Träumer in L.A.

Los Angeles ist die wahre Stadt der Zukunft. Hier sehen, fühlen und formen die Menschen unser Morgen immer schon ein bisschen früher und mutiger als anderswo. Wir haben sie auf der Straße gefragt, was sie gerade jetzt erwarten und erhoffen.

5. Mai 2022

TEXTE: Celina Plag
FOTOS: Conrad Bauer

CHUCK

Während des ersten Lockdowns habe ich viel geschlafen und meditiert. Vorher hatte ich einen Job, der mich unglücklich gemacht hat. Die Auszeit gab mir die Möglichkeit, zu erkennen, was ich wirklich machen will im Leben. Ich glaube, die Pandemie hat vielen Menschen geholfen, ihren Selbstwert zu erkennen und sich nicht mehr mit weniger zufriedenzugeben, auch in finanzieller Hinsicht. Alle glauben wieder mehr an ihre Träume. Ich träume davon, eine Karriere in der Modebranche zu machen und mehr im Bereich Luxus zu arbeiten. Ich möchte außerdem Glück finden innerhalb meiner Familie und für sie sorgen. Meine Eltern sind in den 1980ern von den Philippinen emigriert. Ich bin in L.A. geboren und aufgewachsen. In der Politik wird es hoffentlich in der Zukunft mehr Gleichheit geben in Bezug auf Klasse, Ethnie, Kultur, Religion und Geschlecht. Modisch sind gerade die 2000er zurück, auch das sehe ich politisch: Die Menschen sehnen sich nach einer Zeit zurück, in der das Glück, das sie hatten, etwas mehr easygoing war.

Chuck, 35, aus Los Angeles
Chuck, 35, aus Los Angeles

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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EDEN

Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und liebe es, Dinge zu schaffen, die mich begeistern. Als Make-up-Artist und Model bin ich am glücklichsten, wenn ich mit meinen Freunden zusammenarbeiten und Kunst machen kann. Die Pandemie war diesbezüglich finanziell wahnsinnig hart. Ich war praktisch arbeitslos, hatte keine finanzielle Stabilität, kein Sicherheitsnetz, das mich auffängt. Vielen in der Kreativbranche ging es so. Wie wackelig die Industrie ist, hat die Zeit einmal mehr gezeigt. Politisch brauchen wir da einen Wandel. Und ich wünsche mir, dass wir zukünftig umweltbewusstere Wege einschlagen. Die Massentierhaltung sollte längst der Vergangenheit angehören! Irgendwann möchte ich mein eigenes Gemüse anbauen. Ich träume von einer Zukunft, in der jeder Durchschnittsbürger mehr im Einklang mit der Natur steht. Vor allem hoffe ich aber, dass große Konzerne aufhören, Profit über alles zu stellen und mutwillig den Planeten zu zerstören.

Eden, 21, aus Arizona
Eden, 21, aus Arizona

CLAIRE

Kein Gefühl auf der Welt ist vergleichbar damit, auf einer Bühne zu stehen und zu performen. Für dieses Glücksgefühl bin ich nach L.A. gezogen. Ich habe hier musical theater studiert und im Februar 2020 meinen Abschluss gemacht – pünktlich zur Pandemie. Das war erst einmal ein Schock. Die Zeit im Lockdown hat mir allerdings dabei geholfen, für mich selbst herauszufinden, dass ich doch lieber auf der Schreiberinnenseite stehen möchte, nicht auf der Bühne. Insofern hatte Corona auch etwas Gutes. Ich glaube, dass die Zeit für viele Menschen auf persönlicher Ebene ein Wendepunkt im Leben war. Überhaupt: Es ist zwar schön, erkannt zu werden, aber ich habe eigentlich schon immer geglaubt, dass man nicht berühmt werden muss, um erfolgreich zu sein. Gerade schreibe ich mein erstes kurzes Stück. Nebenbei arbeite ich in einem Restaurant und bin happy, dass ich für mich selbst zahlen kann. Egal, was die Zukunft bringt: Ich werde immer eine Künstlerin bleiben.

Claire, 22, aus Kalifornien
Claire, 22, aus Kalifornien

Foto: Conrad Bauer
Foto: Conrad Bauer
Foto: Conrad Bauer

ARON

Es gibt das Sprichwort: „Einen Nagel, der nur halb in die Wand geschlagen ist, muss man nach unten hauen.“ Für mich steht das sinnbildlich für die homogene Gesellschaft in meiner Heimat Norwegen, in der alles, was nicht der Norm entspricht, angepasst werden soll. Los Angeles ist das Gegenteil davon. Als Transperson fühle ich mich hier normal unter allen Paradiesvögeln. Hier wird die Individualität auf die Spitze getrieben, und jeder Mensch ist die exzentrischste Version seiner selbst. Ich bin Komponist und Musiker und habe zuvor zwei Jahre in einem Trailer in der Wüste gelebt und den Abschlussfilm für die Uni gedreht. Es geht darin um eine fiktionalisierte Version meiner selbst. Mein Traum ist es, bald ein eigenes Studio zu haben, wo ich in Ruhe arbeiten kann.

Aron, 32, aus Oslo
Aron, 32, aus Oslo

EME

Die Rolle meines Lebens schreibe ich mir gerade auf den Leib. Es wird ein Stück über die Komplexität, Schwarz und queer zu sein. Als ein small town boy aus Texas, der nach L.A. kam, hier niemanden kannte und versuchte, mit seiner Kunst seinen Lebensunterhalt zu verdienen, kenne ich das gut. Mit meiner Perspektive möchte ich versuchen, anderen zu helfen. Mein Traum ist es, Menschen zu fördern, die so aussehen wie ich. Die die gleichen Erfahrungen machen wie ich. Was wir wirklich bekämpfen müssen, sind Gesundheitsprobleme, Armut und Polizeigewalt. In den letzten zwei Jahren hat sich in dieser Hinsicht einiges bewegt. Als ich in L.A. an den Demonstrationen von Black Lives Matter teilnahm und dort auch einige Weiße Personen sah, habe ich mich trotzdem bei dem Gedanken ertappt: „Okay, cool, jetzt läufst du einmal mit – aber ich muss mich damit jeden Tag auseinandersetzen.“ Die Stadt fühlt sich manchmal gespalten an. Ich hoffe darauf, dass bei den Menschen irgendwann die Erkenntnis einsetzt, dass wir nur dann ein besseres L.A. werden, wenn wir uns zusammentun.

Eme, 23, aus Texas
Eme, 23, aus Texas

DESSIRE

Ich wünsche mir, dass der Rest der USA ein wenig mehr so wird wie Los Angeles. Über die letzten Jahre hat sich die Stadt politisiert, Menschen haben ein größeres Bewusstsein bekommen für die Ungerechtigkeiten im Land. Hier fühle ich mich frei. Bislang habe ich allerdings auch noch keine anderen Orte auf der Welt kennengelernt und träume davon, zu reisen. L.A. ist mein Zuhause. Verschiedene Kulturen treffen sich in der Stadt. Auch wenn es für meinen Geschmack zu wenige Berührungspunkte gibt. In meinem liebsten Musikladen treffen sich vor allem Mexikaner. Momentan fahre ich total auf Rock aus den Sixties oder Seventies ab. Ich mag Musik sehr. Gerade bin ich in meinem letzten Schuljahr. Was ich in Zukunft mache? Entweder möchte ich Performance Art studieren oder Musiklehrerin werden.

Dessire, 17, aus Kalifornien
Dessire, 17, aus Kalifornien

CAROLA

Die Sonne! Der Strand! Die Natur! Muss ich noch mehr sagen? Ich bin seit drei Wochen in Los Angeles, und die Stadt war bislang sehr gut zu mir. Ich liebe es, hiken zu gehen und Rollschuh zu laufen – dafür gibt es hier eine große Szene. Mein größter Traum ist es, ein paar Monate im Jahr in Europa und die andere Hälfte in Los Angeles zu leben, dem kalten Winter zu entfliehen. Mein Traum ist auch der Traum vieler meiner Freunde. Ich denke, in der Zukunft werden Menschen nicht mehr den einen festen Wohnsitz haben müssen. Vor dem Gesundheitssystem hier habe ich allerdings Angst. Das Thema Krankenversicherung müsste angepackt werden. Mein größtes Problem ist derzeit die Visumfrage – schließlich muss ich hier auch arbeiten. Können wir nicht einfach alle Grenzen und bürokratischen Arbeitshindernisse abschaffen? Ich glaube, das machte die Welt zu einem besseren Ort.

