Regie-Debüt „Falling“ im Kino

Wie haben Sie Ihren Vater ertragen, Viggo Mortensen?

Von Mariam Schaghaghi
10.08.2021
, 14:03
Schauspieler („Herr der Ringe“) und Regisseur Viggo Mortensen
Wie schafft man es, trotz großer Konflikte noch zusammenzuleben? Ein Gespräch mit Viggo Mortensen über Hass in Familien, die eigene Kindheit, sein Regie-Debüt „Falling“ und Fragen, mit denen sich unsere Gesellschaft insgesamt beschäftigen muss.
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Seine Rolle als Aragorn in Peter Jacksons Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie machte Viggo Mortensen endgültig weltberühmt. Der blonde Mann mit dem kantigen Grübchenkinn und der sanft-sonoren Stimme wurde 1958 in New York als Sohn eines dänischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geboren. Seit seinem Debüt 1985 in Peter Weirs „Der einzige Zeuge“ gehörte Mortensen zu den profilierten Nebenrollendarstellern Hollywoods, ob als Cop, Gangster, Soldat, Liebhaber, Sportler oder psychisch Kranker.

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Sein Superstar-Status nach „Herr der Ringe“ hielt ihn nicht davon ab, weiterhin kleinere, oft schräge Indie-Filme zu bevorzugen. Dreimal wurde er als bester Hauptdarsteller oscarnominiert, unter anderem 2016 für seinen alleinerziehenden Familienvater in „Captain Fantastic“ und 2019 für seine Rolle in „Green Book“ als Chauffeur eines schwarzen Musikers auf einer Konzertreise, die ihm eine neue Sicht auf täglichen Rassismus schenkt.

Mit „Falling“ präsentierte Mortensen nun sein Regiedebüt. Das Drama über Familie, Erinnerungen und Vergebung sollte eigentlich auf dem letzten Filmfestival in Cannes laufen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seinen dementen Vater zu sich in sein queer-liberales Zuhause holt und immer wieder in die Kindheit zurückblickt, die von Gewalt, Jähzorn und Unberechenbarkeit des Vaters geprägt war.

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Warum haben Sie sich entschieden, mit 62 noch mal zum Regisseur zu werden?

Regie zu führen war immer mein Traum, seit ich als Kind mit meiner Mutter die ersten Filme im Kino gesehen habe. Sie hat immer über die Geschichten gesprochen, nie über etwas „Oberflächliches“, wie etwa, wer was gespielt hat. So lernte ich, dass Filme von guten Geschichten leben. Deshalb habe ich mich immer als Teil eines Teams gesehen, das einer Geschichte dient.

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Dieser Traum erfüllt sich für Sie jetzt, ein halbes Jahrhundert später?

Um 1997 herum hatte ich schon einmal versucht, einen Film zu drehen. Damals konnte ich das Geld nicht zusammenbekommen. Daraufhin habe ich mich mehr auf meine Karriere als Schauspieler konzentriert. Seit ungefähr sieben Jahren versuche ich es jetzt wieder als Regisseur. Dieser Film hat nun als erster das Licht der Welt erblickt.

Oft erfüllt ja etwas, auf das man sich lange freut, dann doch nicht die Erwartungen. Und hier?

Für mich war es eine wunderbare Erfahrung. Es war schwere und harte Arbeit, aber ich freue mich schon auf die nächste Regieaufgabe.

„Falling“ haben Sie Ihren beiden Brüdern gewidmet. Warum?

Ich habe sehr viel aus meiner eigenen Vergangenheit hineingepackt. Auch wenn „Falling“ kein autobiographischer Film ist, werden meine Brüder Charles und Walter viele Momente aus unserer Kindheit wiedererkennen. Wir drei teilen diese Vergangenheit, deshalb wollte ich ihren Anteil an diesem Film auch anerkennen.

Fatale Beziehung: Lance Henriksen (rechts) und Viggo Mortensen als Vater und Sohn in seinem Film „Falling“
Fatale Beziehung: Lance Henriksen (rechts) und Viggo Mortensen als Vater und Sohn in seinem Film „Falling“ Bild: 2020 Prokino Filmverleih GmbH

Ging es bei Ihnen zu Hause genauso harsch zu wie im Film? Die Figur des Vaters ist verbal und physisch gewalttätig, ein unberechenbarer, meist liebloser Tyrann.

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Manchmal ging es bei uns schon sehr ähnlich zu. Vielleicht wurde nicht ganz so viel gebrüllt, aber es gab immer wieder große Spannungen und Intoleranz. Gerade zwischen meinen Eltern war es nicht leicht. Aber auch zwischen meinem Vater und uns drei Jungs gab es immer wieder Probleme. Diese Aspekte flossen in die Vaterfigur ein. Es gibt sicher Szenen, in denen meine Brüder meinen Vater wiederkennen werden.

Sie sind normalerweise niemand, der das Rampenlicht sucht, Sie haben es lieber diskret. Warum haben Sie eine so persönliche Geschichte publik machen wollen?

Ich hatte nie geplant, dieses Drehbuch zu schreiben, auch wenn ich immer wieder gehört hatte, dass das erste eigene Filmprojekt ein Thema sein muss, mit dem man sich wirklich auskennt. Aber als meine Mutter starb, kam mir nach ihrer Beerdigung der Gedanke, ihre und unsere Geschichte aufzuschreiben. Ich dachte damals sehr viel über die Vergangenheit nach, dabei kamen eine Menge Gefühle wieder hoch, schöne und leider auch nicht so schöne. Ich habe sie erst mal in eine Kurzgeschichte verpackt, in der sehr viel von mir drinsteckte. Dann schrieb ich weiter, und nach einem Jahr hatte ich das Drehbuch fertig und sogar das Geld für „Falling“ zusammen.

Wie sind Sie und Ihre beiden jüngeren Brüder mit Ihrem jähzornigen Vater umgegangen?

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich elf Jahre alt war. Meine Brüder waren damals acht und sechs Jahre alt. Dadurch sind wir natürlich zusammengewachsen. Wir wurden ein Team. Meine Brüder waren ja noch winzig, körperlich also, besonders der mittlere – heute ist er der Stärkste von uns. Wir drei haben immer zusammengehalten, die Scheidung aber hat unsere Verbindung noch stärker gemacht.

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Wie macht man das, sich – als Erwachsener zumindest – mit Großmut und einer Engelsgeduld über die Charakterfehler des Vaters hinwegzusetzen?

Ich wusste schon damals als Kind instinktiv: Wenn ich meinem Vater – und uns – helfen will, muss ich über sehr viel hinwegsehen. Die einzige Chance, die ich habe, ist, seine üblen Tiraden zu ignorieren. Wut darf man nicht mit Wut begegnen. Aber irgendwann muss es raus!

Sie sind in Ihrer Kindheit auffallend oft umgezogen. Hat das zur Disharmonie beigetragen?

Mein Vater hatte Jobs überall auf der Welt. Kurz nach meiner Geburt hat er in Südamerika gearbeitet, wir lebten ein Jahr in Venezuela, dann in Argentinien, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Die Familie meines Vaters haben wir regelmäßig in Dänemark besucht und die Familie meiner Mom in den USA. Dort sind wir dann auch hingezogen, als meine Eltern sich trennten. Mit meinen Brüdern spreche ich Spanisch, mit meiner Mutter war es meist Englisch.

Hat es Ihnen nichts ausgemacht, neben dem häuslichen Drama, so oft Freunde und Vertrautes zu verlassen und wieder neu anfangen zu müssen?

Als Kind wurde ich oft gemobbt. Ich musste mir oft anhören, dass ich „nicht von hier“ bin. Das ging mir in Argentinien so, aber dann auch in den Vereinigten Staaten, als wir mit meiner Mutter dort hinzogen.

Warum wurden Sie gemobbt? Womit haben die Kinder Sie gequält?

Oft waren es Kleinigkeiten, für die ich angegriffen wurde. Meine Handschrift zum Beispiel: Ich habe Zahlen etwas anders geschrieben, als es dort üblich war. Ich habe immer gerne in diesen Ländern gelebt, ob Dänemark, Argentinien oder in den USA. Aber ich war überall außen vor. Jetzt weiß ich, dass ich angegriffen wurde, weil die anderen ihre eigene Unsicherheit auf mich projiziert haben. Aber als Kind versteht man natürlich nicht, warum man so fies behandelt wird.

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Im Film konstruieren Sie eine weitere Konfliktkonstellation: Der Hass des Vaters zielt gern auf die Tatsache, dass sein Sohn, den Sie spielen, schwul ist ...

An der Oberfläche ist das der Hauptkonflikt, ja. Aber dann finden sich weitere Ebenen. Der wahre Konflikt ist für mich allerdings, dass Vater und Sohn so konträre Sichtweisen auf die Mutter haben. Wie der Vater über die Mutter spricht, wühlt einen auf. Er verwechselt sie sogar mit seiner zweiten Frau.

Auch den Zuschauer wühlt es auf: Man kann die dauernden Beleidigungen und Attacken kaum aushalten ...

Für viele mag das zu viel sein. Aber ich bin überzeugt, dass diese Szenen sehr glaubwürdig und sehr gerechtfertigt sind. Ich wurde schon oft von Leuten, die den Film gesehen haben, darauf angesprochen, dass sie ähnliche Probleme aus ihrer eigenen Familie kennen. Es gibt so viele kaputte Beziehungen. Das haben wir alle gemeinsam, ob wir in Deutschland leben oder sonst wo. Da trifft der Film einen gewissen Zeitgeist: Die Familie des Films ist ein Mikrokosmos für das, womit sich unsere Gesellschaft insgesamt beschäftigen muss: Wie schafft man es eigentlich, trotz großer Konflikte noch zusammenzuleben?

Am Set von „Falling“: Regisseur und Hauptdarsteller Viggo Mortensen (rechts) mit dem Kameramann Marcel Zyskind
Am Set von „Falling“: Regisseur und Hauptdarsteller Viggo Mortensen (rechts) mit dem Kameramann Marcel Zyskind Bild: 2020 Prokino Filmverleih GmbH

Konnten Sie mit diesem Film auch einen Teil Ihrer Wunden heilen?

Ich hoffe sehr. Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass Filme immer alles auflösen müssen. Es braucht auch nicht immer ein Happy End. So ist das Leben nicht, also müssen Filme auch nicht immer Hoffnung geben. Das Leben ist deutlich komplexer und mysteriöser. Trotzdem zeigt „Falling“ eine beschwerliche Reise zu einer Form von Würde. Diese Würde hat damit zu tun, dass man den anderen akzeptiert, wie er ist, auch wenn man sich wünscht, er wäre anders. Genau so wichtig ist aber auch, sich selbst zu akzeptieren. Man kann anderen erst vergeben, wenn man auch sich selbst vergibt.

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Sie wirken sehr souverän im Umgang mit Ihrem Schmerz. Was hat Sie gerettet?

Weiterzumachen. Sonst würde ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen können. Hätte ich aufgegeben, wäre ich nicht mehr hier.

War Aufgeben für Sie eine ernsthafte Option?

Es gab Momente, in denen man das Gefühl hatte, nicht weitermachen zu können. Viele Menschen begehen Selbstmord. In weniger drastischen Fällen geben sie zumindest auf, jemals glücklich zu werden, oder sie geben die Hoffnung in Beziehungen auf. Ich habe es zumindest immer geschafft, mich zusammenzureißen und dranzubleiben.

Sie wurden mit 29 selbst Vater, waren damals mit der Sängerin Exene Cervenka verheiratet, Ihr Sohn ist heute 33. Was für ein Vater wollten Sie gerne werden – und wie sieht die Realität aus?

Mir war immer bewusst, dass ich besser kommunizieren wollte als mein eigener Vater mit mir. Ich wollte mich auch immer sehr um meinen Sohn kümmern, seit seiner Geburt. Mir war wichtig, Teil seines Lebens zu sein und viel Zeit mit ihm zu verbringen. Ich denke, dass mir das auch gut gelungen ist! Ich fand es wichtig, ehrlich mit meinem Sohn reden zu können, ohne dass wir uns in unserem Stolz oder unseren Egos verstricken. Mich interessiert einfach, was Henry denkt und was ihm wichtig ist. Entscheidend ist auch, Fehler einzugestehen und selbst zuzugeben, wenn man etwas Falsches gesagt hat.

Können Sie gut Fehler zugeben?

Ja. Sich zu entschuldigen ist so wichtig. Gerade darin waren Männer früherer Generationen nicht besonders gut. Meinem Vater war das Wort gar nicht bekannt. Im Alter finden diese Menschen oft andere Wege oder Gesten, um Versöhnung herbeizuführen. Viele würden sich filmreife, tränenreiche Entschuldigungen wünschen, aber so ist das Leben nicht – deshalb gibt’s das auch nicht in meinem Film.

Sie scheinen sich heute Ihren Umgebungen immer sehr gut anzupassen. Sie leben in New York, Kopenhagen und Madrid, sprechen sieben Sprachen. Wie wird man so ein moderner Nomade?

Für mich ist es nicht so wichtig, wo ich lebe, sondern wie ich mich dabei fühle. Wenn man glücklich ist, kann man sich überall auf der Welt niederlassen. Ich habe schon in so vielen Städten gelebt, ja. Wenn man überall zu Hause ist, ist man gleichzeitig auch nirgends zu Hause. Die Liebe brachte mich nach Madrid. Ich lebe hier, weil ich hier in einer Beziehung bin. Aber schon als Kind gefiel mir die Stadt, als ich mit meinem Vater hier zu Besuch war. Während der Pandemie konnte ich nicht in die Staaten fliegen, ich hätte sonst nicht mehr zurück nach Europa gekonnt. Meine Brüder und mein Sohn leben in den USA, ich habe sie länger nicht besuchen können.

Ihr Film „Green Book“ gewann 2019 drei Oscars. Sie wurden für Ihre Rolle als schlicht denkender, vorurteilsbeladener Chauffeur auf einem Roadtrip mit einem schwarzen Musiker für einen Oscar nominiert. Hat dieser Film heute durch die „Black Lives Matter“-Bewegung noch mehr Relevanz erhalten?

Die Bewegung gab es schon lange vor dem Film, dennoch ist es ein wichtiger, gut gemachter, sehr ehrlicher Film. Einige warfen ihm vor, er sei nicht radikal genug gewesen. Das konnte ich nicht nachvollziehen. Das Publikum gibt uns recht, überall auf der Welt wurde der Film sehr positiv aufgenommen. Es ist einer der Filme meiner Karriere, auf die ich am stolzesten bin.

„Falling“ hingegen könnte, mit der Aggression und Arroganz der Vaterfigur, als eine Metapher für die Ära Trump gehalten werden.

Ja, man kann den Film so deuten. Aber um diese Interpretation abzuwenden, habe ich ihn im Jahr 2009 angesetzt. Die Spaltung der Gesellschaft ist ja nicht neu, wir hatten dieses Problem auch damals schon. Ich glaube ja, dass Gesellschaften immer zur Polarisierung neigen, zumindest hat jede Generation mit Ignoranz und Vorurteilen zu kämpfen. Das kann Nationalismus sein, rassistisches Denken oder sexuelle Vorurteile. Rassismus ändert immer sein Gewand, seinen Wortschatz und seine Opfer. Aber es wird ihn immer geben, und jede Generation muss Wege finden, den Rassismus zu überwinden. Gesetze allein genügen dazu nicht. Das Bewusstsein muss sich verändern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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