Immer schön komplex, bitte!

Ihre Mode gilt Museen als Kunst, die auch Lady Gaga gern trägt: Die niederländische Designerin Iris van Herpen vernetzt ganz unterschiedliche Disziplinen. Ihre aktuelle Haute Couture setzt auf Technologie und Biologie.

29. April 2021
Interview: ALEX BOHN
Fotos: DESIRÉ VAN DEN BERG

Für ihre Arbeit hat sich die 36-jährige Modedesignerin Iris van Herpen ein Prinzip des Universalgenies Leonardo da Vinci zu eigen gemacht: Ganz so, wie er die Kunst und die Wissenschaft nicht als voneinander getrennte Disziplinen betrachtet, begreift sie Mode nicht als Silo, sondern als offen für unterschiedliche Einflüsse. Einen Namen machte sich die Niederländerin, die ihr Label 2007 gründete, mit ihren vielfältigen Kollaborationen mit Architekten wie dem Kanadier Philip Beesley und der Professorin des M.I.T. Media Labs Neri Oxman sowie der Technischen Universität in Delft. Wie viele namhafte Designer kleidet sie Popstars wie Lady Gaga und Beyoncé und Schauspielerinnen wie Tilda Swinton oder Cate Blanchett. Im Unterschied zu den meisten Designern werden ihre Entwürfe – meist filigran anmutende Kleider aus wahlweise hochfeinen oder futuristisch anmutenden Materialien mit biomorphen Silhouetten – aber in den wichtigsten Museen der Welt als Kunstwerke ausgestellt, vom Metropolitan Museum of Art in New York bis hin zum Victoria & Albert Museum in London. Für Prêt-à-porter interessiert sich Iris van Herpen nicht, sie fertigt in ihrem Atelier in Amsterdam ausschließlich Haute Couture an.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren
Der Pilz im Kleid: Kunstfertig ahmt Iris van Herpen im Frühjahr 2021 das Myzel eines Pilzes nach; die Technik nennt sie Bio-Mimikry. Video: Desiré van den Berg

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Sie nutzen für Ihre Mode bewusst Technologien und zeigen das auch – bei einer Ihrer Schauen sah man einem Roboterarm zu, wie er einer Schauspielerin ein Kleid auf den Leib schneiderte. Finden Sie es passend, wenn Sie oft als Techno-Designerin bezeichnet werden?

IRIS VAN HERPEN: Viele denken, dass meine Mode komplett aus einem Labor oder aus einem 3-D-Drucker stammt. Aber der Eindruck täuscht. Es gibt viele Wege, ein Kleid zu entwerfen. Wir verwenden sehr viel Handarbeit und experimentieren mit neuen Technologien, um zu sehen, ob sie in der Mode einsetzbar sind. So können wir zum Beispiel natürliche Ressourcen sparen oder Müll vermeiden. Oft scheitern unsere Versuche, und es ist umso schöner, wenn mal einer gelingt. Dann entsteht neues Wissen, das wir in die Handarbeit einfließen lassen können. Handwerk und Technologie scheinen für viele Menschen im Widerspruch zueinander zu stehen, wie zwei unvereinbare Sphären. Dabei profitieren eine Expertin für 3-D-Druck und ein Couture-Schneider wechselseitig von ihrer Expertise. Die Disziplinen lernen voneinander.

Dieses Kleid aus der Couture-Kollektion für den Frühling 2021 wird in Handarbeit und mit der Technik des Lasercuttings gefertigt. Auf der Show trägt es das niederländische Modell Britt van den Herik, aber auch an der Puppe ahnt man, wie die fedrigen Elemente in Bewegung schwingen.
Dieses Kleid aus der Couture-Kollektion für den Frühling 2021 wird in Handarbeit und mit der Technik des Lasercuttings gefertigt. Auf der Show trägt es das niederländische Modell Britt van den Herik, aber auch an der Puppe ahnt man, wie die fedrigen Elemente in Bewegung schwingen.

FAQ: Wie viel Platz für gescheiterte Versuche lässt der enge Zeitplan der auf Saisons getakteten Mode?

VAN HERPEN: In der Haute Couture gibt es nur zwei Kollektionen im Jahr statt der zehn, die in der Prêt-à-porter durchaus üblich sind. Aktuell arbeite ich mit dem M.I.T. und dem Architekten Philip Beesley. Im Januar, zum Couture-Termin für den kommenden Winter, waren wir zwar mit den Recherchen fertig, aber nicht mit der physischen Kollektion. Ich konnte nur im Ansatz zeigen, woran wir arbeiten, mal sehen, ob ich im Sommer weiter bin.

FAQ: Also sind selbst zwei feste Termine im Jahr nicht ideal für Sie?

VAN HERPEN: Manchmal ist es frustrierend, sich immer in diesen begrenzten Zeitfenstern zu bewegen. In keiner anderen Disziplin ist Geschwindigkeit strukturell so wichtig wie in der Mode. Aber Innovation braucht Zeit. Die Mode ist so beschleunigt, dass sie im Grunde stillsteht.

Filigrane Details prägen die Mode von Iris van Herpen: Handarbeit im Atelier in Amsterdam.

FAQ: Wie halten Sie mit Ihrer Arbeit dagegen?

VAN HERPEN: Für mich sind Kollaborationen und Experimente der Kern meiner Arbeit. Für die kommende Kollektion arbeite ich beispielsweise mit Biologen zusammen. Mich hat das Buch „Verwobenes Leben“ von Merlin Sheldrake inspiriert. Er beschreibt die gigantischen Netzwerke der Pilze, die sogenannten Mykorrhiza, die in Symbiose mit Pflanzen und Bäumen Informationen und Nährstoffe austauschen. Pilze haben ganz unterschiedliche Fähigkeiten, zu denen gerade viel geforscht wird: Sie sind imstande, Pestizide, Plastik und sogar TNT abzubauen, und können Werkstoffe liefern, die in Zukunft CO2-intensive Materialien wie Beton und Leder ersetzen können. Genau daran arbeiten wir für die kommende Kollektion. Gemeinsam mit einem Biologen aus Amsterdam fertigen wir einen Stoff, den wir aus Baumwurzeln wachsen lassen. Das geht sehr langsam voran, aber wir hoffen, das Ergebnis im Sommer zeigen zu können.


„Pilze sind imstande, CO2-intensive Materialien wie Leder zu ersetzen. Daran arbeiten wir für die nächste Kollektion.“

FAQ: Wie viel Ego verträgt eine solche Zusammenarbeit? Übernehmen Sie die kreative Führung, oder ist das eine gemeinschaftliche Anstrengung?

VAN HERPEN: Man muss bereit sein, das Wissen der anderen anzunehmen, und verstehen, dass sich nichts erzwingen lässt. Ansonsten hat eine Kollaboration keinen Sinn. Beispielsweise kann ich zwar beurteilen, ob ein Stoff ausreichende Qualität für den Einsatz in der Haute Couture hat, aber eigenständig im Labor entwickeln kann ich ihn nicht. Außerem ist jede neue Zusammenarbeit anders, schon das allein ist chaotisch und beängstigend. Aber zwischen den Fehlschlägen entsteht mitunter etwas Interessantes. Auf lange Sicht ist das befriedigender, denn als Atelier lernen wir mehr, als wenn wir einfach nur unsere eigenen Ideen umsetzen.

Das Besondere an der Arbeitsweise von Iris van Herpen: Ihre Entwürfe skizziert sie nicht, sondern entwickelt sie gemeinsam mit ihrem Team direkt an den Puppen.
Das Besondere an der Arbeitsweise von Iris van Herpen: Ihre Entwürfe skizziert sie nicht, sondern entwickelt sie gemeinsam mit ihrem Team direkt an den Puppen.

FAQ: Sie haben eine klassische Ballettausbildung. Das ist ja eher sehr kontrolliert und strukturiert . . . 

VAN HERPEN: Ja, aber später habe ich zu Modern Dance und Improvisation gewechselt. Das Wechselspiel zwischen beidem spiegelt meinen kreativen Prozess gut wider. Wenn wir mit 3-D-Druckern arbeiten und so den Materialeinsatz minimieren, erfordert die Technologie einen viel formaleren Ansatz, bei dem jeder noch so kleine Schritt geplant sein muss.

FAQ: Körper und Raum sind für Sie ein wiederkehrendes Thema, Sie arbeiten gern mit Architekten. Unsere Vorstellung des Körpers wandelt sich ja gerade enorm – er lässt sich in unterschiedliche Räume hinein verlängern, besonders ins Digitale. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

VAN HERPEN: Ja, mich interessieren die Blasen, mit denen wir uns umgeben: Mode ist die intimste, weil wir sie direkt auf dem Körper tragen, Architektur beschreibt den nächstgrößeren Raum. Ich sehe Mode in erster Linie als Mittel des persönlichen Ausdrucks. Gerade öffnen sich neue Räume für die Kommunikation, besonders online. Digitale Mode ist frei von den Beschränkungen der physischen Welt, das wird die physische Mode beeinflussen. In Zukunft kaufen die Menschen dann weniger physische Mode und kombinieren diese mit digitaler Mode, die sie nur in der digitalen Sphäre tragen. Ich glaube, die Möglichkeiten, unterschiedliche Facetten der eigenen Identität auszudrücken, werden so vielschichtiger werden.

Wer sich bei diesem feingliedrigen Entwurf an die Pflanzenwelt erinnert fühlt, ist auf der richtigen Fährte: Auch wenn die Niederländerin Iris van Herpen für ihren Einsatz innovativer Technologien wie 3-D-Drucke bekannt ist, stammt ihre wichtigste Inspiration doch immer aus der Natur. Aktuell ist sie von den unterirdischen Netzwerken fasziniert, die Pilze bilden.

FAQ: Einige Label, wie beispielsweise das schwedische Acne Studio, testen gerade, was passiert, wenn eine Künstliche Intelligenz die Mode anfertigt. Was halten Sie davon?

VAN HERPEN: Vielleicht ist es ein guter Weg, um für mehr Diversität in der Mode zu sorgen. Ich persönlich warte allerdings nicht darauf, dass eine KI mir meine Mode entwirft, denn was Mode für mich besonders macht, ist das Individuelle, Persönliche. Wenn ich selbst etwas kaufe, dann weil ich die Designerin oder das Atelier dahinter kenne oder weil es eine besondere Geschichte zu dem jeweiligen Stück gibt.

FAQ: Entwerfen Sie deswegen nur Haute Couture?

VAN HERPEN: Mit Sicherheit. Als Couture-Atelier erschaffen wir für unsere Kunden individuelle Erfahrungen, die Kunst sehr nahekommen. Historisch betrachtet, ist die Mode erst durch die Industrialisierung und die Skalierung der Produktion zu einer so großen Industrie herangewachsen. Dabei sind zwei Aspekte verloren gegangen: die Kunst, mit Mode eine persönliche Geschichte zu erzählen, und die Tatsache, dass wir durch unsere Kleidung Auskunft geben über unsere Kultur und Herkunft. Für mich sind Kunst und Mode Sphären, die auf die Welt reagieren und sie spiegeln. Und ich hoffe, dass wir mit Hilfe von Technologie und nachhaltigem Wirtschaften zurückfinden zu persönlicheren, kleineren und lokaleren Produktionen. Innerhalb unseres kleinen Couture-Ateliers können wir das beispielhaft durchspielen.

Anders als in der Pflanzenwelt hängt und bedeckt Kleidung nicht nur, sie muss auch fallen und sich den Bewegungen ihrer Trägerinnen anpassen: Entwürfe von Iris van Herpen in Bewegung. Videos: Desiré van den Berg

FAQ: Was bedeutet nachhaltiges Wirtschaften konkret für Ihre Arbeit?

