Doppelgänger: der Schöpfer der Menschmaschinen und sein künstliches Alter Ego

Wahre Roboterliebe

Doppelgänger: der Schöpfer der Menschmaschinen und sein künstliches Alter Ego

In Japan sollen sensible Roboter alte Menschen pflegen, leere Dörfer retten und kaputte Infrastruktur reparieren. Ein Besuch bei den Maschinenmenschen.

28. Mai 2020
Text: NIKLAS MAAK
Fotos: HANNES JUNG

I.

KEIHANNA SCIENCE CITY, KYOTO

Träumt sie? Könnte man denken. Sie sitzt da in der Sitzecke am Ende der großen Halle in einem braunen Kleid mit blauen Blumen, darüber eine cremefarbene Jacke, ihre Haare sind hellbraun und zu einem Pony geschnitten. Ihr Kopf liegt im Nacken; sie scheint etwas an der Decke zu betrachten. Ihre Hände liegen gefaltet im Schoß, ihre Augen bewegen sich nicht. Draußen treibt der Wind ein paar Blätter über die Terrasse; sie verfangen sich zwischen dem blauen Fuß eines Sonnenschirms und den verschnörkelten Beinen eines gusseisernen Stuhls, der einen seltsamen Kontrast bildet zu der kalten Modernität des Instituts. Das Advanced Telecommunications Research Institute ist ein langgestreckter Komplex, ein Teil des Verteidigungsministeriums könnte so aussehen, grau, ein wenig einschüchternd mit seinen senkrechten Fensterbändern. Eine Tafel listet 200 Preisträger des Instituts auf. Gegenüber biegen Autos von einer vierspurigen Straße ab in eine Shoppingmall. Hinten stehen die kahlen Bäume, der Wald.

- Moment, sagt Ishiguros Assistentin.
Wir müssen sie noch anmachen.

Die Frau blinzelt, als ob sie aus einem tiefen Schlaf erwachte, sie macht eine unwillkürliche, zuckende Bewegung mit den Armen. Ihr Brustkorb beginnt, sich zu heben, sie scheint zu atmen. In ihrem Inneren greifen Zahnräder ineinander, Kabel übertragen Signale und leiten Strom an die Extremitäten, die schwarzen Augen, bei denen es sich in Wirklichkeit um Kameras handelt, werden aktiviert. Erica, so hat ihr Erfinder sie genannt, sucht Blickkontakt, aber noch will niemand mit ihr reden, und so irrlichtern und zoomen ihre Techno- Augen durch den Raum. An der Ecke steht ein Schild: „Symbiotic Human-Robot Interaction“.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Ericas Erfinder kommt eine Freitreppe herunter, sehr dichtes, sehr schwarzes Haar, Lederjacke, blau getönte Brille: Hiroshi Ishiguro, geboren 1963, ist in Japan ein Popstar – und selbst eine Kunstfigur. In seinen Laboratorien hat er in den vergangenen 15 Jahren dreißig Humanoide gebaut, Roboter, die aussehen wie Menschen, mit täuschend echten Augenbrauen, pulsierender, bester Silikonhaut (die nächste Generation wird sogar Erröten vortäuschen können), einem Brustkorb, der sich hebt und senkt, als atme der Humanoid heftig, dazu sind die Kameraaugen an Mimik- und Stimmerkennungsprogramme angeschlossen. Technisch ist es kein Problem, dass ein humanoider Roboter auf alle Informationen zurückgreift, die sich im Internet über seinen Gesprächspartner finden lassen – und ihm vorgaukelt, ein denkendes und fühlendes Wesen zu sein. Erica kann sich bis zu zehn Minuten mit einem unterhalten, war immer wieder zu lesen, sie arbeitet mit Spracherkennung und Infrarotkameras, die Mimik und die Körperbewegungen des Gegenübers analysieren, sie kann mit darauf abgestimmter eigener Gestik und Mimik reagieren.

Eine Mitarbeiterin beginnt das Gespräch auf Japanisch, Ishiguro übersetzt mit gedämpfter Stimme. Die Roboterfrau legt den Kopf schräg und schaut ihre Gesprächspartnerin an, die Frisur wippt dabei, ein Effekt, der Ishiguro sichtbar freut. Das Gespräch fängt harmlos an.

