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Was halten die Taliban vom Surfen, Afridun Amu?

In Kabul geboren, mit fünf Jahren mit der Familie nach Deutschland geflohen: Surfer Afridun Amu Foto: Josephine Domaki

Das vom Krieg gebeutelte Afghanistan hat kein Meer, aber Afridun Amu eine irre Idee: Er will als erster Afghane bei Olympia surfen – und den Menschen damit Hoffnung bringen.

11.07.2019
Text: MARCO SELIGER

Afridun Amu sitzt gebräunt, aber müde in einem Café in Frankfurt am Main. Vor ein paar Stunden erst ist er von den Azoren zurückgekehrt. Zwei Monate lang hat er dort für den wichtigsten Wettkampf seiner Karriere trainiert. Afridun Amu will der erste Surfer sein, der das vom Krieg traumatisierte Gebirgs- und Wüstenland Afghanistan bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio vertritt. Jetzt aber zückt der 31-jährige Deutsch-Afghane erst einmal sein Smartphone und startet ein Video. „Das hätte ich selbst nicht für möglich gehalten“, sagt er.

Der Film zeigt Dutzende Jungs, die am Ufer des Panjshir-Flusses in Zentralafghanistan stehen. Sie klatschen und johlen und rufen „Shaka“ auf das tosende Wasser hinaus. Dabei halten sie einen Arm lässig nach oben gestreckt, den Daumen und den kleinen Finger der geschlossenen Faust abgespreizt. So grüßen sich Surfer am Strand von Hawaii, die gerade die perfekte Welle geritten sind. „Shaka“ steht in der Surfersprache für „Locker!“, „In Ordnung, Alter!“ oder für „Gute Welle!“. Für Lässigkeit. Für Coolness. Für ein entspanntes, fröhliches Lebensgefühl. Ein Gefühl, das es in Afghanistan schon lange nicht mehr gibt und das Afridun Amu, der im schwarzen Neoprenanzug auf den Flusswellen reitet, den Menschen seines Geburtslandes zurückbringen will. Afridun Amu wurde 1987 in Kabul als Sohn eines Diplomaten und einer Ärztin geboren. Sein Vater war von 1987 bis 1992 afghanischer Botschaftsmitarbeiter in Moskau. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regierung in Kabul und dem Ausbruch des Bürgerkriegs gab es für die Familie kein Zurück mehr in ihre Heimat. Sie flüchtete nach Deutschland, so kam er vor 26 Jahren als Fünfjähriger in die Bundesrepublik. „Mein Vater fürchtete, bei einer Rückkehr so zu enden wie der damalige Präsident Najibullah“, erinnert sich Afridun Amu. Najibullah wurde nach seiner Absetzung unter Hausarrest gestellt, vergewaltigt, getötet und sein Leichnam durch Kabul geschleift.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Nach dem Abitur in Göttingen studierte Amu in Berlin Jura und Kulturwissenschaften. Im Jahr 2016 kehrte er als Entwicklungshelfer für die Max-Planck-Stiftung als damals 28-Jähriger erstmals in seine Geburtsstadt Kabul zurück. Es sei ein Schock für ihn gewesen. Die Trostlosigkeit des Ortes habe ihn traurig gemacht. In den Erzählungen seiner Eltern sei Kabul das Paradies auf Erden gewesen, sagt er. „Doch ich fand eine dreckige, vermüllte, stickige, stinkende und tief verarmte Stadt mit Menschen ohne Lebensfreude.“

Amu mit seinen Freunden Jacob Kelly und Benjamin Di-Qual in Afghanistan Nico Walz

Angesichts dieser Hoffnungslosigkeit fasste Afridun Amu einen Plan, der sich geradezu grotesk anhört. Nach dem Abitur sei er mit ein paar Freunden erstmals ans Meer gereist, berichtet er. An der französischen Atlantikküste habe er mit 19 Jahren das Surfen gelernt: „Ich erkannte, dass dies meine Passion ist.“ Fortan verbrachte er seine freie Zeit mit dem Wellenreiten. Er nahm Technikunterricht und fand Sponsoren für die teuren Surfbretter. „Surfen ist Freiheit und pures Glück“, schwärmt Afridun Amu, der mit seinen langen schwarzen Haaren und dem durchtrainierten Körper schon rein äußerlich dem Surferklischee von Sonne, Strand und Lebenslust entspricht. Von der Freiheit und dem Glück des Wellenreitens wollte er seinen kriegstraumatisierten Landsleuten etwas abgeben.

Di-Qual reitet eine Flusswelle im Panjshir-Tal Nico Walz

„Ich wollte ihnen zeigen, dass auch sie surfen können“, sagt Afridun Amu. In einem Land ohne Zugang zum Meer, in dem die meisten Menschen nicht schwimmen können und den Ozean höchstens aus dem Fernsehen kennen, mutet dieses Vorhaben abwegig an. Doch auch in Afghanistan gibt es Wellen, auf denen es sich reiten lässt. Sie befinden sich im Panjshir-Tal, wo der gleichnamige Fluss im Frühjahr durch die Schneeschmelze im Hindukusch Wellen auftürmt, auf denen Surfer reiten können. „Klar ist das nicht mit dem Ozean vergleichbar, aber doch einen Versuch wert“, habe er sich gedacht, berichtet Afridun Amu. Sein Plan war es, mitten in seinem von Elend und Gewalt heimgesuchten Geburtsland einen Film über die große Freiheit des Surfens zu drehen. Ein gewagtes Unterfangen in Afghanistan, wo islamistische Fundamentalisten weltliche Freuden als Gotteslästerung brandmarken und bestrafen.

Amu beim Training in Indonesien Anna Schulz

Drei Jahre lang, berichtet Afridun Amu, habe er die Dreharbeiten mit einem Kameramann sowie den Surfern Jacob Kelly aus Kanada und Benjamin Di-Qual aus Bayern vorbereitet. Sie planten Reisezeiträume, Flüge und Fahrtrouten, engagierten Sicherheitspersonal und mussten ihre Pläne wegen der Sicherheitslage dann doch immer wieder verwerfen. Im Frühjahr 2018 war es dann aber so weit. Von Frankfurt über Kabul reiste Afridun Amu ins Panjshir-Tal, eine von wenigen Regionen in Afghanistan, in denen die Sicherheitslage ein Projekt wie dieses ermöglicht. In das Tal führt eine einzige Straße. Sie windet sich zuerst durch eine Schlucht und endet etwa 80 Kilometer weiter, irgendwo hoch oben in den windgepeitschten Bergen des Hindukuschs. In den 1980er Jahren wurde dieses Gebiet für unzählige sowjetische Soldaten zum Grab, getötet von den Panjshiri, die in diesem engen, kargen, im Sommer brütend heißen und im Winter bitterkalten Tal seit Jahrhunderten leben und sich nicht von den Sowjets, nicht von den Taliban und auch nicht von der aktuellen afghanischen Regierung beherrschen lassen wollen.

Die Menschen in Panjshir kannten Afridun Amu. Als er 2017 als erster Afghane bei einer Weltmeisterschaft im Surfen startete, berichteten alle Medien im Land über ihn. Er landete zwar abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze, war aber plötzlich eine Berühmtheit. Er überzeugte die wichtigsten Führer der Panjshiri von seinem Projekt und stand unter ihrem Schutz. Nur so konnte er zehn Tage lang unbehelligt von islamistischen Fanatikern, Kidnappern und anderen Verbrechern, die Afghanistan seit Jahren heimsuchen, die Dreharbeiten machen.

Unsurfed Afghanistan

Der Film „Unsurfed Afghanistan“ dokumentiert die zehntägige Reise von Afridun Amu ins Panjshir-Tal, zeigt Menschen, die Spaß dabei haben, auf einem Brett im Wasser zu stehen und auf einem afghanischen Fluss zu reiten, begleitet von begeisterten Einheimischen. „Das Lachen der Kinder zu sehen, der Enthusiasmus, mit dem sie uns beobachtet haben, das war phantastisch“, sagt Afridun Amu. Einige hätten es ihnen gleich nachmachen wollen, aber Afridun Amu hat sie auf den kommenden Herbst vertröstet. Dann will er wieder in sein Geburtsland reisen und Jugendlichen das Schwimmen beibringen. Surfen, sagt Afridun Amu, bestehe zu 90 Prozent aus Schwimmen und zu zehn Prozent aus Wellenreiten. „Unsurfed Afghanistan“ ist ein Film mit surreal anmutenden Bildern aus einem Land, das die Welt sonst nur mit Tod und Gewalt, Freudlosigkeit und Düsternis verbindet. Es ist eine Dokumentation, die ein ganz anderes Afghanistan zeigt, eines, in dem es ein in Deutschland aufgewachsener Surfer schafft, junge Menschen für einen Sport zu begeistern, den viele von ihnen als Freiheit und Ausbruch aus einem düsteren, von Gewalt geprägten Alltag erleben. Fröhlichkeit, Spaß, Glück und Frieden sind für Afridun Amu die Attribute des Surfens. Nach mehr als 40 Jahren Krieg können die meisten Afghanen damit kaum noch etwas verbinden. Im Herbst soll der Film auf Festivals weltweit gezeigt werden. Afridun Amu hofft, dass er Geld einspielt, das er dann in den Aufbau des Surfsports in Afghanistan investieren will. Ziel sei es, sagt er, dass Afghanistan in fünf Jahren eine Surf-Mannschaft zu den Olympischen Spielen nach Paris schicken kann, die nicht mehr aus Exilanten wie ihm besteht. Das klingt ungefähr so unwahrscheinlich wie die Absicht, einen Film über das Surfen im Panjshir-Tal zu drehen. Afridun Amu hat bewiesen, dass es möglich ist.

Quelle: F.A.Z. Quarterly