Die Haus-Frauen

Foto: Bruno Klomfar

Die Helden der Architektur sind fast ausschließlich Männer. Das liegt nicht daran, dass sie besser wären. Sondern daran, dass es ihnen leichter gemacht wird. Jetzt aber drängen die Frauen nach vorn. Sie kämpfen für mehr Sichtbarkeit und ihre Ideen für das Leben, Wohnen und die Städte von morgen. Eine Rundfahrt zu den interessantesten Architektinnen

15. Oktober 2020
Text: KATHARINA RUDOLPH

Das idyllische Laufen in Oberbayern wirkt nicht gerade wie ein Ort, in dem die Zukunft des Bauens erdacht wird. Ein paar verwaiste Geschäfte, ältere Touristen, die vor den Cafés sitzen, gelegentlich weht eine Brise Bauernhof durch die Gassen. In einer dieser Gassen liegt das Büro von Anna Heringer. Sie ist eine der wenigen Frauen, die in Deutschland allein ein eigenes Architekturbüro führen. 66 Prozent der in den Architektenkammern eingetragenen Hochbauarchitekten sind Männer, 34 Prozent sind Frauen und nur etwa 22 Prozent Inhaberinnen von Büros. Mit zunehmender Bürogröße nimmt der Anteil weiblicher Inhaber ab.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Architektin Anna Heringer
Architektin Anna Heringer Foto: Studio Anna Heringer
Heringer schafft Gebäude von ungewöhnlicher Schönheit – mit einem zukunftsträchtigen Material: Lehm. „Ich will beweisen, dass man einen sehr hohen Lebensstandard auch mit einem sehr alten Material erreichen kann. Besonders wenn es sich seit Jahrtausenden bewährt und keine Nebenwirkungen hat“, sagt die 42-Jährige. Lehm liegt fast überall unter unseren Füßen, ist zu hundert Prozent recyclebar; seine Verarbeitung produziert vergleichsweise wenig CO₂. Wenn ein Haus nicht mehr gebraucht wird, geht es zurück an die Erde – und man pflanzt einen Garten.

Heringer entwirft Gebäude, die maßgeschneidert sind für die Orte, an denen sie entstehen. Sie passt ihre Entwürfe dem Klima, den Lebensumständen und den lokalen Materialien an. „Wir fahren nach Italien oder Griechenland, weil wir die Orte mögen, an denen lokale Gegebenheiten berücksichtigt wurden. Und bauen dennoch vermehrt völlig beliebig.“ Die Meti-Schule im Dorf Rudrapur im Norden Bangladeschs, 2005 gebaut von Heringers Team und der örtlichen Bevölkerung aus Lehm und Bambus, machte sie der Fachwelt bekannt. Bauen in Entwicklungsländern sei damals vor allem Ingenieur- und Männersache gewesen, erzählt sie in herrlichem Oberbayerisch. So ein Gebäude musste „halt gscheit sei, nur funktional und am besten betoniert“.

Mittlerweile hat sie viele weitere Lehmhäuser gebaut. Letztes Jahr entstanden in Rudrapur ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen und eine Textilwerkstatt. Das zweistöckige Haus tanzt aus der Reihe, weil es keine funktionale Box ist, sondern sich dynamisch in eine leichte Kurve schmiegt und außen eine Rampe in den obersten Stock zieht, so dass Inklusion direkt sichtbar wird. Oft werden Menschen mit Behinderungen in Bangladesch aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Hier ist es umgekehrt. Heringer baut nicht einfach Häuser, ihre Entwürfe sind Katalysatoren für gesellschaftliche Entwicklungen. Im ersten Stock des Zentrums wurde eine Werkstatt für Näherinnen untergebracht. Sie verwandeln alte Saris in Kissen, Tops und Tücher. Gäbe es „Dipdii Textiles“ nicht – so heißt das Label, das Heringer mitinitiiert hat –, würden die Frauen ihr Dorf verlassen und in Fabriken für Billigprodukte schuften müssen. „Dipdii Textiles“ hat also durchaus mit Architektur zu tun. Das Label beeinflusst Siedlungsmuster und erhält die Lebensqualität und den Freiraum der Frauen in ihrem dörflichen Umfeld.
Die Meti-Schule, ganz aus Lehm, in Rudrapur im Norden von Bangladesch
Die Meti-Schule, ganz aus Lehm, in Rudrapur im Norden von Bangladesch Foto: Benjamin Staehli