Roboterfrau: Hast du schon zu Mittag gegessen?
Assistentin: Ja.
Warst du mit jemandem essen?
- Nein, allein.

Roboterfrau Erica fixiert im Gespräch mit einem Forscher ihr Gegenüber: Nach kurzer Zeit vergisst man, dass sie eine Puppe ist.
Roboterfrau Erica fixiert im Gespräch mit einem Forscher ihr Gegenüber: Nach kurzer Zeit vergisst man, dass sie eine Puppe ist.
Roboterfrau Erica fixiert im Gespräch mit einem Forscher ihr Gegenüber: Nach kurzer Zeit vergisst man, dass sie eine Puppe ist.
Roboterlady Erica kann wie ein Mensch über ein Smartphone wischen
Roboterlady Erica kann wie ein Mensch über ein Smartphone wischen
Roboterlady Erica kann wie ein Mensch über ein Smartphone wischen

Man verfolgt das Gespräch mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl – ja, gut gemacht, aber man erkennt schon, dass das eine sprechende Puppe ist und kein Mensch, keine Haut, sondern Silikon, die Bewegungen ein bisschen eckig . . . Nur: Der Eindruck ändert sich rasch. Man schaut in Ericas Augen, die stets Blickkontakt suchen, und vergisst bald, dass das da Kameras sind; nach einer Minute sieht man nur noch: Augen. Man konzentriert sich auf die Fragen, die der Roboter stellt, und diese Fragen sind erstaunlich. Ishiguro arbeitet daran, Gesichtserkennungssoftware zu optimieren, so dass der Humanoid die Stimmungen seines Gegenübers ermitteln und lächeln oder grimmig schauen kann. Er beherrscht den Ausdruck aller Emotionen von Freude, Ärger, Ermutigung bis Verwirrung, und diese maschinell erzeugten Effekte lösen in den Menschen, die ihm gegenübersitzen, unmittelbare körperliche Reaktionen aus, obwohl sie intellektuell verstehen, dass sie mit einer als Mensch verkleideten Maschine reden, dass da eine Puppe ist, unter deren Silikonhaut Kabel und Sensoren.

Niemand denkt, er rede hier mit einem Menschen, sagt Ishiguro, aber darum gehe es ja auch nicht. Es gehe vielmehr darum, dass die Maschine in der Lage ist, im Menschen emotionale, körperliche Reaktionen wie Freude und Mitleid hervorzurufen. Auf diese viszerale Reaktion des Körpers, die das Wissen darum, dass man nur mit einer Maschine redet, aushebelt und übersampelt, setzen die Roboterbauer. In der asiatischen Philosophie sei diese Fähigkeit ein Kriterium für Belebung von Dingen, die im Westen als tot gelten: Ein Stein, dessen Anblick im Menschen etwas hervorruft, ist in diesem Moment ein lebendiges Gegenüber.

Die Roboterfrau sagt zur Assistentin:

- Hast du Freunde hier in der Stadt?
- Nein.
- Keinen Freund?

Die Assistentin wird rot und lacht verlegen und versteckt den Kopf in den Händen.

- Keinen Freund, nein, sagt sie und gerät aus der Fassung angesichts des Tempos, mit dem die Roboterfrau sich von der Frage nach dem Mittagessen ins Privateste vorgebohrt hat. Jedenfalls sieht es so aus; kann sein, dass das Teil der Vorführung für den Besucher ist.

Frage an Ishiguro: Wer kauft solche Humanoide? Wo wird Erica eingesetzt? Antwort: in Hotels, am Empfang, zum Beispiel. Japaner lieben Roboter, eine Roboterempfangsdame kommt immer gut an, in einigen Hotels, wie dem Hen-Na-Hotel in Tokio, gibt es auch einen Dinosaurier als Empfangsroboter, aber erfahrungsgemäß haben die Leute mit verschüchtert lächelnden menschenähnlichen Robotern mehr Geduld als mit einem spitzzahnig-ledrigen grünen Monster. Und wenn ein Dino-Roboter mal abstürzt und nur noch zuckt, statt die Leute einzuchecken, was vorkommt, werden sie wütend und finden, dass er zu Recht ausgestorben ist und von der Rezeption verschwinden solle.


Der Roboter als Zehnjähriger: Ibuki, eine andere Schöpfung des Erfinders Hiroshi Ishiguro, an der Universität Osaka
Der Roboter als Zehnjähriger: Ibuki, eine andere Schöpfung des Erfinders Hiroshi Ishiguro, an der Universität Osaka
Der Roboter als Zehnjähriger: Ibuki, eine andere Schöpfung des Erfinders Hiroshi Ishiguro, an der Universität Osaka

Humanoide Roboter, sagt Ishiguro, werden aber auch an Schulen, als Englischlehrer und in der Psychotherapie eingesetzt. Viele schämen sich gerade in Japan, etwas falsch auszusprechen oder etwas überhaupt auszusprechen, Studien würden zeigen, dass sie lieber mit Robotern sprechen. In Japan lassen sich alte Menschen auch lieber von Robotern pflegen als von Pflegern aus ärmeren asiatischen Ländern wie Laos, an denen theoretisch kein Mangel herrscht. Ishiguro hat für die Alten extra einen Roboter erfunden, den Telenoid, eine Art Körperrumpf aus Silikonkautschuk ohne Beine und Arme, aber mit Gesicht, 80 Zentimeter groß und fünf Kilo schwer; Ishiguro nennt ihn „Audio and movement transmitter“; der Telenoid kann die Lippen bewegen und scheint zu atmen, man kann ihn auch als Telefon mit Körper benutzen; der Enkel aus Tokio kann die Oma auf dem Land anrufen, die das seltsame Ding auf dem Schoß sitzen hat, das Gesicht des Enkels wird gefilmt, die Mimik auf den Telenoid übertragen, so wird nicht nur die Stimme übertragen, sondern auch körperliche Nähe simuliert.

Die Bewegungen des Silikonkörpers und des Telenoid-Kopfes lassen sich von einer Bedienperson, etwa dem Enkel, von irgendwo auf der Welt steuern, und durch die Kameraaugen kann der Enkel die Reaktionen der Oma beobachten. Ältere Leute, heißt es, hätten positiv reagiert. Es gibt diverse solcher Haptik-Roboter, etwa die Robbe Paro, die so schwer wie ein Baby ist und ebenfalls körperliche Wärme verspricht. Viele finden es unmoralisch, die Alten mit solchen Maschinen abzuspeisen. Aber die ersetzen ja gar nicht den Pfleger, sagt Ishiguros Assistentin, sondern eher den Fernseher oder das Telefon. Der Erfinder selbst sagt: „Eine Kellerassel ist ein lebendiges Wesen, ein Roboter nicht. Mit wem wollen Sie lieber eine halbe Stunde verbringen?“ Auch Katzen hätten die Eigenschaft, gern mal zu verschwinden und nicht auf dem Schoß zu bleiben; das sei dann enttäuschend für die einsamen Alten.

***

Wenn man Ishiguro besuchen will, steigt man in Kyoto an der Takeda Station um und nimmt den Expresszug nach Südosten. Was zwischen den Städten passiert, bereitet der japanischen Regierung Kopfzerbrechen. Die Gesellschaft überaltert, wer arbeitet, tut das meist in den großen Städten, vor allem in Tokio, wo mittlerweile 38 Millionen Menschen leben. Auf dem Land fehlen Arbeitskräfte, die bei der Ernte helfen. Das Durchschnittsalter liegt in manchen Regionen um die sechzig Jahre. Die Tokyo University of Agriculture and Technology hat ein Exoskelett entwickelt, das Bauern bei der Obsternte hilft, indem es die Bewegungen der Beine und Arme unterstützt. Auch anlegbare Roboter wie der „Hybrid Assistive Limb“, den man über die Kleidung zieht, erleichtern das Ernten und Pflücken. Die Alten werden so gewissermaßen robotisiert. Niemand weiß, was passiert, wenn sie einmal sterben. Werden frustrierte junge Städter das Land wiederentdecken – und wenn ja: Werden sie auch die schwere Arbeit dort machen wollen? Oder wird man dafür Roboter brauchen? 2025 soll der jährliche Umsatz, der mit Service-Robotern gemacht wird, auf über 43 Milliarden Euro steigen. Schon heute bauen Hitachi und Alsok Bewachungsroboter, die auf Firmengeländen auf Kontrollgang gehen. In den Heimen fehlen eine Million Pfleger. Deren Arbeit sollen bald sogenannte Carbots (für „Care“ und „Robot“) erledigen, die bügeln, Essen bringen, Patienten aus den Betten heben, aber auch Alzheimer-Patienten ins Untersuchungszimmer oder durch den Park führen und sogar mit ihnen plaudern; gerade solche Kranke fühlen sich von der Kommunikation mit Pflegern oft überfordert und bevorzugen Roboter, vor allem gut gemachte, und Ishiguros Roboter sind, wie er stolz zu Protokoll gibt, „der Mercedes unter den Robotern“. Ishiguro mag deutsche Autos, draußen steht sein schwarzer Porsche, Kennzeichen 81-18, eine perfekte Spiegelung. Um perfekte Spiegelungen geht es ihm auch in seiner Arbeit.

