Leben interkultureller Paare

Auf der ständigen Suche nach der goldenen Mitte

Von Hernán D. Caro (Text) und Julia Sellmann (Fotos)
Aktualisiert am 03.11.2020
 - 20:27
Liebe, die keine Grenzen kennt: Die Deutsche Elena und der Kolumbianer Pedro mit ihren beiden Kindern.zur Bildergalerie
Wie funktioniert eine Familie, wenn die Partner aus verschiedenen Ländern kommen? Wird das Leben reicher – oder wird es konfliktreicher? Interkulturelle Paare streiten nicht nur über die deutsche Tradition des Abendbrots. Darüber aber auch.

Vor wenigen Wochen teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit, dass 26 Prozent der Menschen in Deutschland einen sogenannten „Migrationshintergrund“ haben. Das Zusammenleben diverser Kulturen und verschiedener Traditionen und Wertvorstellungen wird zur Normalität in diesem Land – auch bei Menschen, die heute in Deutschland eine Familie gründen. Welche Rolle spielen bei interkulturellen Paaren die verschiedenen Werte und Bräuche? Welche Schwierigkeiten, welche Chancen bringt die Begegnung der Kulturen mit sich? Und was bedeutet das alles für die Vorstellungen von Familie, die in Deutschland gängig sind?

Wir haben sechs junge Paare getroffen, die aus mehr oder weniger unterschiedlichen Kulturen kommen. Sie leben in deutschen Städten, planen eine Zukunft in Deutschland; die meisten von ihnen haben Kinder, die hier geboren sind und hier höchstwahrscheinlich aufwachsen werden. Deutschland ist ihr Land. Gleichzeitig spielen in ihrem Leben die Gepflogenheiten und Konventionen, die aus anderen Kulturräumen stammen, eine wichtige Rolle.

„Missverständnisse sind häufig gar nicht kulturell“

Beziehungen sind nicht immer einfach. Konflikte gehören in jeder Paarbeziehung dazu – auch dann, wenn beide Partner aus demselben Land kommen. Doch bringt der kulturelle Clash im Familienalltag nun besondere Konflikte mit sich? Geht man von den ersten Mitteilungen mancher der Interviewpartner aus, könnte man denken, kulturelle Unterschiede würden kaum zu Problemen führen.

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Hélène und Julius wohnen in Stuttgart mit ihren zwei kleinen Söhnen, im Herbst werden sie ein drittes Kind bekommen, diesmal ein Mädchen. Hélène kommt aus Hénin-Beaumont in Frankreich, ist 36 Jahre alt und arbeitet als Dozentin in Straßburg. Sie beschreibt sich als ein „Produkt der französischen Kultur“ – jedenfalls was „Essen, Erziehung und Republikanismus“ angeht. Julius wurde vor 38 Jahren in Ulm geboren und ist Sportjournalist. Er sagt: „Es ist schwierig, Konflikte gleich auf die Kultur herunterzubrechen. Hélène und ich, wir haben unterschiedliche Persönlichkeiten, und ich glaube, Missverständnisse sind häufig gar nicht kulturell.“

Ein ähnliches Bild vermittelt Hang-Shuen. Die 30 Jahre alte freie Journalistin aus Hongkong lebt in Hagen mit ihrem Mann Paul, einem 35-jährigen Münchner, der beim Deutschen Roten Kreuz arbeitet. Einen Culture Clash hätten sie bisher nicht erlebt, sagt Hang-Shuen. Und Paul ergänzt: „Wenn überhaupt, dann nur am Anfang – aber inzwischen habe ich es vergessen.“

Bald sieht es allerdings etwas anders aus. Es zeigt sich, dass ein Aspekt des Familienalltags, den man für nebensächlich hätte halten können, doch ziemlich heikel ist: das Essen.

