Tonje Thilesen
Quarantäne in Medellín

Tonje Thilesen besuchte Kolumbien und konnte das Land plötzlich vier Monate lang wegen Corona nicht verlassen. Zeit genug, um zu träumen und die üppige Umgebung mit ihren bunten Kolibris, prallen Papayas und satten Grüntönen fotografisch zu erkunden.

22. April 2021
Fragen von: Rainer Schmidt
Fotos von: Tonje Thilesen

 

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Sie saßen wegen Corona monatelang in Kolumbien fest und konnten sich dort kaum bewegen. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit und Ihre Kreativität ausgewirkt?

Meine Mutter hat mir einmal gesagt, die wichtigste Lektion an der Kunsthochschule sei die Erkenntnis gewesen, dass Einschränkungen das Beste seien, was einem Künstler passieren könne. Ich saß wegen des Lockdowns für vier Monate in Kolumbien fest und konnte nicht mehr auf Film fotografieren, wurde dafür aber mit natürlichem Licht und sehr besonderen Umständen entschädigt, die es besonders aufregend machten, zu fotografieren. Ich musste mich dazu allerdings täglich zwingen, vor allem, weil es das Einzige war, was mich nicht durchdrehen ließ und einen Sinn für Zeit gab.

Die unmittelbare Umgebung wurde zum Spielplatz. Alles bekam eine Bedeutung.
Die unmittelbare Umgebung wurde zum Spielplatz. Alles bekam eine Bedeutung.
Das Angebot an frischen Früchten, die man überall ernten konnte, war überwältigend.
Das Angebot an frischen Früchten, die man überall ernten konnte, war überwältigend.

Was haben Sie am meisten vermisst?

Da ich nicht mit so einer langen Abwesenheit gerechnet hatte, fehlten mir profane Dinge wie Socken und Kleidung. Am meisten habe ich natürlich meine Familie in Norwegen vermisst.

Was wussten Sie über die Gegend um Medellín vor Ihrer Reise?

Ich war sehr angetan von der Region Antioquia, in der Medellín liegt, von ihrer beeindruckenden natürlichen Vielfalt, den subtropischen Bergen und diesem Reichtum an Vögeln, Pflanzen und Insekten. Und natürlich dem besten Kaffee der Welt.

Das Grün der kolumbianischen Wälder hatte bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang einen besonderen Zauber.
Das Grün der kolumbianischen Wälder hatte bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang einen besonderen Zauber.
Alte Dias brachten die Vergangenheit zum Funkeln.
Alte Dias brachten die Vergangenheit zum Funkeln.

Wenn Europäer „Medellín“ hören, denken die meisten wohl automatisch an Kokain und Kartelle. Dachten Sie auch daran bei Ihrem Aufenthalt?

Nein, nicht wirklich. Medellín ist heutzutage recht sicher. Aber die brutale Vergangenheit hat Spuren bei den Leuten hinterlassen. Das fiel mir vor allem im Gespräch mit den älteren Verwandten meines Freundes auf. Man spürt eine gewisse Paranoia, die in den früheren Traumata wurzelt.

Tonje Thilesen besuchte mit Juan Felipe dessen Eltern, die einst aus den Vereinigten Staaten hierhergezogen waren,...
Tonje Thilesen besuchte mit Juan Felipe dessen Eltern, die einst aus den Vereinigten Staaten hierhergezogen waren,...
...wo sich bunte Kolibris zu Hause fühlen.
...wo sich bunte Kolibris zu Hause fühlen.

Wie hat sich die Zeit in den Bergen angefühlt?

Mein Freund Juan Felipe hat aus unserer unmittelbaren Umgebung so etwas wie unseren Spielplatz gemacht. Wir wohnten bei seiner Familie in einem Haus auf einem Berg außerhalb von Medellín mit üppigem Grün und Bauernhof-Tieren. Das fühlte sich alles an, als wäre ich in einer Traumlandschaft fern der Realität gefangen, ohne ein absehbares Ende, aber alles in allem hatte ich wohl ein Riesenglück angesichts der Umstände.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Ich war überwältigt von der schieren Fülle des Obstangebotes: Überall standen Mango-, Avocado-, Mandarinenbäume, jeder konnte alles pflücken, solange die Bäume auf öffentlichem Grund stehen. Kolumbien ist bekannt für den Export exotischer Blumen, Medellín heißt nicht umsonst „Stadt des ewigen Frühlings“, aber ich war dann doch erstaunt, wie sehr sich die Menschen um ihre Gärten bemühen, egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen. Kolumbianer nehmen die Flora und Fauna sehr ernst und begegnen ihr mit großem Respekt.


