FAZ plus ArtikelLeben und Zusammenleben

Was sind Werte?

Von Jürgen Kaube
16.06.2022
, 12:33
Symbolisch bedeutsam: der Bethlehemitische Kindermord, hier um 1266/68 dargestellt von Nicola Pisano auf der Marmorkanzel des Doms zu Siena
Wer glaubt, dass alle automatisch dasselbe wollen, nur weil sich eine Gesellschaft scheinbar auf dieselben Werte einigen kann, muss enttäuscht werden: Es ist alles etwas komplizierter – und stets im Wandel.
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Einst durften Neugeborene getötet werden. Die Geburt wurde in vielen Stammesgesellschaften und auch noch in Hochkulturen wie der römischen nach ihren Effekten für das biologische Überleben der Gruppe oder den Vorteilen für die Familie bewertet. In Rom gab es eine potestas vitae necisque des Haushaltsvorstandes, der also einschätzen durfte, ob der Aufwand, den die Aufzucht des Nachwuchses bedeutet, in einem angemessenen Verhältnis zu ihrem Nutzen steht. Dabei kamen Kriterien ins Spiel wie die Zahl, das Geschlecht und der Gesundheitszustand der Säuglinge sowie die vermutete Vaterschaft. Neugeborene waren eine Art Dinge, deren Existenz nach ihrem anhand solcher Kriterien bestimmten Gebrauchswert beurteilt wurde. Gründe für die Tötung mussten keiner Instanz gegenüber vertreten werden. Kindstötung durch die Mutter galt in Rom hingegen als Verwandtenmord.

Die Bedeutung von Werten lässt sich an diesem Beispiel erläutern. Denn es war historisch ein Wertewandel, eine „Umwertung der Werte“, der uns von der Kindstötung entfernt hat. Das individuelle Leben wurde unter dem Einfluss der jüdischen und christlichen Religion für heilig erklärt, es war also nicht mehr nur eine soziobiologische Funktion. Auch wenn es ein schwaches Leben war, das sich nicht wehren konnte, wurde es der elterlichen und kommunalen Gewalt entzogen. Das Recht der Römer, das es dem pater familias zugestand, über das Lebensrecht des Kindes zu entscheiden, wurde negiert.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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