In Mode und sozialen Medien

Das skurrile Comeback der Hexen

Von Annabelle Hirsch
Aktualisiert am 20.06.2019
 - 17:14
Die Schwestern Camilla und Giulia Venturini verwandeln sich mit künstlichen Nasen in Hexen und bewerben so ihr Taschenlabel Medea.
Sie ist Single, meist kinderlos, folgt ihrer eigenen Lust, hat magische Kräfte – und macht Männern Angst: Die Mode entdeckt eine besondere Frauenfigur wieder. Ganz ohne Besen.

Wenn stimmt, was man bisher annimmt, also dass die Modefotografie so etwas wie Begehrlichkeit schaffen soll, dann lässt die Frühjahr-Sommer-Kampagne des italienischen Taschen-Labels Medea darauf schließen, dass die Hexe neuerdings so etwas wie ein Vorbild ist: Um ihre aktuelle Taschenkollektion in Szene zu setzen, buchten die Zwillingsschwestern Camilla und Giulia Venturini keine hübschen Models, sondern klebten sich selbst mit Hilfe der Make-up-Artistin Isamaya Ffrench je eine gigantische Nase ins Gesicht, übermalten ihre Augenbrauen mit zwei dünnen Strichen und färbten ihre Lieder bunt, bevor sie, mit ihren ebenfalls bunten Täschchen behangen, durch die Viertel um den Londoner Hyde-Park spazierten.

Als Inspiration für ihre Kollektion nennen sie die Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla, die Selbstinszenierung des Duos in der Kampagne erinnert allerdings eher an eine Kreuzung von Ruth Gordon in „Rosemary’s Baby“ und Anjelica Huston in „Hexen hexen“. Ganz verkehrt kann diese Assoziation nicht sein, denn die Schwestern bezeichnen sich in Interviews gerne als genau das: als Hexen.

Auf den Straßen von New York und Washington

Die Hexe erlebt derzeit ein großes Comeback. In der Mode, und insgesamt in der Popkultur. Sie ist, wie das Magazin „W“ vor einigen Monaten bemerkte, plötzlich überall: Man trifft sie auf den Laufstegen von Tom Ford, Prada, Rodarte, über Dior, Maison Martin Margiela bis zu Céline in langen schwarzen Kleidern, viel Chiffon, Tüll, mit weiten Hüten. Ebenso auf den Straßen von New York und Washington, wo sie sich in großen „Hexenrunden“ versammelt, um Männer wie Präsident Donald Trump oder den Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh mit Flüchen zu belegen. Im Internet, wo sie auf Instagram unter dem Hashtag #witchesofinstagram mit stolzen 2,7 Millionen Einträgen erscheint. Selbst auf dem Buchmarkt ist dieser Frauentypus, der angeblich dunkle Kräfte besitzt, der neue Star.

In den vergangenen zwei Jahren sind Dutzende Essays erschienen, darunter „Witches, Sluts, Feminists“ von Kristen J. Sollee (2017), „Craft: How to Be a Modern Witch“ von Gabriela Herstik (2018), „Witches, Witch-Hunting, and Women“ von Silvia Federici (2018) und der in Frankreich viel beachtete Text „Sorcières. La puissance invaincue des femmes“ („Hexen. Die unbesiegte Kraft der Frauen“) von Mona Chollet (2018). Im Juni kommt das bereits im Vorfeld gefeierte „Waking the Witch. Reflections on Women, Magic, and Power“ der „Witch Wave“-Podcast-Queen Pam Grossman auf den Markt.

Serien-Remakes wie das des Neunziger-Jahre-Klassikers „Charmed“ oder Netflix’ jüngstes „The Chilling Adventures of Sabrina“ und die Ankündigung einer Neuverfilmung von „Hexen hexen“ mit Anne Hathaway in der Rolle der Oberhexe schließen sich dieser Welle an. Eines der interessantesten Beispiele war zuletzt im Herbst Luca Guadagninos Neuinterpretation von Dario Argentos Siebziger-Jahre- Horror-Kultfilm „Suspiria“: Dakota Johnson landet dort als blauäugige Susie in einem als Tanzschule getarnten Hexenzirkel in Berlin, den die stets gruselige Tilda Swinton als Madame Blanc anführt.

