Künstler in Tripoli

Wie überlebt Kultur in einer sterbenden Stadt?

Von Lena Bopp, Tripoli
13.01.2022
, 11:23
Blick auf Tripoli und den Hafen an der Mittelmeerküste vom Hügel der Zitadelle Qal’at Sinjil
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Tripoli war ein kulturelles Zentrum in Libanon – vor dem Bürgerkrieg. Jetzt werden hier ständig Proteste, Straßensperren oder Schießereien gemeldet. Aber ein paar Künstler der Stadt geben nicht auf.
ANZEIGE

In den Hinterhöfen von Mina trocknet die Wäsche. Hühner picken nach Essbarem auf dem Boden, durch die Fenster wehen Wortfetzen der Fernsehnachrichten in die Gassen, in denen an diesem Nachmittag nur ein paar Männer mit Wasserpfeifen vor den wenigen Bars sitzen, in denen es Alkohol gibt. Ganz in der Nähe liegt das Café von Nadine Deeb. Das „Warche 13“ ist in kurzer Zeit zu der Adresse geworden, die als Erstes genannt wird, wenn man in Tripoli nach dem sucht, was von dem einstigen Ruf der Stadt als kulturelles Herz im Norden Libanons noch übrig ist.

„Haben wir Strom?“, ruft Nadine in das schöne Gewölbe ihres Ladens, als sie ankommt. Aber gerade gibt es keinen, also leuchten wir mit unseren Handys auf die Speisekarte und staunen über die Preise: 35.000 Lira für einen Milchkaffee. Das sind nach dem Schwarzmarktkurs nur gut zwei Dollar. Aber für die meisten Libanesen, die nicht an Devisen kommen und in heimischer Währung bezahlt werden, ist das ein Vermögen. Die Wirtschaft ist wie der Wert der Landeswährung zusammengebrochen. Fast drei Viertel der Menschen in der Hafenstadt im Norden Libanons leben laut Schätzungen unter der Armutsgrenze.

ANZEIGE

Tripoli ist in der kollektiven Wahrnehmung Libanons schon lange so etwas wie das ungeliebte Stiefkind. Im Laufe des Bürgerkrieges wurde die Stadt von den Syrern besetzt und war lange vom Süden und der Hauptstadt abgeschnitten. Später, als in Syrien der Aufstand gegen Baschar al-Assad ausbrach, schlossen sich viele sunnitische Kämpfer aus Tripoli islamistischen Milizen jenseits der Grenze an, was die Stadt in den Ruf brachte, eine Brutstätte für Extremisten zu sein. Tripoli ist ärmer, härter und abgehängt. In diesen Tagen kommen ständig Meldungen über Proteste, Straßensperren oder Schießereien aus der Stadt. Aber was heißt das für Menschen wie Nadine Deeb, die versuchen, den Rest des kulturellen Lebens dieser einst blühenden Metropole vor dem Untergang zu bewahren?

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

Vor ein paar Jahren hat sie die Ersparnisse von ihrem früheren Job bei einer UN-Organisation in das „Warche 13“ gesteckt. Es gab es dort immer wieder Jamsessions, Abende mit arabischer Folkmusik und Poetry-Slams. Nadine ist stolz, dass es ihr gelungen ist, Jazzmusiker, die in Beirut auftraten, das traditionell alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, auch nach Tripoli zu locken – bevor Pandemie und Wirtschaftskrise die Situation vieler Libanesen noch schlimmer machten. „Ist Kultur noch eine Priorität?“, fragt sie selbst und zuckt die Schultern. „Tripoli ist eine Klassengesellschaft.“ Die Reichen leben an der Küste, vorzugsweise in Mina, dem alten Christenviertel, in dem auch ihr Café liegt. Die Armen bleiben im Stadtzentrum rund um den Tell, den berühmten Uhrenturm. „Ich diene einer bestimmten Schicht. Ich wäre gerne auch für die Benachteiligten da, aber ich fürchte mich davor.“ Jetzt sei nicht die richtige Zeit, um sich am Tell zu engagieren. „Aber wird die richtige Zeit je kommen? Ich weiß es nicht.“

Nadine Deeb vor ihrem Kulturcafé „Warche 13“ in Tripoli
Nadine Deeb vor ihrem Kulturcafé „Warche 13“ in Tripoli Bild: Maria Klenner

Auch ihr Traum, in Tripoli wieder ein Theater zu eröffnen, liegt auf Eis. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es gleich mehrere, ebenso wie Cafés, Casinos und dreißig Kinos, über die der Historiker Hady Zaccak kürzlich erst ein etwa drei Kilo schweres Buch mit vielen Bildern veröffentlicht hat. Darunter ein Foto vom „Colorado“, dem legendären Art-déco-Kino mit Sitzen für neunhundert Leute, in dem Gloria Gaynor aufgetreten sein soll. Oder Fotos, die zeigen, dass es hier früher einmal eine Straßenbahn gab. Moderne Autos vor Häusern aus osmanischer Zeit. Einen Bahnhof, in dem der Orientexpress hielt, mit dem man über Syrien und die Türkei bis nach Mitteleuropa reisen konnte. Selbst einen eigenen Flughafen gab es in der Stadt.

