Psyche

Können unsere Smartphones bei Depressionen wirklich helfen?

Von Silke Weber
10.05.2022
, 17:09
Das Handy weiß viel über uns. Dieses Wissen kann bei psychischen Störungen helfen, glauben einige Experten.
An der Art und Weise, wie wir unser Handy benutzen und wofür, so glauben einige Experten, kann man unsere mentale Verfassung ablesen – und sogar vorhersagen. Einige wittern hier ein großes Geschäft.
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Der Astrophysiker Carl Sagan stellte sich 1975 die Zukunft der Therapie in etwa so vor: An jeder Straßenecke eine Telefonzelle, dachte er, in die man ein paar Münzen einwerfen könne, um dann mit einem Robotertherapeuten zu telefonieren. Telefonzellen gibt es heute zwar kaum noch, aber die Vision von Sagan wirkt im Jahr 2022 dennoch ziemlich aktuell. Zumindest liest man die Versprechen diverser Apps namens Bloom, MindDoc, Selfapy, Deprexis 24 oder Mindstrong:

„Be your own therapist.“
„Affordable Online Counselling Therapy – anytime, anywhere.“
„The app people write thank you letters to.“
„Dein Begleiter auf dem Weg zu emotionalem Wohlbefinden.“
„Zeitlich und örtlich flexible Online-Therapie.“

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Digitale Therapieprogramme, die Hilfe gegen leichte bis mittelschwere Depressionen versprechen, die man einfach auf dem Smartphone nutzen kann. Soforthilfe statt langer Wartelisten. Chat- und Videotherapie gegen Angstzustände, Panikattacken oder sogar Essstörungen. In Deutschland gibt es einige Apps gegen Depressionen inzwischen sogar auf Kassenrezept.

Stecken hinter manchen Anwendungen noch echte menschliche Therapeuten, nutzen andere längst Algorithmen, Big Data und Künstliche Intelligenz. Depressive können am Smartphone ihre Stimmung tracken. Sie können sich von Chatbots wie dem Woebot bei verhaltenstherapeutischen Übungen anleiten lassen. Schon heute können Algorithmen in sozialen Netzwerken suizidgefährdete Nutzer aufspüren. Eine kalifornische App will sogar am Tipp- und Wischverhalten eines Handynutzers depressive Phasen vorhersagen können.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Wie lange wird es wohl noch dauern, bis sich Menschen in einer depressiven Phase lieber an eine Künstliche Intelligenz wenden? Könnte sie uns helfen, unser mentales Wohlbefinden zu verbessern? Könnte sie sogar helfen, Depressionen frühzeitig zu erkennen? Und die Therapie in der Zukunft auf grundlegende Weise verändern?

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Das mag zunächst komisch klingen, aber Künstliche Intelligenz kann unser Verhalten ja schon heute recht gut vorhersagen und wird es in Zukunft auch noch besser können. Techunternehmen jedenfalls nehmen diese Fähigkeit längst für sich in Anspruch, wenn sie ihre Dienste den Werbekunden, Versicherungen oder Geheimdiensten andienen. Und nun wünscht sich mancher Forscher eine KI, die Menschen therapieren kann, ohne hohe Kosten und ohne zeitliche Begrenzungen, im Gegensatz zu menschlichen Therapeuten.

Das Versprechen: Eine depressive Phase wird bemerkt

Allen voran der US-amerikanische Psychiater Thomas Insel. Er schreibt in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift „World Psychiatry“: „Unser Mangel an objektiven Messungen hat sowohl die Diagnose als auch die Behandlung in der Psychiatrie behindert.“ Die Diagnose von Depressionen sei von Selbstauskünften der Patienten abhängig, davon, was sie über Schlafqualität, Appetit und emotionale Zustände berichteten. Doch es gebe eine objektivere Messquelle: das Smartphone. Das kann Daten sammeln, von denen Forscher und Forscherinnen früher träumten, ob Herzfrequenz, Bewegungsmuster, soziale Interaktion, Stimmung oder Schlaf.

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Thomas Insel ist einer der bekanntesten Psychiater in den USA. Er leitete jahrelang das National Institute of Mental Health, war aber zunehmend frustriert über die mangelnden Fortschritte auf seinem Gebiet. Es sei ihm gelungen, die Publikation einer Menge richtig cooler Paper durch coole Wissenschaftler und zu ziemlich hohen Kosten zu unterstützen, erzählt er in Zeitungen und in Ted Talks. Was ihm nicht gelungen sei, sei die Abnahme von Suizidraten und Krankenhausaufenthalten, also die echte mentale Gesundung von Millionen Menschen. Insel verließ das National Institute und gründete zusammen mit einem Informatiker die App Mindstrong. Die App soll anhand von Tipp-, Scrollund Swipebewegungen auf dem Smartphone feststellen können, wie es dem Nutzer geht, und verspricht, zu bemerken, wenn Nutzer in eine depressive Phase abrutschen, und benachrichtigt dann umgehend Psychologen und Coaches, die mit Mindstrong zusammenarbeiten. Insels zentrale Frage: Können uns Smartphones aus der mentalen Gesundheitskrise retten?

Eine Multimilliarden-Dollar-Industrie

Allein in Deutschland, so die Schätzungen, leidet mindestens jeder vierte Erwachsene an einer psychischen Erkrankung, demnach wären fast 18 Millionen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Oft müssen sie länger als sechs Monate auf einen Therapieplatz warten. Und das, obwohl es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern relativ viele Therapeuten gibt. Experten glauben, dass psychische Störungen wie Depressionen in den Industrienationen in den nächsten zwanzig Jahren weiter zunehmen werden, und sie glauben, dass sie umso besser behandelbar sind, je früher man sie erkennt.

Apps wie Mindstrong erfassen einen sogenannten „digitalen Phänotyp“, eine Art Daten-Schatten unseres Selbst, zusammengepuzzelt aus dem Bewegungs- und Tippverhalten, der Anzahl der Anrufe und Textnachrichten, der Wortwahl oder dem Klang der Stimme. Geht es nach Insel, können die Daten zu einer besseren Früherkennung von Erkrankungen eingesetzt werden. Mit solchen Argumenten hat er Investoren wie Amazon-Gründer Jeff Bezos gewonnen. Die digitale Behandlung psychischer Störungen hat sich laut der American Psychiatric Association zu einer Multimilliarden-Dollar-Industrie entwickelt. Zehntausende Apps sind auf dem Markt, von geführter Meditation (Headspace) und Stimmungstracking (MoodKit) bis hin zu Texttherapie durch lizenzierte Berater (Talkspace, BetterHelp).

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Profis sprechen hier von Psychoedukation

„Es gibt sehr viele kommerzielle Anbieter. Sie werden immer mehr, und sie werden immer besser“, sagt der deutsche Psychologe und KI-Experte Tim Hahn. Er gehört zu den gefragten Experten weltweit und erforscht seit Jahren, wie KI bei der Behandlung psychischer Krankheiten helfen kann. Hahn hat eine Heisenberg-Professur für Machine Learning am Institut für Translationale Psychiatrie an der Universität Münster. Obwohl er selbst daran arbeitet, mithilfe von Big Data etwa schneller das richtige Psychopharmakon für einen Patienten zu finden, sagt er: „Nur weil ein Smartphone Daten sammelt, wird es noch kein besserer Therapeut. Ein System, das einen Therapeuten ersetzen kann, hat bisher noch niemand gebaut.“

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Der 2017 eingeführte Woebot ist eine der wenigen Apps, die tatsächlich schon KI nutzen, um die Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie bei Depressionen anzuwenden. Der Chatbot kann Gespräche nachahmen, sich an vergangene Sitzungen erinnern und erlernte Ratschläge geben. „Aber ein Chatbot allein kann keine personalisierten Entscheidungen treffen und den Verlauf der Therapie beeinflussen. Er gibt nur Text aus, dahinter liegt kein tieferes Verständnis“, sagt Hahn.

Auch Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sagt: „Von der Situation, dass ein Bot das zwischenmenschliche Gespräch in einer Behandlung ersetzt, sind wir weit entfernt.“ Die meisten Apps, die zugelassen seien, nutzten Videos und Audios, damit die Nutzer mehr über eine Erkrankung lernten, damit sie lernten, ihre Gedanken zu korrigieren oder ihren Schlaf im Auge zu behalten. Profis sprechen hier von Psychoedukation und Selbstmanagement. „Aber die Apps wirken nur, wenn sie professionell begleitet werden.“ Und sie sollten mindestens eine Publikationsliste mit Peer-Reviews und Gruppenstatistiken aufweisen.

In Deutschland sind seriöse Angebote auch in der DIGA-Liste für digitale Gesundheitsanwendungen verzeichnet. Während die allermeisten Apps von Start-ups keine wissenschaftlichen Belege aufführen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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