Lisa Vicari aus „Dark“

Wie wird man das deutsche Netflix-Gesicht?

Von Julia Dettke
Aktualisiert am 30.06.2020
 - 13:34
Louis Hofmann und Lisa Vicari in einer Szene der deutschen Netflix-Serie „Dark“.
Lisa Vicari ist 23 Jahre alt und prägt als Hauptdarstellerin in „Dark“ und „Isi & Ossi“ sowohl die erste deutsche Serie als auch den ersten deutschen Spielfilm auf Netflix. Und das ist erst der Anfang. Ein Porträt.

Die Serie „Dark“ war 2017 die erste deutsche Produktion überhaupt, die auf Netflix startete. Und nicht nur deshalb wurde so viel über sie gesprochen, sondern vor allem weil sie eine düstere, spannende Thrillerserie über verschobene Zeitebenen war – eine, der man das Herkunftsland so gar nicht ansah und die im Ausland sogar noch erfolgreicher war. Im Februar dieses Jahres folgte dann die erste Spielfilmproduktion von Netflix aus Deutschland: „Isi & Ossi“, eine gelungene Aktualisierung der klassischen Liebeskomödie.

Hier der Thriller, dort die Romantic Comedy: zwei Produktionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Eines aber haben sie gemeinsam: Lisa Vicari, dreiundzwanzig Jahre alt. Sie ist das deutsche Netflix- Gesicht. Sie wurde schon mit dem New Faces Award für Nachwuchsfilmstars ausgezeichnet und wird nächstes Jahr in dem Kinofilm „Hannes“ zusammen mit Hannelore Elsner zu sehen sein. In der dritten und letzten Staffel von „Dark“, die nun gestartet ist, wird sie zur Hauptfigur der Geschichte. Wer also ist die junge Frau?

Ganz normale Studentin in Seminaren

Lisa Vicari sitzt für das Videointerview in ihrer Berliner Wohnung vor einer weißen Wand, auf der einen Seite ist ein Fenster zu sehen, auf der anderen eine Lichterkette. Draußen vor dem Haus ist es grün: ein Vorteil, wenn man, wie sie im Moment, die Tage zu Hause und mit Zoom-Konferenzen verbringt. Und zwar nicht, um Interviews zu geben, sondern um als ganz normale Studentin an Seminaren teilzunehmen, „als eine von fünfzig anderen“. Sie studiert in Potsdam Europäische Medienwissenschaft. Vicari schätzt die Regelmäßigkeit des Studiums, gerade für die Phasen zwischen den Dreharbeiten. „Es ist manchmal schwierig, die Ablehnung auszuhalten, mit der man gezwungenermaßen immer wieder konfrontiert wird. Ist ja nicht so, dass ich jetzt, weil ich ‚Dark‘ gemacht habe, auf einmal jede Rolle bekomme, für die ich vorspreche.“

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Der Pony, der ihre Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Jennifer Lawrence akzentuiert und den sie in „Isi & Ossi“ und auch in der neuen Staffel von „Dark“ trägt, ist herausgewachsen. Ihre Haare sind lang und glatt, ihr Gesicht so freundlich und ebenmäßig, wie man es aus ihren Produktionen kennt. Sie ist eher ein unauffälliger als ein spezieller Typ. Anpassungsfähig, zurückhaltend, höflich und diplomatisch. Sie ist eine beeindruckende Schauspielerin, deren Erfolg darauf beruht, dass sie so viele gegensätzliche Rollen spielen kann, weniger darauf, dass sie jede Figur durch ihre Eigenheit prägt.

Und tatsächlich: Auch mal die Stimme zu heben, etwa um einen Streit zu spielen, das musste sie für die Filmarbeit erst trainieren. „Ist ja nicht so, dass ich mit unterdrückten Aggressionen herumrenne. Mir ist privat einfach nicht danach, zu schreien.“ Eine große Professionalität sei ihr wichtig und Harmonie am Set.

Aufgewachsen ist Vicari in München. In einer Ärztefamilie, aber „ohne Verbindungen zur Filmszene“, das betont sie. Als sie zehn oder elf Jahre alt war, nahm sie mit einer Freundin an einem Improtheaterkurs teil, der Folgen hatte: „Es war nur ein Wochenende, aber ich wusste danach, dass es das ist, was ich machen möchte!“ Also verkündete sie ihren Eltern zu Hause, dass sie Schauspielerin werden will. „Irgendjemand kannte jemanden, der sich an der Hochschule für Film und Fernsehen bewerben wollte. Ich hab ihm geschrieben und konnte dann in seinem Kurzfilm dabei sein.“ Die HFF München blieb ihre wichtigste Anlaufstelle. „Ich habe dort einen Steckbrief von mir aufgehängt und daraufhin für Rollen in Kurzfilmen vorgesprochen.“ Die Filme wurden immer größer, die Rollen auch: 2010 „Hanni und Nanni“, ein Jahr später der dystopische Thriller „Hell“. Sie ging weiter zur Schule, 2017, kurz nach dem Abi, kam der Berliner „Tatort“ – und dann gleich „Dark“.

Als es losging mit „Dark“, zog sie nach Berlin. Seitdem ist München ihre Stadt für die Erholung, Berlin die, „in der ich mehr erledigt kriege“. Urlaub macht sie gern in Italien, wo die Familie ihres Großvaters und ihr Nachname herkommen. Das letzte Jahr war für sie beruflich beglückend, aber auch anstrengend: Die Dreharbeiten zu „Dark“ und „Isi & Ossi“ schlossen direkt aneinander an.

In „Isi & Ossi“ spielt sie Isi, eigentlich Isabel, die Tochter einer Heidelberger Milliardärsfamilie. Ihre Eltern wollen, dass sie studiert – sie aber will Köchin werden. Um ihre Eltern unter Druck zu setzen, beginnt Isi einen Job im Burgerladen und präsentiert den rauhen Ossi (Dennis Mojen), eigentlich Oskar, als ihren neuen Freund. Oskar will Boxprofi werden und arbeitet in der Tankstelle seiner Mutter. Schlösser in Heidelberg, Gangsterrapper in Mannheim: Wie der Film die Extreme aufeinanderprallen lässt, wenn er davon erzählt, wie sich Isi und Ossi ineinander verlieben, das ist zugespitzt und sehr charmant. Als Isi Ossi und dessen besten Freund etwa zu einer Vernissage der Stiftung ihrer Eltern mitnimmt, plündern sie das Buffet und bieten ganz neue Interpretationen der ausgestellten Kunstwerke an. Es sind vor allem die Dialoge, die den Film so unterhaltsam machen – und das gemeinsame Spiel der beiden Hauptdarsteller.

„Die Tanzszenen im Club sind meine Lieblingsszenen“, sagt Lisa Vicari. „Oft wirken Partyszenen in Filmen ja eher gestellt, so, dass man sich für sie ein bisschen schämt, aber wir konnten beim Dreh die Musik richtig laut aufdrehen und einfach wirklich tanzen.“ Tatsächlich sind es die übermütigen Szenen in „Isi & Ossi“, in denen am deutlichsten sichtbar wird, wie viel noch von ihr zu erwarten ist als Schauspielerin: Gerade dann, wenn sie den Gegensatz zwischen dem Wilden und dem Beherrschten noch mehr zeigen kann, der ihr Spiel so faszinierend macht.

Sie wirkt zurückhaltend, zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, der aktuelle Erfolg beeinflusse ihr Auftreten. Man spürt, dass sie weiterwill, dass sie weiß, dass das gerade alles nur eine Zwischenstation für sie ist. Dass sie eine Ahnung davon hat, was für eine große Schauspielerin sie einmal sein könnte.

Fragt man sie nach ihren Vorbildern, sagt sie: „Nee, das bringt ja sowieso nichts, zu denken, man könnte jemanden kopieren.“ Sie sagt es mit einer so überzeugenden Nachdrücklichkeit, dass einem schon die Frage auf einmal sinnlos erscheint. Ist sie aber nicht. Weil Lisa Vicari genau jetzt weiterspricht und man ihre ganz eigene Berufsvision begreift.

„Wenn ich mich mit anderen Schauspielerinnen beschäftige, mir zum Beispiel Videos von ihnen auf Youtube angucke, dann deshalb, um von ihnen zu lernen, um zu hören: Wie machen die das? In vielen Szenen ist es doch so, dass da zwei Schauspieler oder Schauspielerinnen zusammen spielen, und beim Zuschauen sieht man aber die ganze Zeit nur einen von beiden an. Was dieser Unterschied ist, was das ausmacht, das ist es doch, was große Schauspieler ausmacht!“ Lisa Vicari muss es wissen. Und bald die ganze Filmwelt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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