Interview zum neuen Kinofilm

Sind Kinder die besseren Schauspieler, Joaquin Phoenix?

Von Mariam Schaghaghi
22.03.2022
, 13:50
Joaquin Phoenix (l.) und Woody Norman in einer Szene des Films „Come on, come on“
Video
Im Vorfeld hieß es, man dürfe Joaquin Phoenix keine privaten Fragen stellen – was schwer ist, geht es doch in seinem neuen Film genau um diese, die großen privaten Fragen des Lebens. Es wurde dann doch überraschend privat im Gespräch.
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Ein Radiojournalist begibt sich mit seinem jungen Neffen auf eine Reise quer durch die USA. Hinter diesem so unspektakulär klingenden Szenario des Films „Come on, Come on“ verbirgt sich ein echtes cineastisches Juwel. Regisseur Mike Mills’ Schwarz-Weiß-Film hat bisher sogar Filmkritiker bezaubert, gewann beim Filmfestival Rom den Publikumspreis und wird überall in hohen Tönen gelobt.

Das liegt vor allem an den Künstlern: Ausnahmeschauspieler Joaquin Phoenix, der für „Joker“ einen Oscar bekam, spielt den Reporter, der junge Menschen im ganzen Land nach ihren Einstellungen zu Glück, Gott und der Welt befragt, Gaby Hoffmann („Wild“) seine Schwester, die sich in einer Notlage befindet und ihm ihren achtjährigen Sohn anvertraut. Vor allem ist es der heute elfjährige Woody Norman, dessen Natürlichkeit und Sensibilität „Come on, Come on“ zur Sensation machen, zu einem beglückenden, wirklich magischen Filmerlebnis. Kino, das die Seele berührt.

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Unser Interview, da bestand Joaquin Phoenix drauf, soll per Telefon stattfinden, nicht per Zoom. Der 47-Jährige gilt als schüchtern, extrem zurückhaltend und etwas eigen. Interviews gibt er in der Regel so gut wie keine. Im Vorfeld hieß es mehrfach, man dürfe ihm keine privaten Fragen stellen – was schwer ist, wenn es im Film ja genau um diese, die großen privaten Fragen des Lebens geht. Aber es wurde dann doch überraschend privat im Gespräch mit Joaquin Phoenix und seiner Kollegin Gaby Hoffmann, vor allem weil der Schauspieler die Rollen kurz umdrehte.

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Was lockt sie als Oscargewinner am ehesten zu einem neuen Projekt, das Ihnen auf den Tisch gelegt wird?

Joaquin Phoenix: Das Geld, wie immer. (lacht) Nein, mir geht es in erster Linie um die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Ich wollte Regisseur Mike Mills unbedingt kennenlernen und mit ihm über das Projekt reden. Dann hat sich alles so ergeben.

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Gaby Hoffmann: Für mich war der ausschlaggebende Faktor auch die Möglichkeit, mit Mike Mills und auch mit Joaquin zusammenzuarbeiten. Ich war erst mit Mike zum Abendessen verabredet …

J.P.: Wie, er hat dich zum Abendessen eingeladen und mich nicht?

Gaby Hoffmann und Joaquin Phoenix bei einer Vorführung von „Come on, come on“ Mitte November in los Angeles
Gaby Hoffmann und Joaquin Phoenix bei einer Vorführung von „Come on, come on“ Mitte November in los Angeles Bild: Picture Alliance / Jordan Strauss/Invision/AP

G.H.: Ehrlich gesagt habe ich ihn eingeladen, weil er seine Kreditkarte vergessen hatte! (lacht) Wir waren bei mir in der Nachbarschaft essen, und es hat sich gleich so vertraut angefühlt, als wären wir schon seit 20 Jahren befreundet. Als Mike mich dann später anrief und meinte, dass Joaquin für die Hauptrolle zugesagt hätte, hat es mir erst mal die Sprache verschlagen. Ich wusste, dass da etwas ganz Großes auf mich zukommt.

Joaquin, Sie zeigen zauberhafte und immens authentische Szenen mit einem achtjährigen Kollegen: Mal erörtern sie beide existenzielle Fragen, mal albern sie wild herum, mal schweigen sie nur. Waren Sie in diesen Momenten ein perfekter Schauspieler? Oder haben Sie diese Situationen ge- und erlebt?

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J.P.: Ich hasse es grundsätzlich, zu „spielen“. Wenn man sich vor der Kamera wie ein Schauspieler fühlt, hat man schon was falsch gemacht. Ich habe das Ziel, vor der Kamera einfach nur zu leben. Das geht natürlich manchmal besser und manchmal schlechter. Oft gibt es viele technische Dinge zu beachten, die es einem schwer machen, ganz im Moment zu sein. Umso wichtiger ist es, mit den richtigen Regisseuren zusammenzuarbeiten, denn sie müssen am Set eine Atmosphäre schaffen, in der man baden kann, in der man Wonne empfindet. Das ist uns bei diesem Film definitiv gelungen.

Wie hat Mike Mills dafür gesorgt, dass ein Joaquin Phoenix sich am Set „wonnig“ fühlt?

J.P.: Vieles ist er sehr unkonventionell angegangen. Wir hatten zum Beispiel niemanden für Haare und Make-up vor Ort. Denn alles sollte ganz natürlich aussehen. Auch bei den Kostümen hatte ich freie Hand, ich konnte anziehen, was ich in meinem Schrank habe. Natürlich haben wir uns darüber unterhalten, was im Film funktionieren würde, aber wir haben uns damit nicht verrückt gemacht. Normalerweise gibt es an Filmsets für all diese Themen Experten, die sich enorm viele Gedanken machen. Dass wir das alles selbst entschieden haben, war total außergewöhnlich für so einen großen Film. Wir haben auch nicht in Kulissen gedreht, sondern in ganz normalen Wohnungen und an Originalschauplätzen. Wir wollten, dass sich alles so echt wie möglich anfühlt. Das war für mich etwas ganz Neues. Tatsächlich war es für mich auch irgendwann völlig normal, in diesen Zimmern zu leben.

G.H.: Bei mir ist es ebenfalls so, dass ich die Szene wirklich fühlen muss. Insofern müsste ich sagen, dass ich eine ziemlich schlechte Schauspielerin bin. Aber anscheinend „lebe“ ich ganz gut vor der Kamera … (lacht)

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Trailer
„Come on, come on“
Video: A24, Bild: dpa

Was der junge Woody vor der Kamera liefert, ist pure Magie. Dabei heißt die goldene Schauspieler-Regel doch, nie mit Kindern und Tieren zu drehen.

G.H.: Na ja, ich habe selbst zwei Kinder, ich komme ganz gut mit ihnen klar! Auf jeden Fall merkte ich schon beim ersten Lesen des Drehbuchs, wie authentisch und gut die Rolle des Kindes geschrieben war. Wäre ich Drehbuchautorin, hätte ich wohl meine Erfahrungen mit Kindern ganz ähnlich beschrieben. Mike hat definitiv ein paar universelle Wahrheiten über das Elternsein in dieses Drehbuch gepackt. Das war auch der Grund, warum ich unbedingt dabei sein wollte.

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J.P.: Für mich hat es sich ganz natürlich angefühlt, mit Woody umzugehen. Ich konnte mich auch persönlich gut mit dieser Rolle identifizieren, weder das Drehbuch noch die Szenen fühlten sich je gestellt oder unnatürlich an. Ich habe außerdem selbst Neffen, also kenne ich solche Situationen gut! Mir war trotzdem klar, dass wir einen Film machen, ich habe Berufliches und Privates also nicht vermischt.

Wie beurteilen Sie es nun nach dieser Extremerfahrung: Ist es wirklich schwieriger, mit einem Kind vor der Kamera zu stehen?