Das Fukushima Robot Test Field: Drohnentest im extra dafür gebauten Tunnel
Das Fukushima Robot Test Field: Drohnentest im extra dafür gebauten Tunnel

Denn er will nicht nur herausfinden, wie ein Kommunikations- oder Service-Roboter gut funktionieren könnte, sondern auch, wie der Mensch funktioniert: auf welche Worte, Bewegungen, Impulse des Roboters er emotional reagiert; was ihn schnell vergessen lässt, dass er eine Puppe vor sich hat.

Ishiguro ist Forscher und Bildhauer in einem: Er baut Skulpturen, die zum Leben erwachen, wie der Bildhauer Pygmalion im antiken Mythos, der sich eine bald zum Leben erwachende Frau aus Marmor zimmert; einen Apparatemensch wie die „Olimpia“ in E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“. Weibliche Roboter bevölkern die Phantasien der (meist männlichen) Schriftsteller, Künstler und Filmemacher von „Metropolis“ über „Her“ bis zu „Ex Machina“, wo die Androidin dem echten Menschen so erfolgreich vorgaukelt, menschliche Sehnsüchte zu haben und fliehen zu wollen, dass er sie freilässt, was er mit dem Leben bezahlt. Natürlich kann man Ishiguros Erica auch als die neueste Auflage des alten Themas „älterer Herr baut sich eine ideale junge Frau“ sehen. Aber Ishiguro baut ja auch Männer nach. Berühmte verstorbene Showmaster, damit die Nachwelt sich ein Bild machen kann. Und sich selbst, zum Beispiel. Irgendwo in den Tiefen des Instituts schlummert ein Bild des Forschers als junger Mann. Man muss an das Bildnis des Dorian Gray denken.

Sie träumen von Robotern, die lernen können.

Ishiguros Roboter sind auch ein aufwendiges Familienalbum, in dem Personen, die längst groß, alt oder tot sind, wieder anfangen, ein Leben, das Vergangenheit ist, aufzuführen: Für einen Moment kann man auch mit den Toten reden, und schließt man sie ans Internet an, scheinen sie sogar Ereignisse kommentieren zu können, die nach ihrem Tod geschahen. 2002 baute Ishiguro sogar seine eigene, damals vierjährige Tochter nach, als Roboter, den er „Repliee R1“ nannte. Können wir den mal sehen? Nein, grad nicht, sagt Ishiguro und deutet hinter sich, als stehe der Roboter dort an einer unzugänglichen Stelle. Seine Tochter ist heute 22, sie arbeitet mit ihm im Institut, sie mag es nicht, ihrem eigenen Ich von vor 18 Jahren zu begegnen, einem Kind, das ihr entgegenkommt und das sie selbst einmal war. Und das mit einer Stimme spricht, die damals ihre war: Es tun sich seltsame Falltüren und Zeitlöcher auf in Ishiguros Labor. Das Kind lebt als Maschine, die nie älter wird, weiter. Nichts darf verschwinden, nichts je verlorengehen: Das ist die Verbindung der Roboter, die dank Internet immer intelligenter werden, und Big Data.



II.

