Alexandra Cousteau im Gespräch

Können wir das Meer noch retten?

Aktualisiert am 13.08.2020
 - 18:28
Tauchen – hier vor den Philippinen – konnte sie bereits mit sieben Jahren. Heute verzichtet Alexandra Cousteau meist lieber darauf, weil sie den Anblick toter Meeresböden nicht erträgt.zur Bildergalerie
Alexandra Cousteaus Großvater drehte spektakuläre Filme über die Schönheit der Ozeane. Nun tut die Französin selbst alles für den Schutz der Meere. Im Interview spricht sie über ihre Stiftung, „unfassbar bescheuerte“ Menschen – und größere Gefahren als „nur“ Plastik.

Das Interesse am Meer hat Alexandra Cousteau geerbt: Ihr Großvater Jacques-Yves Cousteau war ein weltweit bekannter französischer Meeresforscher, dessen spektakuläre Filme die überwältigende Schönheit der Ozeane der Öffentlichkeit nahebrachten. Seine Enkelin konnte schwimmen, bevor sie lief, ihr Großvater brachte ihr mit sieben das Tauchen bei. Sie studierte International Relations an der Georgetown University und trägt zwei Ehrendoktortitel. Die Mutter zweier Kinder wurde als Young Global Leader beim Weltwirtschaftsforum in Davos ausgezeichnet und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Schutz der Meere.

War es als Enkeltochter von Jacques-Yves Cousteau eine Verpflichtung, eine Tradition oder eine bewusste Entscheidung, Meeresaktivistin zu werden?

Im Herzen war ich immer schon Aktivistin, das ist meine Natur. Bei meiner ersten Expedition zu den Osterinseln war ich drei Monate alt, seitdem hat dieser Weg für mich nie aufgehört. Meine Eltern pendelten mit uns zwischen L.A. und Paris, den beiden Basisstationen meines Großvaters. Seit 30 Jahren halte ich öffentliche Vorträge, berate und arbeite mit einflussreichen Organisationen wie Oceana und habe eigene Projekte in die Wege geleitet.

Worauf konzentrieren Sie sich heute?

Unsere Ozeane sind nicht die gleichen wie zu Zeiten meines Großvaters. Die weltweiten Fangquoten für die Fischerei und die Verhinderung von Beifang sowie die Erweiterung der Schutzzonen sind wichtige Themen. Wenn allein die EU und 28 weitere Länder etwas verändern würden, könnten wir schon jubeln – das beträfe 90 Prozent des globalen Fischfangs!

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Was setzen Sie dem Thema Überfischung entgegen?

Die Regierungen entscheiden nicht nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, sie geben dem Druck der Wirtschaft nach. Aber das führt zu großen Problemen. Mit Oceana sammeln wir weltweit so viel wissenschaftliches Basismaterial wie möglich. Es geht nicht darum, Fischfang zu verbieten, Wildfisch hat einen phantastischen CO2-Fußabdruck, und die Nährwerte sind grandios. Die Meere müssen so geschützt werden, dass weiterhin Fischfang überhaupt möglich ist. Dafür muss man viele Leute an den Tisch kriegen, von Universitäten über Konzernlenker bis hin zu kleinen Gemeinden in Küstennähe.

Welche Auswirkungen hat die globale Fischpraxis auf uns als Konsumenten?

Dem Konsumenten wird teilweise schlechtester Fisch untergejubelt. Was die Leute als teuren Red Snapper kaufen, ist oft nur Tilapia, ein Buntbarsch. Billiger Zuchtlachs aus schrecklichen Haltungsbedingungen wird als teurer Wildlachs verkauft ...

Was sind das für Haltungsbedingungen?

Bei den besten Züchtern sterben etwa zwei Prozent der Fische, etwa genauso viele wie in der freien Natur. Bei miesen Züchtern sind es bis zu 40 Prozent. Möchten Sie Fische dieser Zucht essen? Der Industrie bringt das unglaubliche Gewinne ein. Und der Fisch, der bei uns im Supermarkt landet, ist oft genug auch illegal gefangen.

Was fordern Sie?

Man sollte die Lieferketten zurückverfolgen können. Mit Scancodes ist das einfach möglich. Manche Supermärkte bieten das schon an, auf diese Angebote sollte man zurückgreifen. Nur so können illegale Fischflotten bekämpft werden. Die Öffentlichkeit ist unser wichtigster Partner, das bedeutet, dass jeder uns bei diesem Kampf unterstützen kann.

Kürzlich hieß es, 2050 soll es mehr Plastik als Fische im Meer geben.

Das Meer hat deutlich größere Probleme als „nur“ Plastik. Wenn das Thema Menschen dazu bringt, etwas zu ändern, wunderbar! Aber auch ohne Plastik sterben die Ozeane: Überfischung, Zerstörung, Klimawandel und die Veränderung der Ozeanchemie sind leider nicht so gut sichtbar wie Plastikflaschen.

Was will Ihre neugegründete Stiftung und Kampagne „Oceans 2050“?

