Hermès-Chefdesignerin

Die moralische Dimension des Stils

Von Alex Bohn
Aktualisiert am 21.07.2020
 - 15:26
Nadège Vanhée- Cybulski: Mastermind hinter der Frauenmode
Als Chefdesignerin für Hermès entwirft Nadège Vanhée-Cybulski Kleidung für eine Frau, die stark und sinnlich sein kann. Im Interview spricht sie über ihre Vision von Schönheit, den Weg vom Kind zur Frau – und warum Männer nicht erklären müssen, was sie sind.

Auf den ersten Blick sieht die Französin Nadège Vanhée-Cybulski fast unauffällig aus: Sie trägt ihr rotblondes, schulterlanges Haar ohne sichtliches Styling, kein Make-up und nur einen Hauch rosenholzfarbenen Lippenstifts sowie ein navyfarbenes Oberteil, das wahlweise minimalistisch oder gewöhnlich sein könnte. Richtig beurteilen lässt sich das nicht, wegen des Lockdowns in Paris findet das Interview per Videokonferenz statt. In der Mode gilt die aktuelle Chefdesignerin des Traditionshauses Hermès jedoch ganz und gar nicht als unspektakulär: Ihr Name steht für modernes, unaufgeregtes, aber sehr raffiniertes Design, das sich nicht mit Geschlechterklischees aufhält. Sie schneidert Hosen, so anmutig wie Kleider, zeigt Haut, ohne zu entblößen, treibt Materialqualitäten so auf die Spitze, dass eine Seide unzerstörbar wirkt und ein Leder hauchzart.

Gelernt hat sie ihr Handwerk bei Martin Margiela, verfeinert bei dem New Yorker Label The Row und, zusammen mit Phoebe Philo, bei Céline. 2014 ersetzte sie Christophe Lemaire und verantwortet seither die Frauenmode des französischen Traditionshauses Hermès. Privat und beruflich steckt sie wieder mitten im Übergang: Im Spätsommer 2019 wurde sie zum ersten Mal Mutter. Und bei Hermès ist sie damit beschäftigt, die Frau nach ihren Vorstellungen neu zu entwerfen.

Frau Vanhée-Cybulski, was halten Sie davon, wenn Influencer, die einfach nur stets nach den neuesten Trends gekleidet sind, heute als Stil-Ikonen bezeichnet werden?

Guter Stil macht nicht einfach nur Freude. Um ihn herzustellen, braucht man eine starke Vision von Schönheit. Als Gestalterin kombiniert er für mich außerdem gutes Design und hohe Funktionalität. Und er verkörpert Werte: wie man mit seinen Mitmenschen umgeht, wie man seine Umwelt wahrnimmt und wertschätzt. Es ist ein vielschichtiger Begriff.

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Guter Stil hat eine moralische Dimension?

Für mich liegt das auf der Hand. Ich wollte stets ein Gleichgewicht zwischen meinen Träumen, meinen persönlichen und fortschrittlichen Werten, die dafür sorgen, dass sich unser Leben verbessert. Ich sehe das Bauhaus als gutes Beispiel für eine Schule, die Zweckmäßigkeit und Schönheit verbindet. Was mir bei Hermès ein Gefühl der Zuversicht gibt, ist die starke Unternehmenskultur: Es gibt Geschlechtergerechtigkeit, und die Mitarbeiter ziehen Befriedigung aus ihrer Arbeit.

Beeinflusst das Thema Nachhaltigkeit Ihren Alltag bei Hermès?

Konkret im Kleinen, wenn es beispielsweise darum geht, wie wir weniger Verpackungsmüll produzieren, weniger Verschnitt, und überlegen, ob wir wirklich so viele Prototypen unserer Designs herstellen müssen. Wer bei Hermès kauft, erhält eine lebenslange Garantie: Geht es kaputt, kann man es reparieren lassen.

Macht es einen Unterschied, ob Sie persönlich oder als Designerin der Marke Hermès über Ihre Vorstellung von Stil sprechen?

Für mich persönlich ist die Entwicklung von Stil ein Mittel, um Übergänge zu gestalten: vom Kind zur Jugendlichen, von der Jugendlichen zur jungen Frau. Als Mädchen fand ich die New Romantics faszinierend, dann Morrissey und Garage Bands. Zwischen 18 und 20 stieß ich auf die Arbeiten der Designer Helmut Lang und Junya Watanabe. Das war für mich der Inbegriff von gutem Stil, Mode mit einer starken Wirkung: unverfälscht und mutig, nicht einfach nur Kleidung, sondern funktional und mit einem eigenen Look.