ROBOT TEST FIELD, FUKUSHIMA
Um für Notfälle zu üben, in denen Roboter aktiv werden sollen, können Teile des Testgeländes geflutet werden
Um für Notfälle zu üben, in denen Roboter aktiv werden sollen, können Teile des Testgeländes geflutet werden

Als wir Keigo Kobayashi von der Tokyo University treffen, erzählt sie von ganz anderen Robotern, die sie in Japan gerade testen. Robotern für Dörfer, Orte, die vom Menschen verlassen wurden. Davon gibt es viele. Bis 2050 wird Japans Bevölkerung um ein Drittel schrumpfen, nach Schätzungen der Regierung stehen schon heute acht Millionen Häuser in Japan leer, laut „Bloomberg Report“ könnten es bis zum Jahr 2033 rund zwanzig Millionen werden, das wäre ein Drittel aller Häuser in Japan. Die Hälfte aller Japaner lebt auf zwei Prozent der Fläche des Landes, fast 80 Prozent leben in Städten. Wer kümmert sich um die überalterten 20 Prozent auf dem Land? Secom, eigentlich eine Firma für Überwachungssysteme, hat ein Gerät entwickelt, das Menschen, die nicht mehr allein essen können, mit Löffel und Gabel füttert. Wie gesagt, man könnte auf dem Land Gastarbeiter ansiedeln, aber dagegen sprechen offenbar nicht nur kulturelle, sondern vor allem ökonomische Gründe: Durch Automatisierung und Robotisierung sind massive Gewinnsteigerungen möglich – nichts ist so teuer wie ein Arbeiter, der versichert werden muss, Fehler macht, erschöpft und unkonzentriert ist und krank werden kann. Der Umsatz mit robotisierten digitalen Assistenten, die Kunden am Telefon oder zu Hause beraten, soll in den kommenden drei Jahren auf 15,8 Milliarden Dollar wachsen. Nach einer Statistik befanden sich schon vor fünf Jahren mehr als ein Drittel aller weltweit eingesetzten Industrieroboter in japanischen Fertigungsbetrieben, in fünf Jahren werden es eine Million sein. Den schönsten stellt Toshiba her: Er sieht aus wie ein melancholischer Kranich, der mit seinem Schnabel die Pakete des Online-Retail-Zeitalters durch die Gegend hebt. Die Auslieferungslager der großen Online-Retailer werden robotisiert, sie mutieren zu posthumanen Welten, seltsamerweise erinnern die Roboter dort an Tiere, an einen bizarren Zoo, in dem Metalllöwen und Plastikstörche seltsame Dinge tun.

Der seltsamste dieser Zoos entsteht gerade in der Nähe eines Orts, an dem auf lange Zeit keine Menschen mehr leben werden – in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima, dessen Strahlung, wenn der Wind anders geweht hätte, den Großraum Tokio und damit das Zuhause von rund 40 Millionen Menschen für ein paar Millionen Jahre unbewohnbar gemacht hätte. Der Weg dorthin ist schön – er führt durch grüne Täler, über Bäche und elegante Brücken, die allerdings aus den sechziger Jahren stammen, als Japan sich für die Olympischen Spiele von 1964 modernisierte, und die heute dringend saniert werden müssten. Nicht zuletzt durch die Entvölkerung fehlen Steuergelder, mit denen man die dringend nötigen Sanierungen bezahlen könnte. Laut japanischer Regierung sind landesweit 700 000 Brücken in einem kritischen Zustand. Die Lösung heißt auch hier: Roboter.

Das Ziel ist ein schlagfertiger, einfühlsamer Roboter, den „Deep Learning“ und ein künstliches Bewusstsein zu einem tiefgründigeren Begleiter des Menschen machen.

Eine Viertelstunde nördlich von Fukushima Daiichi liegt eine Art Dorf der Zukunft, das Fukushima Robot Test Field. Es wurde gebaut, wo vor dem Tsunami Äcker und Dörfer standen. Seltsame Röhren wachsen dort, Rampen, Tunnel und Betonlabyrinthe. Hier sollen Transportdrohnen und Roboter erprobt werden, die den Zustand von Tunneln und Brücken überprüfen und sogar eigenständig kleine Reparaturarbeiten ausführen können. Hier werden seltsame Metallwesen herumlaufen wie Toshibas Tetrapod, ein Roboter, der an einen Metallhund erinnert, ein Vierbeiner ohne Kopf mit einem Auge vorn im Rumpf, der zum Beispiel durch extrem verstrahltes Terrain laufen kann. Autonome Autos, die Rentner zum Arzt fahren können. Unbemannte Versorgungsfahrzeuge, die Essen in entlegene Gegenden bringen. Ernteroboter, die in menschenleeren Regionen Korn aussäen und später ernten. Roboter, die etwa in ein havariertes Atomkraftwerk vordringen und dort das Schlimmste verhindern können (man geht offenbar davon aus, dass so etwas noch mal passieren kann). Im Roboterdorf können Naturkatastrophen simuliert werden, auch soll, so erklärt uns ein Sprecher, hier bald ein „realistischer Alltag“ simuliert werden, in dem Dutzende von Drohnen Dinge anliefern, ohne zu kollidieren. Das Tokyo Metropolitan Bokuto Hospital testet schon heute zusammen mit der Medizinfakultät der Toho University die Anlieferung von Blutkonserven mit Drohnen in Katastrophengebiete. Genau genommen, zeigt das Test Field alles, was in Zeiten des Klimawandels auf küstennahe Städte häufiger zukommen wird: Ein Teil des Dorfs kann auf Kommando überflutet werden; eine Windmaschine simuliert Sturm; Rettungsroboter können so unter realistischen Bedingungen erprobt werden. Im vergangenen Jahr, als das Dorf ein paar Reportern vorgeführt werden sollte, kam das Wasser aber nicht aus den Simulationstanks: Der Taifun Hagibis hatte das Gelände so überflutet, dass nichts vorzuführen war.