Dass Lehm auch in westlichen Metropolen viel bewirken kann, davon ist Heringer überzeugt. Ihr Traum ist es, mitten in Manhattan einen Lehm-Wolkenkratzer aus der Erde wachsen zu lassen. Wer sich Bilder der imposanten alten Wüstenstadt Shibam im Jemen anschaut, in der bis zu neun Stockwerke hohe Lehmhäuser stehen, dem wird klar, dass diese Idee gar nicht so abwegig ist. Das größte Problem des Lehms ist sein Image: alt, matschig, klebt am Schuh. Dabei kann man mit Lehm so ziemlich alles bauen.

Über die Frage, die man eigentlich nicht stellen darf, ob nämlich Frauen anders bauten als Männer, denkt Heringer lange nach. Eher weiblich sei vielleicht, dass mehr der Prozess im Mittelpunkt stehe: Das Baubudget fließt direkt in die Hände der Menschen am Ort, sie gewinnen Vertrauen in sich und die eigene Arbeit, und der Transfer von Wissen hat zur Folge, dass fast jeder einfache Häuser aus Lehm bauen kann. Würde man Lehm im großen Maßstab einsetzen, hätte das ihrer Ansicht nach eine enorme „gesellschaftliche Sprengkraft“. Natürlich interessieren sich auch Männer für die Prozesse. Aber ihre Uni-Kurse besuchen mehr weibliche Studierende. Sie ist auch ein Vorbild. Denn noch immer gibt es an deutschen Architekturfakultäten zu wenig Professorinnen.

Der europäische Gender-Pay-Gap bei den Architekten beträgt 25 Prozent, von 42 Pritzker-Preisen wurden nur vier an Frauen vergeben. Und natürlich gehen viermal mehr Architektinnen als Architekten in Teilzeit.

Und in der Praxis? „Ich war keine Feministin. Aber durch den Architekturberuf bin ich eine geworden“, sagt Heringer. Vor zwei Jahren protestierte sie mit Gleichgesinnten in Venedig auf der Architekturbiennale – die 2018 zum zweiten Mal in ihrer 40-jährigen Geschichte von Frauen kuratiert wurde, den Irinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara – gegen Diskriminierung und Unterrepräsentanz von Frauen in der Branche.

„Mud Works!“ hieß die Arbeit von Anna Heringer auf der Biennale von Venedig 2016
„Mud Works!“ hieß die Arbeit von Anna Heringer auf der Biennale von Venedig 2016 Foto: Bruno Klomfar

Der europäische Gender-Pay-Gap lag 2018 in der Architektur bei 25 Prozent. 42 Mal wurde der Pritzker-Preis, der Nobelpreis für Architektur, vergeben – nur viermal ging er an Frauen, zuletzt dieses Jahr an Farrell und McNamara. 2017 stellte das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt selbstkritisch fest, dass von rund hundert Einzelausstellungen nur vier das Werk von Frauen gezeigt haben. „Man merkt deutliche Unterschiede, wie Männer weiterkommen“, erzählt Heringer. Architektur ist konkurrenzorientiert. Als sie ihre Tochter bekam, wurde ihr bewusst, wie männliche Kollegen (nach einer Untersuchung der Bundesarchitektenkammer arbeiteten 2017 etwa 10 Prozent der Männer und etwa 40 Prozent der Frauen in Teilzeit) oft zu allem ja sagen. Sie selbst musste und wollte manchmal nein sagen. „Wenn du nicht da bist und an der Bar einen mittrinkst, kriegst du nicht dieselben Chancen.“ Dann geht es langsamer mit der Karriere. Es braucht eine gute Portion Selbstwertgefühl in diesem Beruf, gerade als Frau.


„Ich war keine Feministin. Aber durch den Architekturberuf bin ich eine geworden.“
ANNA HERINGER, Architektin

Zurzeit engagieren sich Frauen an vielen Fronten für mehr Sichtbarkeit. Die Engländerin Jane Hall hat einen dicken Bildband vorgelegt – mit sehr vielen Baumeisterinnen, die kaum jemand kennt; drei junge Architektinnen aus der Schweiz haben den Film „Her Stories“ gedreht, der von der Geschlechterdiskriminierung in der Bauwelt erzählt; italienische Architektinnen haben das Kollektiv „RebelArchitette“ gegründet, das für Diversität und Geschlechtergerechtigkeit in der Branche kämpft; sie haben eine interaktive „Weltkarte der Architektinnen“ online gestellt, die auf 700 Büroprofile angewachsen ist.

