als 6,3 Milliarden längst weggeworfen.

Überall auf der Welt will man das Plastikproblem in den Griff kriegen. Das Unternehmen Avani Eco aus Indonesien stellt aus Tapiokapflanzen Taschen her, die ähnliche Eigenschaften wie Plastiktüten besitzen, sich aber in Wasser auflösen lassen. Slowakische Forscher ziehen aus so unterschiedlichen Grundstoffen wie Zucker, Maisstärke oder Speiseöl Elemente für das Material Nuatan, das bis zu fünfzehn Jahre lang und länger halten soll, sich aber bei entsprechender Behandlung auch in 90 Tagen zersetzen kann. Der Schwede Pontus Törnqvist hat ein Material aus Kartoffelstärke entwickelt, das kompostierbar ist; in Frankreich arbeiten sie an Enzymen, die Plastik zersetzen sollen; und die Londoner Skipping Rocks Labs haben auf Grundlage von Meeresalgen die essbare Folie Ooho entwickelt, die in ersten Takeaway-Läden für Saucen genutzt wird.

Von der Marktreife weit entfernt

Viele Produkte sind von der Marktreife weit entfernt, Ooho etwa hält nur wenige Tage, ehe es zu schrumpfen beginnt. Doch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass der Markt für „alternatives Plastik“ bis 2020 rund 3,4 Milliarden Dollar umfassen wird. In den nächsten zehn Jahren sollen bis zu zwanzig Prozent aller Kunststoffprodukte aus Bioplastik entstehen. Ein weiteres Unternehmen, das sich Anteile in diesem Zukunftsmarkt sichern will, ist Sulapac aus Finnland. Das gleichnamige Material besteht vollständig aus Holz und aus natürlichen Bindemitteln wie Zuckerrohr. Sulapac ist ähnlich flexibel wie Plastik; es weist Wasser, Öl und Sauerstoff ab, ist aber rückstandslos biologisch abbaubar.

Die Idee kam der Gründerin Suvi Haimi im Badezimmer: Es sei widersinnig, dass sie Naturkosmetik benutze – deren Verpackung aber der Umwelt schade. „Im Kosmetikbereich werden Produkte ein paar Monate genutzt. Warum sollte die Verpackung dann Jahrhunderte überdauern?“ Suvi Haimi ist Spezialistin für Biomaterie und Gewebeherstellung, sie hat in Finnland und den Niederlanden studiert. Und es war ihr Professor, der ihr den Rat gab, sich selbständig zu machen. „Wer die großen Probleme lösen will, kann das nur als Unternehmer tun.“ Zusammen mit ihrer Kollegin Laura Kyllönen gründete sie 2016 das Unternehmen Sulapac.

Die Grundlage sind Chips aus Holz; Haimi und Kyllönen entwickelten dazu das Bindemittel, das anstelle des herkömmlichen Granulats in handelsüblichen Spritzgussmaschinen genutzt werden kann. „In der Maschine stecken dann achtzig Prozent Holz“, sagt Haimi; es ist ein Abfallprodukt. Sulapac garantiert 24 Monate Haltbarkeit unter tropischen Bedingungen (Temperaturen bis 40 Grad, Luftfeuchtigkeit bis 75 Prozent), ehe der Abbauprozess beginnt. „Wir arbeiten an einem Katalog chemischer und kosmetischer Zutaten, denen unser Produkt widerstehen kann“, sagt Haimi. „Wir nutzen es schon in unseren eigenen Badezimmern, es funktioniert.“

Obwohl die Europäische Union das Ziel ausgerufen hat, dass bis 2030 alle Plastikverpackungen wiederverwertbar sein sollen, liegt der Anteil an Bioplastik auf dem weltweiten Markt noch bei weniger als einem Prozent. Um Sulapac bekannter zu machen, gingen Suvi Haimi und Laura Kyllönen deshalb einen ungewöhnlichen Weg: Statt nur das Material zu vermarkten, entwarfen sie erste Produkte gleich mit. Tiegel, Tuben, Spender, Kaffeebecher, Strohhalme. „Wir haben eine eigene Identität geschaffen, um beispielhaft zu zeigen, was möglich ist.“ Die Produkte haben eine holzartige Aufmachung, wirken haptisch aber eher wie Keramik. Mit Mineralien, die ebenfalls bedenkenlos abbaubar sind, können sie eingefärbt werden. „Anfangs haben wir mit Blaubeersaft gearbeitet, aber in Masse ist das nicht ertragreich“, sagt Haimi. Ohnehin: „Es ist kein Geheimnis, dass die Entwicklung neuer Technologien teuer ist. Erst wenn wir in hohen Kapazitäten produzieren können, wird auch der Preis im Wettbewerb zu Plastik stehen.“

Es kommt ihnen zupass, dass Beauty-Marken zunehmend auf auffallendes Verpackungsdesign setzen. Vorgemacht wird das etwa von amerikanischen Digital Natives auf dem Kosmetikmarkt wie Glossier oder von Promi-Marken wie Fenty Beauty (Rihanna) oder Kylie Cosmetics (Kylie Jenner). Weil mehr und mehr Produkte online gekauft oder über Instagram entdeckt werden, zählt das Image so viel wie der Inhalt.

2017 brachte Sulapac das erste Produkt auf den Markt: ein Seifenetui für die finnische Biokosmetikmarke Niki Newd. Es folgten Kooperationen mit dem Luxusgüterkonzern Naviter und der Marke Lumene. Kleine Erfolge, bis vor einigen Monaten Chanel anklopfte: Das französische Modeunternehmen ist einer der größten Player auf dem Kosmetikmarkt. Die Franzosen investierten einen nicht genannten Betrag in Sulapac. Doch was Chanel macht, wird von der Konkurrenz genau beäugt. „Das Investment hat also nicht nur uns, sondern den ganzen Markt ein Stück weit nach vorn gebracht.“

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Für Unternehmen wie Verbraucher sei es nämlich oft unmöglich zu erkennen, ob eine Entwicklung auch wirklich etwas taugt. „Bioplastik bedeutet nicht gleich, dass es umweltfreundlich ist“, sagt Haimi. „Das verstehen die meisten Leute nicht.“ Es gehe nicht um den Unterschied zwischen ölbasiertem Plastik oder biologischen Kunststoffen, etwa aus Zuckerrohr oder Kartoffelstärke. „Die Frage ist, ob sie biologisch abbaubar sind.“ Während Sulapac in Kohlendioxid, Wasser und Biomasse zersetzt werde, gebe es andere Materialien, denen lediglich Zusatzstoffe beigemischt würden, damit sie schneller abgebaut werden – um dann als Mikroplastik zu enden und gefährlicher Teil der Nahrungskette zu werden.

Der Bericht des UN-Umweltprogramms nennt ein weiteres Dilemma: Während ein vollständiger Abbau bedeute, dass keine der ursprünglichen Polymere übrig blieben, sind bei einigen „abbaubaren“ Kunststoffen konstante Temperaturen von mehr als 50 Grad Celsius notwendig – „Bedingungen, die nur in industriellen Kompostanlagen vorkommen und in der Natur äußerst unüblich sind“.

Die Autoren des Berichts geben auch zu bedenken, dass es nicht nur separate Abfallströme für abbaubare und nicht abbaubare Plastikprodukte geben müsse – sondern dass die Entwicklung auch dazu führen könne, dass Bioplastik grundsätzlich achtloser in die Natur geschmissen würde. „Wir haben Sulapac zwar so entworfen, dass es – egal, wo es endet – besser als Plastik ist“, sagt Haimi. In Müllverbrennungsanlagen emittiert es weniger Kohlendioxid als anderes Plastik, auch in der Natur zersetzt es sich von allein. Im Idealfall aber enden Sulapac-Produkte auf einer industriellen Kompostieranlage, wo nach 21 Tagen kaum noch etwas vom Material übrig ist. Die umweltfreundlichste Alternative hat sich in all den Jahren aber nicht geändert: Das Produkt erst gar nicht zu kaufen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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