III.

DEEP LEARNING ODER ROBOMETAPHYSIK
– ENDLICH EINER, DER EINEN VERSTEHT?
Roboter Pepper, der an Empfangstischen und im Gesundheitswesen eingesetzt werden kann
Roboter Pepper, der an Empfangstischen und im Gesundheitswesen eingesetzt werden kann

Wie wird es sein, mit Robotern zu leben? Humanoide Roboter werden in vielen Bereichen als das wahrgenommen werden, was sie sind: hilfreiche Geräte, die aussehen wie Menschen und sich äußerlich so ähnlich wie diese verhalten, weswegen man an ihnen üben kann, mit Menschen umzugehen. Die Firma Kokoro etwa hat Roboter entwickelt, an denen Zahnmedizinstudenten üben dürfen – wenn sie dorthin trafen, wo beim echten Patienten ein Nerv säße, quiekte der Roboter laut auf. Herzoperationen können so lange simuliert werden, bis die echte Operation ein Routinefall wird.

Ishiguro und sein Kollege und Konkurrent Junichi Takeno wollen aber mehr. Sie träumen von Robotern, die „lernen“ können, also die Fähigkeit haben, neue Situationen mit der Rekombination des Gelernten und dem Wissen des Internets zu meistern; das Ziel ist ein schlagfertiger, einfühlsamer Roboter, den „Deep Learning“ und ein künstliches Bewusstsein zu einem tiefgründigeren Begleiter des Menschen machen. Roboter, sagt Takeno, als wir ihn bei Tokio in seinem Labor treffen, riechen nicht an Blumen, und wenn sie etwas tun, was so aussieht, empfinden sie keine Freude. „Machine consciousness“ sei etwas anderes als „intelligente“ Maschinen. Schon jetzt können Roboter, weil sie so programmiert wurden, aus ihren Fehlern lernen. Aber um „conscious“ zu sein, müssen sie in der Lage sein, auch ihre Programme zu hinterfragen und Fehler der Programmierer zu korrigieren, ohne dass man sie dazu aufforderte. Gäbe es die Möglichkeit, die Evolution in den Computer zu verlegen und ihn ein neuronales Netz aufbauen zu lassen, das ihn am Ende zu einer Form von „Metacognition“ kommen lässt, der Fähigkeit, sein eigenes Denken und seine Axiome, sein Programm zu hinterfragen? Wäre dieser „Conscious Robot“ ein Apparat, der nicht nur Verständnis vorgaukeln und einprogrammierte Mienenspiele dem Verhalten des Gegenübers zuordnen, sondern ihn tatsächlich verstehen könnte – und dank des unbegrenzten Zugriffs aufs Internet, Filme, Informationen, Literatur als Superintelligenz zu einem Verständnis von Wirklichkeit kommen könnte, das bisher nicht vorstellbar war? Die nächsten Jahre werden zeigen, was wir in Zukunft unter einem Roboter verstehen werden: etwas, das so sehr mit uns verwächst, dass es den Namen Roboter irgendwann verliert – oder doch etwas, das dort, wo die Welt für Menschen unbetretbar zu werden droht, dafür kämpft, dass ihr Lebensraum nicht noch kleiner wird.

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27.05.2020
Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly