Morde an Frauen in Mexiko

Wer stoppt den „Femigenozid“?

Von Helena Raspe
25.11.2021
, 20:04
Beim „March of the Catrinas“ protestieren Frauen gegen die vielen Femizide im Land.
Frauenmorde sind in Mexiko auch strategische Ziele, Terrorbotschaften der Verbrecher an die Gesellschaft. Über Gewalt gegen Frauen zu berichten ist gefährlich. Aber der Widerstand wächst.
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Mexiko ist trotz der Pandemie und der mörderischen Gewalt der Kartelle weiterhin ein beliebtes Urlaubsziel: Zur Einreise braucht man keinen negativen PCR-Test, der Präsident Andrés Manuel López Obrador, abgekürzt AMLO, verweigerte lange jegliche Hygienemaßnahmen und trägt weiterhin so lange keine Maske, „bis es in Mexiko keine Korruption mehr gibt“. Das Land verzeichnet auf dem Höhepunkt der dritten Welle im August rund 250.000 Tote und ist von Deutschland als Hochrisikogebiet eingestuft. Dennoch sind Millionen internationale Touristen im vergangenen Jahr vor den Corona-Maßnahmen in ihren Heimatländern an die Strände von Cancún oder Tulum geflohen: Die Grenzen bleiben offen, das Leben ist günstig, die Sonne brennt vom Himmel, und das türkisfarbene Meer bietet die perfekte Kulisse für den nächsten Instagram-Post. Lediglich ein Blick in die lokale Tageszeitung könnte die Idylle trüben.

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Ariadna Lobo, neunundzwanzig Jahre alt und Investigativjournalistin der Tageszeitung Reforma, bekommt von der paradiesischen Seite ihres Heimatlandes wenig mit. Sie arbeitet bis zu zwölf Stunden täglich zum Thema Gewalt gegen Frauen. Im Januar 2020 publiziert sie eine Reportage über einen Fall von häuslicher Gewalt in Mexiko-Stadt. Ein Mann hatte seine Frau jahrelang missbraucht und sogar wiederholt auf sie geschossen. Der psychisch kranke Täter beginnt Ariadna zu bedrohen, zuerst mit Verleumdungsklagen, dann forscht er nach ihrer Telefonnummer und Adresse. Ariadna bekommt Angst, auch um ihre Familie und ihr Redaktionsteam. Sie erstattet Anzeige und erhält Polizeischutz. Die Frau des Täters, die sich weiterhin in akuter Lebensgefahr befindet, bleibt ohne staatliche Unterstützung. Daraufhin übt Ariadna selbst erfolgreich Druck auf die Staatsanwaltschaft aus, die auf zwei Anzeigen der Frau nicht reagiert hatte, indem sie ihr mit Artikeln über die Untätigkeit der Behörden droht.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Ariadna selbst wird acht Monate lang von Polizisten begleitet. Für sie ist das ein massiver Eingriff in ihre Privatsphäre und extrem isolierend: Ihre Freundinnen wollen sich nicht mehr mit ihr treffen, nicht wegen Corona, sondern auch wegen des Misstrauens gegenüber der mexikanischen Polizei. Dann wird ihre Anzeige gegen den Täter fallen gelassen, Gutachten kommen zu dem Schluss, dass sie keine bleibenden psychologischen Schäden davongetragen habe. Dabei kann sich Ariadna nach eigenen Angaben nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren und schläft nur noch nach der Einnahme von Medikamenten.

Feministinnen demonstrieren gegen einen Gouverneurskandidaten, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.
Feministinnen demonstrieren gegen einen Gouverneurskandidaten, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Bild: Mahé Elipe

Ihre Zeitung nutzt den Fall als Aushängeschild und erklärt sie zur neuen Genderbeauftragten, allerdings ohne ihr Einverständnis. Bald wird ihr die Belastung zu viel. Sie überwirft sich mit ihrem Vorgesetzten, sie kündigt. Nicht nur die konkreten Angriffe auf ihre Person haben Spuren in ihrer Seele hinterlassen: Wer in Mexiko über Gewalt gegen Frauen schreibt, spricht tagtäglich mit verzweifelten Müttern, die ihre Töchter suchen, ist nicht nur mit Betroffenen sexualisierter Gewalt konfrontiert, sondern auch mit beispiellosen Grausamkeiten, zu denen gevierteilte und anschließend entsorgte Frauenkörper im Müll am Straßenrand gehören. Mit solchen Bildern im Kopf muss Ariadna schlafen gehen.

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Der weibliche Körper als Kriegsschauplatz

Von den 25 Ländern mit den meisten Frauenmorden weltweit befinden sich 14 in Lateinamerika. Anders als in Europa haben dort bereits 18 Staaten den Straftatbestand „Femizid“ in Abgrenzung zum „normalen“ Mord geschaffen, in Mexiko war es 2012 soweit. Die Situation der Frauen hat sich dadurch nicht verändert: Heute werden im Land täglich etwa zehn Frauen getötet, drei davon „aufgrund ihres Geschlechts”. Im mexikanischen Strafgesetzbuch bezeichnet der Frauenmord die Tötung von Frauen durch geschlechtsspezifische Gewaltausübung. Dazu zählen Morde in Verbindung mit Formen sexualisierter und häuslicher Gewalt oder “erniedrigenden” Verstümmelungen. Außerdem wird in Betracht gezogen, ob das Opfer zuvor Drohungen erhalten oder sich mit dem Täter in einer intimen oder Vertrauensbeziehung befunden hat: In Mexiko machen 4 von 10 Frauen Gewalterfahrungen mit Intimpartnern, die neben Familienangehörigen auch für die meisten Feminizide verantwortlich sind. Ebenso haben rund 60 Prozent der Morde, so wird geschätzt, an Frauen durch Kartelle geschlechtsspezifische Gründe. In der Praxis wird allerdings kaum nach diesen Kriterien ermittelt.“

Aktivistinnen malen Sprüche gegen machistische Gewalt an der University of Guerrero.
Aktivistinnen malen Sprüche gegen machistische Gewalt an der University of Guerrero. Bild: Mahé Elipe

Die Kulturanthropologin Rita Segato bezeichnet die derzeitige Situation als „Femigenozid“. Sie vertritt die These, dass Gewalt gegen Frauen im informellen Kriegsszenario Mexikos nicht mehr als Kollateralschaden zu werten ist, sondern als strategisches Kampfziel der bewaffneten Akteure. Durch grausame Morde an unbeteiligten Frauen senden die Kartelle Terrorbotschaften an die Gesellschaft. Segato schreibt, es gehe um die Kontrolle von Territorien: Der weibliche Körper werde zum eigentlichen Kriegsschauplatz.

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Alle Präsidenten hatten Verbindungen

Dieses Grauen findet vor dem Hintergrund einer „Kultur der Straflosigkeit“, wie es der Menschenrechtsaktivist Sergio Aguayo bezeichnet, statt: Über 90 Prozent der Morde im Land werden nicht aufgeklärt. Die hohe Straflosigkeitsrate erklärt sich durch politisch motivierte Untätigkeit der Behörden, deren Personal häufig von kriminellen Elementen durchsetzt ist.

Seit 2006 wütet der unter der Regierung von Felipe Calderón ausgerufene und inzwischen verhärtete „Krieg gegen die Drogen“. Mehr als 300.000 Menschen wurden seitdem getötet, über 70.000 werden vermisst. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Die ins Exil verbannte Investigativjournalistin Anabel Hernández bezeichnete den Krieg als Heuchelei. Sie enthüllte, dass die mexikanische Regierung das Kartell von Sinaloa gegen millionenschwere Bestechungszahlungen und Drogen schützte, und sagt, dass sie beweisen kann, dass seit den Siebzigerjahren alle mexikanischen Präsidenten Verbindungen zu Kartellen hatten. 2020 geriet auch Präsident AMLO in die Kritik, als er den Bundesstaat Sinaloa besuchte und am Rande der Besichtigung der Mutter des Drogenbosses „El Chapo“ die Hand schüttelte.