Der Regisseur zeigt darin ein Bild der Hexe als brutale und dunkle, aber auch schöne und machtvolle Frau, die ihre Kraft erst entdecken und auch durch den Kontakt mit anderen Frauen gewinnen muss. Er zeigt auch, wie elegant, wie modisch die Hexe sein kann. Und bezeichnenderweise erinnern die Kostüme von Giulia Piersanti (sie arbeitet auch für Balenciaga und Céline) stark an das, was man derzeit in den Kollektionen von Dior und demnächst Céline sehen kann: Bei Dior sind es lange, weite Kleider im Stil der „Madame Blanc“, bei Céline Capes, Karomuster, Seidentücher und Hosenröcke. Die Hexe ist, so scheint es, ein modischer Typ geworden. Warum?

Woher kommt diese wiedergewonnene, bereits unter Feministinnen der siebziger Jahre erlebte Lust an einer abseitigen Frauenfigur, die im Mittelalter von Männern, unter anderem durch Schriften wie das „Malleus maleficarum“, definiert und gejagt worden war? „In Zeiten der politischen Umbrüche ist alternative Spiritualität immer anziehend“, schreibt Gabriela Herstik in „Craft“ und führt vom Tarot-Kartenlegen bis zum Frühjahrs-Equinox-Fest aus, wie man die Hexe in sich entdecken kann. Die Französin Mona Chollet bleibt in ihrem Essay „Sorcières“ sachlicher, distanzierter, meint aber auch, unser Glaube in die heutige Gesellschaft sei erschüttert worden: „Wenn ein Weltbild, dass sich als im höchsten Maße rational definiert, auf die Zerstörung unseres Lebensraums hinausläuft, stellt man die bisher geltenden Kategorien des Rationalen und Irrationalen in Frage.“

Die Hexe verkörpere einen intuitiveren, also, um in altmodischen Kategorien zu sprechen: einen „weiblicheren“ Zugang zur Welt, zur Natur. Sie stehe für eine Auflehnung gegen die vom Patriarchat geprägte Sicht und ihre normativen Regeln, sagt Chollet. Und da diese in den vergangenen Jahren, etwa durch die Wahl von Donald Trump, die Weinstein-Affäre und die drohenden Klimakatastrophen spürbar ins Wanken geraten ist, wirke die Hexe in diesem (befreienden) Chaos wie ein Wegweiser.

Sie ist eine Frauenfigur, die ihren eigenen Regeln folgt, also von Natur aus eine Feministin. Immerhin ist sie aus der mittelalterlichen Angst der Männer vor der Unabhängigkeit der Frau, also aus einer misogynen Einstellung heraus, geboren: „Fast alle der Hexerei beschuldigten Frauen waren alleinstehend oder verwitwet, also keinem Mann unterworfen“, schreibt Chollet. Wer laut, selbstbewusst, sexuell frei, vielleicht sogar kinderlos und ohne männlichen Partner lebte – so wie das heute viele Frauen tun –, der wirkte damals (und teilweise noch heute) wie eine Bedrohung für die aufgestellte Ordnung. Die „Hexenjagden“, so glaubt die französische Essayistin, seien ein Mittel gewesen, die Frauen gefügig und klein zu halten.

