Reparatur der Natur

Welche Bäume retten den kranken deutschen Wald?

Von Ivo Goetz
Aktualisiert am 27.10.2020
 - 10:54
Ein bisschen Exotik für heimische Gefilde: Die Libanonzeder wird als sogenannte Gastbaumart getestet.
Die heißen Sommer, die Dürre sowie Borkenkäfer und Pilze machen unsere Bäume fertig. Der Zustand der Wälder ist dank des Klimawandels erbärmlich. Nur mit neuen, hitzebeständigen, exotischen Arten kann der Niedergang gestoppt werden.

Der einst so stolze deutsche Wald, Ort der Mythen und Ziel der Sehnsüchte, scheint am Ende zu sein. Aus seinem ausgedörrten Körper ragen morsche, von Käfern zerfressene Äste in den Himmel; lichte Kronen, umgekippte Stämme, wohin das Auge blickt. Der deutsche Wald, prophezeien manche Experten, ist in naher Zukunft nur noch eine romantische Phantasie; er hat einen jahrzehntelangen Kampf gegen den Klimawandel und rücksichtslose Turbo-Forstwirtschaft so gut wie verloren. Der Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für 2019 ist auf jeden Fall eine deprimierende Lektüre.

Seit 1984 gibt es diese Berichte, noch nie war das Ergebnis derart erschreckend. Die Dichte der Baumkronen – sowohl der Nadel- als auch der Laubbäume – ist ein wichtiger Indikator für den Zustand eines Baumes und somit des Waldes. Die sogenannte Kronenverlichtung, also der häufig fast schon räudige Zustand der Baumspitzen im Vergleich zum dichten Ideal, schreitet voran. Nicht nur Fichten und Kiefern sind betroffen – zwischen 25 Prozent und 35 Prozent haben mehr als ein Viertel ihrer Nadeln verloren –, auch Eichen und Buchen leiden massiv; mehr als die Hälfte ihrer Kronen sind zu 25 Prozent ausgedünnt.

Die Gefahr von Waldbränden ist enorm

Da es in den vergangenen Jahren viel zu heiß war und es zu wenig Niederschläge gab, so der Bericht, vertrocknen die Bäume (2018 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen). Sie wachsen kaum noch, geschwächte Fichten werden von gefräßigen Schädlingen wie dem Borkenkäfer attackiert, Buchen zeigen Pilzbefall, sogar Eschen, Ulmen und Erlen sind gefährdet, Eichen kommen demnach noch am besten mit dem Hitzestress klar. Die Gefahr von Waldbränden ist enorm. Auch dieses Jahr ist es wieder viel zu trocken – verantwortlich dafür, sind sich die Experten einig, ist hauptsächlich der Klimawandel, der durch gesunde Wälder verlangsamt werden könnte, da diese große Mengen Kohlenstoff binden.

Im Vorwort des Zustandsberichtes mahnt die zuständige Ministerin Julia Klöckner, die Waldbesitzer dabei zu unterstützen, den Wald stabiler und zukunftsfähiger zu machen. Immerhin 800 Millionen Euro aus der Regierungskasse und von den Bundesländern hat sie dafür im vergangenen September auf dem Nationalen Waldgipfel versprochen. Noch ist etwa ein Drittel der Fläche Deutschlands von Wäldern bewachsen, die Hälfte davon ist in Privatbesitz. Die Eigentümer haben damit auch eine beachtliche volkswirtschaftliche Verantwortung, denn es hängen ungefähr eine Million Arbeitsplätze direkt und indirekt mit der Forst- und Holzwirtschaft zusammen, das ist nach der Automobilindustrie der zweitgrößte Jobsektor in Deutschland.

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Wie kann die Rettung des Waldes gelingen? Auf seinem Boden stoßen viele viele Interessen aufeinander, eine Einigung auf eine einzige Strategie scheint unmöglich zu sein. Es geht um unterschiedlichste wirtschaftliche, ökologische, aber auch esoterisch-folkloristische Vorstellungen. Auf einer Seite stehen etwa die Vertreter der Forstwirtschaft und Holzerzeuger, die den Wald überwiegend als Holzplantage mit möglichst kurzen Erntezyklen betrachten, sich aber inzwischen über die stark gefallenen Holzpreise beklagen, da immer mehr abgestorbene Bäume herausgeholt werden müssen und wegen minderer Qualität und des Überangebots nicht mehr verkauft werden können.

Auf der anderen Seite steht eine sehr heterogene Gruppe, die hauptsächlich das Ökosystem sieht; sie besteht aus Naturschützern, Wissenschaftlern, Forstexperten, aber eben auch engagierten Romantikern, die den Wald naturnah, im Idealfall unberührt, sich selbst überlassen wollen. Einig sind sich jedoch alle, dass der Wald der Zukunft wohl neu erfunden und geplant werden muss.

Der klimagerechte Waldumbau, so Umweltministerin Svenja Schulze in einer Rede zur Umweltpolitischen Digitalagenda im März dieses Jahres im Berliner Futurium, soll sogar mit Künstlicher Intelligenz als Schlüsseltechnologie vorangetrieben werden. Es wird auf die Zusammensetzung der Wälder der Zukunft ankommen, denn die heimischen Baumarten sind dem Klimastress nicht mehr gewachsen. Die Hälfte unserer Wälder besteht aus den überforderten Kiefern und Fichten.

Nur durch den konsequenten Waldumbau hin zum naturnahen Wald, so rät das Bundesamt für Naturschutz (BfN), kann der Wald der Zukunft dem Klimawandel trotzen. Studien haben gezeigt, dass Wälder, in die der Mensch kaum oder nur wenig eingegriffen hat, sehr widerstandsfähig sind.

Auf die Selbstheilung zu warten dauert zu lange

Weil in Deutschland aktuell weniger als drei (!) Prozent der Waldflächen unbewirtschaftet und sich selbst überlassen sind, fordert das BfN, den Anteil naturnaher Mischwälder schnellstens zu erhöhen – diese speichern viel Feuchtigkeit im Waldboden, da Totholz nicht herausgenommen wird.

Wälder aber, so die Experten, die bereits massiv geschädigt sind, müssen schnell aufgeforstet werden – auf die Selbstheilung zu warten dauere zu lange. Sie empfehlen daher, mit hitzebeständigen Laubbaumarten wie etwa der Flaumeiche, die im Mittelmeerraum vorkommt, aufzuforsten. Auch das BfN empfiehlt, in Zukunft wärmeliebende, trockenheitsresistentere und störungstolerante Baumarten wie Vogelkirsche, Walnussbaum und Sorbus-Arten anzupflanzen.

Gebietsfremde Arten kämen zwar grundsätzlich in Frage, hierzu müssten aber vorab umfassende Risikobewertungen vorliegen. In einem Versuchspflanzungsprojekt der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft werden seit 2012 an mehreren Standorten, auch in der Schweiz und in Österreich, sogenannte Gastbaumarten getestet: Orientbuchen, Silberlinden, Bornmüllers Tannen, Hemlocktannen, Libanonzedern und der Riesenlebensbaum müssen sich unter unseren Klimabedingungen beweisen.

Vor dem Hintergrund der irrsinnigen Rodungen des brasilianischen Regenwaldes und der Tropenwälder etwa in Indonesien kann es also gar nicht schnell genug gehen mit der Aufforstung möglichst vieler Flächen weltweit – intakte Wälder sind neben den Ozeanen für ein lebensfreundliches Klima in der Zukunft unerlässlich. In diesem gesamten Konzept zur Verlangsamung des Klimawandels durch natürliche Maßnahmen dürfen auch Moore und Sümpfe nicht fehlen. Sie haben sogar noch ein deutlich höheres CO2-Speicherungspotential als Wälder. Deshalb plädiert das Greifswalder Moor- Zentrum dafür, sie nicht weiter für landwirtschaftliche Nutzung trockenzulegen und sie wieder zu vernässen.

In Neuseeland etwa wird die Forstwirtschaft seit 2008 für ihren Beitrag zum Klimaschutz durch die Bindung von CO2 mit einer Emissionsprämie entlohnt. Auch bei uns könnte so ein Modell interessant sein, denn ungefähr sieben Prozent der Treibhausgasemissionen hierzulande werden aktuell durch CO2-Speicherung in Wäldern und Holzprodukten kompensiert, so ein Klimaschutzgutachten von 2016 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Es sollte also nicht nur um die Reparatur der Natur gehen – ökonomische und ökologische Strategien müssen zur Lösung von Umwelt- und Klimaproblemen verbunden werden. Vielleicht werden die Menschen in Mitteleuropa in fünfzig bis hundert Jahren dann durch intakte subtropische Mischwälder wandern, die sich bestens ans veränderte Klima angepasst haben.

Wie es dem Wald wirklich geht, werden wir erst Ende 2022 erfahren, dann endet die sogenannte Bundeswaldinventur, die im April kommenden Jahres beginnen soll.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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