J.P.: Ich kann Ihnen sagen, dass meine jahrelange Erfahrung als Schauspieler mir hier nicht unbedingt geholfen hat. Oft hat man eine Vorstellung im Sinn, wie eine Szene ablaufen sollte. Das hindert einen aber daran, im Moment zu leben und zu entdecken, was eigentlich möglich ist. Ich war total überrascht, was für eine Bandbreite Woody mir schauspielerisch anbot! Er hat die Gabe, einen kreativen Raum zu eröffnen, in dem alles passieren kann …! Ich kam natürlich mit einem Haufen Erwartungen ans Set. Aber das alles musste ich dann ablegen. Es geht hier nicht um mich, sondern nur um den Moment. Der Kleine hat sich immer sofort in die Situation reingefühlt.

Die Dialoge zwischen Onkel und Neffe sind bewegend, entwaffnend, überraschend. Was Kinder im Alltag manchmal sagen, fragen, erklärt haben wollen, bringt Eltern oft zum Staunen. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung daran, Kinder zu haben?

Gaby Hoffmann und Joaquin Phoenix in einer Szene des Films „Come on, come on“
Gaby Hoffmann und Joaquin Phoenix in einer Szene des Films „Come on, come on“ Bild: Picture Alliance / AP | Uncredited

G.H.: Mutter zu sein ist eine einzige, ständige, riesengroße Herausforderung! Jeden Tag muss ich mich total anstrengen, keine katastrophale Mutter zu sein, sondern von ganzem Herzen das Beste zu geben. Liebe und Geduld sind die beiden Schlüssel bei der Erziehung. Aber rund um die Uhr liebevoll und geduldig zu sein ist ganz schön hart! Meine Kids kennen leider auch genau meine Schwächen und nutzen sie gewissenhaft aus. Ich versuche, nicht zu emotional zu reagieren, wenn sie mich wieder irremachen. Mutter zu sein ist sicher die Herausforderung meines Lebens, aber ich liebe es!

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Joaquin, Sie sollen vor Kurzem selbst Vater geworden sein und Ihren Sohn nach Ihrem verstorbenen Bruder River genannt haben. Können Kinder – und können Filme – Wunden heilen?

J.P.: Dazu kann ich nichts sagen. Ich finde es immer sehr seltsam, in Interviews zu stecken und all diese Fragen zu beantworten, ohne irgendetwas über meinen Gesprächspartner zu wissen. Wie geht es Ihnen denn? Was beschäftigt Sie in Ihrem Leben grade?

Ich bin überrascht, dass Sie fragen. Nun denn: Gestern ist mein Onkel gestorben, deshalb bin ich gerade zu meiner Mutter gereist, anstatt im Büro zu sitzen. Es ist alles etwas chaotisch, aber ich versuche mich so gut wie möglich auf den Job zu konzentrieren.

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J.P.: Mein herzliches Beileid für Ihren Verlust. Das muss eine wahnsinnig schwierige Zeit für Sie sein. Wenn Sie darüber sprechen wollen, höre ich Ihnen gerne zu, aber natürlich nur, wenn Sie sich damit wohlfühlen. Ich möchte mich aber für Ihre Offenheit bedanken. Ich hätte vollstes Verständnis, wenn Sie sich um andere Dinge kümmern wollen, als mit mir über meinen Film zu sprechen.

Gerade in solch einer Krise berührt Ihr Film einen tief, denn es ist ein weiser Film über den Sinn des Lebens. Außerdem schätze ich es sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit mir über diesen Film zu sprechen – vor allem, weil Sie der deutschen Presse derzeit ja nur dieses eine Interview geben. Und nicht zuletzt liebe ich meinen Beruf, auch in schwierigen Zeiten wie diesen.

J.P.: Oh, wow, das berührt mich jetzt sehr. Vielen Dank für diese Haltung!

