Wo die Leere zur Sucht wird

Trockene Poesie: Autoleichen bei Toconao

Die Panamericana verbindet zwei Kontinente und mehr als ein Dutzend Länder. Die Straße stand mal für Freiheit, Abenteuer und Aussteigertum. Und heute? Eine Erkundungsfahrt in Chile.

30.05.2019
Text und Fotos: ANNABELLE HIRSCH

Mein erster Kontakt mit Chile ist ein Hund. Es ist ein Dienstagnachmittag, wir stehen nach mehreren Stunden Fahrt durch den Süden von Peru an der Grenzstation zu Chile, als dieses Tier seine Schnauze schwanzwedelnd in meine Tasche bohrt. Umsonst, denke ich, schließlich habe ich weder Kokain noch Haschisch noch sonst irgendeinen illegalen Stoff dabei, nur ist dieser Hund, wie ich erfahre, gar nicht auf Drogen, sondern auf Obst spezialisiert. Die Tüte voller Orangen, Bananen, Maracuja aus Peru wird gleich konfisziert. Der Hund bekommt einen Keks und ich eine Verwarnung: Das nächste Mal solle ich bitte ohne Obstkorb anreisen.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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„Du hast großes Glück gehabt“, sagt die Friseurin aus der Dominikanischen Republik, als wir wieder aneinandergepresst auf der Rückbank unseres Sammeltaxis sitzen. Normalerweise seien sie sehr streng, man fürchte importierte Seuchen, schon ein Pfefferkorn könne zu zweihundert Dollar Strafe führen. Die Venezulaner, die lieber über ihr gutes Leben in Chile als über die Lage ihres Heimatlandes sprechen, nicken, der Taxifahrer, der uns vom Busbahnhof in Tacna, Peru, zu dem in Arica, Chile, befördert, schweigt. Rechts kann man den Pazifik erahnen, ansonsten ist die Landschaft, wie schon auf peruanischer Seite: trocken. Die Panamericana, der Panamerican Highway, kurz PAH, die legendäre Route, die über dreißigtausend Kilometer von Alaska bis nach Feuerland führt und dessen chilenischen Teil, von hier bis Santiago, wir die nächsten Tage abfahren wollen, hat an der Grenze ihren Namen gewechselt: Statt „1 S“ heißt sie ab jetzt „Ruta 5“. „2053 Kilometer bis Santiago“, sagt das grüne Schild am Straßenrand. Zwanzig sind es bis Arica. Dort wollen wir einen Zwischenstopp einlegen.

Das „Scala“ in Arica serviert die besten Sandwiches in ganz Nordchile

Arica, eine kleine, von einem rotbraunen Felsen zum Meer gedrängte Oase, gilt als langweilige Stadt. Die Hauptattraktion ist eine von Gustave Eiffel erbaute Kirche, der Stadtstrand ist klein und in diesem chilenischen Sommerferienmonat mit bunten Schirmen übersät, aus dem Hafen laufen dicke Tanker aus. Nur muss man sich für unsere Reise, die durch die Atacama-Wüste, die trockenste Wüste der Welt, führt, einen Ort der Einsamkeit und, wie Pablo Neruda schreibt, der absoluten Stille, ohnehin an eine Reduktion von allem und einen etwas rauhen Charme gewöhnen. In Arica macht man das am besten im Hotel „Panamericana“. Hier sieht es aus wie in einer herrlich unglamourösen Version von Palm Springs: Es gibt die Palmen, den modernistischen Bau, die nahe Wüste, nur sind die Markisen leicht vergilbt, und der Infinitypool glitzert nicht türkis, sondern gräulich. Ein Mann mit Selfiestick steht dort bis zur Brust im Wasser, seine Frau versucht, die untergehende Sonne fürs Foto zu umarmen. Auf dem Felsen hinter uns breitet ein weißer Jesus seine Arme aus, als wolle er sich ins Meer stürzen. Man fühlt sich jetzt schon sehr weit weg.

Von nun an geht es acht Stunden pro Tag Richtung Süden. Unser Partner für die Reise ist ein Pick-up-Chevrolet, ein rotes Monstrum, das sich durch die engen Gassen von Arica schaukelt wie ein Schiff auf Rädern. Die Männer beim Autoverleih hatten uns „Suerte!“ zugerufen, „Viel Glück!“ – als würden wir das brauchen. Dabei ist der Weg, sofern man das Tanken nicht vergisst, eigentlich ungefährlich. Trotzdem wirkt die Straße, die sich jetzt auf eine Schlucht zubewegt, wenig einladend – links liegt ein Militärgelände, rechts ein Gefängnis. Je weiter wir fahren, je ferner das Meer, je spärlicher und weiter die Natur wird, umso eingeengter fühlen wir uns. Wie lange wird man keinem Baum, keinem Menschen, keinem Tier begegnen? Ist das hier eine gute Idee? Die Serpentinenstraße führt weiter in die Berge, ab und zu sagt ein Schild „Achtung Steinlawinengefahr“, dann ist die Straße nur noch Gelände. Neben dem Weg liegt ein Auto auf dem Dach, die Räder nach oben wie ein umgedrehter Käfer.

Der Pool des Hotels „Tierra Atacama“ in San Pedro mit Blick auf den Licancabur-Vulkan
Freie Fahrt: Motorradfahrer auf dem Weg nach San Pedro de Atacama

Nach zwei Stunden, als wir links in der Ferne die Anden erkennen und die Grenze zu Bolivien erdenken, wird es auf einmal ganz flach. Nur noch Weite und Steine und Sand, ein paar Mikrotornados und Autoskelette, die diese trockene Ebene schmücken wie zeitgenössische Skulpturen. Die Straße sieht auf einmal aus wie zerfließendes Blei, die Drei-Häuser-Orte, auf die wir gelegentlich zufahren, flackern, als würden sie brennen. Alles verschwimmt im Hitzenebel. Die Distanzen sind kaum noch abzuschätzen: Was weit weg ist, scheint ganz nah, Autos, die vor uns fahren, sehen aus wie Gegenverkehr. Deshalb mahnen Schilder immer wieder: Scheinwerfer an! Im westernhaften Pozo Almonte, das aus nicht viel mehr als einer Hauptstraße besteht, lacht die peruanische Kellnerin: Touristen sehe man hier selten. Die meisten würden eher mit den Reisebussen durch die Wüste fahren, sagt sie, oder die berühmte Wüstenstadt San Pedro de Atacama direkt mit einem Flugzeug ansteuern.

Was weit weg ist, scheint ganz nah, Autos, die vor uns fahren, sehen aus wie Gegenverkehr.

Nach San Pedro, der Oase, die auf einem Hochplateau in den Anden am Fuße des Licancabur- Vulkans liegt, wollen wir auch. Als wir gegen 18 Uhr durch eine Felsallee auf das Städtchen zufahren, färbt die untergehende Sonne die Lehmhäusersiedlung rötlich ein. Hier scheinen Hippiephantasien, die den Mythos des PAH ja mit genährt haben, sehr lebendig: Junge Menschen mit Dreadlocks und lumpigen Klamotten sitzen auf der Straße und spielen Didgeridoo. Ein Mexikaner steht vor seinem blauen Roller und verkauft Fotos seiner Reise: Er fahre die ganze Panamericana hoch. Drei Monate hatte er eingeplant, sechs seien es jetzt schon: „Ein Abenteuer!“, die Fahrt seines Lebens.

Vor knapp sechzig Jahren, als die Road-Trip-Mode durch Jack Kerouac und die Beat-Generation ihren Höhepunkt erlebte, machten es viele wie er: Damals war der PAH, die längste befahrbare Straße der Welt, eine Legende. Weil er zwei Kontinente und mehr als ein Dutzend Länder verknüpft, vielleicht auch, weil man ihn mit dem „Carrera Panamericana“-Rennen verband, das allerdings nur durch Mexiko führt. Heute, sagt der Rollerfahrer, sei die Anziehung dieser Straße, besonders des chilenischen Teils, dieselbe wie damals: die Weite, die Abgeschiedenheit, auch die Härte – zumal das den Massentourismus verhindere.

Haus und Künstlerresidenz von Diego Álamos, Betreiber der Buchhandlung in San Pedro
Pause in La Negra, einem Treffpunkt für Trucker

Auch in San Pedro? Zwischen ihm, uns und den Möchtegernhippies flanieren ein paar ältere, besser gekleidete Touristen, die nicht aussehen, als wären sie auf einem Roller hergekommen. Die würden wohl in einem der neuen Luxushotels der Gegend wohnen, sagt Diego, der die einzige Buchhandlung des Ortes, die „Libreria del Desierto“, betreibt: „Früher kamen vor allem Leute her, die von der Gegenwart abgeschieden leben wollten. Heute hat sich der Luxus an diese Aussteigerphantasie drangehängt.“ Rund um den Stadtkern hätten mehrere sündhaft teure Resorts eröffnet, die das Entdecken für betuchte Besucher etwas bequemer gestalten.