VAN HERPEN: Anfangs war es ein Aspekt unter vielen, die mich interessiert haben. Inzwischen ist es einer der wichtigsten für mich, einfach weil es ein so drängendes Thema ist. Konkret verwenden wir unterschiedliche recycelte Fasern und nutzen eine traditionell hergestellte Seide, bei der die Seidenraupen nicht getötet werden. Und wir loten die Möglichkeiten aus, biologisch hergestellte Stoffe zu verwenden. Es hat sich viel getan. Vor ein paar Jahren sah ein Stoff entweder gut aus und fühlte sich gut an, oder er stammte aus einer nachhaltigen Produktion. Jetzt sind Anmutung und Haptik von traditionellen Stoffen die gleichen wie die von biologisch oder synthetisch produzierten.

Heute sind Anmutung und Haptik von traditionellen Stoffen die gleichen wie die von biologisch oder synthetisch produzierten.

FAQ: Viele Marken kommen in Ihren Kollektionen über einen geringen Anteil an Biobaumwolle oder recycelten Fasern nicht hinaus. Wieso ist die Mode so zögerlich darin, neue Materialien einzusetzen?

VAN HERPEN: Sie übernimmt nur langsam neue Materialien und Fertigungsprozesse. Wenn wir mit Firmen für 3-D-Drucke arbeiten, sprechen wir viel über die neuen Materialien, die wir ausprobieren. Oft hören wir dann, dass sie im Bereich der Autoindustrie, im Design oder in der Verpackungsindustrie längst eingesetzt werden. Aber in der Mode dauert alles länger, denn die neuen Stoffe müssen ungleich feiner verarbeitet werden, weil sie am Körper getragen werden. Zum Glück gab es in den letzten Jahren enorme Fortschritte, und wir befinden uns an einem Punkt, an dem eine große Vielfalt neuer Materialien für den Einsatz in der Mode, ja sogar in der Haute Couture bereit ist.

FAQ: Ist die Mode aktuell zu sehr ein Silo?

VAN HERPEN: Ich glaube, dass die Mode schon immer ein Silo gewesen ist. Nur ist die Welt dafür inzwischen viel zu komplex. Das verändert die Bedeutung des Designs. Wir müssen erkennen, dass unsere Ressourcen endlich sind und wir mit der Natur zusammenarbeiten müssen. Die Mode muss den Fortschritt widerspiegeln, der in unterschiedlichen Disziplinen gemacht wird. Sie kann keine Insel mehr sein, sie kann sich nicht damit begnügen, schön zu sein, sondern sie muss einen starken Bezug zu der Welt haben, in der wir leben.


Iris van Herpen

Manche bezeichnen die niederländische Designerin als Dame ex Machina, weil sie stets neue Technologien und wissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, um Mode zu schöpfen, die nicht nur schön ist, sondern Antworten auf drängende Themen, etwa die Ressourcenknappheit, findet.


Iris van Herpen
Iris van Herpen

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie diesen und weitere, spannende Artikel in der aktuellen Ausgabe der „F.A.Q. – Frankfurter Allgemeine Quarterly“.
Abonnieren Sie die Print-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ hier: fazquarterly.de
Lesen Sie die „Quarterly“ lieber digital? Hier finden Sie alle bisher erschienenen Ausgaben der F.A.Q. als PDF: e-kiosk.faz.net
Möchten Sie wissen, wie es hinter den Kulissen der „Quarterly“ aussieht? Für Neuigkeiten aus der Redaktion, „Behind the scenes“-Videos von unseren Shootings und Hintergrund-Informationen zur neuen Ausgabe folgen Sie uns einfach auf:

Mode und maschinelles Lernen Bloß keine „Jetzt-sofort-alles-Maschine“
Kreativitätstechnik Warum muss die Dusche duften?
ANZEIGE