Wie genau sieht Ihr Glaube, Ihr moralischer Kompass aus? Glauben Sie an Gott?

J.P.: Mit Mitte 20 durchlebte ich eine atheistische Phase. Heute passt gar kein übliches Label mehr zu mir, würde ich sagen. Meine Werte und Überzeugungen sind Versatzstücke aus vielen verschiedenen Glaubenssystemen und Weltanschauungen. Ich glaube zum Beispiel, dass man in jedem Moment Erleuchtung finden kann, wenn man sich entschließt, liebevoll mit den Menschen und der Welt umzugehen. Normalerweise reagieren wir sehr emotional auf die Außenwelt, unsere Gefühle werden verletzt, wir sind unsicher und ängstlich, deshalb reagieren wir auf die Welt, anstatt sie bewusst zu erleben. Menschen träumen davon, sich irgendwann mal vollständig zu fühlen, geheilt einen Zen-Zustand zu erreichen und endlich glücklich zu sein. Dieser Zustand wird nie kommen, wenn man nicht täglich übt, ein besserer Mensch zu sein.

Wie haben Sie Ihren eigenen Zen-Zustand denn erreicht?

J.P.: Ich bin überhaupt nicht „Zen“! Ich übe mich im Zen. Es ist kein Ziel, das man erreicht, sondern ein Leben, das man lebt.

Was hat denn dieser Dialog mit einem Kind über die Sinnhaftigkeit des Lebens in Ihnen selbst ausgelöst?

J.P.: Ich versuche immer sehr vorsichtig zu sein und meine persönliche Perspektive auf einen Film nicht zu klar zu formulieren. Ich befürchte, dass ich dem Publikum damit dann die Chance nehme, die bestmögliche Erfahrung zu haben, die ihnen ein Film schenken kann. Denn ich liebe es, wie subjektiv Filme sein können. Zwei Menschen können völlig unterschiedliche Lektionen aus einem Film mitnehmen, wenn sie offen dafür sind. Alles, was wir sehen und hören, interpretieren und filtern wir immer in unserem eigenen Geist. Deshalb sind Filme immer nur ein Angebot, nie eine fertige Aussage. Sie sollen etwas in uns wecken, etwas, das sich dann in uns entfalten kann.

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Vielleicht beantwortet das ja doch meine Frage, ob Kinder und Filme heilsam sein können …

J.P.: Ich freue mich wahnsinnig darüber, dass Sie so viel aus diesem Film für sich herausziehen konnten. Ich glaube, dass es bei diesem Film einen großen Unterschied macht, ob man selbst Kinder hat und welche Beziehung man zu seiner Familie hat. Diese Themen werden in diesem Film wie durch ein Prisma betrachtet, es geht um die Beziehung zwischen Bruder und Schwester, Mutter und Kind, Onkel und Neffe. Bestimmte Themen machen uns immer wieder zu schaffen, auf verschiedenen Ebenen, egal ob wir immer noch Kinder sind oder schon erwachsen.

Wie betrachten Sie Ihre eigene Kindheit aus heutiger Perspektive, als verlorenes Paradies oder nur als kleineres Erwachsensein?

J.P.: (lange Pause) Wir sabbeln ja ganz schön viel. Aber jetzt haben Sie wohl die eine Frage gefunden, die uns beide verstummen lässt.

G.H.: Ich mach’s kurz: Ich würde sagen, dass Erwachsene immer auch Kinder sind und umgekehrt. Diese beiden Phasen voneinander zu trennen ergibt überhaupt keinen Sinn.

J.P.: Ich stimme Gaby zu, ich sehe das genauso: Erwachsene sind immer noch irgendwie Kinder.

Vielen Dank für das Gespräch – auch für Ihr Mitgefühl.

G.H.: Noch einmal unser herzliches Beileid. Wir schicken Ihnen Liebe und Kraft für die kommenden Tage.

J.P.: : Und bitte grüßen Sie Ihre Familie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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