Zur Aussage ihres Mannes sagt Hélène: „Doch! Kulturelle Konflikte gibt’s schon. Und ich habe ein gutes Beispiel. Essen ist mir wichtig: nicht nur als Familie zusammenzusitzen, sondern zu festen Zeiten etwas Richtiges zu essen. Das Abendbrot und die Snackkultur der Deutschen – zu verschiedenen Zeiten was Kleines zu essen; Kinder, die von ihren Eltern ständig irgendwas zu essen kriegen, damit sie kein Stress machen – das regt mich auf.“ Am kalten Abendessen, das bei vielen Deutschen beliebt ist, stören sich die Partner. So sagt Hang-Shuen, wenn das Wort „Abendbrot“ fällt: „Das geht nicht. Das Abendessen soll heiß sein!“ Dazu sagt Paul: Er könne nicht warm damit werden, dass man sich bei Hang-Shuens Familie zum Abendessen nicht miteinander unterhält, sondern fernsieht. „In Deutschland tauscht man sich beim Abendessen aus“, sagt er. Hang-Shuen gibt zu: „Bei uns, gerade bei älteren Generationen, kommt der Vater nach der Arbeit zurück nach Hause und will sich entspannen.“ Dann sprechen beim Abendessen eben erst mal die Leute im Fernsehen.

Elena und Pedro berichten Ähnliches. Sie ist 34 und Psychotherapeutin aus Berlin, er ein 39-jähriger kolumbianischer Sozialwissenschaftler am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Hannover. Das Paar lebt in Berlin mit seinen zwei kleinen Töchtern. Ob es in ihrer Beziehung Kulturkonflikte gibt? Elena überlegt kurz, dann sagt sie: „Ja, und das zeigt sich bei uns beim Essen. Ich drücke meinen Töchtern ständig ein Brötchen in die Hand, auch wenn ich weiß, das ist eigentlich Quatsch. Das gefällt Pedro gar nicht. Er fragt mich: ,Warum das ganze Mehl?‘ Da merke ich: Sobald Kinder da sind, greift man auf alte Muster zurück – und dann spielt bei mir anscheinend etwas grundsätzlich Deutsches rein.“

Nicht selten werden den Paaren die verschiedenen Wertvorstellungen überhaupt erst dann klar, wenn sie mit Fragen der Erziehung ihrer Kinder konfrontiert werden. Und sehr oft entsprechen diese Wertvorstellungen weniger den bewussten Wünschen oder Vorlieben der jeweiligen Partner als den Ansprüchen der erweiterten Familien – also der eigenen Eltern. Pedro formuliert es so: „Kulturelle Reibungen? Mein Eindruck ist, dass sie sich hauptsächlich in Form von Generationskonflikten zeigen.“

Olga, eine 31 Jahre alte Berlinerin, ist Tochter polnischer Einwanderer und arbeitet in einer deutschpolnischen Wissenschaftseinrichtung. Mertkan, dessen Eltern aus der Türkei stammen, ist 32 Jahre alt und stellvertretender Marktleiter bei einem Lebensmitteleinzelhändler; er ist ebenfalls in Berlin geboren. Ihr Sohn ist sieben Monate alt. „Meine Eltern“, erzählt Mertkan, „wollen sich etwas zu sehr in unser Leben integrieren. Sie würden unseren Sohn gern sieben Tage die Woche sehen – uns würde einmal in der Woche reichen!“ Dass er und Olga standesamtlich geheiratet haben, war für Mertkans Mutter schwierig. „Damals meinte ich: Wir feiern mit 50 Leuten. Aber sie hatte mit 400 geplant.“ Die Frage sei die des „Gleichgewichts zwischen Kern- und Großfamilie“, sagt Olga. „Inzwischen einigen wir uns in unseren eigenen vier Wänden, und erst dann kommunizieren wir die Entscheidung mit unseren Eltern“.

Justine und Renato, die mit ihren zwei kleinen Töchtern in Leverkusen leben, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Renato arbeitet als Mobilitätsmanager und wurde vor 31 Jahren in Angola geboren. Er kam schon mit zwei Jahren nach Süddeutschland, mit seiner Mutter und seiner Zwillingsschwester. Justine, 30 Jahre alt, kommt aus Köln und hat vor einiger Zeit ein Modelabel gegründet, das mit afrikanischen Textilien arbeitet. Die Beziehung zwischen den Großfamilien beider Seiten ist herzlich. „Die kölsche und die angolanische Kultur“, erklärt Justine, „sind vom Temperament her ähnlich: offen, gesellig und laut.“

Und trotzdem stand das Paar vor enormen Herausforderungen. „Das erste Mal war, als unsere erste Tochter geboren wurde“, erzählt Justine. „Da haben wir gemerkt: Jetzt müssen wir unseren eigenen Weg finden, Eltern zu sein. Die Großeltern wollen immer mitreden – sei es darüber, ob man die Kinder herumreichen darf oder ob sie woanders schlafen dürfen. Und da gab’s schon Momente, wo unsere Kulturen aufeinanderprallten.“

Und auch bei Anita und Mehdi sind die Beziehungen zur Elterngeneration ein schwieriges Thema. Mehdi, ein 41-jahriger Aktivist und Journalist aus Ahvaz, Iran, lebt in Köln mit Anita, Erzieherin, und ihrem gemeinsamen anderthalbjährigen Sohn. Mehdis Bindung zu seinen Eltern in Iran ist stark. „Ich vermisse sie zu sehr“, sagt er etwas verlegen. Dazu Anita, die vor 35 Jahren in Prokopjewsk in Sibirien geboren wurde und mit vier Jahren nach Pforzheim kam: „Er ruft sie jeden Tag an; ich kenne niemanden in Deutschland, der das macht!“ Anita erzählt, ihre deutsch-russische Familie habe Mehdi am Anfang nicht begeistert empfangen. Langsam kamen sie sich aber näher, und Mehdi fand bei ihren Verwandten das, wonach er sich sehnt: eine Großfamilie, die oft zusammenkommt, und eine Mutterfigur, die – wie in seiner iranischen Familie – „Chef und Vorbild“ ist. Anitas Verhältnis zu ihrer eigenen Familie ist nicht so reibungslos. Ihre Mutter wolle „alles kontrollieren“. Das habe oft bei Anita Abwehrmechanismen aktiviert. „Freiheit ist wichtig für mich“, sagt sie, „ich musste darum kämpfen. Und jetzt möchte ich unserem Sohn diesen Sinn für Freiheit weitergeben.“

Dieses Thema ist also für die interkulturellen Familien zentral – und umstritten: die Kindererziehung. Zur deutschen Erziehung hat Pedro einiges zu sagen: „Ich kenne ein paar Familien in Berlin-Kreuzberg, für die es besonders wichtig ist, alle neuen Trends der Kindererziehung zu übernehmen. Das finde ich gefährlich. Alles, was wir von Kinderentwicklung wissen, wird plötzlich aus Ignoranz und dem Wunsch, einzigartig zu sein, einfach abgelehnt. Ich glaube, so zieht man Kinder groß, die oft egoistisch sind. Für andere Kulturen ist es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass es einen gesellschaftlichen Rahmen gibt, eine Gemeinschaft.“ Seine Frau Elena erzählt: „Einmal, auf einer Kitaparty, wollte eins der Kinder eine Brezel haben. Eine Mutter sagte, sie hätte kleine Brezeln und anderes Knabberzeug. Aber nein, das Kind wollte eine große Brezel! Zehn Minuten später sehe ich, wie der Vater zurückkommt. Er hat beim Bäcker die Brezel geholt und sagte zu mir: ‚Sonst wird der Nachmittag zur Hölle.‘ Das war für mich ein Schlüsselerlebnis.“ Andererseits hätte Elena in Kolumbien das andere Extrem erlebt: „Kinder, die total diszipliniert sein müssen – das muss auch nicht sein.“

Familie der Zukunft
Mehr als Mutter, Vater, Kind

Die Französin Hélène sagt: „Mich stört, dass sich manchmal in Deutschland alles um das Kind dreht.“ Und Julius: „Ich habe etwas von Hélène adoptiert: dass die Kinder Besucher begrüßen. In Deutschland habe ich manchmal Kinder erlebt, die, wenn man zu Besuch kommt, einen nicht einmal beachten. Und den Eltern ist das egal!“ Allerdings findet Hélène, Erziehung in Frankreich sei manchmal zu streng. „Ich glaube nicht an die absolut freie Entfaltung der Kinder, ganz ohne Regeln. Aber ich will auch nicht, dass die Kinder von der Schule unterdrückt werden“, sagt sie.