„Jammern wollen wir nicht. Wir Architektinnen sind gerade auf dem Vormarsch“, sagt Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer Berlin und Mitgründerin eines Büros, das – eine Seltenheit – von drei Frauen geleitet wird. Sie hält Frauen sogar besonders geeignet für den Beruf, weil sie „vernetztes Denken und hohe Kommunikationsfähigkeit“ mitbringen. Schließlich studieren seit 2006 mehr Frauen als Männer Architektur. Im Berufsleben allerdings stehen sie immer noch oft in der zweiten Reihe. „Wer am lautesten schreit, sich am besten profilieren kann, vielleicht auch die richtigen Freunde hat, setzt sich durch“, meint Edmaier. Und das sind häufig die Männer.

Das Wohnhaus von Orange Architekten in Berlin-Friedrichshain, aus zwei Perspektiven: hier die Ostfassade . . .
Das Wohnhaus von Orange Architekten in Berlin-Friedrichshain, aus zwei Perspektiven: hier die Ostfassade . . .
Das Wohnhaus von Orange Architekten in Berlin-Friedrichshain, aus zwei Perspektiven: hier die Ostfassade . . .
. . . und hier die Nordfassade mit den Laubengängen
. . . und hier die Nordfassade mit den Laubengängen
. . . und hier die Nordfassade mit den Laubengängen
Fotos: Jasmin Schuller

Eigentlich sollte es 2020 in Berlin das „Women in Architecture“-Festival geben, das Corona-bedingt aber verschoben wurde. Immerhin stand die Eröffnungsveranstaltung des alljährlichen Tags der Architektur im Zeichen der Frauen: Es wurden nur weibliche Teilnehmer aufs Podium gebeten, darunter Anna Weber von Orange Architekten. Bei einem Treffen in ihrem Büro in Berlin-Kreuzberg erzählt sie, dass ihr Mitgründer Peter Tschada durchaus stärker im Rampenlicht stehe. Allerdings habe das nichts mit männlich oder weiblich zu tun, sondern mit ihrer Aufgabenteilung; für Akquise und Marketing habe sie weniger Sinn als er.

Weber forscht ebenfalls an Ideen für ökologisches Bauen. Mit repräsentativer Architektur kann sie gar nichts anfangen, „was die in den Wohnzeitschriften verkaufen, hat nichts mit unserer Arbeit zu tun“, sagt die 53-Jährige. Ihr und Tschadas „einfach gebaut“-Haus – in diesem Jahr unter den Finalisten für einen der wichtigsten Architekturpreise, den des Deutschen Architekturmuseums – wirkt wie ein Schiff aus einer fernen, besseren Welt, das in einer Baulücke in Berlin- Friedrichshain gestrandet ist. Gerade wegen seiner einfachen Bauweise bietet das Haus, das auf einer vermeintlich unbebaubaren Brache entstand und Eigentumswohnungen, eine Gewerbeeinheit sowie ein Atelier hat, Komfort, Raum, Licht und Luft; es berücksichtigt ökologische Belange, ist absolut flexibel – und das zu vergleichsweise moderaten Preisen. Das fünfgeschossige Hauptgebäude ist ein langer Betonriegel und steht auf Stelzen, was für eine gesunde Durchlüftung und Raum für Parkplätze sorgt. Auf der Südseite ziehen sich in jeder Etage hohe Fensterfronten und Balkone über die gesamte Länge, auf der Nordseite verlaufen Laubengänge, die durch ein ebenfalls im Freien liegendes Treppenhaus erreicht werden. Die außen liegende Erschließung ist zugleich ein luftiger Gemeinschaftsraum.

„Was die Wohnzeitschriften verkaufen, hat nichts mit unserer Arbeit zu tun“, sagt Anna Weber, die nicht gern im Rampenlicht steht und deren Architektur das Gegenteil der Beton- Statements mancher Kollegen ist.