Unsere These ist, dass mit den richtigen Maßnahmen in 30 Jahren die Meere nicht nur gesunden, sondern zu ihrer originären Vielfalt und Fülle zurückfinden können. Ich möchte meinen Kindern nicht erzählen, was wir einst alles hatten und verloren haben. Sondern wie wir den einstigen Überfluss wiederherstellen konnten. Sonst hat die nächste Generation der Cousteaus nur noch die Aufgabe, den Nachruf auf die Meere ihres Urgroßvaters zu schreiben.

Wie wollen Sie den Urzustand wiederherstellen?

Die Artenfülle ließe sich wiederherstellen durch die Aufforstung der natürlichen Unterwasserwälder, Korallenriffe und Mangrovenwälder. Seegras und Kelp könnten in einer regenerativen Aquakultur angebaut werden, fast wie beim Ackerbau, nach dem Prinzip der Permakultur. Und das sind nur einige von vielen Optionen. Nachhaltigkeit reicht längst nicht mehr aus! Das Wort besagt, dass wir uns einschränken müssen, um nicht noch mehr zu verlieren. Wir müssen das Prinzip der Nachhaltigkeit durch das Prinzip der Wiederherstellung ersetzen.

Was schlagen Sie vor?

Bei „Oceans 2050“ werden Technologie und Innovation eine wichtige Rolle spielen. Man könnte Fischereiflotten digital koordinieren, um Überfischung zu vermeiden, Korallenriff-Strukturen lassen sich bald am 3D-Drucker aus Calciumcarbonat herstellen und im Meer mit lebenden Korallen bestücken. Die Aufforstung von Seegras, Mangroven, Seetang, Kelp und Algen ist das Dringlichste. Ein Beispiel: Hotels reißen die Algen aus, weil Touristen keine Algen im Wasser wollen. Das aber hat massive Folgen, denn diese sind die „Kinderstuben“ der Meeresfauna und bremsen zudem bis zu 90 Prozent der Wellenenergie. Strände entstehen unter anderem, weil Fische Korallen fressen und Sand ausscheiden. Fehlen die Algen, hat der Sand keinen Anker mehr. Dann wundern sich die Hotels, wenn die Strände schwinden! Aber es ist erstaunlich einfach, Algen in Algenfarmen anzubauen, und sie sind phantastisch fürs Klima, sie ziehen Kohlenstoff aus der Atmosphäre und bringen mehr Sauerstoff ins Wasser, was wiederum dem Fischbestand hilft. Das alles ist möglich, wir müssen es nur in gigantischen Dimensionen tun. Wir wollen nicht knappe Güter umverteilen oder jemandem etwas wegnehmen. Wir wollen dafür sorgen, dass einfach mehr für alle da ist.

Daran arbeiten Sie mit Experten wie etwa dem portugiesischen Meeresökologen Prof. Carlos Duarte.

Ich traf ihn auf einer Konferenz und fragte ihn, ob es möglich sei, dass die Meere bis 2050 zu ihrer ursprünglichen Vielfalt zurückfinden – und er bejahte! Er arbeitete sogar gerade mit Kollegen an einer Studie dazu, die diesen April erschien. Er hat wissenschaftlich bewiesen, dass die Meere sich erholen können. Meine Hoffnung ist also weder naiv noch weltfremd. Unser Gespräch war die Basis, um „Oceans 2050“ zu gründen. Wir haben einen Plan, wir wissen genau, was wir machen müssen.

Was war Ihr allererster Anstoß für diese Kampagne?

Als ich Mutter wurde. Da habe ich überlegt, in welch desaströsem Zustand die Ozeane sein werden, wenn meine Tochter älter wird. Nur 100 Jahre nach Großvaters Filmen, 2050, sollten die Meere tot sein? Also suchte ich nach Lösungen mit starken Partnern.

Was erwarten Sie von den Konsumenten?

Wir müssen uns klarmachen, dass unsere Entscheidungen tatsächlich etwas ändern. Wenn wir Müll richtig entsorgen, landet er nicht im Meer. Wir entscheiden, welche Unternehmen wir unterstützen: solche, die Plastikstrohhalme herstellen, oder die, die Alternativen anbieten? Jeder Kauf wird zu einem Signal. Wir Aktivisten müssen dafür sorgen, dass das Faktenwissen ein neues Verhalten generiert. Daher bauen wir demnächst eine digitale Plattform auf.

Wie reagiert die Politik auf Ihre Arbeit?

Politiker tun sich mit ihren Entscheidungen oft schwer, weil sie oft nicht genug Informationen haben. Sobald sie die haben, passiert auch was. Beim World Economic Forum sprach ich mit Kanadas Premier Justin Trudeau über Fischfang. Ich sagte: Wäre ich ein Alien, der die Erde besucht, würde ich meinen, es gäbe nur 15 Arten Fisch, in den Restaurants weltweit werden immer die gleichen serviert. Dabei sind die Meere voller köstlicher Fische. Weil wir aber immer nur die gleichen jagen, stören wir das Gleichgewicht des Ozeans. Es ist doch irre, in Frankreich Fisch zu essen, der in Asien gefangen wird. Warum nicht den aus der Gegend? Die Leute müssen wissen, was für Fisch sie essen. Daher ist das Nachverfolgen der Lieferketten so wichtig. Ich fordere hiermit alle großen deutschen Lebensmittelketten heraus, Aldi, Lidl und Co. Sie könnten genau das bis nächstes Jahr organisieren. Ein Barcode auf der Verpackung reicht, um per Handy zu erfahren, was man da kauft. Wenn die Kunden mehr Transparenz fordern, wird sie auch kommen!