Im Zeichen des Lagerfeuers

Ariadna Lobo ist mit den Drogenkriminellen, den „Narcos“, aufgewachsen, den Anblick von Mordopfern an öffentlichen Plätzen gewohnt. Sie weiß, dass Journalisten ermordet werden, wenn sie über das organisierte Verbrechen berichten. Mexiko ist aktuell das tödlichste Land für Journalisten weltweit. Was sie allerdings nicht geahnt hat, als sie sich für eine journalistische Laufbahn entschied: Zehn Jahre später hat ihr Interesse für Frauenrechte sie in eine ebenso verletzliche Position gebracht. Resigniert beschreibt sie die Misogynie im Land als graue Wolke, die über allem schwebe. Auch ihren Vater, der ihre Mutter einmal beinahe zu Tode schlug, sieht sie als Symptom einer strukturellen Katastrophe.

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Im Zuge der MeToo-Debatte haben einige Frauen in Mexiko-Stadt ein feministisches Netzwerk gegründet, das Kollektiv Periodistas Unidas Mexicanas. Sie sind auf Ariadna zugegangen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde Ariadna von anderen Frauen unterstützt, mit denen sie sich hierarchiefrei austauschen kann. Die Frauen passen aufeinander auf, wo der Staat abwesend ist. Wenn einer gekündigt wird, helfen die anderen aus, sie begleiten einander bei Recherchen oder teilen zumindest per Handy ihren Standort, spielen einander Kontakte und Informationen zu, veröffentlichen Studien zu sexualisierter Gewalt, organisieren Protestaktionen, ermuntern sich aber auch zur täglichen Selbstfürsorge: Dazu gehören Gruppentherapien, Meditationen, Yoga-Übungen, aber auch einfach der kontinuierliche Austausch über das Erlebte. Heute arbeitet Ariadna in einem weiblichen Team für ein Medium, in dem sie sich sicher und respektiert fühlt. Die Gemeinschaft anderer Frauen stärkt ihr den Rücken.

Seit der Gründung solidarischer Frauennetzwerke weht ein neuer Wind im mexikanischen Journalismus. Anabel Hernández, aber auch Lydia Cacho, Marcela Turati oder Daniela Rea sind Beispiele für weltweit anerkannte Investigativjournalistinnen, die aus einer feministischen Haltung heraus gegen die organisierte Kriminalität anschreiben. Dafür nehmen sie Morddrohungen, Folter und Exilierung in Kauf. Nebenbei entlarven sie, wie sehr ihr eigener Berufsstand unter sexistischen Haltungen und Praktiken leidet. Sie kämpfen stellvertretend für Frauen wie Ariadna, die weniger sichtbar sind, aber vergleichbare Erfahrungen machen. Durch romantisierte Darstellungen von Einzelkämpfern, die bei einer Recherche ihr Leben riskiert oder verloren haben, hat sich in Mexiko das Bild des Journalisten als eines männlichen Märtyrers etabliert. Debatten über Sexismus am Arbeitsplatz oder die Notwendigkeit von investigativen Recherchen mit Genderperspektive stören dieses Klischee. Doch das Bild scheint sich zu wandeln. Indem Journalistinnen sich vernetzen und miteinander solidarisieren, setzen sie ein Zeichen. Die Frauen beschwören das Bild des Lagerfeuers, das Marcela Turati für diese Entwicklung gefunden hat: Sie formieren sich zu einer Gemeinschaft, die gegen die Kälte des alltäglichen Verbrechens schützt und wärmt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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