An der Treppe dockt ein Minihaus aus gestapelten Kuben an. Hier wohnen übereinander drei Paare auf je vierzig Quadratmetern. Bei gutem Wetter erweitern sie ihren recht kleinen Wohnraum aufs Gemeinschaftsdach oder auf die Treppenlandschaft, die im Corona- Lockdown als Homeoffice diente. Weber und Tschada geht es um Lösungen, die so flexibel sind, dass Häuser nicht abgerissen werden müssen, sondern den gewandelten Bedürfnissen angepasst werden können. Auch so kann nachhaltiges Bauen funktionieren. Durch das Verschieben oder Entfernen von Wänden kann ein anderes Raumgefüge entstehen oder können Wohn- zu Gewerberäumen umgewandelt werden. Anstelle einer verklebten Verhüllung aus Sondermüll, also eines Wärmedämmverbundsystems, erhielt das Haus eine recyclebare Textilfassade – eine Art Goretex-Outdoorjacke, die man ihm an- und ausziehen kann.

Zu Frauen in der Architektur hat Weber eine starke Haltung. Zwar habe sie es sich selbst auferlegt, dass sie wenig in der Öffentlichkeit stehe, eines aber denke sie schon: „Es ist einfacher, dass Peter das macht. Aus demselben Grund, aus dem weniger Frauen in Vorständen sitzen: weil Männer immer noch besser protegiert werden und bessere Netzwerke haben.“ An der TU München entstand 2017 eine Studie über Frauen in der Architektur, in der es auch um einen Berufsmythos geht, der Architektinnen das Fortkommen erschwert. Anna Heringer fasst den so zusammen: der Mythos vom ewig gestressten, Nächte durcharbeitenden männlichen Genie. Weber geht noch weiter: „Diesen noch fest verankerten Habitus, den habe ich ja übernommen und überspitze ihn vielleicht sogar. Man ist ständig am Arbeiten.“ Allerdings ermögliche meist auch nur dieser Habitus außergewöhnliche Projekte in kurzer Zeit. Mütter mit wenig Unterstützung kämen als Projektleiterinnen oft leider nicht in Frage, so radikal müsse man es sagen. Nicht weil Frauen weniger fähig oder leistungsbereit wären, sondern weil Termine oft zu eng gesteckt sind und der Arbeitsalltag wenig kompatibel mit Kita- und Schulzeiten ist.

Ein Interieur in dem Haus, das wie ein Tetris-Spiel aufgebaut ist
Ein Interieur in dem Haus, das wie ein Tetris-Spiel aufgebaut ist
Ein Interieur in dem Haus, das wie ein Tetris-Spiel aufgebaut ist
Eine Wohnung im Baugruppen-Projekt von Heide & von Beckerath in Berlin-Kreuzberg
Eine Wohnung im Baugruppen-Projekt von Heide & von Beckerath in Berlin-Kreuzberg
Eine Wohnung im Baugruppen-Projekt von Heide & von Beckerath in Berlin-Kreuzberg
Foto: Andrew Alberts

Eine, die dennoch mit viel Optimismus in die Zukunft schaut, ist Verena von Beckerath. Sie ist Mitgründerin des Berliner Büros Heide & von Beckerath sowie Professorin an der Bauhaus-Universität Weimar. Auf keinen Fall möchte sie die starke Konkurrenzorientierung aus der Berufspraxis im Studium sehen. Studentinnen und Studenten sollen sich persönlich und fachlich entwickeln können. Dabei entstehe bestenfalls neues, kollektives Wissen, von dem alle profitierten. Die Herausforderungen der Zukunft löse man nicht, indem man einander aussticht, sondern durch Zuhören und Teamwork. Wertschätzung ist für von Beckerath zentral, sie will ihre Studierenden in dem bestärken, was sie gut machen. Das sei auch eine wichtige Voraussetzung, damit Frauen ihre Anliegen später selbstbewusst vertreten. Beckerath registriert, dass die Bewerbungen von Architektinnen in der akademischen Welt zunehmen. Die erste Hürde sei ja, dass sie sich so etwas überhaupt zutrauen.