Haben Sie Ihren Ikonen nachgeeifert, oder waren das eher abstrakte Ideen?

Von meinem Taschengeld konnte ich mir jedenfalls keinen Helmut Lang leisten. Ich habe improvisiert, Dinge auf links gedreht, Secondhand-Kleidung so verändert, dass sie minimalistisch aussah.

Gab es neben den Einflüssen aus Popkultur und High Fashion Inspiration in Ihrem direkten Umfeld?

Auf dem Weg vom Kind zur Frau war für mich damals meine beste Freundin die wichtigste Inspiration. Wir waren sehr gegensätzlich, und genau das war förderlich für unsere Entwicklung. Elena Ferrante hat ein berührendes Buch über Freundschaften unter Frauen geschrieben, es heißt „Meine geniale Freundin“. Für mich ist Freundschaft eine hervorragende Form des Mentorings.

Wenn Stil ein Mittel des Übergangs ist, kommt man dann jemals ans Ziel?

Das hängt von der Persönlichkeit ab. Als junge Frau musste ich mich selbst bestätigen, also war mein Look ausdrucksstark und radikal. Ich wollte mich von meinen Mitmenschen unterscheiden. Mitte 20 wurde ich dann spielerischer. Ich begann zu arbeiten und legte mir deswegen eine Art Uniform zu. Und mein Körper veränderte sich ständig. Auf meinen Stationen in Großbritannien und Amerika nahm ich 15 Kilo zu. Das verlangte nach einem komplett anderen Styling, ich musste erst einmal meine neue Körperform annehmen. Inzwischen bin ich zurück in Frankreich, 41 Jahre alt und Mutter. Ich habe ganz neue Ansichten und neue Bedürfnisse. Was ich heute chic finde, fand ich früher vielleicht grässlich. Mein wechselnder Stil ist auch wie ein Tagebuch meines Lebens. Ich schaue mir gern Bilder aus unterschiedlichen Phasen meines Lebens an und ertappe mich dabei, wie ich denke: „Wow, was für seltsame Farben!“

Und wie geht es Ihnen bei Hermès? Was haben Sie dort verändert?

In der Rückschau muss ich sagen, dass ich wahnsinniges Glück hatte. Egal wo ich gearbeitet habe, mir waren die Ideen bei Martin Margiela, Céline, The Row und jetzt auch Hermès sehr vertraut. Das ist ungewöhnlich, denn oft ist Design wie eine Übung zu einem bestimmten Thema. In meinem Fall passte mein Bauchgefühl immer zur DNA der jeweiligen Marke.

Was bedeutet das konkret?

Bei Hermès zum Beispiel versuche ich nicht einfach etwas zu reproduzieren, sondern mit gründlichen Recherchen die Wurzeln der Marke zu verstehen. Damit kann ich dann spielen. Leder beispielsweise ist bei Hermès, das ja mit Sätteln und Lederwaren begonnen hat, enorm wichtig. Diesen rigiden Stoff manipuliere ich in der aktuellen Kollektion so lange, bis er weich wie feines Tuch ist. Optisch sieht er aus wie klassisches Leder, aber auf der Haut trägt er sich so leicht und fein, als sei er gewebt. Mir gefallen Überraschungen und Paradoxien, eine Abkehr von der Konvention. Seide zum Beispiel setze ich aktuell auch anders ein: Von außen wirkt sie fast rauh und steif, gar nicht so fließend, wie man sie gewöhnlich kennt.

Sie haben bei Hermès eine Reihe von männlichen Designern abgelöst: Jean Paul Gaultier, Martin Margiela, Christophe Lemaire. Aber Sie selbst betonen immer wieder, dass es keinen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann Mode für Frauen entwirft.