Sie sind die dritte Generation, die ihre Stimme als „Royalty der Ozeane“ erhebt. Warum lebt Cousteaus Enkelin ausgerechnet in Berlin statt am Meer?

Der Grund sitzt in seinem Büro (lacht): Mein Mann Fritz Neumeyer ist Architekt. Wir lebten erst in Washington, demnächst ziehen wir aber an den französischen Atlantik. Die Kids lernten auf Bali letzten Winter die Green School kennen, seitdem wollen sie in die Natur. Aber Berlin bleiben wir eng verbunden, „Oceans 2050“ ist eine deutsche gemeinnützige Stiftung, unsere digitalen Tools bauen auf der Technik unser Berliner Partner von Good Impact auf.

Ihr Großvater hat 1946 die Aqualunge entwickelt, die das Tauchen vereinfachte. „Zu tauchen ist, wie zu fliegen“, sagte er. Und für Sie?

Wenn du tauchst, fühlst du dich schwerelos. Großvater selbst hat mir mit sieben Jahren das Tauchen beigebracht. Aber ich tauche kaum noch, ich bin es leid, mir unter Wasser tote Orte anzuschauen.

Wie genau prägte Ihr Großvater Ihre Passion und Vision, wie Ihr Vater Philippe?

Jeder auf seine Art. Großvater diente im Zweiten Weltkrieg bei der Marine und spielte eine große Rolle in der Résistance – das allein wäre einen Film wert. Berühmt wurde er dann aber als Abenteurer, der die Unterwasserwelt mit einem Schnorchel erforschte. Er versuchte nie, das Meer zu beherrschen, sondern wollte es zeigen, für eine Nachkriegswelt, die gerade herausfinden musste, was sie mit ihrer neuen Freiheit anfangen wollte. Ein Umweltaktivist war er nicht, damals musste die Umwelt noch nicht so beschützt werden wie heute. 1910, in seinem Geburtsjahr, gab es nur eine Milliarde Menschen auf der Erde, heute sind es schon 7,5.

Ein Kinofilm, „Jacques – Entdecker der Ozeane“, erzählte 2016, wie Ihr Großvater zur Legende wurde, aber auch, welche Verfehlungen sein eigenes Leben prägten. War Ihr Vater Philippe, der mit 38 Jahren beim Absturz seines Flugzeuges starb, der bessere Cousteau?

Mein Vater hat Ökologie studiert. Diese Wissenschaft existierte noch nicht zur Zeit meines Großvaters. Papa wies Jacques darauf hin, dass die Meere in Gefahr waren – er war auch sein ärgster Kritiker. Beide trugen jeweils ihren Teil dazu bei, um ihre Generation zu bilden und zu informieren. Jetzt aber ist es Zeit für ein Update. Und dafür setze ich mich mit ein. Das bin ich meiner Familie schuldig.

Was wünschen Sie sich für die nächste Generation der Cousteaus?

Mehr Fisch, mehr Schönheit, mehr Fülle. 2050 sind meine Kinder etwa so alt wie ich heute. Sie sollen die Ozeane so wiederfinden wie einst mein Großvater und sich in sie verlieben können. Jetzt töten wir Seelöwen, weil sie uns Fisch wegfressen – wie unfassbar bescheuert sind wir Menschen nur? Die Welt steht Kopf. Aber noch können wir das ändern. Die Welt kann mehr, als über endliche Ressourcen zu streiten!

Hat die Corona-Pandemie Ihre Pläne beeinflusst?

Viele überdenken, wie sie bisher lebten – und merken, dass es auch anders geht. Dass beispielsweise die vielen Flugreisen, die wir für unvermeidbar hielten, doch vermeidbar waren. Diese Pause, die wir aus so tragischen Gründen einlegen mussten, hat einen Effekt: Wir wurden daran erinnert, wie verbunden wir sind und wie stark wir voneinander abhängig sind. Wir hatten Zeit, uns damit zu beschäftigen, was uns wirklich glücklich macht. Wir erleben, was möglich ist, wenn wir es nur wollen. Ich bin überzeugt, dass wir die Welt dadurch zu einem besseren Ort machen können.

Alexandra Cousteau wurde 1976 in Los Angeles geboren und setzt sich wie ihr berühmter französischer Großvater Jacques-Yves Cousteau und ihr früh verstorbener Vater Philippe für den Schutz und die Wiederherstellung der Ozeane ein. Sie lebte mit ihrer Familie bis vor kurzem in Berlin, jetzt in Frankreich.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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