Und sogar Hang-Shuen und Paul, die noch keine Kinder haben, befassen sich längst mit ähnlichen Fragen. „Deutschland war für mich ein Fluchtort“, erzählt sie. „In Hongkong muss man immer einem Muster folgen. Kinder müssen schon mit drei Jahren alles können, Sprachen, Geige spielen, und man hat oft man Angst, Fehler zu machen. Wäre ich in Hongkong geblieben, hätte ich vielleicht mein Hobby, das Singen, nicht ausüben können, alle hätten mir gesagt: Such dir lieber einen Vollzeitjob.“ Paul dagegen betont manche Vorteile der chinesischen Erziehung: „In Deutschland sind wir sehr individualistisch. Das ist sicher positiv, man kann die eigenen Freiheiten verfolgen. Aber ich schätze von China, dass man oft den Fokus auf die anderen richtet und nicht gleich seine Ansichten in alle Welt posaunt“, sagt er.

Auch eine andere Frage beschäftigt sie alle: Wie eng sollen die Eltern ihre Kinder an sich binden? „Als unser Sohn sehr klein war“, gesteht Anita, „habe ich eine Neigung bei mir gespürt: Du möchtest dein Kind niemals, sei es für ein paar Sekunden, jemandem anders zum Halten geben. In Mehdis Kultur ist das anders: Ein Baby wird herumgereicht. Irgendwann fand ich das auch normal – aber dann habe ich gemerkt: In Deutschland ist das gar nicht normal. Viele Deutsche mögen nicht einmal, dass du ihre Kinder anschaust! Es gibt viel Angst, besonders wenn es ein Mann ist, der, wie Mehdi, herzlich zu Kindern ist.“

Hélène drückt ihre Meinung energisch aus: „Das Misstrauen mancher Deutschen zur Fremdbetreuung – und selbst das Wort ‚Fremdbetreuung‘! – ist schrecklich. Im Prinzip gibst du deine Kinder in die Hände von Menschen, die das gelernt haben. In Frankreich sind Kinder bis 18:30 Uhr betreut, und die Mütter fühlen sich nicht schlecht, wenn sie ihre Kinder mit sechs Monaten in die Krippe abgeben.“ Die „westdeutsche Hausfrauen-Kultur“ findet Hélène problematisch: Sie würde die Kluft zwischen Männern und Frauen nur vergrößern. „Aber wir versuchen, es anders zu machen: Julius geht bald in Teilzeit und ist sowieso ein sehr engagierter Vater.“ Julius dazu: „Das französische Modell finde ich super: Es ermöglicht Frauen, ins Büro zu gehen – wie soll das sonst gehen, wenn du dein Kind schon um 16 Uhr abholen musst? Wäre das in Deutschland möglich, würde ich auch sofort die Kinder bis 18 Uhr in die Kita abgeben.“ Dennoch, neben den Problemen des „deutschen Modells“ sieht das Paar auch dessen Vorteile. „Die Anreize für Väter, etwa das Elterngeld, sind genial“, sagt Hélène. „Wir haben davon profitiert.“

Am Ende der Gespräche haben wir die Paare gebeten, Elemente ihrer Kulturen zu nennen, die sie ihren Kindern vermitteln wollten. Die Liste war lang. Bei allen Reaktionen fiel aber eines auf: Die Partner erwähnten Aspekte der eigenen, aber auch der jeweils anderen Kultur. Unabhängig von religiösen Prägungen fließen die Segenswünsche bei konkreten Themen zusammen.

„Türkisch kann er später lernen“

Ein wesentliches Anliegen ist die Sprache – oder besser gesagt: Es sind die Sprachen. So sagt Olga: „Mehrsprachigkeit wäre mir wichtig, damit unser Sohn so den Zugang zu seinen polnischen Wurzeln findet.“ Mertkan fügt an: „Türkisch kann er später lernen. Zuerst soll er, neben Polnisch, Deutsch richtig können – deswegen spreche ich mit ihm deutsch.“

Julius sagt: „Wie Hélène möchte ich auch, dass unsere Kinder Französisch und Deutsch können und reflektiert über ihre binationale Kultur nachdenken.“ Und Renato: „Meine Mutter spricht sechs Sprachen, und ich kenne viele Leute in Afrika, die mindestens zwei können. Das möchte ich meinen Kindern mitgeben.“

Und wo auf der Liste stehen Lebensfreude und Geselligkeit? Elena spricht von der „Begeisterungsfähigkeit“, die sie bei ihrem Mann Pedro spürt. Er selbst fasst mit einem Spruch seiner kolumbianischen Oma zusammen, woran seine Töchter immer denken sollen: „Es gibt für alles eine Lösung, nur nicht für den Tod.“ Justine erwähnt „die Tanzkultur und die Offenheit“ von Renatos angolanischer Großfamilie, wo Verwandte oft zusammen feiern, über Probleme reden und gemeinsam versuchen, diese zu lösen. Und Olga spricht vom „unfassbaren Zusammenhalt“ türkischer Familien.

Die Partner wiederum, die später nach Deutschland gekommen sind, schätzen an diesem Land, was Mehdi „protestantische Werte“ nennt: Es sind die üblichen, Fleiß und Anstand. Er erzählt aber auch, in Iran würde man sich häufig nicht trauen, die eigene Meinung zu äußern. So möchte er, dass sein Sohn, wie viele der Deutschen, die er kennt, ehrlich und selbstbewusst ist. Renato findet das „Strukturierte und Organisierte“ im deutschen Alltag erstrebenswert. Und Hélène erhofft sich doch, dass ihre Kinder „die Eigenständigkeit beibehalten, die sie in Deutschland lernen“.

Nun kann man sich fragen: Gibt es hinter den erwähnten Idealen, Erwartungen und Sorgen etwas Gemeinsames?

Gewiss! All diese Paare teilen eine Erfahrung: die der andauernden Verhandlung zwischen Nähe und Distanz im Umgang mit der Elterngeneration; zwischen Disziplin und Freiheit bei der Erziehung der Kinder; zwischen der Vorstellung von Familie als kleine, abgeschlossene Einheit – und der als größeres soziales Netzwerk. Diese ständige Verhandlung ist, sicher, manchmal anstrengend. Allerdings zeigt die Tatsache, dass die interviewten Partner die jeweils andere Kultur gar nicht mehr als so andersartig wahrnehmen – und sie Kulturkonflikte offenbar nicht immer gleich als solche erkennen –, dass diese Erfahrung nicht besonders traumatisch ist.

Im Familienleben die „richtige Mischung“ finden

Die Frage wäre jetzt, ob nicht alle Paare, auch jene, die sich im Alltag nicht zwischen diversen Kulturen oder Sprachen bewegen, ähnliche Verhandlungen kennen. Vermutlich. Doch während Paare, die denselben nationalen und kulturellen Hintergrund teilen, vielleicht weniger gezwungen sind, permanent die eigenen Werte zu hinterfragen oder zu verteidigen, scheint die interkulturellen Paare die Bereitschaft – oder einfach: die Notwendigkeit – auszuzeichnen, schon in den intimsten Aspekten ihres Lebens eine „fremde“ Kultur anzunehmen, diese in eine neue Familienkultur zu integrieren.

Was sagt das über die Zukunft der deutschen Familie aus? Eine endgültige Antwort ist natürlich nicht möglich. Trotzdem sind, jenseits der Entwicklung der Statistiken über Deutsche mit „Migrationshintergrund“, mindestens zwei Dinge festzustellen.

Es wird in den kommenden Jahren in Deutschland immer normaler sein, Familie – neben der sogenannten Kernfamilie – auch als etwas Größeres zu verstehen, das sich über nationale, in diesem Fall die deutschen Grenzen erstreckt. Was das wiederum für das Verständnis zwischen den Ländern bedeuten wird, bleibt abzuwarten.

Ansonsten, was einen bescheideneren Rahmen angeht – die deutsche Gesellschaft also –, könnte die Erfahrung unserer Paare zeigen, was Integration im Idealfall bedeutet: nicht eine einseitige Anpassung an vorgegebene kulturelle Werte, sondern eine gegenseitige Annäherung, einen fortwährenden Dialog, und ja: auch ein kontinuierliches Aneinanderreiben. Dabei helfen die Offenheit und der Respekt gegenüber anderen, die alle Gesprächspartner ebenso ihren Kindern vermitteln möchten. So kann man, wie Justine es formuliert, im Familienleben die „richtige Mischung“ finden. Das wiederum erinnert an Hang-Shuens Hinweis auf die konfuzianische Regel, beim Umgang mit anderen nach „einem Ausgleich zwischen Extremen“ zu streben. Auf die ständige – und nie abgeschlossene – Suche also, wie sie sagt, nach der „goldenen Mitte“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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