Die Architektin Verena von Beckerath
Die Architektin Verena von Beckerath Foto: Gitty Darugar
Im Schatten ihres Partners Tim Heide steht sie durchaus nicht. Die beiden führen das Büro gleichberechtigt, kommunizieren das nach außen; und sie erhält gerade sogar ein paar mehr Anfragen, etwa für Wettbewerbsjurys oder Vorträge. Hatte das Büro zu Beginn, vor zwanzig Jahren, vor allem männliche Mitarbeiter, arbeiten bei Heide & von Beckerath heute mehrheitlich Frauen – was vielleicht auch daran liegt, dass sich der Charakter der Projekte verändert hat. Meist taucht der Büroname in der Öffentlichkeit dann auf, wenn es um experimentellen und innovativen Wohnungsbau geht. Vor zwei Jahren kulminierten die Ideen in einem Gebäude in Berlin-Kreuzberg, das gemeinsam mit dem Büro Ifau realisiert wurde und 2019 unter die Finalisten für den Preis des Deutschen Architekturmuseums und auf die Shortlist für den Mies van der Rohe Award kam, den wichtigsten europäischen Architekturpreis.

Leitidee war eine hohe soziale Durchmischung, eine Kombination aus Miet- und Eigentumswohnungen und Räumen zum Arbeiten. Es handelte sich um ein Baugruppen-Projekt – dabei tun sich Menschen zusammen, um gemeinsam mit einem Architekturbüro ein Haus zu planen, das sie später selbst nutzen. In diesem Fall fiel die Gruppe mit rund neunzig Parteien groß und erfrischend bunt aus: Es gab eine Genossenschaft, private Bauherren und einen sozialen Träger. „Es könnte sogar sein“, meint von Beckerath, „dass es da einen Zusammenhang gibt: dass Frauen – wie die, die wir aufgrund ihrer sehr guten Bewerbungen angestellt haben – ein grundsätzliches Interesse für engagierte Projekte aufbringen. Und dass es eigentlich uns allen um den Wunsch geht, eine sinnstiftende Arbeit zu machen, und weniger um Einfluss oder Position im herkömmlichen Sinne.“ Die Baugruppen-Projekte, das erste initiierten Heide & von Beckerath 2008, haben die Arbeit des Büros verändert. Mittlerweile steht bei allen Projekten, auch bei denen, die sich nicht mit dem Wohnen beschäftigen, stärker der Prozess im Zentrum.
Die Dachterrasse soll ein „Hortus conclusus“ für alle Bewohner sein.
Die Dachterrasse soll ein „Hortus conclusus“ für alle Bewohner sein. Foto: Andrew Alberts

Das Haus in Kreuzberg ist weder ein in Stein gemeißeltes Architekten-Ego noch eine trostlose Wohnkiste, sondern ein Gefäß mit vielen Windungen, in dem ganz Unterschiedliches stattfinden kann. Es steht beispielhaft für Architektur als Möglichmacher eines neuen Zusammenlebens in unseren Städten. Wie Heringer schreibt von Beckerath der Architektur eine emanzipatorische Funktion zu. Bisher werden Wohnungen und Häuser im Wesentlichen um die Kernfamilie herum gebaut. Zu welcher Isolation das etwa für allein lebende und ältere Menschen führen kann, hat die Corona-Krise gezeigt. Das Haus in Kreuzberg erprobt neue Wohn- und Arbeitsmodelle und kann als soziale Einheit verstanden werden, die sich mit der umgebenden Stadt verbindet. Aufgebaut ist es ein bisschen wie das Computerspiel Tetris: Verschiedene Nutzungseinheiten, ein- oder zweigeschossig, schieben sich auf sieben Ebenen an- und ineinander. Die Wohnungen sind unterschiedlich groß, so dass Singles, Paare, WGs, kleinere oder größere Familien unterkommen können. Das Dach ist eine eigene Mini-Stadtlandschaft. Neben Ateliers, die aussehen wie kleine Bungalows, liegt dort ein von allen Bewohnern genutzter Garten, ein moderner „Hortus conclusus“ mit Sandkasten und Sitzgelegenheiten, der in einen Gemeinschaftsraum übergeht. Dieser Raum für alle wurde nicht in die unteren Geschosse verbannt, um dem Gebäude schicke Penthäuser aufsetzen zu können, sondern darf mit Blick über die Stadt in luftiger Höhe thronen. Einige Wohneinheiten erreicht man über das Dach, andere über eine an Lichthöfen vorbeiführende, teils begrünte Straße im Inneren des Hauses; es ist ein halböffentlicher Raum, in dem die Bewohner einander begegnen, plaudern oder Feste feiern. Im Erdgeschoss gelangt man in flexibel zusammenschaltbare Gewerbeeinheiten und Ateliers, die sich zur Straße öffnen, als Rohlinge konzipiert und durch die Nutzer individuell ausgebaut wurden.

Bisher werden Wohnungen und Häuser im Wesentlichen um die Kernfamilie herum gebaut. Zu welcher Isolation das für ältere und allein lebende Menschen führen kann, hat die Corona- Krise gezeigt. Flexible Lösungen sind lebensnäher

Das Heimbüro hat seit der Seuche an Bedeutung gewonnen, Job und häusliches Leben werden auch nach der Corona-Ära stärker zusammenrücken. Nur: Arbeiten am heimischen Küchentisch zwischen Brotkorb und Marmeladenglas ist auf Dauer keine Lösung. Die Krise hat gezeigt, „wie sehr die Architektur der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt“, schrieb kürzlich Anh-Linh Ngo, Mitherausgeber der Architekturzeitschrift „ARCH+“. Neue Häuser und Raumtypologien, die auch eine intelligente Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten ermöglichen, sind dringend vonnöten. Auch für Familien können sie Vorteile bringen, denn wenn das Büro auf der einen und die Wohnung am anderen Ende der Stadt liegt, spielt die tägliche Stunde Fahrt gerade für Eltern eine zentrale Rolle.

Genau aus diesem Grund hat sich die Berliner Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge Geschäftsräume in der Nähe ihrer Wohnung gesucht. Von Beckerath, Mutter eines erwachsenen Sohnes, versteht die jüngere Kollegin als Ausnahmearchitektin, unter anderem weil ihr der Spagat zwischen Kindern und Karriere mit eigenem Büro geglückt ist. Tatsächlich könne man mit dem Studium mehr anfangen, als von angehenden Architektinnen und Architekten normalerweise erwartet wird, ist von Beckerath überzeugt. Es gehe darum, mit Räumen auf ganz verschiedene Weisen zu arbeiten und dabei die Welt von morgen zu denken – daran glaubt auch Meyer-Grohbrügge.

Der Tisch als Stellfläche für Blumenkübel. Abends wird hier gegessen
Der Tisch als Stellfläche für Blumenkübel. Abends wird hier gegessen Foto: Meyer-Grohbrügge

Gegründet hat sie ihr Büro 2015. Auch vorher war sie schon selbständig, allerdings zusammen mit einem Partner – ein Klassiker in der Architekturwelt. „Wenn man ein Büro mit einem Mann hat, wird man schnell in eine Rolle gesteckt“, sagt sie. Natürlich gebe es das Vorurteil, dass er der Kreative ist und sie im Hintergrund alles möglich macht. „Da wurden Sachen projiziert, die überhaupt nicht stimmten.“ Mit ihrem eigenen Büro fühlt Meyer-Grohbrügge sich freier. Sie entwirft Shops, Ausstellungsarchitekturen, etwa für die Videokunst der Julia Stoschek Collection, Möbel und Häuser. „Wir Architekten müssen uns fragen, wie die Zukunft aussieht.“ Wer das nicht tue, am tradierten Berufsbild festhalte und darauf bestehe, dass nur dieses oder jenes Architektur sei, sei irgendwann weg vom Fenster. Meyer-Grohbrügge bevorzugt denn auch den Begriff des Gestaltens. „Designing life“, so sieht sie ihre Profession. Dabei experimentiert sie gern mit Dingen, die sich einer klaren Funktionszuweisung entziehen.

So realisierte sie einige Innenausstattungen für das chinesische Start-up Stey. Das Unternehmen, das mit dem Slogan „The Future of Urban Living“ wirbt, hat ein neues Sharing-Konzept ausgeklügelt. Es betreibt in Peking Gebäude mit vollmöblierten Apartments, die dauerhaft vermietet werden. Ist der Mieter verreist, verwandelt Stey die Wohnung per digitalen Knopfdruck in ein Hotelzimmer. Ein Teil der Einnahmen wird dem Mieter gutgeschrieben. Es gibt eine allmächtige App, alles ist supersmart, sogar ein geringer Wasserverbrauch wird registriert und belohnt. Das sei schon gruselig, meint Meyer-Grohbrügge. Aber sie ist fasziniert von der Idee, die dahintersteckt.

Wer sagt eigentlich, dass Architektur immer nur darauf hinausläuft, Häuser zu bauen? Johanna Meyer- Grohbrügge nennt, was sie tut, lieber gestalten.

Zwar werde überall immer mehr geteilt, aber das habe auch seine Grenzen. „Da werden dir acht Quadratmeter für den Preis von zwanzig verkauft, um zu sagen, hey, ist doch voll okay, du darfst den Gemeinschaftsraum nutzen.“ Die zeitversetzte Art des Teilens findet Meyer-Grohbrügge interessanter. Ein Restaurant in einem der Stey-Häuser hat nur abends geöffnet und wird tagsüber als Blumenladen genutzt. Die übrig gebliebenen Pflanzen landen als Deko auf den gedeckten Tischen. Die entwarf Meyer-Grohbrügge. Sie wurden in der Keramikstadt Jingdezhen gefertigt und sind überdimensionierte, mal rosa, mal grün schimmernde Blütenblätter. Abends wird an ihnen gegessen, tagsüber dienen sie, zu einer Blüte zusammengeschoben, als Stellflächen für Blumenkübel.

In einem anderen Stey-Haus erdachte Meyer-Grohbrügge für einen Raum, der Lobby, Bar, Restaurant, Shop und Café zugleich ist, einen Vorhang aus Keramikperlen-Schnüren. Die Bereiche werden zu verschiedenen Tageszeiten unterschiedlich intensiv oder gar nicht genutzt. Der Vorhang organisiert und verwandelt den Raum, die Dichte der Schnüre ist variabel, um verschiedene Grade von Verbindungen und Trennung zu schaffen. Ein solcher Vorhang könnte auch bei einem ganz anderen Projekt zum Einsatz kommen.

Der Kern dieses Hauses in Berlin-Mitte wird ein runder Turm sein, um den herum sich die Wohnungen gruppieren.
Der Kern dieses Hauses in Berlin-Mitte wird ein runder Turm sein, um den herum sich die Wohnungen gruppieren. Foto: Meyer-Grohbrügge

In Berlin-Mitte hat Meyer-Grohbrügge ein radikales Haus geplant, das in den nächsten Jahren realisiert wird und sich jenseits klassischer Architekturbegriffe bewegt. Sein Kern ist ein runder Turm, um den herum sich, mal in einem ganzen, mal in einem halben Kreis, zu zwei Seiten verglaste Wohnungen ziehen. Die Einheiten sind gedehnte spiralförmige Treppen, auf deren Plateaus die Bewohner ihr Leben nicht in vorgefertigte Zimmerzuweisungen fügen –Trennwände gibt es nicht –, sondern sich den Raum kreativ aneignen. Das Haus experimentiert mit der Möglichkeit, nuancierte Grade von Bindung und Distanz zu erzeugen: durch das Aufeinander-zu- oder Voneinander-weg-Bewegen auf den Ebenen, durch Vorhänge oder Schiebetüren.


„Wir Architekten müssen uns fragen, wie die Zukunft aussieht.“
JOHANNA MEYER-GROHBRÜGGE

Fragt man Meyer-Grohbrügge nach ihren Erlebnissen als Frau in der Architektur, ist sie etwas ratlos. Schlechte Erfahrungen hat sie kaum gemacht. Viele Männer seien sogar froh, mit einer Frau zu arbeiten, weil es fast zum guten Ton gehört. Zwei Dinge, findet sie, seien allerdings für die Zukunft wichtig: zum einen die Einsicht, dass das Kinderthema auch Männer vor Probleme stellt – zumindest wenn die Betreuung gleichberechtigt verteilt ist. „Es geht nicht um Frauen, es geht um die Integration von Kindern in diesen Beruf.“ Ihres und viele andere Büros sind da bereits auf einem guten Weg. Und es geht darum, junge Architektinnen zu ermutigen. Damit auch sie diesen „Wumms“, diese „Ich will das, mache das, schaffe das“-Einstellung entwickeln, die bisher eher die Männer an den Tag legen.

„Wir wachsen mit Helden und Göttern auf, die allesamt männlich sind“, hat die britische Architektin Alison Brooks mal sehr treffend gesagt. Aber es gibt sie, die Frauen, die Großartiges bauen, die weiblichen Vorbilder für die kommende Generation. Man muss nur ein bisschen genauer hinschauen.

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15.10.2020
Quelle: F.A.Z. Quarterly