Carola, 24, aus dem Piemont, Italien
Carola, 24, aus dem Piemont, Italien

KITTY

Die US-Politik ist mehr als Trump und Biden, wobei in meinen Augen keine der beiden Optionen viel besser ist als die andere. Ich denke, keiner von ihnen hat die besten Interessen im Sinn, außer, ihre eigene Klasse zu schützen. Momentan läuft viel schief. In L.A. inspirieren mich die Kunst und die Natur, aber der Klimawandel ist offensichtlich sehr real und wirkt sich auf unser tägliches Leben aus. In Kalifornien herrscht Wasserknappheit – da ist es erschreckend, dass es keine Vorschriften für die Wassernutzung gibt, auch nicht für die Industrie! Ich denke, dass es eine Reihe von Gesprächen über die indigene Bevölkerung geben muss, die besonders auf das Ökosystem angewiesen ist, aber ich bin nicht in der Position, für sie zu sprechen. Für die Zukunft habe ich die Hoffnung, dass alles besser wird. Auch wenn es dafür vielleicht erst schlechter kommt.

Kitty, 24, aus New York
Kitty, 24, aus New York

CLAY

Ich trage gerne Glitzer im Gesicht. Das passt zu Hollywood: Stars und Sternchen, alles glitzert hier etwas mehr als anderswo. Für Menschen wie mich, die beim Film arbeiten wollen, ist Los Angeles der Ort, um es zu etwas zu bringen. Ich selbst möchte Comedyshows schreiben. Mein größter Traum ist meine eigene Show! Die Serie „30 Rock“ ist dafür meine Inspiration. Nach meinem Studium bin ich sofort hergezogen und habe den ersten Job angenommen, den ich bekommen konnte. Ich arbeite mich langsam hoch. Die Stadt gibt mir dabei viele Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Das Klima ist nicht in bester Verfassung. Aber auch Hollywood wird grüner: Wir sparen etwa viel Papier dadurch, dass Skripte oder Verträge mittlerweile als Digitalversionen verschickt werden. Ich habe auch Hoffnungen in die Politik. Wir bleiben demokratisch! Nach Joe Bidens Wahlsieg tanzten die Menschen auf den Straßen, feierten und tranken. Eigentlich ist das verboten, aber an dem Tag hat es niemanden interessiert.

Clay, 27, aus Texas
Clay, 27, aus Texas

SHANE

L.A. ist ein Sammelbecken für Menschen von überall her. Ich gehöre in meinem Umfeld zu den wenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Vielleicht zieht es mich deshalb weg. Während der Pandemie konnte ich dank Homeoffice meinen Job mit nach Europa nehmen und spiele mit dem Gedanken, dort ganz hinzuziehen. Abgesehen von meinem money job mache ich manchmal Kunst und Musik. Eigentlich möchte ich einfach nur eine gute Zeit im Leben haben. Los Angeles fühlt sich dafür gerade tot an. Die Mieten sind wahnsinnig hoch. Eine jüngere Generation kann hier kaum noch atmen. Seit Corona leiden Bars und Gastronomie unter einem Mitarbeitermangel; vieles hat permanent geschlossen. Vielleicht liegt darin aber auch eine Chance: Mein Traum ist es, dass die letzten zwei Jahre ein Weckruf waren – und ein Startschuss, unser krankes System endlich zu heilen. 

Shane, 27, aus Los Angeles
Shane, 27, aus Los Angeles

CAMDON

Mein Traum ist es, Kunst zu machen, die mich überlebt. Auf der Welt Spuren zu hinterlassen ist hier wirklich möglich. Die Stadt ist voll einflussreicher Menschen, Connections sind leicht gemacht. Schon eine flüchtige Begegnung in der Schlange vor Starbucks kann dein ganzes Leben verändern! Ich mache Musik. Um meine Miete zu bezahlen, arbeite ich in zwei Fashion Stores gleichzeitig. Ich liebe aber auch die Mode. In Los Angeles ist es ganz normal, dass man etwas mehr Wert darauf legt, was man trägt. Dafür bekommt man von Wildfremden auf der Straße Komplimente. Ich feiere das. Für mich hat das mit Respekt zu tun. Respekt gegenüber sich selbst und seinem Körper, aber auch gegenüber seinen Mitmenschen. Diese Wertschätzung für seine Umwelt zeigt sich in der Stadt an allen Ecken. Generell sind wir hier offener, inklusiver und demokratischer als in anderen Orten der USA. 

Camdon, 25, aus Kalifornien
Camdon, 25, aus Kalifornien

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