„Es ist so trocken, dass du, wenn du hier am Straßenrand stirbst, sehr lange intakt bleibst“
MAX MUSTERMENSCH

Diego selbst kommt aus Santiago und lebt seit sieben Jahren in San Pedro. Weil er, der fast unerträglich entspannt ist, die Einsamkeit suchte? Nein, seine Frau sei Archäologin, das Gebiet eine archäologische Fundgrube: „Es ist so trocken, dass du, wenn du hier am Straßenrand stirbst, sehr lange intakt bleibst“, erklärt er grinsend. In seinem Haus, das abseits der doch eher touristischen Hauptstraße liegt, führt Diego eine Künstlerresidenz, in der wir eine Nacht wohnen dürfen. Gibt es hier Schlangen? „Hier gibt es gar nichts. Hier überlebt nichts.“ Das stimmt nicht ganz. Neben der Route, die zum Salar de Atacama führt, rennen Lamas durch den Sand, ein paar Esel stehen am Straßenrand, als würden sie auf den Bus warten. In den Salzseen, einer Mondlandschaft, die grell und weiß leuchtet, drücken Flamingos ihre Köpfe ins Wasser. Wir würden gerne das Gleiche tun bei gefühlten fünfzig Grad.

Sieg: Union Bella Vista schlägt Rey de Copas im Lokalderby
Entertainment: in „Los Choros“ schauen alle zu beim Lokalderby

Die Straße zurück zum PAH ermöglicht einen Crashkurs in chilenischer Wirtschaft, sie führt durch das ökonomische Herz, das wichtigste Minengebiet des Landes. In San Pedro hatte Diego uns erklärt, die Gegend um die Salzseen sei nicht nur ein Umschlagplatz für Kokain (wegen der nahen Grenze zu Bolivien), sondern vor allem auch das zweitgrößte Lithium-Abbaugebiet der Welt: „Die Chinesen haben sich hier eingekauft, Tesla verhandelt, um sich große Mengen für Batterien zu sichern.“ Der wichtigste Rohstoff der Gegend bleibt aber das Kupfer. Wer sich nicht nur für die Natur interessiert, kann hier den weltweit größten Kupfertagebau, die Chuquicamata- Mine, besuchen. Wir betrachten die mal rot, mal grünlich schimmernden Berge lieber von der Straße aus. Neruda, der Mitte der vierziger Jahre, just als der PAH eröffnete, Senator dieser Region wurde, schrieb in seinen Memoiren, an kaum einem anderen Ort dieser Welt sei das Leben so hart und an Freuden so arm wie an diesem. Das spürt man bis heute. Überall liegen Autoteile, zerfetzte Reifen, Stoßstangen, alle paar Meter steht ein Kreuz: Freddy, Maria, Pedro sind hier verunglückt, sagen die Gedenkstätten, die teilweise groß sind wie eine Busstation voll Plastikblumen und Fußballshirts. Es ist, als würde man mit dem Pick-up durch einen Friedhof rattern.

Es ist, als würde man mit dem Pick-up durch einen Friedhof rattern.

In La Negra, einer mit weißem Zementstaub überzogenen Siedlung, erklärt uns ein Trucker im „Suzanna Imbiss“, wir sollten lieber die Route 1 die Küste entlang nehmen. Die sei auf dem Teil schöner als die 5. Und die „Mano del Desierto“, eine elf Meter hohe Skulptur, die seit 1992 aus der Dürre ragt, verpassen? Die könnten wir uns auch auf einem Foto anschauen, findet er, das sei eine reine Touristenattraktion, die Küstenstraße hingegen unbekannt. Zumal sie in 230 Kilometern ohnehin mit dem PAH verschmelze. Tatsächlich ist hier schon die Wüstenlandschaft schöner, weicher als bisher: Die Berge sehen aus wie die Nackenrollen eines Mopses, man kann das Meer riechen. Es geht kurz hoch, runter, dann sehen wir ihn, nach drei Tagen und sechs Stunden Trockenheit: den Pazifik. So lächerlich das klingt: Der Anblick ist bewegend. Wie schon in Arica säumen gigantische Felswände die ausgefranste Küste. Bis auf ein paar Baracken und Zelte ist es hier menschenleer.

Westerngefühl: die Ruta 5 in der Region Coquimbo, kurz vor La Serena
Expedition: von Punta Choros aus fahren Boote zur Isla Choros, auf der Humboldt- Pinguine leben.

Der Tag endet, zurück in der Wüste auf der Ruta 5, bei Copiapó, Schauplatz eines die Welt bewegenden Dramas: 2010 wurden hier 33 Bergleute in einer Kupfermine eingeschlossen und erst nach neunundsechzig Tagen gerettet. „Los 33“ haben den Ort berühmt gemacht, aber verweilen möchte man hier nicht. Zumal der nächste Morgen das Ende des Atacama-Teils bedeutet: Nach so vielen Stunden absoluter trockener Leere, in der man sich über jeden Kaktus freute wie über ein Blumenfeld, wirkt der Strandort La Serena mit seinen Churros-Verkäufern, den Surfern, den Volleyballspielern und der Musik fast grotesk. Wir sollten unbedingt das Elqui Valley landeinwärts besuchen, hatte man uns in der Strandbar „Poisson“ gesagt. Dort im Tal, dem ersten prallgrünen Streifen seit der peruanischen Grenze, werden neben Avocados und Papayas auch die Trauben für den chilenischen Pisco, Basis des Pisco Sour, angebaut.

Ausblick: in den „Elqui Domos“ kann man die Sterne vom Bett aus betrachten

Um ihn, den Cocktail, gibt es eine hitzige Debatte: Die Chilenen meinen, sie hätten ihn erfunden, die Peruaner behaupten das Gleiche. Kürzlich hat wohl eine Kommission, ausgerechnet in Indien, entschieden: Der Pisco Sour komme aus Peru. Wo auch immer er zuerst gemixt wurde, in den kleinen Orten des Valley findet man ihn in den Cafés, in denen chilenische Versionen des Big Lebowski herumsitzen, in allen erdenklichen Varianten – mit Maracuja, Erdbeere, pur. Dass wir hier langsam zur Zivilisation zurückkehren, bemerken wir an etwas anderem: Daran, dass neben den Cocktails und der Natur, den Rebstöcken, dem Stausee und den Sternen, die man hier nachts so klar sehen kann, dass man meint, sie zu berühren, die Hauptattraktion der Region eine Frau ist: Gabriela Mistral, Dichterin, Chiles Literaturnobelpreisträgerin. Vieles dreht sich hier um sie. Bäche, Straßen, Orte, selbst der Pisco sind nach ihr benannt. In ihrer reizend verschlafenen Heimatstadt, Vicuña, ist ihr ein Museum gewidmet. Dass die Panamericana zu Mistral führt, macht Sinn, denn sie, die, laut Nobelpreis- Jury, „spirituelle Königin Lateinamerikas“, setzte sich ihr Leben lang für den Panamerikanismus ein. Man könnte hier enden, doch es muss ja weitergehen, die letzten paar hundert Kilometer bis Santiago.

Die Ruta 5 schlängelt sich kurz vor der Minenstadt Copiapó zum Pazifik .

Das endlose Fahren durch endlose Weite, das mal aufregend, oft auch langweilig war, hat eine hypnotische Qualität. Es macht süchtig. So ganz beenden wollen wir diese Reise, die uns auf so leise Art so viel über Chile erzählt hat, deshalb nicht und machen einen letzten Zwischenstopp, eine Stunde vor der Hauptstadt. Früher, so hatte ich gelesen, war Cachacagua ein Paradies aus wenigen Hütten, einem Strand und ein paar Humboldt- Pinguinen. Heute ist es das chilenische Hamptons. Der Strand, auf dem ganz anders als bisher nur weiße, dünne, die „New York Review of Books“ lesende Menschen sitzen, ist von Villen gesäumt. Im kleinen Strandrestaurant trinken junge Leute, deren Eltern sich unter Pinochet wahrscheinlich ruhig verhalten haben, große Gläser Spritz. Ab und zu fliegt ein Hubschrauber über dem Örtchen: „Damit kommt man schneller zurück in die Stadt“, sagt der Kellner. Natürlich. Die chilenische Panamericana und all der Raum, den sie bis heute zum Träumen und Freifühlen bietet, endet in gewisser Weise hier, im Pragmatismus. Nach Santiago biegt die Ruta 5 nach Westen ab, nach Mendoza, Argentinien, und Feuerland. Doch das ist eine andere Reise. Eine für die Zukunft.

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30.05.2019
Quelle: F.A.Z. Quarterly