Kreativität ist unabhängig vom Geschlecht, davon bin ich überzeugt. Man kann als Mann, wie beispielsweise der Designer Azzedine Alaïa, exquisite feminine Mode entwerfen. Oder als Frau, wie Jil Sander, mit maskulinen Looks arbeiten. Oder eben wie Giorgio Armani die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verwischen. Bei Hermès arbeite ich in meinem Studio mit vielen Männern zusammen, nicht, um eine Quote zu erfüllen, sondern wegen ihrer Expertise. Mir ist mein Team sehr wichtig, und meine Beziehung zu ihm ist eng.

Fürchten Sie nicht, dass Ihre Vision verwässert wird, wenn Sie so stark auf Teamarbeit setzen? Wenn also Stil eher ein demokratischer Prozess ist?

An Design muss man aus einer 360-Grad-Perspektive herangehen. Ein Schriftsteller mag vertikal arbeiten, es gibt nur den Text, einen Lektor und dann den Leser. Modedesigner hingegen ist immer ein Job für ein Kollektiv. Niemand kann gleichzeitig ein guter Zeichner, Drapierer, Kommunikator, Schneider und Konzepter sein. Ich arbeite hauptsächlich konzeptionell, mein Job ist es zu filtern. Und wenn meine Ideen in Frage gestellt werden, ist das manchmal sogar hilfreich. Es gibt aber eine Veränderung, seit ich da bin, die man sehen sollte, unabhängig davon, wer bei uns entwirft: Die neue Hermès-Frau ist sinnlicher. Das wollte ich unbedingt mitbringen.

Stellvertretend dafür ist ein Kleid aus Ihrer aktuellen Kollektion, das ein bisschen wirkt wie ein Chamäleon: Von vorn erinnert es an die Schürzen, die die Kunsthandwerker in den Hermès-Werkstätten bei der Arbeit tragen. Es ist funktional, geradlinig im Design und aus Leder und Tuch gefertigt. Von hinten erweist es sich dann aber als Entwurf mit raffiniert gekreuzten Trägern, es wird auf der nackten Haut getragen und sieht plötzlich ausgesprochen feminin aus. Ist das Ihr Verständnis von Sinnlichkeit?

In der Geschichte von Hermès war die Frau schon immer kraftvoll und mächtig. Gaultier beispielsweise hat hier eine sehr starke Frau etabliert. Bei der Frau, die ich mir vorstelle, geht es um eine wertfreie Form der Anschauung. In der letzten Zeit wurde viel über den vermeintlich männlichen und weiblichen Blick spekuliert. Meiner Meinung nach unterscheidet sich der weibliche Blick gar nicht so sehr vom männlichen. Entscheidend anders ist, dass wir immer noch rechtfertigen müssen, dass wir Frauen sind. Dass wir erklären müssen, was wir sind. Männer müssen das nicht.

Wollen Sie eine Frau kleiden, die selbstbewusst zu ihrer Weiblichkeit steht?

Das hat es schon immer gegeben, in jeder gesellschaftlichen Sphäre. Die Frauen am Bauhaus beispielsweise entwarfen feminine Mode, durch und durch chic und bis heute tragbar. Und ohne dass man sie als retro empfindet oder sie sofort einem bestimmten Jahrzehnt zuordnen würde. Mir geht es um eine Frau, die stark und sinnlich sein kann und sich nicht erklären muss.

Als eine Ihrer wichtigen Kindheitserinnerungen haben Sie mal eine Szene beschrieben, in der Ihre Mutter im Sommer in Algerien ein Seidencarré von Hermès trägt. Sie trägt es jeden Tag, aber nie auf die gleiche Art und Weise.

Meine Mutter war in den sechziger Jahren jung, sie hatte die Chance, für Freiheit und Emanzipation zu kämpfen. Obwohl sie im eher konservativen Algerien lebte, war sie fest entschlossen, modern zu sein. Sie hatte einen ganz eigenen Stil, weder folkloristisch noch klassisch noch konservativ. Das hatte etwas sehr Kompromissloses, eine Art Selbstermächtigung, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Heute gibt es mehr Frauen in Machtpositionen, aber es sind nicht genug. Solange ihre Stimmen nicht laut genug sind, müssen wir uns weiter rechtfertigen.

Die Designerin Nadège Vanhée-Cybulski ist die Tochter einer algerischen Muslima und eines französischen Christen, geboren in Lille, aufgewachsen in Algerien und Frankreich. Sie lebt in Paris mit ihrem Mann, dem Galeristen Peter Cybulski, und ihrer 2019 geborenen Tochter Enid.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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