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In einer Zeit, in der eine Hillary Clinton als „witch“ bezeichnet worden ist, weil sie nach der Macht strebte, und ein Donald Trump das Wort „Hexenjagd“ bis zum heutigen Tag knapp 261 Mal getweetet hat (natürlich im falschen Kontext), scheint es fast logisch, dass sich der Feminismus wieder auf diese Figur besinnt. Auch, weil sie viele Aspekte anspricht, die Frauen noch immer beschäftigen: Es geht um Fragen der Mutterschaft (die Hexe hat meist keine Kinder und hilft sogar bei der Abtreibung), der Partnerschaft (sie ist meist Single), des Wunsches nach Selbstverwirklichung (sie lebt im Abseits und macht ihr eigenes Ding), der eigenen Lust (sie gilt als sexuell unersättlich) und des Alterns (sie wird oft als alte, gruselige Frau dargestellt).

Kraft ausdrücken – nicht Macht

„Die Hexerei ist feministisch“, sagt auch Elisabeth Krohn, Gründerin des Frauen-Magie-Magazins „Sabat“, „darin kann man sein, wer man ist, es gibt keine Normen.“ Die Antinorm sei für die Hexe die Norm, meint sie und klingt damit ein wenig wie Natacha Ramsay-Levi, die Chefdesignerin des Hauses Chloé. Auf die Frage, wie ihre „Chloé-Frau“ aussehe, antwortete sie, sie habe keinen bestimmten Typ, nicht „die“ eine Frau vor Augen, sondern vielmehr viele, sehr unterschiedliche, ihrer Individualität folgende Frauen im Kopf. „Ich möchte den Frauen die Möglichkeit geben, ihre Kraft, nicht ihre Macht auszudrücken“, sagte Ramsay-Levi im September 2017 über ihre erste Kollektion und läutete damit ganz unmerklich eine neue Zeit ein: eine, in der Frauen nicht mehr ihre Power im männlichen Sinne behaupten müssen, sondern in ihrer Weiblichkeit eine möglicherweise viel mächtigere Kraft finden und diese zur Schau stellen dürfen.

Konkret bedeutete das bei Chloé: Viele Amulette im Zeichen der Astrologie, der Fruchtbarkeit, einer archaischen Weiblichkeit. Stiefel im viktorianischen Stil und Kleider, die aussehen, als habe die Designerin sie mit den Motiven der schwedischen Malerin Hilma af Klint bedruckt. Wie so viele Künstlerinnen des späten 19. Jahrhunderts interessierte sich diese für den Okkultismus und bezeichnete sich selbst als Medium, ihre Bilder waren Übersetzungen ihrer Visionen. Ramsay-Levi hat diese Verbindung zwar selbst nie öffentlich benannt, nur weiß man, dass Rithika Merchant, die Künstlerin hinter den Drucken der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2018, von af Klint beeinflusst ist.

In der aktuellen Chloé-Kollektion kann man die Strickkleider, Blumen-Prints und Kordeln als hexenhaft im Sinne von naturverbunden auslegen. Ebenso kann man bei Marc Jacobs, Prada, Erdem und Dries Van Noten mit den vielen Blumenkleidern einen „witchy vibe“ erkennen. Wenn man will. Denn tatsächlich sind nach so eindeutigen Verweisen wie etwa den Tarot- Drucken bei Dior im vergangenen Jahr die Anspielungen nun weniger plakativ, sondern eher eine Frage der Interpretation. Die Hexenmode lässt sich nicht auf einen definierten Stil reduzieren. Was sie allerdings immer ist: weiblich.

Das Spannende an der Hexe sei doch, dass man all die als negativ ausgelegten weiblichen Qualitäten annimmt und sie als Kraft, auch als Frauen vereinende Kraft, erkennt, sagte einmal Tavi Gevinson, die Gründerin von „Rookie“, des feministischen Online-Popkultur-Magazins für Mädchen. Dass sich die Mode der Figur der Hexe wieder annimmt, läutet vielleicht eine neue Ära ein: die der Frauen, die sich weder für die Männer noch wie die Männer anziehen, um ernst genommen zu werden, sondern ihre Weiblichkeit frei, in ihrer ganzen Komplexität, ihrer Schönheit und Hässlichkeit, zur Schau stellen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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