Widerstand in Südamerika

Warum kämpfen indigene Völker auch für unser Überleben?

Von Hernán D. Caro
19.08.2021
, 06:05
Vertreter der Kayapo in Brasilien protestieren für mehr Unterstützung während der Pandemie und gegen illegale Rodungen.
Überall in Lateinamerika wehren sich jetzt Ureinwohner und Afrolateinamerikaner gegen Diskriminierung und Naturzerstörung. Ihr Widerstand wird immer stärker und sichtbarer.
ANZEIGE

„Was werden die Indigenen jetzt tun?“: Das fragte man Ailton Krenak, einen der wichtigsten indigenen Denker Brasiliens, als Jair Bolsonaro 2018 Präsident wurde. Der Politiker und Ex-Militär hatte sich nämlich mehrmals mit verächtlichen Worten über die einheimischen Völker geäußert – und viele fürchteten, dass diesen Worten nun Taten folgen könnten. Bolsonaro sagte etwa, Indigene würden „wie Tiere im Zoo“ leben und seien ein „Hindernis für die Wirtschaft“, weshalb er nicht vorhabe, ihre Reservate zu schützen. Oder auch: „Schade, dass die brasilianische Kavallerie nicht so kompetent wie die US-amerikanische war, die alle Indigenen vernichtet hat.“ Wie Krenak in seinem Buch „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist, erzählt, war seine Antwort auf die anfangs gestellte Frage wie folgt: „Die Indigenen sind seit fünfhundert Jahren im Widerstand, Sorgen mache ich mir um die Weißen.“

ANZEIGE

So entsetzlich Bolsonaros Aussagen auch sind, scheinen sie doch nur die Überspitzung einer Denkart zu sein, die viele in Lateinamerika gegenüber denjenigen Mitbürgern haben, die sie als minderwertige Fremde ansehen: Indigene und Personen afrikanischer Herkunft. So hört man manchmal in Kolumbien, wenn von jemandem die Rede ist, der ordinär oder unhöflich ist: „Was für ein Indio!“ Mit „Negro“ wiederum bezeichnen manche in Argentinien Menschen, die arm sind oder aus der Arbeiterschicht stammen. Und in Bolivien, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung indigenen Ethnien angehört, nannte die ehemalige Interimspräsidentin Jeanine Áñez die Indigenen ihres Landes „Satanisten“.

Konzerne, Drogenmafias und illegale bewaffnete Gruppen

Diese rassistische Denkart ist das Erbe der Idee von der Überlegenheit der weißen Europäer, mit der sich Kolonialismus und Sklaverei einst selbst ermächtigten. Und da mit der Befreiung von den Kolonialmächten und dem Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert weder Ungleichheit noch Rassismus in Lateinamerika endeten, folgen jener Denkart bis heute beunruhigende Taten. In Brasilien etwa die Verwüstung des Amazonas-Urwaldes, wo die meisten der fast 850.000 Indigenen des Landes leben. Seit 2019 treibt Bolsonaros Regierung die Abholzung des Gebiets in erschreckendem Ausmaß voran. In Kolumbien wiederum sind afrokolumbianische und indigene Gemeinschaften Opfer von Landraub und Vertreibung aus den Gegenden, in denen sie seit Jahrhunderten angesiedelt sind, durch Konzerne, Drogenmafias und illegale bewaffnete Gruppen. Laut den Vereinten Nationen ist die Wahrscheinlichkeit, in absoluter Armut zu leben, für die 60 Millionen Indigenen des Kontinents sowie die Afrolateinamerikaner – fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung – dreimal so hoch wie für den Rest der Bürger.

F.A.Z. Quarterly: das vorausdenkende Magazin für die Visionen und Ideen unserer Zukunft

Hier mehr erfahren

Die Geschichte des Widerstands der diskriminierten Völker Lateinamerikas ist, wie Krenak bemerkt, tatsächlich lang: Sie umfasst während der Zeit der Sklaverei die Gründung von wehrhaften Niederlassungen geflohener schwarzer Sklaven, den „Quilombos“ oder „Palenques“, sowie die Ablehnung der „Zivilisation“ seitens vieler indigener Stämme und die heimliche Übertragung ihrer Bräuche und Kosmogonien zwischen den Generationen. Und der Widerstand geht weiter. Inzwischen scheint er immer sichtbarer, besser vernetzt und medienwirksamer zu sein.

ANZEIGE

Die internationale Organisation Amazon Frontlines zum Beispiel vereinigt Menschenrechtsexperten, Wissenschaftler, Journalisten und Bauern, die sich für die Rechte auf Land und Leben der Indigenen sowie für den Schutz des bedrohten Amazoniens in Ecuador und Kolumbien einsetzen. Die Gesichter der Organisation sind Indigene verschiedenen Alters wie die junge Nemonte Nenquimo der Ethnie Waorani oder Ermegildo Criollo des Volkes Cofán, das sich seit Jahrzehnten gegen die Ausbeutung des ecuadorianischen Regenwalds durch Ölkonzerne wehrt.

Die informelle Denkfabrik Engajamundo vernetzt junge Brasilianer und informiert über Möglichkeiten politischer Beteiligung. Die junge Aktivistin Hamangaí Pataxó, Teil des Projekts, klärt indigene Gemeinschaften über ihre Bürgerrechte auf. Andere Mitglieder des Pataxó-Volkes, ansässig im Nordosten Brasiliens, wie etwa Tukuma Pataxó, berichten auf Twitter und Youtube über ihre Kultur – auf kluge, satirische Weise. Und die bolivianische Youtuberin und Radiomoderatorin Yola Mamani engagiert sich für die Hausangestellten, die in Bolivien, wie in vielen anderen Ländern der Region, meistens Frauen indigener Abstammung sind.

Genauso vielfältig ist die Tätigkeit afrolateinamerikanischer Aktivisten. Unter ihnen befinden sich junge Stimmen wie jene des brasilianischen Youtube-Influencers AD Júnior, der über das „Afro-Urban“-Leben oder prominente schwarze Persönlichkeiten spricht, aber auch die Proteste von Black Lives Matter und den strukturellen Rassismus in Brasilien analysiert. Vor allem aber sticht hier die Arbeit von Frauen hervor.

ANZEIGE

Die „Red de Mujeres Afrolatinoamericanas, Afrocaribeñas y de la Diáspora“ etwa bringt Menschenrechtlerinnen zusammen, die für die politische Partizipation schwarzer Frauen eintreten. Und in Kolumbien kämpfen Frauen wie Francia Márquez gegen den illegalen Goldabbau, der im Südwesten Kolumbiens die Vergiftung von Flüssen und die Vertreibung von Familien mit sich bringt. 2014 marschierte sie mit achtzig anderen Frauen zehn Tage lang nach Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, wo sie wochenlang auf der Straße protestierten, bis die Regierung sich schließlich dazu verpflichtete, gegen die Bergbauunternehmen vorzugehen. Anfang dieses Jahres gab Márquez dann ihre Kandidatur für die kommenden Präsidentenwahlen in Kolumbien 2022 bekannt.

Indigene Kolumbianer fordern von der Regierung in Bogotá ein Ende der Gewalt, die vor allem die Landbevölkerung trifft.
Indigene Kolumbianer fordern von der Regierung in Bogotá ein Ende der Gewalt, die vor allem die Landbevölkerung trifft. Bild: FEDERICO RIOS/The New York Times

Die Arbeit dieser und vieler anderer mutiger Frauen und Männer, die sich gegen Diskriminierung und Naturzerstörung wehren, erhält seit einigen Jahren immer mehr lokale und internationale Aufmerksamkeit. Indigene Vordenker wie Krenak sind wichtige Sprecher auf Umweltschutzkonferenzen. Junge globale Umweltbewegungen stellen die Art von Fortschritt, die, wie Francia Márquez es formuliert hat, „den Planeten auslaugt“, immer stärker in Frage. Und Aktivisten aus Lateinamerika erhielten in den letzten Jahren den Goldman-Preis, der als Nobelpreis für Umweltschutz gilt, unter anderem Nemonte Nenquimo und Márquez sowie Rodrigo Tot, der 2011 die Landrechte der Kekchí in einem Rechtsstreit gegen die Regierung Guatemalas verteidigte, oder Leydy Pech, die zusammen mit weiteren mexikanischen Maya-Indigenen verhinderte, dass der Agrarkonzern Monsanto – heute Bayer – im Süden Mexikos genetisch modifiziertes Soja anpflanzen konnte.

ANZEIGE

Doch lateinamerikanische Menschenrechtler und Naturschützer leben in Gefahr. 2016 wurde in Honduras die bekannte Aktivistin Berta Cáceres durch Ex-Militärs ermordet, genauso wie weitere 13 indigene Aktivisten des Landes. Die afrobrasilianische Bürgerrechtsaktivistin Marielle Franco wurde 2018 in Rio de Janeiro erschossen, auch hier waren Ex-Militärpolizisten die Täter. In Kolumbien, wo in den letzten fünf Jahren mehr als 400 Aktivisten getötet wurden, überlebte 2019 Francia Márquez einen Mordanschlag. 2020 wurden in Mexiko zwei indigene Umweltaktivisten erschlagen, und Kolonisten töteten in Nicaragua sechs andere, um Kontrolle über ihr Land zu erlangen.

„Ohne Regenwald gibt es kein Leben“

So ist Widerstand für die Aktivisten in Lateinamerika eine Frage des Überlebens. Doch nicht nur für sie selbst. Wie Nemonte Nenquimo sagt: „Ohne Regenwald gibt es kein Leben.“ Oder in den Worten von Francia Márquez: „Wenn ich meine Stimme erhebe, damit eine Gemeinschaft die Ausbeutung eines Flusses verhindern kann, verteidige ich die gesamte Menschheit.“

Denn die Welt ist nicht nur für sie ein hochkomplexes Ökosystem, dessen nachhaltige Störung an einer besonders sensiblen Stelle, wie der Regenwald eine ist, Folgen weit über die unmittelbar betroffenen Regionen hinaus hat. Diese Erkenntnis wird aber noch von zu vielen ignoriert. Die Interessen jener Menschen, die bis heute in Lateinamerika – und nicht nur dort – oft als „die anderen“ gelten, sind, so betrachtet, eigentlich die von allen Menschen – egal, welchem „Volk“ oder welcher Klasse sie angehören und welche Hautfarbe sie haben. Die Verfolgung indigener und afrolateinamerikanischer Aktivisten kann somit als ein Angriff auf alle verstanden werden. Es scheint höchste Zeit, das zu begreifen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE