Umweltaktivismus in Russland

Wer kämpft in Moskau fürs Klima?

Von Friedrich Schmidt
17.12.2021
, 11:16
Aktivist Arschak Makitschjan lässt sich nicht einschüchtern.
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Die Temperaturen steigen in Russland schneller als anderswo. Aber Klimaaktivisten werden verfolgt und verspottet, Kritik an der Rohstoffwirtschaft ist tabu. Doch der Druck auf den Kreml wächst.
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Wer westlicher Klimawandelkämpfe müde ist, kann in Russland auftanken: kann den großen Geländewagen mit Tempo 80 durch Moskaus Innenstadt steuern. Im Winter, wenn die Heizung dank Fernwärme auf Hochtouren läuft, die Fenster auflassen, solange frische Luft in die Wohnung soll. Kann Berge von Plastik und Papier, die sich nach Supermarkt- wie Onlineeinkäufen auftürmen, in den Restmüllcontainer werfen und den Restmüll in die Wertstoffcontainer, wie es viele Moskauer tun. Vielleicht weil sie erst seit Kurzem Müll trennen können. Dafür, dass einen Umweltaktivisten nicht übermäßig behelligen, sorgt der Staat.

Es gibt sie aber, der bekannteste von ihnen, gleichsam Russlands Greta Thunberg, ist Arschak Makitschjan, ein 27 Jahre alter Russe mit armenischen Wurzeln. Der „Skolstrejk för klimatet“ der Schwedin hat ihn einst inspiriert. Dutzende Male stellte sich der Geiger, der das Moskauer Konservatorium abgeschlossen hat, im Moskauer Zentrum zu Mahnwachen auf. In der Hand hielt er Zettel, auf die er „Streik für das Klima“ oder „Globale Erwärmung, das sind Hunger, Kriege und Tod“ geschrieben hatte. In Russland war er damit ein Pionier, fand bald junge Mitstreiter. Im Dezember 2019 saß Makitschjan zu Thunbergs Linker beim UNKlimagipfel in Madrid. Zu Thunbergs Rechter saß die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

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Doch anders als die beiden jungen Frauen aus westlichen Demokratien kämpft Makitschjan nicht nur gegen Gewohnheiten, Wirtschaftsinteressen und die Zeit, um die Erderwärmung zu begrenzen. Russlands Staatsmacht begegnet jeder unabhängigen Regung der Gesellschaft mit Argwohn. Kaum war Makitschjan aus Madrid zurück, verhängte ein Gericht eine Arreststrafe von sechs Tagen gegen ihn, wegen eines angeblichen Versammlungsrechtsverstoßes.

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Neubauer ist in Deutschland, Thunberg weltweit ein Star. Makitschjan wird manchmal auf der Straße erkannt. Niemand lädt ihn zu Talkshows ein. „Die Medien schweigen über die globale Erwärmung, und wir leiden darunter!“ stand auf einem seiner Schilder. Öl und Gas sorgen für mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen, Kritik an der Rohstoffwirtschaft ist tabu. Die Staatspropaganda machte sich über Greta Thunberg lustig, heimische Aktivisten werden ignoriert. Als Makitschjan Ende 2020 doch einmal in Moskau eingeladen wurde, zu einer EU-Russland-Klimakonferenz, fühlte er sich wie auf einer Dauerwerbeshow für den Staatsnuklearkonzern: Redner um Redner habe Rosatom gelobt, erzählt Makitschjan in einem Moskauer Café. Da spricht der junge Mann so laut und überzeugt von seiner Sache, dass ein Gast irritiert das Weite sucht.

Russland will die umweltschädliche Kohleförderung noch steigern – der Rohstoffhandel ist eine wichtige Einnahmequelle.
Russland will die umweltschädliche Kohleförderung noch steigern – der Rohstoffhandel ist eine wichtige Einnahmequelle. Bild: Denis Mukimov / Alamy Stock Photo

Dabei sind Russlands Umweltprobleme Legion. Vielerorts laufen schmutzige Zellstoff- oder Metallwerke. Im südsibirischen Kohlegebiet Kusbass klaffen Krater neben Wohnhäusern, Brände schwelen auf Schutthalden. Die Erderwärmung ist für Russland sogar besonders dramatisch: Die Temperaturen steigen hier zweieinhalbmal schneller als im Weltmittel. Das Ausmaß der Waldbrände in Sibirien hat Rekorde gebrochen. Den dritten Sommer in Folge verpestete Rauch die Luft in mehreren Großstädten. Der Permafrost, der mehr als die Hälfte der russischen Landfläche bedeckt, taut, schwindet. Straßen, Schienen, Gebäude sacken ab. Im Frühsommer 2020 brach ein Tank des Unternehmens Norilsk Nickel im instabil gewordenen Arktisboden ein, 21.000 Tonnen Diesel liefen aus.

21.000 Tonnen Diesel liefen 2020 aus einem Tank in der Arktis aus.
21.000 Tonnen Diesel liefen 2020 aus einem Tank in der Arktis aus. Bild: Irina Yarinskaya / AFP / Getty

Umfragen zeigen, dass sich mehr Russen der Probleme bewusst werden. Manche sind bereit, sich zu engagieren, vor allem wenn sie konkret betroffen sind. Es gab erfolgreiche Proteste gegen bestehende oder geplante Mülldeponien. Doch immer wieder werden Aktivisten von privaten Sicherheitsleuten, Polizei und Justiz verfolgt. „Wenn ich in Europa wäre“, sagt Arschak Makitschjan, „könnte ich eine Nichtregierungsorganisation eröffnen. Hier wäre sie am nächsten Tag ‚ausländischer Agent‘.“ Dieses Label wird gegen Aktivisten und Journalisten immer häufiger vergeben. Sie müssen ständig vor den Behörden Rechenschaft ablegen, werden von den Staatsmedien und dem Sicherheitsapparat verfolgt.

Demonstrationen waren schon vor der Corona-Pandemie so gut wie unmöglich. Maximal einige Hundert Leute nahmen an Aktionen teil. Jetzt können Makitschjan und seine Mitstreiter nicht einmal mehr Mahnwachen abhalten. Als er nach Corona-Ausgangssperren im Sommer wieder anfing, wurde er festgenommen, zweimal. Verstöße gegen Pandemiebeschränkungen sind nur ein Vorwand dafür. Den Aktivisten bleiben Onlinekampagnen, Petitionen, Social-Media-Posts. Wie jede Bewegung muss der russische Ableger von Fridays for Future (FFF) aufpassen, dass sich nicht Provokateure in Chats einschleusen und zu illegalen Aktionen aufrufen: Es gibt Beispiele junger, politisierter Russen, die nach solchen Geschichten festgenommen, gefoltert und zu langer Lagerhaft verurteilt worden sind.

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Die Angst lähme die Aktivitäten, sagt Makitschjan. Er selbst habe gelernt, damit zu leben. Er hat seinen Posten als FFF-Koordinator in Russland abgegeben, um die Bewegung nicht zu gefährden. Er ist, wie er sagt, „radikaler geworden“ in dem Sinne, dass er sich politisch engagiert, nicht nur für Klimaschutz: „Leute müssen ihre Meinung sagen können, sonst hört jeder Aktivismus auf.“ Pläne, seine Musikausbildung in Berlin fortzusetzen, hat Makitschjan verworfen. Er will im Land bleiben, anders als viele Freunde, die gegangen sind. „Russlands Gesellschaft entwickelt sich in die richtige Richtung“, sagt Makitschjan, „nur die Staatsmacht nicht.“ In den jüngsten Wahlen ließ man ihn nicht für das Unterhaus kandidieren. So half er einer Frauenrechtsschützerin, die gegen einen von der Machtpartei unterstützten Publizisten antrat, der die Rolle von Treibhausgasen bei der Erderwärmung bestreitet: Das sei eine angelsächsische Verschwörung, um „Russland unter Kontrolle zu bringen“. Mithilfe dubioser Onlinestimmen ging das Duma-Mandat an diesen Mann.

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Der Kreml will die Erwärmung nutzen, um Bodenschätze in der Arktis zu fördern und eine Schifffahrtsroute durch das Nordpolarmeer aufzubauen. Noch 2019, das Jahr, als Russland dem Pariser Klimaschutzabkommen beitrat, machte sich Präsident Wladimir Putin lustig über erneuerbare Energien, behauptete, niemand kenne die Ursachen des Klimawandels. Mittlerweile nehmen die Machthaber den Klimawandel ernster: Die EU, der größte Handelspartner, führt eine Kohlendioxid-Grenzsteuer für Waren wie Stahl, Zement und Aluminium ein, die außerhalb der Union produziert wurden und für deren Emissionen noch keine Abgabe geleistet wurde. Um der Steuer zu entgehen, formuliert Moskau jetzt Ziele, die Ausstöße ab 2030 zu reduzieren. Noch sind das Absichtserklärungen. Zur Rohstoffwirtschaft sieht man keine Alternative, will die umwelt- und klimaschädliche Kohleförderung sogar ausweiten. Arschak Makitschjan ist skeptisch, dass sich Russland, der viertgrößte Kohlendioxid-Emittent der Welt, wirklich ändern wolle. „Putin wählt jede Rhetorik, die ihm nutzt“, sagt er. „Ihm geht es um Einfluss und Aufmerksamkeit. Man kann ihm nicht trauen.“

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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