Labor des Zusammenlebens

Warum ist das älteste Chinatown in Europa so begehrt?

Von Karen Krüger, Mailand
07.01.2022
, 08:55
Die Gegend um die Via Paolo Sarpi lockt immer mehr Künstler, Intellektuelle und Journalisten. Für die Nachkommen der chinesischen Einwanderer wird es langsam zu teuer.
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Schon seit langer Zeit zieht es Chinesen nach Mailand – in ein Viertel, das auf einmal als angesagt gilt. Hier sieht man, wie Einwanderung gelingen kann. Auch wenn das nicht allen gefällt.
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Das Symbol für gelungene Integration wird in einem Pappteller über den Tresen gereicht. Darin liegen, in Sojasauce, vier handgefertigte Jiaozi. Ein freundliches Nicken, bitte zur Seite treten, der Nächste. Die drei Köchinnen hinter der dicken Glasscheibe haben kaum Zeit, um aufzuschauen, sie produzieren die Teigtaschen wie am Fließband. Italiener sind eigentlich eher konservativ, wenn’s ums Essen geht. Vor der „Ravioleria Sarpi“, einem chinesischen Take-away-Lokal, gibt es jedoch immer eine Warteschlange. Die Jiaozi sind köstlich, heißen auf der Speisekarte Ravioli, das Mehl ist Bioqualität, und das Fleisch für die Füllungen stammt aus einem biodynamisch arbeitenden Zuchtbetrieb und wird über die Fleischerei nebenan bezogen, die 1931 gegründete „Macelleria Sirtori“. Sie ist eines der wenigen verbleibenden Geschäfte in Mailands Chinatown, in dem seit Jahrzehnten nur Italienisch gesprochen wird.

Das Viertel rund um die Via Paolo Sarpi ist ein aufregendes Laboratorium des Zusammenlebens, chinesische Realitäten vermengen sich dort mit italienischen – Lokale wie die „Ravioleria“ sind eines der vielen Ergebnisse. Man kann die tausendjährige kaiserliche Küche kosten oder trinkt Bubble Tea in einer italienischen Konditorei; man sieht Kimonos und den letzten Schrei von Mailands Laufstegen, pflegt die müden Füße in einem chinesischen Gesundheitscenter oder bringt sein kaputtes iPhone in den Laden von Johnny Fix, von dem niemand weiß, ob er wirklich so heißt, da ihn alle nur „L’aggiustatutto“ – „den Mechaniker“ – nennen: Er repariert schneller und billiger als der Apple Store am Dom.

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Wohnungspreise für 7000 Euro pro Quadratmeter

In Chinatown leben Künstler, Journalisten, Intellektuelle. Das Viertel wird gerade zu einem der angesagtesten der Stadt, die Wohnungspreise erreichen schon 7000 Euro pro Quadratmeter. Viele der 27.000 Italochinesen, die Mailand zählt, verdrängt das in Wohnungen in der Peripherie. Zum Einkaufen und Arbeiten kommt die chinesische Gemeinschaft, die so facettenreich ist, dass der Begriff Gemeinschaft eigentlich gar nicht passt, aber weiterhin in die Via Paolo Sarpi: Da sind Nachkommen der ersten Einwanderer, die oft gar kein Chinesisch mehr sprechen und die Traditionen kaum kennen; da sind Familien, die in den Achtzigern aus dem kommunistischen China einwanderten, und Einwanderer aus jüngster Zeit, die mit dem Selbstbewusstsein aufgewachsen sind, einer Wirtschaftsweltmacht anzugehören.

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Anders als Paris oder London macht Mailand sein Chinatown nicht zum Aushängeschild. Dabei ist es das älteste Europas, und es war in Mailand, wo 1987 Chinesen erstmals in Europa ganz offiziell das chinesische Neujahrsfest feierten. Sie zeigten stolz das Emblem ihrer Kultur: den Drachen. Mittlerweile ist die Parade ein jährliches Ereignis mit bis zu 500.000 Zuschauern. Die Idee, einen Pailou, ein chinesisches Scheintor, aufzustellen, verwarf die Stadt aber wieder. Es könne wie eine gesellschaftliche Barriere wirken, die chinesische Mentalität sei schon verschlossen genug, lautete der Tenor der Debatte. Ähnlicher Stereotype bedienen sich rechtsgerichtete Politiker. Sie nutzen die Uneindeutigkeit der im Viertel gelebten Kultur, um Angst vor Überfremdung zu schüren.

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Viele Mailänder haben davon genug. Eine Gruppe engagierter Künstler und Intellektuelle hat sich deshalb jetzt vorgenommen, ein anderes Bewusstsein für Chinatown schaffen. Zu ihr gehört der Schauspieler Shi Yang Shi, der sein schwieriges Coming-out im chinesischen Kontext öffentlich machte, sowie die Wirtschaftswissenschaftlerin Lala Hu, die das erhöhte Misstrauen gegenüber den Italochinesen zu Beginn der Pandemie als Rassismus anprangerte. Als Brückenbauer verstehen sich auch die Autorin Ciaj Rocchi und der Illustrator Matteo Demonte. Der 47-Jährige ist Italochinese in dritter Generation. Als das Paar vor 15 Jahren einen Sohn bekam, fingen sie an, alte Fotos und Dokumente zu sammeln, um ihm die Geschichte seiner Herkunft zu erzählen. Was als eine Art Familienalbum begann, wurde zur Leidenschaft und das Paar zu Experten für chinesische Migration. Mit dem Ziel, deren Hintergründe außerhalb akademischer Kreise bekannt zu machen, veröffentlicht es Comic-Essays, produziert Trickfilme, organisiert Kunstaktionen und Ausstellungen.