ANZEIGE

Es liegt nicht nur an fehlendem Geld

In dieser goldenen Zeit begann hier das wagemutigste Bauprojekt, das Libanon je gesehen hat. Oscar Niemeyer kam 1962 erstmals in den Nahen Osten und entwarf zwischen Hafen und Stadtzentrum ein spektakuläres Messegelände mit Theatern, einem Wasserturm mit sich drehender Restaurantterrasse und einer Villa für den Messedirektor, in deren Pool ein natürlicher Felsen ragt. Die Messe wirkt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, noch immer wie der riesige Fußabdruck einer Moderne, auf deren Höhe sich die Stadt nicht gezeigt hat. Tripoli wusste mit der historischen Chance nicht umzugehen. Es hatte auch den Sabotageakten aus Beirut und Damaskus, die sich beide vor der neuen wirtschaftlichen Konkurrenz in ihrer Nachbarschaft fürchteten, nicht viel entgegenzusetzen.

Der berühmte brasilianische Architekt Oscar Niemeyer baute in den Sechzigern ein Messegelände, das heute langsam zerfällt.
Der berühmte brasilianische Architekt Oscar Niemeyer baute in den Sechzigern ein Messegelände, das heute langsam zerfällt. Bild: Maria Klenner

So wurde die Messe fast fertig – und nie benutzt. Während des Bürgerkrieges unterhielten die syrischen Besatzer dort eine Militärbasis mit Gefängnis und Folterkeller, während sie Kindern aus der Nachbarschaft manchmal erlaubten, auf der Domkuppel des Theaters zu rutschen. „Ob sie uns verjagten oder nicht, hing immer davon ab, wer gerade im Dienst war“, erinnert sich der Architekt Wassim Naghi, der vor ein paar Jahren eine NGO zum Erhalt des Oscar-Niemeyer-Geländes gegründet hat. Das aggressive Küstenklima setzt den Zementstrukturen zu. In den Katakomben des Theaters hausen die Fledermäuse. „Nach meiner Erfahrung werden die Bauten noch zehn Jahre halten, wenn wir nichts tun.“ Und dass nichts geschieht, liegt nicht nur an fehlendem Geld. Es liegt auch an politischem Unwillen und einer kaum verhohlenen Gleichgültigkeit gegenüber dem modernen architektonischen Erbe der Stadt.

Immer mal wieder gibt es kleine Konzerte und Ausstellungen in der langen, wie ein Bumerang gebogenen Messehalle. Ein paar Jahre lang kamen regelmäßig Besucher aus Beirut, angelockt von den Flyern, die für „Mira’s Guided Tours“ warben. Morgens um acht traf man sich in Beirut und fuhr im Bus die Küste hinauf bis Tripoli, wo Mira Minkara, die einzige Fremdenführerin der Stadt, über Oscar Niemeyer sprach. Oder durch den Souk führte. Vorbei an seinen Hammams und Koranschulen, vorbei an mamlukischen Moscheen und osmanischen Villen, die von der jahrtausendealten Geschichte der Stadt erzählen und einen Schatz darstellen, der schon lange darauf wartet, touristisch gehoben zu werden. Doch der Bürgerkrieg in Libanon und der Konflikt in Syrien, der auch nach Tripoli schwappte, wo bis vor wenigen Jahren Anhänger und Gegner Assads aufeinander schossen, verhinderten, dass es je so weit kam. Mittlerweile gibt es kaum noch Hotels und wenig Hoffnung. Mira Minkara hat das Land verlassen.

F.A.Z. Quarterly: das vorausdenkende Magazin für die Visionen und Ideen unserer Zukunft

Hier mehr erfahren

„Wir versuchen alle zu gehen“, sagt auch Saadeh Al Kaatouh, der Musiker, der wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land von Beirut zurück zu seinen Eltern nach Tripoli gezogen ist. Er lacht. „Seit meiner Geburt will ich gehen, aber jetzt ist es wirklich eine Notwendigkeit.“ Sie hat ihn nicht davon abgehalten, mit ein paar Gleichgesinnten einen neuen Probenraum zu eröffnen. Ein altes Häuschen im Christenviertel El Mina, ein Granatapfelbaum spendet Schatten in dem kleinen Hof, in dem ein knutschendes Pärchen auf der Bank sitzt und später mit den anderen eine kleine Session gibt. Die Tür zum Probenraum mit Schlagzeug, Gitarren, Verstärkern und schallisolierten Fenstern steht immer offen. Früher, erzählt Saadeh Al Kaatouh, gab es vier, fünf Musikschulen und -läden in Tripoli. „In den Straßen sah man ständig Leute mit Instrumenten.“ Aber heute ist das „Rumman“, benannt nach dem arabischen Wort für Granatapfel, der einzige Probenraum der Stadt.

ANZEIGE

Die Förderung von der französischen Botschaft und dem Institut français reicht noch ein paar Monate. Und dann? „Ich hoffe, es geht weiter“, sagt Saadeh Al Kaatouh. „Eine Gesellschaft ohne Kultur und Musik ist tot. Das ist es, was wir sind – tot.“

Das „Rumman“ im alten Hafenviertel „El Mina“ ist der einzige Probenraum der Stadt.
Das „Rumman“ im alten Hafenviertel „El Mina“ ist der einzige Probenraum der Stadt. Bild: Maria Klenner
Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Gutscheinportal
Finden Sie die besten Angebote
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE