Starregisseur im Gespräch

Wie wollen Sie Trumps Wiederwahl verhindern, Judd Apatow?

Von Mariam Schaghaghi
Aktualisiert am 24.09.2020
 - 19:24
Der König der erfolgreichen Hollywood-Komödien: Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Judd Apatow (sitzend) am Filmset.zur Bildergalerie
Regisseur Judd Apatow gilt als Komödienkönig des Kommerz-Kinos. Im Interview spricht er über lustige Filme über Covid-19 oder die Trump-Regierung - und erklärt, warum er für Amerika mit dem Schlimmsten rechnet.

Er gilt als Komödienkönig des Kommerz-Kinos. Judd Apatow ist der Mann hinter „Jungfrau, 40, männlich, sucht . . .“, „Beim ersten Mal“ oder „Dating Queen“. Er ist Drehbuchautor, Regisseur und produziert reihenweise amerikanische Schenkelklopfer von „Brautalarm“ bis „Anchorman“. Vielleicht liegt sein Erfolg daran, dass seinen Protagonisten immer etwas Ungelenkes, Ungelacktes anhaftet, eine berührende Menschlichkeit. Apatow arbeitete gern mit denselben Schauspielern zusammen, der „Apatow-Gang“, und förderte die Karrieren von Seth Rogen, Steve Carell, Paul Rudd, Jason Segel oder Lena Dunham. Mit „King of Staten Island“ lieferte der 53-Jährige jetzt sein neues Werk ab, über die Selbstfindung eines tattooverrückten Losers.

Mister Apatow, warum meinten Sie, dass ausgerechnet die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Vater beim Feuerwehreinsatz im World Trade Center ums Leben kam, das Zeug zu einer erfolgreichen Komödie hat, zumal der betroffene Pete Davidson seine Figur auch noch selbst verkörpert?

Ich starte meine Filme nie mit der Prämisse, dass am Ende eine große Komödie rauskommen muss. Ich interessiere mich einfach für gute Geschichten, und alle guten Geschichten tragen auch immer etwas Humor in sich. Pete Davidson selbst . . .

. . . der in den Vereinigten Staaten durch die Kult-Comedy „Saturday Night Live“ zum Star wurde . . .

. . . Pete hat ja selbst eine Karriere als Komiker verfolgt, trotz – oder gerade wegen – seiner traurigen Geschichte. Die Frage ist, aus welcher Perspektive man sein Leben sieht. Pete hatte lange Schwierigkeiten, diese persönliche und gleichzeitig nationale Tragödie zu verarbeiten. Als er mir davon mal erzählte, spürte ich, dass unter diesem Schicksalsschlag ein wertvoller Film verborgen liegt, der zeigt, wie eine Familie weitermacht und lernt, all die Trauer und all den Schmerz hinter sich zu lassen.

Sie erzielen Traumumsätze mit ihren Komödien, obwohl die vor tragischem Potential strotzen: Ein 40-Jähriger, der noch nie Sex hatte, ein junger Mann, der eine Krebsdiagnose erhält, eine zerrüttete Ehe – das sind ja nicht unbedingt Schenkelklopfer-Stoffe.

Wir alle versuchen, unser Leben auf die Reihe zu bekommen und dabei so wenig wie möglich zu leiden. Das kann entweder eine schrecklich ernste Anstrengung sein, oder man versucht es eben mit etwas Humor. Letztendlich wollen wir alle glücklich sein, aber je düsterer es im Leben aussieht, desto spannender ist auch die Geschichte auf dem langen Weg zum Glücklichsein. Jeder von uns versucht, eine erfolgreiche Beziehung zu führen, jeder denkt über seine Sterblichkeit nach – warum also soll man über solche Themen keine Komödien machen können?

Sie wuchsen auf Long Island auf. Wie war das, die Heimatstadt New York so stark unter der Corona- Epidemie leiden zu sehen?

Ach, es traf mich genauso, wie Kalifornien so stark betroffen zu sehen, wo ich jetzt die meiste Zeit lebe. Während die Lage in New York langsam unter Kontrolle zu sein schien, wurde es hier in Los Angeles täglich schlimmer. Die Situation ist beängstigend, und unsere Regierung demonstriert ihre absolute Unfähigkeit, mit dieser Notlage umzugehen. Ich befürchte, dass wir die schlimmste Zeit noch vor uns haben, leider.

Hat die Krise Ihnen – wie vielen Künstlern – einen Kreativitätskick gegeben?

Demnächst möchte ich mich wieder an den Schreibtisch setzen und ein Drehbuch schreiben, aber momentan ist es dafür noch zu früh. Normalerweise schreibe ich gern darüber, dass Menschen in schweren Zeiten zusammenstehen. Aber so viele Amerikaner sind derzeit nicht bereit, auch nur die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, um ihre Mitmenschen zu schützen. Diese Ignoranz schockiert mich. Tatsächlich ist mein Vertrauen in die Menschheit gerade ziemlich erschüttert. Ich weiß noch nicht, wohin mich das als Autor und Regisseur bringt.

Fänden Sie es probat, eine Komödie über den Shutdown, Covid-19 oder gar über die Regierung Trump zu schreiben?

Ich glaube, dass man aus jeder Situation eine Komödie machen kann. Überall, wo Druck herrscht, kann man diesen Druck über Humor entweichen lassen. Man hofft natürlich immer, dass Menschen ihre Schwierigkeiten überwinden und über sich selbst hinauswachsen. Das kann als Drama genauso gut funktionieren wie als Komödie. Wenn Menschen vier Monate lang in einer Wohnung miteinander auskommen müssen, dann kann das eine großartige Komödie ergeben, gerade weil so viel schiefgehen kann. Schon jetzt sind viele kreative Köpfe damit beschäftigt, Stoffe aus dieser Situation heraus zu entwickeln. Ob ich das auch machen werde, weiß ich noch nicht. Tendenziell schreibe ich ja lieber über Themen, über die sonst niemand etwas schreibt.

Wie sehr sollte sich die Unterhaltungsbranche in Zeiten wie diesen politisch engagieren?

Für mich selbst stellt sich die Frage nicht so dringlich, da ich bei Filmen oder Serien zeitlich einen viel längeren Vorlauf benötige. Einige andere Kollegen produzieren jedoch kurze, sehr aktuelle Dokumentationen und verbreiten sie im Internet.

. . . wie der Filmemacher Spike Lee . . .

Auch die Kollegen der Late-Night-Shows können unmittelbarer am politischen Geschehen dran sein und es humoristisch aufarbeiten. Ich hoffe, dass unsere Bevölkerung bald begreift, was für destruktive Züge unsere Regierung angenommen hat. Trump wird alles dafür geben, um die Wahl zu gewinnen. Ich kann nur hoffen, dass wir das irgendwie verhindern können.

Meinen Sie mit „wir“ Kollegen wie Bette Midler, Chris Evans, Don Cheadle oder Robert De Niro, die sich sehr offen gegen Trump aussprachen?

Ich bewundere jeden, der in Zeiten wie diesen deutlich Stellung gegen Trump bezieht. Es ist viel einfacher, nichts zu sagen. Ganz viele Kollegen halten sich auch bewusst aus dieser Diskussion raus. Sie haben Angst davor, für ihren Standpunkt hart angegriffen zu werden. Aber man muss ganz klar sagen: Wir erleben gerade einen Notstand, und wer sich nicht klar positioniert, macht sich zum stillen Komplizen. Trump ist nicht einfach nur ein schwacher Präsident, sondern lässt Tausende Menschen bewusst sterben, um seine Macht abzusichern. Wir müssen laut sein, um ihn loszuwerden.

Haben Sie es je zugelassen, dass das Politische Ihre Filme beeinflusst und prägt?

Die Frage ist, was man mit Politik meint. In meinen Geschichten stehen Menschen im Vordergrund, die ganzen zwischenmenschlichen Themen. Aber in gewisser Hinsicht ist Politik für die Menschen da, also kann man das nie ganz trennen, das ist auch eine kulturelle Frage. Trotzdem geht es mir primär darum, wie Individuen versuchen, für einander da zu sein, und zu besseren Menschen werden.

Wird Ihnen mehr Political Correctness abgefordert als bisher?

Für mich ist „Political Correctness“ keine Kategorie, in der ich denke. Wenn ich in meinen Filmen über Menschen rede, habe ich das Gefühl, alles sagen zu können, was ich sagen will. Natürlich gibt es Kollegen, die mit ihren Komödien versuchen, die Grenzen der Gesellschaft und des Sagbaren auszutesten. Das ist nicht mein Stil, ich wähle lieber einen etwas sensibleren Ansatz. Humor ist momentan ein Minenfeld, und kein Komiker weiß, wo die nächste Bombe hochgeht.

Welche Auswirkungen wird die „Black Lives Matter“-Bewegung auf die Filmindustrie haben?

Ich sage es ganz ehrlich: Es gibt definitiv systematischen Rassismus im Showbusiness. Wir müssen uns alle ernsthaft fragen, wie und warum wir bestimmte Schauspieler engagieren und andere nicht. Es geht auch schon um die Frage, welche Geschichten überhaupt verfilmt werden. Ich habe das Gefühl, dass sich ganz viel in die richtige Richtung entwickelt, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. In der Vergangenheit haben die Filmschaffenden ihre guten Vorsätze zu dem Thema leider immer schnell wieder vergessen. Ich hoffe, dass das diesmal anders ist.

Wie optimistisch sind Sie?

Wir wissen alle nicht, was kommt und wie lange diese Situation – ob mit der Pandemie, dem Präsidenten oder dem Rassismus in den USA – noch weitergeht. Ich bin ziemlich neurotisch und rechne lieber mit dem Schlimmsten. Dann hoffe ich aber, dass ich eines Besseren belehrt werde.

Sie sind also ein Zweckpessimist?

Ich hoffe, dass die Zukunft rosiger ist, als ich sie mir vorstelle. Gerade ist mir einfach nur wichtig, dass meine Familie psychisch gesund aus dieser Sache rauskommen wird. Ich glaube, es geht allen so: Es ist nicht leicht, mit der Unsicherheit umzugehen. Deshalb versuchen wir als Familie derzeit so einfach wie möglich zu leben und das Zusammensein zu kultivieren: Nach dem Aufwachen unternehmen wir gemeinsam etwas, um psychisch und physisch fit zu bleiben, und am Nachmittag versuchen wir produktiv zu sein. Wir brauchen eine Struktur, sonst machen wir uns verrückt.

Ihre Branche war vor der Pandemie im Umbruch, nun hat sich in den vergangenen Monaten die Entwicklung beschleunigt, die schon vor Corona nicht aufzuhalten war: Streamingdienste prägen den Filmkonsum, die traditionellen Kinos haben das Nachsehen.

Wir sehen einer konstanten Veränderung des Publikumsverhaltens zu. Ich mache meinen Job seit über 25 Jahren. Als ich anfing, kamen gerade DVDs heraus, und der Abgesang auf die Kinos begann. Seit ungefähr fünf Jahren bricht nun der DVD-Markt zusammen.

Was folgt daraus?

Immer mehr Leute haben immer bessere Fernseher und Soundsysteme in ihren Heimen. Aber wenn jemand einen tollen Film macht, ist das meiner Meinung nach ein sehr guter Grund, um mal das Haus zu verlassen und etwas Besonderes zu erleben. Das passiert nun mal nur im Kino. Für mich steht außer Frage, dass das Kino eine Zukunft hat. Die Frage ist, welche Filme dort funktionieren werden. Es gibt Filme, die man lieber zusammen mit anderen Menschen sieht: Komödien, in denen man gemeinsam lacht, oder Horrorfilme, in denen man sich gemeinsam gruselt. Auch die gigantischen Hightech-und-Helden-Spektakel wirken am besten auf der großen Leinwand. Ich glaube, dass Dramen es in Zukunft sehr schwer haben werden, noch eine Kinoauswertung zu bekommen. Das sind Stoffe, die man lieber in Ruhe zu Hause guckt.