Ihre Graphic Novel „Primavere e autunni“ („Frühlinge und Herbste“) von 2015 erzählt die Geschichte von Demontes Großvater Wu Li Shan, der 1931 nach Mailand kam. „Durch die Eheschließung mit einem Chinesen verlor meine Oma ihre italienische Staatsbürgerschaft. Das Gesetz dazu wurde erst in den Siebzigerjahren abgeschafft“, erzählt er. „Es war in vielen Familien immer nur darum gegangen, sich möglichst italienisch zu geben“, sagt Ciaj Rocchi. 2017 erschien „Chinamen“, in dem sie weitere chinesische Einwanderungsgeschichten verarbeiteten. Es erzählt von den ersten Händlern, die 1906 zur Weltausstellung nach Mailand kamen, von faschistischen Internierungslagern sowie den herausragenden Leistungen italochinesischer Unternehmer in jüngerer Zeit. Unter ihnen war Mario Tchou, der bei Olivetti an der Entwicklung des ersten Computers beteiligt war. Ihm ist die gerade erschienene Graphic Novel „La Macchina Zero“ („Die Maschine Null“) gewidmet.

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Die ersten vierzig Einwanderer waren allesamt Männer aus Zhejiang, einer Provinz südlich von Schanghai. Sie kamen Anfang der Zwanziger, hatten Kapital, eine Idee und Gespür fürs Geschäft. Sie legten ihre traditionelle Kleidung ab, zogen Hemd, Hut und Anzug an und verkauften als Straßenhändler Schmuck, Perlen, Krawatten. Alle vierzig heirateten Italienerinnen, so bekamen sie das Rüstzeug für ihre berufliche und private Integration: Die Frauen nahmen sie in ihre Familien auf, lehrten sie die sozialen Rituale der westlichen Welt, und ihre Verwandten und Freunde fanden Arbeit in den kleinen Werkstätten und Läden, die viele Einwanderer bald aufbauten. Als 1962 in Mailand das erste chinesische Restaurant „La Pagoda“ eröffnete, schickte die Zeitung Corriere della Sera ihren Chefreporter. Es wurde zu einem Treffpunkt des Mailänder Jetsets und für Prominenz aus aller Welt: Im Gästebuch verewigten sich unter anderem die Sängerin Mina, Umberto Eco und Alain Delon. „Die chinesische Community ist wie ein lebendiges Wesen. Mal atmet es ein und wird eng und verschlossen, mal atmet es aus und öffnet sich“, sagt Ciaj Rocchi. „Derzeit befinden wir uns in einer Phase der Öffnung.“

Die Geschichte des chinesischen Großvaters als Graphic Novel: Autorin Ciaj Rocchi und der Illustrator Matteo Demonte
Die Geschichte des chinesischen Großvaters als Graphic Novel: Autorin Ciaj Rocchi und der Illustrator Matteo Demonte Bild: Mattia Marinolli

Das beobachtet auch Pater Don Mario. Er hat manchmal aber den Eindruck, die chinesische Regierung versuche, regulierend einzugreifen. Seit zwölf Jahren steht der 75-Jährige der katholischen Dreifaltigkeitskirche vor, in der auch ein chinesischer Kaplan Gottesdienste hält. Zur Gemeinde gehört ein kleines Theater, das kürzlich eine chinesische Funktionärin kaufen wollte. Der Priester lehnte ab. „Wir wollen hier ein Stadtteiltheater, das offen für alle Realitäten ist.“ Don Mario hat schon viele italochinesische Paare getraut, nachmittags spielen Dutzende chinesische Jugendliche auf dem Kirchenareal mit italienischen Basketball. „Unter Integration verstehen leider viele, so zu werden wie wir. Ich halte das für Quatsch. Für mich bedeutet Integration, den anderen willkommen zu heißen. Der andere muss so sein dürfen, wie er ist.“

Die vielen bösen urbanen Legenden über Chinesen kennt Don Mario alle. Eine lautet sogar, sie würden nie sterben – aber als Agnostiker und Atheisten, sagt Don Mario, feierten sie nur keine Beerdigungsriten. Eine andere unterstellt, sie machten alle zwei Jahre ihre Läden dicht und eröffneten neue – „für manche mag das zutreffen. Aber das machen auch Italiener, weil es Steuererleichterungen gibt.“ Auf dem Bürgersteig vor dem Kircheneingang findet Don Mario jeden Morgen Hundehaufen. Viele Nachbarn glaubten, sie gingen auf das Konto chinesischer Hundehalter. Don Mario grinst: „Ich frage mich, wie kann das sein, wenn dieselben Leute doch behaupten, Chinesen würden Hunde essen?“ Salvinis und Trumps samt ihren Vorurteilen, sagt er, gebe es eben leider überall.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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