„Das tiefe, satte Grün hat mich jedes mal wieder umgehauen.“
TONJE THILESEN

Manchmal fühlte es sich alles unwirklich an...
Manchmal fühlte es sich alles unwirklich an...
...als lebten sie alle in einer Traumlandschaft, fern der Realität, kein Ende in Sicht.
...als lebten sie alle in einer Traumlandschaft, fern der Realität, kein Ende in Sicht.

Wie klingt das Land in Kolumbien?

Es ist nie still. Millionen Insekten zirpen Tag und Nacht, Blätter rascheln sanft im Wind. Aber darunter liegt eine tiefe, beruhigende Stille, die man nur in den Bergen erfährt. Es ist also still, ohne still zu sein – und irgendwann blendet man die Insekten aus.

Was hat den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Das tiefe, satte Grün in seinen verschiedenen Abstufungen hat mich jedes Mal umgehauen, besonders bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Ich glaube nicht, dass ich jemals Farben mit derartiger Begeisterung fotografiert habe.

Fasziniert beobachteten sie die emsigen Insekten. Flugameisen besetzten für 48 Stunden das Haus.
Fasziniert beobachteten sie die emsigen Insekten. Flugameisen besetzten für 48 Stunden das Haus.
Juans Verwandte Marga dachte an ein erfrischendes Bad.
Juans Verwandte Marga dachte an ein erfrischendes Bad.

Sie haben auch exotische Tiere beobachtet.

Ja, darunter waren verschiedene Arten Kolibris, dazu spezielle Kuckuck-Arten, grüne Papageien und die kleinen Amazonasmotmots, diese Vogelart aus der Familie der Sägeracken. Und ich habe die Blattschneiderameisen fotografieren können, die Blätter zu ihrem Hügel transportieren, die sie zum Düngen von Pilzen benutzen. Ist das nicht irre? Allerdings haben einmal Schwärme von Flugameisen für 48 Stunden das ganze Haus besetzt. Im Badezimmer haben wir eine tödliche brasilianische Wanderspinne gefangen, einmal konnten wir zwei Schlangen beim Kampf um ein Weibchen beobachten. Oft saßen wir einfach draußen und haben die Insekten beobachtet. Für die Kröten im Garten habe ich einmal aus Langeweile kleine Hüte gebastelt: Manchmal fühlte ich mich dort einfach wieder wie ein Kind.

Wie Sterne glitzern die angeblitzten Wassertropfen über dem Himmel von Medellín. Echte Himmelskörper sieht man selten über der Stadt, die Luft ist meist zu verschmutzt.
Wie Sterne glitzern die angeblitzten Wassertropfen über dem Himmel von Medellín. Echte Himmelskörper sieht man selten über der Stadt, die Luft ist meist zu verschmutzt.
Tonje Thilesen fotografierte jeden Tag, um nicht durchzudrehen und um ein Gefühl für die Zeit zu behalten, während sie mit Juan Felipe auf ein Ende der Restriktionen hoffte.
Tonje Thilesen fotografierte jeden Tag, um nicht durchzudrehen und um ein Gefühl für die Zeit zu behalten, während sie mit Juan Felipe auf ein Ende der Restriktionen hoffte.

Über die Fotograf*in:

Tonje Thilesen stammt aus Norwegen, lebt in New York und arbeitet für Publikationen wie die New York Times, Wall Street Journal oder i-D. Die Fotograf*in definiert sich als nichtbinär. In Kolumbien war Thilesen mit einem Freund unterwegs, dessen Familie sie besucht haben, als ein strikter Lockdown verhängt wurde.

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