Hat das Streaming nun die Rivalität zwischen Filmtheatern und TV-Geräten für sich entschieden und das kollektive Kinoerlebnis gekillt?

Grundsätzlich sehe ich Filme auch lieber erst im Kino, aber bei „King of Staten Island“ war die Werbekampagne sowieso schon auf den „Video on Demand“-Markt ausgelegt. Trotzdem: Ein großer Lacher in einem vollen Kino ist ein phantastisches Erlebnis, und ich glaube fest daran, dass Kinosäle uns noch lange erhalten bleiben.

Mit Ihrem Regie-Erstling „Jungfrau (40), männlich, sucht . . .“ spielten Sie weltweit 177 Millionen Dollar ein, mit „Beim ersten Mal . . .“ sogar 220 Millionen Dollar. Stimmt es, dass Sie als Neunjähriger die Gags von „Saturday Night Live“ auf dem Kassettenrecorder aufgenommen und dann fein säuberlich abgeschrieben haben?

Ja, das stimmt. Ich wollte verstehen, wie gute Witze funktionieren. Ich hatte wohl schon einen Instinkt dafür, aber ich wollte die Sache eben auch begreifen. Also habe ich die Gags abgeschrieben und dann meinen Freunden vorgetragen, um zu verstehen, wie sie am besten funktionieren.

Außerdem sollen Sie Comedy-Legende Steve Martin mit Paparazzi gedroht haben, um ihn zu einem Autogramm zu bewegen.

(lacht) Ja, auch diese Geschichte stimmt: Ich wollte unbedingt ein Autogramm von ihm und bin zu seinem Haus geradelt. Natürlich wollte er in Ruhe gelassen werden, was ich im Nachhinein durchaus verstehen kann. Aber ich war damals so enttäuscht, dass ich ihm einen bitterbösen Brief schrieb, in dem ich auf eine Entschuldigung bestand. Und tatsächlich hat er mir dann geantwortet, mitsamt Autogramm. Neben seiner Unterschrift stand: „Entschuldigung, dass ich so unhöflich war, ich wusste ja nicht, dass ich es mit dem großen Judd Apatow zu tun hatte!“ Stellen Sie sich das mal vor! Damals war ich zwölf Jahre alt!

Sie jobbten als Tellerwäscher, um Kinotickets zahlen zu können. Als Sie nach Los Angeles zogen, wohnten Sie in einer WG mit . . .

. . . Adam Sandler! Unglaublich, oder? Er hatte übrigens das größere Zimmer und eine eigene Toilette. Ich musste das Klo auf dem Flur benutzen. Als er einen Job bei „Saturday Night Live“ bekam, ließ er mich allein in der Wohnung zurück. Selbst seinen hässlichen Krempel ließ er da. (lacht)

Niemand ist so depressiv wie Komödianten, heißt es. Wie gehen Sie mit Selbstzweifeln, depressiven Stimmungen oder Schreibblockaden um?

Bei meiner letzten Blockade habe ich angefangen, wieder Stand-up-Comedy zu machen. Ich merkte dabei, dass ich es einfach vermisst habe, vor Live-Publikum zu stehen.

Sie treten also für 100 Dollar irgendwo in einer Kellerbar auf die Bühne und machen Witze?

Genau. Als ich mit der Schauspielerin und Komödiantin Amy Schumer drehte, hat sie mich wieder auf den Geschmack gebracht. Als Filmemacher arbeitet man selten mit anderen Komikern zusammen, bei Liveauftritten schon. Diese Erfahrung hat mich inspiriert, ich bin seitdem viel kreativer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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